Zeitung für Schland

Evelyn Hecht-Galinskis Welt

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on Juli 26, 2008

Evelyn Hecht-Galinski ereifert sich in einem ausführlichen Leserbrief in der F.A.Z. (eingescannt von Honestly Concerned) über die “Geschichtsverdrehung und Mystifizierung einer Staatsgründung” im Rahmen eines Beitrags von Shimon Stein, dem ehemaligen israelischen Botschafters in Deutschland. Den Drang Steins Ausführungen in “Ein Kampf für Sicherheit und Frieden” aus der F.A.Z. vom 22. Juli vehement zu widersprechen verspürt Frau Hecht-Galinski, Tochter von Heinz Galinski, des langjährigen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Stein 2008 den Heinz-Galinski Preis verliehen bekommt. Frau Hecht-Galinskis folgende Ausführungen können dabei als beispielhaft für den modernen Israelkritiker gelten (vgl. für diese Spezies auch die klassischen Beiträge auf Lizas Welt und Spritit of Entebbe).

Gegen Israel in drei einfachen Schritten

Die Quintessenz der Israelkritik ist das Dogma, dass Israels Staatsgründung unwiderruflich auf Unrecht basiere und Israel infolgedessen alleinig für den Nahost-Konflikt verantwortlich sei:

Solange die Vertreibung und Enteignung der Palästinenser, die mit der Gründung des Staates Israel einherging, ignoriert wird, ist eine Lösung des Nahost-Konflikts nicht möglich.

Diese These basiert auf drei einfachen Schritten.

Schritt 1: Israel sei Schuld an der Situation der Palästinenser:

Die zionistische Ideologie und später die israelische Politik haben 1948 zum Untergang der Palästinenser beigetragen.

Schritt 2: Nicht etwa konkrete Taten Israels seien das Problem, sondern die dem Staate Israel inhärente Ideologie:

Seit die zionistische Bewegung im späten neunzehnten Jahrhundert nach Palästina kam, träumte sie davon, so viel Land wie möglich zu erobern, um darauf einen jüdischen Staat zu gründen.

Schritt 3: Die Palästinenser sind demnach der unweigerliche und natürliche Feind Israels, da sie der Verwirklichung israelischer Interessen (= einem größtmöglichen Territorium) im Wege ständen. Israel bekämpfe die Palästinenser daher gnadenlos:

Ein wichtiges Ziel war es, in diesem Staat so wenig Palästinenser wie möglich zu belassen. Diese Version wurde Realität, als die israelische Armee in weniger als einem Jahr, zwischen Februar und Oktober 198, systematisch 500 palästinensische Dörfer zerstörte. Die Hälfte der einheimischen Bevölkerung wurde in dieser Zeit vertrieben, ihr Besitz beschlagnahmt, um palästinensische Spuren zu verwischen. So ist der Staat Israel eine Ethnokratie, also eine Demokratie nur für Juden geworden.

Tatsachen und das Reich des Bösen

Soweit zu den Voraussetzungen Hecht-Galinskis. Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen kann sie in vollendeter Unschuld die Frage nach dem Existenzrecht Israels stellen:

In welchen Grenzen sollen denn die Palästinenser den Staat Israel anerkennen?

Selbstverständlich stützt sich Frau Hecht-Galinski dabei nur auf “Tatsachen”:

Tatsache ist, dass die israelische Führung es bei der Staatsgründung absichtlich unterließ, die Staatsgrenze zu definieren. Seither hat Israel das, was es als sein Staatsgebiet betrachtet, kontinuierlich und mit Gewalt ausgeweitet. Israel glaubt, es könne mit diesen Maßnahmen die Zeit verrinnen lassen und einen lebensfähigen Palästinenserstaat verhindern.

Mit anderen Worten: Da Israel den Palästinensern ihr Recht auf einen eigenen Staat systematisch verweigert, seinen die Palästinenser sind nicht nur nicht gezwungen einen israelischen Staat anzuerkennen, sondern im Gegenteil sogar dazu verpflichtet, Israel zu bekämpfen. Doch was folgt aus dieser “Tatsache” für Deutschland und Europa?

Wenn wir Israel weiterhin die Behauptung abnehmen, eine Zweistaatenlösung scheitere an den Palästinensern, machen wir uns mitschuldig an diesem Unrecht.

Vermutlich ist es für Hecht-Galinski auch eine “Tatsache” , dass die Palästinenser in den letzten 60 Jahren stets politisch klug gehandelt haben sind und derzeit beste Voraussetzungen für einen eigenen Staat bieten. Wie skandalös erscheint vor diesem Hintergrund das Verhalten der bösen weiten Welt:

Doch die Weltgemeinschaft hofiert einen Staat, der über die besetzten Gebiete einen in seiner Grausamkeit fast einmaligen Belagerungszustand verhängt hat, offiziell eine Politik des Tötens durch Exekutionen praktiziert und in den palästinensischen Gebieten weiterhin ungebremst siedelt.

Interessant ist hier nicht das, was Hecht-Galinski schreibt, sondern vielmehr was sie nicht schreibt: Welcher Staat vermag es denn Israel hinsichtlich seiner “Grausamkeit” zu übertreffen? Das Reich Mordors? Doch Israel hat noch weitaus mehr auf dem Kerbholz:

Checkpoints werden nicht abgebaut, durch das Westjordanland führt eine “Apartheidautobahn”, die nur von israelischen Staatsbürgern genutzt wird, und die Annexionsmauer ragt tief in besetztes palästinensisches Gebiet hinein – nicht aus Sicherheitsgründen, sondern wegen der Ansprüche auf eine Gebietserweiterung.

Fehlt nur noch der Vorwurf, dass Israel Terroristen nicht aufgrund der von ihnen ausgehenden Gefahr für Leib und Leben seiner Staatsbürger jagdte, sondern ob der gezielen Unterdrückung berechtigter palästinensischer Ansprüche. Doch die bisher genannten Anschuldigungen reichen ja vollends aus um erneut zu klagen:

Wo bleibt der Aufschrei der Welt, wo der Hinweis auf die Verpflichtung Israels, nach internationalem Recht ohne Diskriminierung für die öffentliche Ordnung und Sicherheit in den besetzten Gebieten zu sorgen?

Auf einem fremden Planeten?

Die Forderung nach einem angeblich nicht vorhandenen “Aufschrei der Welt” lässt endgültig die Frage aufkommen, in welcher Welt Frau Hecht-Galinski eigentlich lebt? Diese Welt, in der Israel der Liebling der UNO ist, kann es jedenfalls nicht sein. Anders ist auch die folgende Äußerung beim besten Willen nicht zu deuten:

Und wie lange nimmt die Weltöffentlichkeit noch Israels militärische Drohungen als kriegsbereite Atommacht hin?

Ist das als Aufruf zu verstehen, dass die Vereinten Nationen Sanktionen gegen Israel verhängen oder gar dort einmarschieren sollten? Anscheinend existiert in Frau Hecht-Galinskis Welt auch keine islamische Republik Iran, die Israel mit der Vernichtung droht. Doch just in dem Moment, wo sich die Vermutung aufzudrängen beginnt, dass es auf Frau Hecht-Galinskis Planenten vielleicht doch gar nicht so schlecht zu sein scheint, zerplatzt die Seifenblase:

Gerade im Angesicht unserer gemeinsamen Vergangenheit müssen kritische Anmerkungen zu begangenem Unrecht möglich sein, auch wenn sie Israel betreffen.

Das klingt dann doch wieder deutsch bis ins Mark und somit sehr nach dieser Welt.

Für mehr über Frau Hecht-Galinski siehe heplevs Beitrag “Seit wann ist die Tochter die Tochter?”.

Quelle: F.A.Z. vom 26. Juli, S. 19.

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Im Arsch von Hassan Nasrallah

Posted in Deutsche Zustände by Mr. Moe on Juli 18, 2008

Sowohl an dieser Stelle als auch anderswo wurde bereits gestern auf die widerwärtigen Auswürfe deutscher Politiker und Journalisten hingewiesen (vgl. u.a. Lizas Welt I und II sowie Riot Propaganda und Spirit of Entebbe). In der F.A.Z. setzt Markus Bickel durch seinen Lobgesang auf Hassan Nasrallah in der F.A.Z. dem Ganzen nun Krone auf. Bickels Kommentar und seine kaum verhohlene Bewunderung Nasrallahs “religiös unterlegtem Charisma”, seines Aufstiegs und seines Führungsstils lassen nur einen Schluss zu: Irgend etwas muss doch dran sein an diesem Mann, der hat was. Es bleibt zu hoffen, dass Tobias Kaufmanns E-Mail an Hassan Nasrallah verhindern kann, dass der Leser nun anfängt Nasrallah ebenso zu Füßen zu liegen wie Markus Bickel.

Alles hat zwei Seiten

Posted in SZ by Mr. Moe on Juli 16, 2008

Thomas Avenarius von der Süddeutschen Zeitung ist ernsthaft der Ansicht, dass die moralische Bewertung Samir Kuntars vom Blickwinkel des Betrachters abhängig sei:

Samir Kuntar, verurteilt zu 542 Jahren Gefängnis, ist wegen des Anschlags von 1979 seit fast drei Jahrzehnten für die Israelis die Ausgeburt eines arabischen Terroristen. Für die Libanesen hingegen ist er der am längsten in Israel einsitzende Gefangene und ein Volksheld. Nachdem die Israelis ihn jetzt am Grenzposten Naqura übergeben hatten, wurden er und vier ebenfalls freigelassene Hisbollah-Kämpfer in Beirut empfangen wie Staatsgäste: Die Staatsführung des Libanon stand am Flughafen, der Tag selbst war zuvor zu einem Feiertag erklärt worden, auf den Straßen Beiruts gab es am Abend Feuerwerk.

Wie so häufig im Nahostkonflikt ist die Wahrnehmung in Kuntars Fall eine Frage der Perspektive. Daran aber, dass der Libanese den Vater und das Kind ermordet hat, bestehen nach dem Gerichtsurteil keine wirklich begründbaren Zweifel. Obwohl er selbst diese Tat bis heute bestreitet.

Festzuhalten bleibt: Wer angesichts des Tauschs der sterblichen Überreste zweier Soldaten gegen einen verurteilten Kindermörder schreibt, dass die anschließende Glorifizierung jenes Mörders doch von der Perspektive der Wahrnehmung abhängig sei, lässt hinsichtlich der Beurteilung seines eigenen Handelns keinen Spielraum: menschliche Niedertracht in reinster Form.

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Über den Krieg oder: “Israels Zorn”

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Juli 16, 2008

Ulrich Ladurner widmet sich im Rahmen des wöchentlichen “ZEIT-Bildungskanons” dem Thema Krieg. Und welches Beispiel könnte sich am Besten für die Darstellung des “schmutzigen Geschäftes”, der “Bestie” des Krieges eignen? Viele Kandidaten böten sich an: Der erste Weltkrieg. Der zweite Weltkrieg. Der Vietnam-Krieg. Der Irak-Krieg. Oder doch einfach nur irgendeiner der zahlreichen andauernden Kriege überalle auf der Welt?

Ladurner hingegen fällr als Beispiel für die Brutalität des Krieges nur der Libanonkrieg von 2006 ein. Denn dort habe Israel Streubomben eingesetzt, was u.a. zu Folgendem geführt habe:

Die Möglichkeit, eines Tages im Bett des eigenen Kindes ein hoch gefährliches Ding namens M85 zu finden oder im Waschbecken eine BLU63, symbolisiert den modernen Krieg. Er macht nicht nur keinen Unterschied zwischen Zivilisten und Soldaten, vielmehr will er sogar die Bevölkerung terrorisieren.

Die hier bereits angedeutete Gleichsetzung der Kriegsführung des israelischen Militärs mit Terrororganisationen wie Hamas oder Hisbollah vollendet Ladurner einige Zeilen später gekonnt:

Während Streubomben auf den Süden des Libanons fielen, feuerte die libanesische Hisbollah Raketen auf Städte im Norden Israels. Da es ihr nicht möglich ist, den Gegner Israel militärisch zu besiegen, war das Ziel der Raketen, Schrecken unter den Zivilisten zu verbreiten. Beide Parteien taten dies im Namen der Selbstverteidigung. Dabei ging es um Terror, auf beiden Seiten der Front. Streubomben verbreiten unter den Zivilisten einen besonderen Schrecken, denn sie können nicht nur überall sein, sondern sie wirken auch noch Jahre weiter.

Doch nicht nur, dass es keinen Unterschied zwischen Israel und Hisbollah gebe. Zudem gelte für Krieg im Allgemeinen auch noch Folgendes:

Die Geschichte des Völkerrechts lässt sich lesen als ein einziger großer Versuch, Kriege zu verhindern, sie gar obsolet zu machen. Doch die Grundeigenschaft der Bestie hat sich nie geändert. Sie hält sich an keine Regeln, folgt nur ihrer Gier nach Vernichtung. Sie will jedes Gesetz brechen und die Zäune niederreißen, die man errichtet hat, um sie einzusperren.

Zusammenfassend lässt sich bis dahin festhalten: Israel unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und Soldaten. Israel terrorisiert die (unschuldige) Bevölkerung. Israel ging es im Libanonkrieg nur darum Terror auszuüben. Israel führt Krieg was wiederum gleichbedeutend mit der “Gier nach Vernichtung” sei. Um was geht es in dem Artikel nochmal? Und fehlt da nicht noch was? Ach ja, denn was wäre ein antiisraelischer Artikel ohne eine zünftige Verschwörungstheorie:

Viele Experten im Libanon vermuten, dass die israelische Armee den schon zu Ende gehenden Krieg nutzte, um ihre alten, in den siebziger Jahren hergestellten Bestände günstig loszuwerden – der Süden des Libanons als Müllhalde für explosives Material. Beweise für diese These gibt es nicht, denn die israelische Armee gibt keinerlei Erklärungen für ihr Verhalten ab

Was Ladurner hier veranstaltet ist äußerst beeindruckend: Zunächst wird eine krude und nicht begründete These ominöser “Experten im Libanon” vorgestellt. Anschließend wird die Essenz dieser These als polemische Aussage formuliert, nur um abschließend einzugestehen, dass es keine Beweise für diese These gebe. Der Effekt dieser gezielten Verwirrung liegt auf der Hand.

Gegen Ende schildert Ladurner noch die Flucht einer libanesischen Familie vor dem unmenschlichen Israel:

Die Familie Gaffal floh, wie Hunderttausende andere Libanesen, im Sommer 2006 vor der heranrückenden israelischen Armee. Sie suchten Schutz vor den feuerspeienden Raketenwerfern, dem ohrenbetäubenden Lärm der Kampfbomber, der stahlspuckenden Artillerie.Sie machten sich damals auf in Richtung Küste, nach Tyrus, oder sie schleppten sich bis in die Hauptstadt Beirut. Nur weg von Al Bazourieh, weg von diesem Ort, der den Zorn Israels zu spüren bekam.

Die Rede vom “Zorn Israels” gegenüber dem Libanon vermag angesichts der heutigen Ereignisse einer makaberen Ironie nicht zu entbehren.

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Logik für Anfänger (2)

Posted in F.A.Z. by Mr. Moe on Juli 7, 2008

Die drei kurzen Kommentare in der Rubrik “Zeitgeschehen” in der F.A.Z., allen journalistischen Kriterien zum Trotz beharrlich als Glossen bezeichnet, sind ein stetig sprudelnder Quell hausgemachten Unsinns. Dieses Mal schafft es Horst Bacia, sich selbst innerhalb von 30 Zeilen zu widersprechen. Bacia beginnt dazu mit einer gehörigen Portion naiven Optimismus:

Ein Zufall ist es wohl nicht: Während in Israel jetzt fast täglich durch nicht offizielle Äußerungen der Eindruck erweckt wird, ein militärischer Angriff auf die Nuklearanlagen Irans sei letztlich unvermeidlich, mehren sich in Teheran, wo die Öffentlichkeit streng kontrolliert wird, plötzlich die Stimmen, die Verhandlungen befürworten. Zeigen die Drohungen vielleicht doch Wirkung?

Die zuletzt formulierte Frage ist dabei rein rhetorischer Natur: Bacia ist der Ansicht, dass die Drohungen israelischer Hinterbänkler Iran von seinem Atomprogramm abbringen könnten. Allerdings:

Ein präventives militärisches Eingreifen hätte für die Region so unkalkulierbare, verheerende Folgen, dass es keine wirkliche Option ist – jedenfalls nicht, solange nicht alle Möglichkeiten für Verhandlungen ausgeschöpft worden sind. Deshalb sollte Präsident Bush auch nicht ständig an diese Option erinnern.

Ganz gleich, warum Bacia gegen Ende des Kommentars plötzlich auf Bush kommt und unabhängig davon, ob man seine Ansichten hinsichtlich des Konfliktes teilt: Wie passt es zusammen, zunächst die Wirksamkeit der Androhung militärischer Gewalt als Schlüssel zur Lösung eines Problems zu bezeichnen und dann abschließend festzuhalten, dass eine solche Alternative nicht artikuliert werden dürfe?

Quelle: Horst Bacia: “Nur eine Option”, in: F.A.Z. vom 7 Juli, S. 10.

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Die Welt des Christoph Bertram, oder: Umarmt Iran

Posted in Deutsche Zustände by Mr. Moe on Juli 4, 2008

Bahman Nirumand, Deutschlands Vorzeige Exil-Iraner, rezensiert in der ZEIT Christoph Bertrams Buch “Partner, nicht Gegner. Für eine andere Iran-Politik”. Es überrascht nicht, dass Nirumand Bertram, der bereits in der Vergangenheit durch sein laisser-faire gegenüber dem Mullah-Regime aufgefallen ist (vgl. auch Jörg Rensmann auf der Achse des Guten), als “Stimme, die Vernunft walten lässt und die Lage nüchtern betrachtet” bezeichnet. Dabei beginnt Nirumands Artikel durchaus positiv:

Der ehemalige Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik bilanziert den nun seit mehr als fünf Jahre andauernden Streit um das iranische Atomprogramm und stellt fest, dass die westliche Strategie gegenüber Iran nichts taugt und deshalb grundlegend geändert werden muss.

So weit, so richtig. Doch wer gehofft hat, dass Bertram eventuell zur Einsicht gekommen sei, wird angesichts Bertrams Antworten auf folgende Fragen schnell enttäuscht.

Wie groß ist die Gefahr, die von Iran ausgeht, wie realistisch sind die Horrorszenarien, die tagtäglich in der westlichen Presse gemalt werden, fragt Bertram. Ist der Eindruck, den die Berichte liefern, richtig, dass Iran sich unmittelbar vor dem Bau der Atombombe befindet? Trifft es zu, dass ein nuklear gerüsteter Iran eine ernste Bedrohung für Israel, für Europa, für die USA darstellt?

Bertram meldet nicht nur “erhebliche Zweifel” hinsichtlich dieser Fragen an, sondern formuliert eine neue Frage:

Wieso wäre, wie es in den einschlägigen westlichen Politikerreden heißt, ein atomar bewaffneter Iran inakzeptabel?

Eine wahrlich nur allzu berechtigte Frage, sofern man davon ausgeht, dass ein nuklear gerüsteter Iran keine “ernste Bedrohung” für Israel darstelle. Außerdem habe Bertram Nirumand zufolge für seine Ansicht auch ansonsten gute Gründe:

Er bringt überzeugende Argumente dafür, dass selbst jene Radikalen im Iran, die möglicherweise die nukleare Bewaffnung des Landes anstreben, dies nicht mit dem Ziel tun, Israel oder gar Europa und die USA zu vernichten.

Folgende “überzeugenden Argumente” Bertrams zählt Nirumand auf:

Auch für Iran gelte der Grundsatz, dass Atomwaffen nicht zum Einsatz, sondern zur Abschreckung dienen. Das Land ist rund um seine Grenzen von amerikanischen Streitkräften und Stützpunkten umzingelt und von mehreren Atommächten umgegen.

Die Schlagkraft dieses Argumentes ist erdrückend, kann es doch nicht falsifiziert werden. Denn: Für Iran gilt der Grundsatz, Punkt aus. Noch Fragen?

Die Gefahr eines iranischen Angriffs auf Israel oder gar Europa und die USA sei auch deshalb so gut wie ausgeschlossen, weil dem Regime in Teheran bewusst sei, dass ein solcher Schritt einer Selbstvernichtung gleichkäme.

Unabhängig davon, dass Israel einen “so gut wie” ausgeschlossenen – mit anderen Worten: möglichen – atomaren Angriff des Irans aus naheliegenden Gründen nicht akzeptieren kann, wirkt dieses Argument angesichts der von Ahmadinedschad geteilten islamistischen Ideologie fast schon rührend blauäugig. Aber Bertram hat ja noch mehr überzeugende Argumente:

Reine Spekulation sei schließlich die Behauptung, eine Atommacht Iran würde die Nachbarstaaten zur Nachahmung bewegen.

Es gilt sich bewusst zu machen, wie hier argumentativ vorgegangen wird: Der Iran braucht Bertram zufolge Atomwaffen zur Abschreckung, aber allein die Möglichkeit, dass dies für seine Nachbarn auch gelten könne wird kategorisch ausgeschlossen – wahrlich ein überzeugendes Argument. Zudem stellt Bertram die Frage aller Fragen:

Wieso sollten diese Staaten dies tun, wenn nicht einmal [!] die atomare Bewaffnung Israels sie zu einer solchen Reaktion veranlassen konnte?

Ja, warum wohl? Vielleicht, weil Israel anderen Staaten nicht mit der Vernichtung droht? Schwerwiegender als Bertrams blöde Frage wiegt allerdings das verräterische “nicht einmal” Nirumands, da es offenbart, wen Nirumand für die wahre Bedrohung im Nahen Osten hält. Spätestens an dieser Stelle sei erwähnt, dass Nirumand seine eigenen und Bertrams Worte teilweise bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt, so dass der Text fast als Werk zweier Autoren gelten kann.

Wie dem auch sei: Obwohl ein atomar bewaffneter Iran keine Gefahr für niemanden darstelle, kommt Bertram zu dem Schluß, dass man nicht “beruhigt die Hände in den Schoß legen und Iran gewähren lassen” solle. Jedoch seien “Sanktionen und Kriegsdrohungen” der “falsche Weg”.

Man müsse den Bedürfnissen des Regimes nach Sicherheit entgegenkommen, müsse das Land nicht als Feind behandeln, sondern als Partner akzeptieren. Erst durch eine enge Kooperation, die auch für den Westen, sowohl ökonomisch als auch politisch von großtem Nutzen sein könnte, würde man die Probleme lösen und der Führung in Teheran klarmachen, dass eine nukleare Bewaffnung nicht zum Vorteil, sondern zum Nachteil des Landes sei.

Nun wird es völlig wirr: Wieso sollte eine nukleare Bewaffnung zum Nachteil des Irans sein, wenn sie doch als Abschreckung gegenüber dem bösen Westen und dem noch böseren Israel notwendig sei? Sogar Nirumand räumt ein, dass dieses Argument aufgrund unterschiedlicher Interessen abstrus sei:

Das strategische Ziel der USA ist, unabhängig von der jeweiligen Regierung, die Kontrolle über den Nahen und Mittleren Osten, über ein Gebiet, in dem die reichsten Energiequellen der Welt lagern. [...] Auf der anderen Seite gehört die Feindschaft gegen den Westen, namentlich gegen die USA und Israel, zu den ideologischen Säulen der Islamischen Republik.

Da die Amerikaner nur an Öl interessiert seien und das iranische Regime mit dem Westen ohnehin verfeindet sei, könne Bertrams Vorschlag einer engen Partnerschaft in naher Zukunft nicht realisiert werden. Zu tun sei daher folgendes:

Die Lösung für die Konflikte im Iran liegt in der Unterstützung der weitgefächerten iranischen Zivilgesellschaft.

Zeit genug ist ja vorhanden.

Quelle: Bahman Nirumand: “Kooperation, nicht Konfrontation”, in: DIE ZEIT vom 3. Juli 2008.

Vgl. auch “Bahman diskutiert am liebsten mit Bahman” auf der Achse des Guten.

Von Kaiser Wilhelm bis nach Teheran

Posted in Deutsche Zustände by Mr. Moe on Juli 3, 2008

Ich weiß nicht, was er sich darunter vorgestellt hat, aber die Juden sollten “vertilgt”, “ausgerottet” und “totgeschlagen” werden

So lautet die Einschätzung des Historikers John C. G. Röhl über den Antisemitismus des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II. in einem Interview mit der ZEIT. An und für sich sind die Verben “totschlagen” oder “ausrotten” hinsichtlich ihrer Bedeutung eindeutig. Woher ruht also Röhls Unsicherheit bezüglich Kaiser Wilhelms, II. Aussagen?

Liegt ihr die Annahme zugrunde, dass Kaiser Wilhelms II. Sprache in der heutigen Zeit nicht mehr ohne weiteres verstanden werden könne? Oder verhält es sich mit der deutschen Sprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts gar so wie mit der persischen Sprache im 21. Jahrhundert? So behauptet Marco Meissner in der gleichen Ausgabe der ZEIT in einem Leserbrief:

Wiederholt lese ich auch bei Ihnen, der iranische Präsident habe die Auslöschung des Staats Israel angedroht. Diese Aussage beruht auf einem Übersetzungsfehler [...]

Und so weiter.

Quelle: “Der Kaiser wollte den Krieg”, in: DIE ZEIT vom 3. Juli 2008, S. 56 sowie S. 48.

Zusammengehörigkeitsgefühle im Kriegsgefangenenlager

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on Juli 2, 2008

Nachdem es einige Zeit verhältnismäßig human auf der Leserbriefseite der F.A.Z. zuging, wagt sich der deutsche Nationalismus in Gestalt von Dr. Werner Mielke wieder einmal an die Oberfläche. Mielke beginnt mit einer langatmigen historischen Darstellung der Volksgeschichte Deuschlands (Stichworte: “Ludwig der Deutsche”, “rein germanisches Land”, “Sprach- und Volkstumgrenze”). Zu erfahren ist etwa, dass spanische Jesuiten im Zuge der Gegenreformation einen “erheblichen Teil des deutschen Volkes” zur katholischen Kirche zurückführten und “damit die religiöse Spaltung des deutschen Volkes” bewirkten. Allen Widrigkeiten zutrotz habe die österreichische Nationalversammlung am 12. November 1918 einstimmig beschlossen, dass “Deutsch-Österreich” [...] “Bestandteil der deutschen Republik” sei:

Damit war der Anschluss an Deutschland vollzogen, wurde aber von den Alliierten durch die Verträge von Versailles und Sain-Germain verboten, die dem Land auch untersagten, sich Deutsch-Österreich zu nennen. Eine vom Nationalrat in Wien beschlossene Volksabstimmung wurde von den Siegermächten verhindert.

Es ist offensichtlich, auf was Mielke hinaus will: Die niederträchtigen Siegermächte verhinderten, ungerechtfertigterweise, das zusammenkommt, was zusammengehört. Rührend beschreibt Mielke eine feierliche Anekdote aus der Kriegsgefangenschaft, in der sich die wackeren Blutsbrüder widersetzen:

Im Spätsommer 1945 lehnten im Kriegsgefangenenlager Camp 5B in Bellaria bei Rimini, in dem auch ich mich befand, unsere österreichischen (ostmärkischen) Kameraden einmütig den Vorschlag der britischen Bewacher ab, das Lager der deutschen Kriegsgefangenen zu verlassen und in ein Ausländerlager zu wechseln, und zwar trotz der in Aussicht gestellten früheren Entlassung und der zu vermutenden besseren Verpflegung.

Doch obwohl die österreichischen Kameraden nicht besser speisen wollten als der Rest ihrer Kameraden, trennten die garstigen Engländer die innige Volksgemeinschaft, was natürlich nicht ohne Widerworte geschah:

Als die Engländer diesen Wechsel dann befohlen, hielt ein Dozent der Universität Wien am Abschiedsabend einen Vortrag “Der Beitrag Österreichs zur gesamtdeutschen Kultur” und sagte zum Schluss – ich zitiere aus dem Gedächtnis: “Kameraden, wenn wir jetzt nicht nach eigenen Wunsch und Willen, sondern auf Befehl der Siegermächte wieder voneinander getrennt werden, so beende ich meinen Vortrag in Anlehnung an das stolzeste Wort der Antike, das da lautete: ‘Civis Romanus sum’, mit den Worten ‘Civis Germanicus sum’”. Langanhaltender Beifall und ein mächtiges, uns verbindenens Gefühl der Zusammengehörigkeit dankten ihm.

Bemerkenswert ist, dass Mielke über 60 Jahre später nebst der exakten Bezeichnung des Kriegsgefangenenlagers auch die Rede noch zitieren kann – haben doch viele Deutsche Gedächtnislücken hinsichtlich jener Zeit und leiden an der von Kinky Friedman beschriebenen Waldheim-Krankheit: “der Unfähigkeit, sich daran zu erinnern, dass man früher ein Nazi war”. Doch ganz ohne Erinnerungslücken ist auch Herr Mielke nicht, hat er doch die wohl wichtigste Reaktion auf die Rede vergessen: Es folgte ein donnerndes Heil.

Quelle: Werner Mielke: “Das Gefühl der Zusammengehörigkeit”, in: F.A.Z. vom 2. Juli 2008, S. 8.

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