Zeitung für Schland

Worte der Woche (42)

Posted in Worte der Woche by Mr. Moe on Januar 26, 2010

Peres scheint immer noch davon getrieben zu sein, Israel einen Platz auf der Landkarte zu verschaffen.

Diesen überaus aufschlussreichen Satz hat ARD-Korrespondent Sebastian Engelbrecht in einem Kommentar über den israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres tatsächlich so geschrieben. Angesichts dieser wahrlich unverschämten Forderung des ehemaligen, so Engelbrecht, “Hardliners” Peres darf sich mit Engelbrecht gemeinsam darüber gefreut werden, dass “konservative” Politiker in Teheran mit Nachdruck daran arbeitet, für die Juden einen Platz außerhalb der Landkarte zu schaffen.

Update: In der F.A.Z. ist ein sehr lesenswertes Interview mit Peres zu lesen. Allerdings stellt dies die Ausnahme der Regel dar, wie in Zettels Raum anmerkt wird:

Der Besuch von Präsident Peres in Deutschland findet bisher nahezu unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.

Im ZDF- “Mittagsmazin” gab es heute eine kurze Meldung; eine knappe Viertelstunde nach Beginn der Sendung. Kein Korrespondentenbericht, keine Statements, kein Kommentar.

Die ARD-”Tagesschau” um 14 Uhr brachte an vierter Stelle, nachdem unter anderem ausführlich über die Partei “Die Linke” berichtet worden war, eine Meldung von genau 30 Sekunden über den Staatsbesuch.

Der Besuch jedes afrikanischen Potentaten fände mehr Beachtung.

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Wider den Wahn

Posted in Deutsche Zustände by Mr. Moe on Januar 24, 2010

Kein Jude in diesem Land musste jemals solche seelischen Qualen erleiden wie ich.

So beschrieb Sedika Weingärtner ihre Behandlung im Büro in einem Brief an ihren ehemaligen Arbeitsgeber Siemens. Was war der Grund für Weingärtners Vorwurf?

„Weil eine andere Frau meinen Job übernehmen sollte, wurde ich von zwei meiner Vorgesetzten systematisch fertig gemacht“, sagt Weingärtner, die mit dem Nürnberger Kunsthistoriker Helge Weingärtner verheiratet ist. Man habe sie von Besprechungen ausgeschlossen, mit einem alten PC abgespeist, in ein kleines Büro gesetzt und mit übermäßig viel Arbeit eingedeckt. Für Weingärtner Formen von „subtiler Gewalt“. Nach einer Baby-Pause sei alles noch schlimmer geworden. Beschimpft habe man sie, Worte wie „Dreck“ und „Schlamperei“ seien häufiger gefallen.

Ohne Zweifel keine schönen Zustände und Anlass zu berechtigter Klage. Handelt es sich bei Weingärtners “Auschwitz-war-nur-ein-schlechtes-Büro”-Aussage darüber hinaus um den abenteuerlichsten Vergleich, der je in einer deutschen Zeitung publiziert wurde? Keine Frage.

Wichtiger als die überaus berechtigte Kritik an Weingärtner (und ggf. Siemens) ist jedoch, die Aussage der “Siemens-Überlebenden” im Kontext des derzeitigen öffentlichen (Vergleichs-)Diskurs zu betrachten: Führende Antisemitismusforscher Deutschlands entblöden sich nicht, Antisemitismus und “Islamophobie” öffentlich gleichzusetzen. Kommentatoren führender deutscher Tageszeitungen machen in “Islamkritikern” und Vertretern aufklärerischer Werte “Fundamentalisten” und “heilige Krieger” aus. Manch ein Journalist hält gar dänische Karikaturisten für “mindestens genauso verblendet” wie axtschwingende Islamisten.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass im Fall Weingärtner in der SZ bereits von einer “angeblichen Verharmlosung des Holocaust” zu lesen ist – man ist geneigt zu fragen, was man in Deutschland im Jahr 2010 denn sagen müsste, um den Holocaust tatsächlich zu verharmlosen?

Auch wenn sich in der leider offenbar zwingend notwendigen Debatte Stimmen der Vernunft wie Necla Kelek, Hamed Abdel-Samad, Thierry Chervel, Reinhard Mohr und den üblichen Verdächtigen zu Wort melden: es darf sich darauf eingestellt werden, dass Weingärtners unsäglicher Vergleich nur der vorläufige Höhepunkt eines nicht enden wollenden relativistischen Wahns darstellt. Warum dagegen anzukämpfen ist, erklärt Stephan Grigat:

Es geht heute darum, die bürgerlichen Freiheiten von Leuten wie Ayaan Hirsi Ali zu verteidigen, die den Propheten einen perversen Tyrannen nennt, von Hip-Hopern, die Jesus als Bastard titulieren, und von israelischen Poplinken, die verkünden, dass der Messias nicht kommen wird. Die Frage, warum die beiden Letztgenannten ähnlich wie Manfred Deix mit Kritik, Empörung und schlimmstenfalls mit aberwitzigen strafrechtlichen Konsequenzen leben müssen, Ayaan Hirsi Ali aber mit Morddrohungen und Kurt Westergaard mit Mordversuchen konfrontiert sind, lässt sich nur erklären, wenn in Zukunft versucht wird, die entscheidenden Unterschiede zwischen den Religionen und ihrer jeweiligen Funktion in den heutigen Gesellschaften zu thematisieren, anstatt in einen abstrakten Wald- und Wiesenatheismus zu verfallen, dem alles eins ist.

Update: Schade, dass das Jahr noch so jung ist, denn so wird die Phrase “bester Text des Jahres” der jüngsten Breitseite Broders gegen das deutsche Feuilleton bei weitem nicht gerecht. Unbedingte Leseempfehlung!

Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Posted in Die üblichen Verdächtigen by Mr. Moe on Januar 19, 2010

Nachdem sich die “tapfere kleinere Minderheit” der Islamkritikerkritiker, wie Thierry Chervel vom Perlentaucher treffend festgestellt hat, bereits in der taz, ZEIT, Süddeutschen, F.A.Z. und F.A.S. austoben durfte, hat der Wahn jetzt auch die Welt erreicht. Till-R. Stoldt bemängelt in einer “Analyse”, dass Islamkritiker wahlweise über zu wenig “Sachverstand” oder “Differenzierungswillen” verfügten. Stoldt stellt diesen “Apokalyptikern” und “Gehässigen” daher folgendes durch Sachverstand und Differenzierungswillen glänzende Zeugnis aus:

Weil sie aber glauben, weit mehr als nur ein Körnchen erfasst zu haben, bleibt leider nur ein Urteil über sie zu fällen: Ihr Weltbild taugt zum ideologischen Fundament für Massendeportationen, religiösen Reinigungswahn und unendliches Leid. Aus diesem Grund verdienen sie auch Aufmerksamkeit. Weil wir nicht zulassen dürfen, dass der partiell verständliche Unmut angesichts der Zuwanderung aus muslimischen Ländern in fanatische Kanäle gelenkt wird.

Mit Ausnahme Thilo Sarrazins, der ja bekanntermaßen überwältigenden Zuspruch in allen größeren Zeitungen erhielt, vermeidet es Stoldt, die seiner Ansicht nach offenbar zu einem Problem gewordenen “Apokalyptiker” und “Gehässigen” namentlich zu nennen. Folglich liegt die Vermutung nahe, dass hier einfach ein weiterer Journalist zu viel Wolfgang Benz gelesen hat und nicht in der Lage ist, aufklärerische und dringend gebotene Islamkritik von bloßer Fremdenfeindlichkeit zu unterscheiden – denn ein Drittes, etwa in Form einer “Islamophobie”, gibt es nicht.

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Worte der Woche (41)

Posted in Worte der Woche by Mr. Moe on Januar 18, 2010

In Nahost hilft nur internationaler Druck

Diese Worte entstammen Christoph Bertram, Deutschlands größtem Fürsprecher der Islamischen Republik und erbittertsten Gegner gegenüber einem auch nur ansatzweise druckvollen Vorgehen gegen das iranische Atomwaffenprogramm. Wer meint hier einen Sinneswandel oder einen Widerspruch zu den obigen Worten erkennen zu können, sei allerdings beruhigt – Ziel des “internationalen Drucks” ist natürlich Israel. Bertram bleibt in seinen Einstellungen folglich konsistent – für die Islamische Republik und gegen den jüdischen Staat.

Update: Bei Opposite Editorial wird Bertrams genauer unter die Lupe genommen.

Anmerkung in eigener Sache: Die Zeitung für Schland kann jetzt über das entsprechende Formular oben rechts auch per E-Mail abonniert werden.

Wie die ZEIT den Vorwurf des “Rufmordes” gegen Claude Lanzmann “klarstellt”

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Januar 14, 2010

Wie an dieser Stelle berichtet wurde, wurde Claude Lanzmann in der ZEIT von Christian Welzbacher beschuldigt, bewusst Geschichtsfälschung zu betreiben. In der F.A.Z. schrieb Jürg Altwegg in einem lesenswerten Kommentar folgerichtig von einer „Kampagne gegen den ‘Shoah’-Autor“ und einem versuchten „Rufmord an Claude Lanzmann“. Diesen Vorwurf will man bei der ZEIT offensichtlich nicht auf sich sitzen lassen, weshalb Florian Illies in der neusten Ausgabe eine „Klarstellung“ bezüglich der “Debatte um Memoiren” verfasst hat, die bemerkenswerterweise etwa zur Hälfte aus einer Erneuerung und Bekräftigung der Vorwürfe gegen Lanzmann besteht. Auch der Rest der „Klarstellung“ gleicht einem klassischen Eigentor.

Gleich im ersten Absatz wendet Illies die übliche Taktik jeder Kritik an – er betont, dass die ZEIT dem Objekt der Kritik – in diesem Fall Claude Lanzmann – doch grundsätzlich positiv und ausgewogen gegenüberstünde:

Das Feuilleton der ZEIT hat in der Nr. 17/2009 auf zwei Seiten aus den Memoiren des großen Shoah- Regisseurs Claude Lanzmann, die in Frankreich unter dem Titel Ein patagonischer Hase erschienen sind, Passagen auf Deutsch vorabgedruckt, die Lanzmanns Zeit in Berlin nach 1945 betreffen. Die Memoiren wurden dabei als »Monument des 20. Jahrhunderts« bezeichnet. Als Lanzmann im Herbst vergangenen Jahres von Demonstranten gehindert wurde, seinen Warum Israel- Film in Hamburg zu zeigen, trat die ZEIT als erste überregionale Zeitung dieser Verhinderung mit einem entschiedenen Protest entgegen (Nr. 49/09).

Illies selbst hat den im eigenen Blatt erschienenen Artikel offenbar nicht gelesen, denn sonst würde er nicht fälschlicherweise behaupten, dass Lanzmann selbst daran gehindert worden sei, seinen Film zu zeigen. Lanzmann selbst war in Hamburg schließlich gar nicht vor Ort und äußerte sich erst gut zwei Wochen später zu dem Vorfall. Darüber hinaus berichtete die Jungle World knapp zwei Wochen nach dem Vorfall und somit drei Wochen vor (!) der ZEIT als erste überregionale Zeitung von den antisemitischen Ausfällen in Hamburg. An Frechheit kaum zu überbieten ist es demnach, wenn gerade Illies nur einen Satz später jene “journalistische Sorgfaltspflicht” ins Feld führt, mit der er es selbst offenbar nicht allzu genau nimmt:

Unabhängig von der großen Wertschätzung für Person und Lebenswerk Claude Lanzmanns sah es unsere Redaktion dennoch als journalistische Sorgfaltspflicht an, eine Entgegnung auf Lanzmanns Erinnerungen an seine Berliner Nachkriegsjahre zu veröffentlichen, da die vorabgedruckten Passagen über den Mitgründer der Freien Universität Berlin, Edwin Redslob, und die Situation an der FU offenbar nicht der historischen Wahrheit entsprechen.

Es wäre ferner zu fragen, warum sich die Redaktion ZEIT nicht genötigt sieht, im Sinne der “journalistischen Sorgfaltspflicht” die Lügen ihrer Autoren Michael Thumann und Ulrich Ladurner über Israel richtig zu stellen. Hier wird erkennbarer Weise mit zweierlei Maß gemessen: während Nahostkorrespondenten in der ZEIT nach Gutdünken Unwahrheiten über Israel verbreiten und so antisemitische Ressentiments bedienen dürfen, werden vergleichsweise unbedeutende Aussagen jüdischer Intellektueller offenbar aufs Genauste überprüft. Zudem entlarvt Illies sich erneut selbst, wenn er Welzbachers Artikel wie folgt beschreibt:

Es war unser Ziel, darauf hinzuwirken, dass die umstrittenen Passagen in Lanzmanns Buch diskutiert werden, bevor die deutsche Übersetzung in diesem Herbst im Rowohlt Verlag erscheint.

In dem entsprechenden Artikel von Welzbacher wurde jedoch beileibe keine sachliche Diskussion angestoßen, sondern in eindeutiger und bisweilen zumindest antisemitisch konnotierter Art und Weise gegen Lanzmann vorgegangen. Vor diesem Hintergrund ist es fast schon anerkennenswert, wie entspannt Illies dem in der F.A.Z. geäußerten Rufmord-Vorwurf begegnet, den Jürg Altwegg wie folgt formulierte:

Da seine Trouvaille doch eher dürftig ist, setzt Welzbacher Lanzmanns Memoiren einem Generalverdacht aus: „Dabei lässt schon der flüchtige Blick in das französische Manuskript erahnen, dass die Redslob-Episode nicht die einzige sein dürfte, in der Lanzmanns ,Interpretation’ die Wahrheit überlagert.” Es kommt noch üppiger: „Lanzmann, das Mensch gewordene Monument der historischen Verantwortung, verändert die Geschichte – nach seinem Interesse.“ Mit dem Irrtum der Entlassung stellt der Warner Lanzmanns Lebens- und Meisterwerk „Shoah“ in Frage – und scheut sich nicht, „Shoah“ mit Tarantinos „Inglourious Basterds“ zu vergleichen. „Dürfen Kunstwerke mit historischen Fakten ,spielen’?“ Spielt „Shoah“ mit den Fakten? Immerhin hat Welzbacher die Gänsefüßchen nicht bei den Fakten gesetzt. Lanzmann aber ist bei ihm sehr wohl als Fälscher „überführt“. Zu allem Übel hat Rowohlt Christian Welzbacher auch noch beschieden, dass die Memoiren „unverändert erscheinen“ sollen. Wehret den Anfängen.

Hierauf erwidert Illies:

Wir bedauern, dass in den Schlusssätzen des Artikels der Eindruck erweckt wird, dass eventuell weitere Passagen der Memoiren nicht den Fakten entsprechen, ohne dass diese Vermutung belegt wurde. Dass indes aus diesem Umstand die Schlussfolgerung gezogen wird, die ZEIT begehe einen »Rufmord an Claude Lanzmann«, wie es die FAZ am 12. Januar 2010 behauptet, ist verwegen. Und der zugleich erhobene Vorwurf einer Analogie zwischen den antisemitischen Protesten gegen Lanzmanns Film und dem Artikel in der ZEIT ist noch verwegener.

Sämtliche Vorwürfe seien also “verwegen” und “noch verwegener“ – dies ist tatsächlich Illies grundlegendes und einziges „Argument“. Belege für diese Behauptung? Fehlanzeige. Ein Eingehen auf Altweggs vollkommen zu recht monierten Aussagen Welzbachers? Fehlanzeige. Wahrlich beeindruckend, diese „Klarstellung“ und Illies Plädoyer für die “journalistische Sorgfaltspflicht”.

Update I: Sebastian Voigt schreibt in der taz ebenfalls von einem “Rufmord an Claude Lanzmann”; es sieht folglich so aus, als wäre das Ziel der “Klarstellung” der ZEIT, die Debatte schnellstmöglichst zu den Akten zu legen, verfehlt worden.

Update II: Auch in der SZ ist mittlerweile zu lesen, dass die in der ZEIT gegen Lanzmann erhobenen Vorwürfe unhaltbar sind und es sich folglich um Rufmord handle.

Tote Zivilisten in Afghanistan und Obama-Wahn im Endstadium

Posted in DIE ZEIT, Zwei mal Drei macht Vier by Mr. Moe on Januar 13, 2010

Im Jahr 2009 sind in Afghanistan mehr Zivilisten getötet worden, als in jedem anderen der vorherigen acht Kriegsjahre. Bekanntlich hat US-Präsident Barack Obama sein Amt im Januar des Jahres 2009 übernommen und den Krieg in Afghanistan in Abgrenzung zum Irak-Krieg stets als “notwendigen” Krieg bezeichnet. Ferner hat Obama im Verlauf des Jahres mit sich gerungen, ob er die von Stanley McChrystal, dem obersten Befehlshaber der NATO in Afghanistan, vorgeschlagene Strategie verfolgt oder auf seinen Vize-Präsidenten Joe Biden und weitere demokratische Kongressmitglieder hört. Während McChrystal argumentiert, dass im Kampf gegen Aufständische und den Terrorismus dauerhaft nur mehr Bodentruppen helfen, hat sich Biden gegen die Entsendung weiterer Soldaten nach Afghanistan ausgesprochen und stattdessen für Angriffe durch Drohnen plädiert, die besonders häufig zu zivilen Opfern führen.

Auch wenn die Verantwortung für die toten Zivilisten in Afghanistan mehrheitlich Terroristen zuzuschreiben ist, ist es demnach vermutlich alles andere als ein Zufall, dass Obamas erstes Amtsjahr mit dem Jahr zusammenfällt, in dem im Afghanistan-Krieg die meisten Zivilisten getötet wurden. Dies hält Martin Klingst jedoch nicht davon ab, Obama auf der Titelseite der ZEIT moralisch über seinen Vorgänger Bush zu erheben:

Obama ist mitnichten ein naiver Friedensapostel, den ein in letzter Sekunde vereiteltes Attentat brutal in die Wirklichkeit wirft. Seit er im Amt ist, führt er den Kampf gegen islamistische Terroristen mit aller Konsequenz, wenn auch mit weniger Kriegsgeschrei als sein Vorgänger und mit einem feineren Gespür für die Grenzen des Rechtsstaats. [...]

Obama, der Meister des Wortes, redet nicht nur, er handelt auch. Um dem Terror Einhalt zu gebieten, entsendet er weitere 30.000 Soldaten nach Afghanistan und schreckt nicht vor gezielten Tötungen mutmaßlicher Attentäter zurück. Weit häufiger als sein Vorgänger lässt er Raketen auf sie abschießen und nimmt dabei auch den Tod Unschuldiger in Kauf, nicht nur in Afghanistan und Pakistan, sondern auch im Jemen und bald vielleicht in Somalia und anderswo.

Zum auf der Zunge zergehen lassen: Martin Klingst räumt ein, was in Anbetracht der nackten Zahlen kaum zu leugnen ist – die bisherige Afghanistan-Strategie des Friedensnobelpreisträgers Obamas hat zu einer höheren Anzahl getöteter Zivilisten geführt als diejenige George W. Bushs. Gleichwohl hindert dies Klingst nicht, auf der Titelseite der ZEIT zu behaupten, dass der Unterschied zwischen Obama und Bush sei, dass Obama “die Moral” nicht “über Bord” werfe. In Deutschland nennt man das Ganze im Übrigen “Qualitätsjournalismus” und nicht etwa Ideologie.

Westerwelle macht den Obama

Posted in Deutsche Zustände by Mr. Moe on Januar 9, 2010

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle hat Saudi-Arabien besucht und dabei die Journalisten von SPIEGEL ONLINE merklich beeindruckt:

Saudi-Arabien ist eines der konservativsten Länder der Welt. Hier herrscht strikte Geschlechtertrennung, Homosexuelle müssen im Extremfall den Tod fürchten. Nun reiste Außenminister Westerwelle nach Riad und bewies, dass ein schwuler Politiker in der islamischen Welt deutsche Interessen vertreten kann.

Zunächst wäre es interessant zu erfahren, was “konservativ” eigentlich mit Geschlechtertrennung und der Ermordung Homosexueller zu tun haben soll. Saudi-Arabien wäre jedenfalls mit dem Wort “islamfaschistisch” doch besser getroffen worden, aber dieser Begriff ist bei deutschen Journalisten vermutlich als “islamophober” Kampfbegriff verschriehen. Schwamm drüber, ist “konservativ” ja schließlich nicht verharmlosend  gemeint, ist dieser Begriff doch für links-liberalen Journalisten (fast) so negativ konnotiert wie “George W. Bush” oder gar “Israel”.

Wie dem auch sei, Westerwelle habe SPON zufolge jedenfalls das Kunststück vollbracht, das Thema “Menschenrechte” – insbesondere “mehr Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben” – gegenüber seinem Gastgeber zumindest durch die Blume anzusprechen, ohne dabei “deutsche Interessen” – die wirtschaftliche Beziehungen – nachhaltig zu gefährden:

Also sprach er sie [Westerwelle die Menschenrechtsfrage, Mr. Moe] verklausuliert an. Es habe durchaus auch Meinungsunterschiede gegeben, sagte er. Man habe ausführlich über die Menschenrechte gesprochen, auch über religiöse Pluralität. Prinz Saud erwiderte, die Welt brauche auch Differenzen, die auf unterschiedlichen Wertesystemen beruhten. Jeder wusste, worum es ging, ohne dass das Thema ausdrücklich erwähnt wurde.

Während man sich bei SPON darüber freut, dass Westerwelle in Saudi-Arabien trotz seiner Homosexualität “ernst genommen” worden – mit anderen Worten: nicht ausgepeitscht oder gleich hingerichtet – worden sei, muss Prinz Saud dafür gedankt werden, da er jenen moralischen Relativismus unverblümt ausspricht, den SPON, die Süddeutsche Zeitung und die ZEIT täglich und wöchentlich in die Welt posaunen und gemäß dessen es in manchen Kulturen nun einmal üblich sei, Homosexuelle hinzurichten und Frauen zu unterdrücken. Selbiger Relativismus zeigte sich im Übrigen auch bei Westerwelles Besuch in der Türkei:

Bevor Westerwelle in die Türkei fuhr, ließ das Außenministerium bei deutschen Diplomaten nachfragen, ob Westerwelle seinen Lebensgefährten mitbringen werde. Bei seinem Italien-Besuch hatte er das getan. Protokollarisch wäre das für Ankara nicht ganz einfach geworden. Aber die deutsche Seite konnte den Türken mitteilen, dass der Minister allein kommen werde.

Angesichts eines solchen Taktgefühls ist Joachim Steinhöfel zuzustimmen, wenn er über Westerwelles Besuch in Saudi-Arabien schreibt:

Zweifelsfrei ist aber, dass etwas gehörig schief läuft, wenn die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth Westerwelle attestiert, er [Westerwelle, Mr. Moe] habe „vernünftig und mit Weitblick agiert“. Einen zuverlässigeren Kompass dafür, dass genau das Gegenteil richtig ist, hat die deutsche Politik kaum aufzubieten.

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Worte der Woche (40)

Posted in Worte der Woche by Mr. Moe on Januar 9, 2010

[A] number of Iran scholars in the U.S. said they have been contacted by senior administration officials eager to understand if the Iranian unrest suggested a greater threat to Tehran’s government than originally understood.

“The tone has changed in the conversation,” said one scholar who discussed Iran with senior U.S. officials. “There’s realization now that this unrest really matters.”

Bis vor wenigen Tagen oder Wochen hat man im Weißen Haus offenbar gedacht – gehofft? – , dass es sich bei den Protesten im Iran nur um kleinere Schamützel ohne größere Bedeutung handelt. Dieses eklatante und historische Versagen der Obama-Regierung wird auch dadurch nicht besser, dass selbige jetzt scheinbar damit beginnt, eine neue Strategie im Umgang mit dem Iran zu entwickeln.

Crossposted auf FREE IRAN NOW!

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„Eine kleine Warnung“ – wie Deutschland in der ZEIT vor Claude Lanzmann gewarnt wird

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Januar 7, 2010

Bekanntermaßen sind Memoiren und Autobiographien Bastionen der Wahrheit und Objektivität. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist es demnach nur folgerichtig, dass Claude Lanzmanns auf französisch erschienenen Memoiren anlässlich der bevorstehenden deutschen Übersetzung in der ZEIT von Christian Welzbacher aufgrund in ihnen vermeintlich enthaltener Unwahrheiten kritisiert werden. Allerdings begnügt sich Welzbacher dabei nicht damit, falsche Behauptungen Lanzmanns richtig zu stellen, sondern holt gleich ganz groß aus und verfasst “eine kleine Warnung an den Rowohlt Verlag“.

Warum hält es Welzbacher für nötig, einen deutschen Verlag vor jenem jüdischen Intellektuellen zu warnen, der, so Welzbacher, „ein institutionalisiertes Gewissen“ sei, „wenn es um die nationalsozialistische Judenverfolgung geht“? Kurz gesagt: Welzbacher kritisiert Lanzmanns Äußerungen über Edwin Redslob, einen ehemaligen Rektor der Freien Universität Berlin, für dessen Entlassung ein 1950 von Lanzmann verfasster Artikel gesorgt habe, in dem Lanzmann Redslob als „pseudodemokratischen Altnazi” entlarvt habe. Welzbacher hat eine Biographie über Redslob verfasst, in deren Titel er ihn als „unverbesserlichen Idealisten“ bezeichnet, und ist demnach entweder Fachmann für oder Apologet von Redslob.

Demnach aller Voraussicht nach durchaus kundig schreibt Welzbacher, dass Lanzmanns jüngst bei einer Vorstellung seiner Memoiren wiederholte Darstellung Redslobs falsch sei. Gleichwohl die Frage nach der Richtigkeit von Lanzmanns Darstellung nicht per se unberechtigt sein mag, spielt es für die nachfolgenden Ausführungen keine Rolle, ob in diesem Fall Lanzmann oder Welzbacher zu glauben ist. Denn weitaus interessanter ist, auf welche Art und Weise Welzbacher gegen Lanzmann vorgeht.

Zunächst kritisiert Welzbacher die deutschen Medien für ihren allzu unkritischen Umgang mit Lanzmann:

Kritiklos machten sich die Journalisten in Deutschland Lanzmanns Erzählung zu eigen und sparten sich die Recherche.

In der Tat ist es in Deutschland üblich, sich posthum und öffentlichkeitswirksam an die Seite von Juden zu stellen, zumindest dann, wenn sie sich anständig verhalten und etwa darauf verzichten, sich gegen Terroristen zu verteidigen oder in ihrem eigenen Staat Wohnungen zu bauen. Doch zum Glück gibt es ja nach wie vor auch wahrhaft kritische Journalisten wie Christian Welzbacher, die  durchschauen, wohin der Jude läuft:

Der große Anwalt der Erinnerung hantiert nicht immer genau mit Fakten. Lanzmann, das Mensch gewordene Monument der historischen Verantwortung, verändert die Geschiche – nach eigenem Interesse.

Es wirkt nahezu plump, dass Welzbacher an dieser Stelle die Frage nicht aussprechen mag, die doch unmissverständlich aus seinen Worten abgeleitet werden kann: wäre es denn nicht denkbar, dass „der große Anwalt der Erinnerung“ es mit den Fakten auch in anderen Fällen nicht allzu genommen und die Geschichte „nach eigenem Interesse“ verändert hat? Mag diese Interpretation auf alleiniger Grundlage des obigen Zitates vorschnell klingen, wird sie von Welzbachers nachfolgenden Worten untermauert:

Mit sprachlicher Wucht stilisiert sich der Autor [Lanzmann, Mr. Moe] zum omnipräsenten Akteur, zum regelrechten Rächer der Juden, dessen Chef d’Œuvre Shoah sich in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt einbrannte.

Nach diesem verbalen Rundumschlag wischt Welzbacher jeden eventuell noch verbleibenden Zweifel an seiner Hauptaussage im letzten Absatz endgültig bei Seite:

Tarantionos Inglorious Basterds löste unlängst Diskussionen aus, ob Kunstwerke mit historischen Fakten „spielen“ dürften. Ist für diese heikle Frage auch Lanzmanns Werk ein Präzedenzfall?

Angesichts einer derart „heiklen Frage“ ist es nun offenbar – wie so oft in der Geschichte – an einem Deutschen, drohendes Unheil durch einen Juden abzuwenden und den deutschen Verlag Lanzmanns sowie die deutsche Öffentlichkeit zu warnen:

Um das Schlimmste zu verhindern, kann Rowohlt nun richten, was Gallimard [der französische Verlag Lanzmanns, Mr. Moe] versäumte: die Rettung des Lebenswerks vor seinem Urheber. Eine kommentierte Ausgabe der Memoiren wäre eine Lösung. Auch die Revision unter Rücksprache mit Historikern wäre denkbar.

Noch einmal: ob Lanzmanns Äußerungen über Redslob den Tatsachen entsprechen oder nicht ist zwar nicht gänzlich unbedeutend, angesichts Welzbachers – um ein Lieblingswort deutscher Journalisten zu verwenden, das hier zur Abwechslung auch einmal passt- “unangemessener” Kritik Lanzmanns. Welzbacher scheint es in erster Linie nicht um den ehemaligen Rektor Redslob zu gehen, sondern darum, ein „institutionalisiertes Gewissen“, dessen Werk über die Shoah sich „in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt einbrannte“, als bewussten Verfälscher der Geschichte darzustellen. Welzbachers abschließender Rat lautet dementsprechend:

Der Text soll unverändert erscheinen. So wäre die einfachste Lösung wohl, das Buch als Roman zu deklarieren.

Bleibt die Frage, als was Journalisten wie Christian Welzbacher zu deklarieren sind.

Update: Die ZEIT hat mittlerweile eine “Klarstellung” veröffentlicht, die allerdings Fehler enthält und über die eigentlichen Vorwürfe hinweggeht. Zudem wurden sowohl in der F.A.Z. als auch der SZ und taz kritische Artikel veröffentlicht, die die von Welzbacher aufgestellten Behauptungen als “haltlos” entlarven und den “Rufmord” an Claude Lanzmann kritisieren.

Quelle: Christian Welzbacher: “Eine kleine Warnung an den Rowohlt Verlag”, in: DIE ZEIT vom 7. Januar 2010, S. 42.

Auch im neuen Jahr: Die ZEIT vs. Israel

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Januar 3, 2010

Anlässlich des Jahreswechsels hat Claudio Casula bei Spirit of Entebbe folgende Vorhersage für das neue Jahr getroffen:

Da keinerlei Aussicht besteht, dass die Idiotie im kommenden Jahr zurückgeht, im Gegenteil zu konstatieren ist, dass das antisemitische Gesummse noch dummdreister und bösartiger zu Werke geht denn je, wird uns auch 2010 der Stoff nicht ausgehen.

Mag diese Prognose auch nicht allzu gewagt gewesen sein, ist es doch bemerkenswert, dass sie sich gleich in der ersten Ausgabe der ZEIT des Jahres 2010 mit Nachdruck erfüllt hat. Den Ruhm hierfür darf sich einmal mehr Michael Thumann auf die Fahnen schreiben, der seinen medialen Kampf gegen Israel in den Diensten der ZEIT offenbar auch im neuen Jahr fortführen darf. Den Ausgangspunkt hierfür bildet folgende auf den Nahen und Mittleren Osten bezogene Frage, die Thumann gemeinsam mit seinem Kollegen Ulrich Ladurner stellt:

Ist wirklich der Islam schuld daran, dass kein Frieden herrscht?

Wer könnte nun besser geeignet sein, diese Frage ausgewogen zu untersuchen, als jene beiden Journalisten, die sich in der Vergangenheit wahlweise als “Israelkritiker”, Terrorismusversteher und Apologeten des iranischen Regimes betätigt haben sowie – im Falle Thumanns – der Meinung sind, dass sich US-Präsident Barack Obama stellvertretend für die von seinem Land begangenen Verbrechen an der muslimischen Welt bei den Diktaturen und Autokratien des Nahen und Mittleren Ostens zu entschuldigen habe?

Eine Vorwarnung

Um es vorwegzunehmen: die Frage, ob denn “wirklich” der Islam verantwortlich dafür sei, dass kein Frieden im Nahen und Mittleren Osten herrsche, ist rein rhetorischer Natur. Ihre Beantwortung steht für Thumann und Ladurner a priori fest und ist folglich gegen jegliche möglicherweise widersprechenden empirische Evidenz resistent. Hinzu kommt, dass Thumann und Ladurner Paradebeispiele für jene Art von Kommentatoren darstellen, die Muslime ausschließlich als reagierende Objekte, niemals jedoch als eigenständig agierende Subjekte zu betrachten pflegen, so dass “der Islam” schon per definitionem von jeglicher etwaiger Verantwortung freigesprochen wird.

Wer als Leser damit rechnet, auf die von den Autoren selbst gestellte Frage eine, wenn nicht schon gut begründete, so doch wenigstens explizite Antwort zu erhalten, wird wahlweise enttäuscht oder verzückt sein. Unterm Strich begnügen sich Thumann und Ladurner damit, jenes Bild der “Realität” im Nahen Osten zu skizzieren, das ZEIT-Lesern durch die Lektüre der ZEIT im Allgemeinen und der Artikel der beiden Autoren im Speziellen doch ohnehin bereits bestens vertraut sein dürfte.

Aufgebaut ist die Suche nach der Antwort auf die Frage, ob der Islam denn wirklich das Hindernis für Frieden im Nahen und Mittleren Osten sei, wie folgt: zunächst wird sich ausgiebig dem Lieblingsthema und Spezialgebiet aller deutschen Nahostkorrespondenten gewidmet – dem arabisch-israelischen Konflikt. Anschließend geht es über Afghanistan und Pakistan in den Irak sowie zum Abschluss in die Türkei und um die Kurden. Für diese Reise stehen Thumann und Ladurner zwei komplette Seiten der ZEIT zur Verfügung, entsprechend umfangreich ist der Artikel. Da jedoch bereits der offensichtlich von Thumann verfasste Abschnitt über den arabisch-israelischen Konflikt eine beeindruckende Menge an Unwahrheiten und Unterlassungen enthält, wird sich in Folge auf diesen Teil beschränkt.

Jüdische “Siedlungen” und die Unmöglichkeit des Friedens im Nahen Osten

Als Einstieg wählt Thumann Gilo, jenen Vorort von Jerusalem, den Thumann im Einklang mit anderen westlichen und deutschen Kommentatoren wiederholt und fälschlicherweise als „Siedlung“ deklariert hat:

Weiß leuchtend, massiv aufragend und wie für die Ewigkeit gebaut – das ist Gilo. Die jüdische Siedlung zwischen Bethlehem und Jerusalem liegt inmitten von Feldern auf einem Hügel. Gilo ist jene Siedlung, die mehr als jede andere für die Unmöglichkeit des Friedens in Nahost steht.

Auch wenn es für Thumann offenbar keinen Unterschied macht, handelt es sich bei Gilo, wie bereits erwähnt, nicht um eine “Siedlung”, sondern um einen Vorort von Jerusalem. Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass Thumann Gilo als „jene Siedlung“ ansieht, die „mehr als jede andere für die Unmöglichkeit des Friedens in Nahost steht“. Diese Formulierung impliziert, dass Thumann prinzipiell jede jüdische „Siedlung“ für die „Unmöglichkeit des Friedens“ verantwortlich zeichnet und selbige demnach als Hauptproblem im Nahen Osten ansieht.

Konsequent setzt Thumann in Folge die in den ersten Sätzen des obigen Zitats begonnene Dämonisierung israelischer respektive jüdischer Siedlungen – „weiß leuchtend, massiv aufragend und wie für die Ewigkeit gebaut“ – fort:

Hier, auf palästinensischem Boden, will die israelische Regierung 900 neue Wohnblocks bauen lassen. Aus der ganzen Welt hagelt es Proteste. In Jerusalem kommt das nur als lässliche Mäkelei aus weiter Ferne an. Bald schon werden Bauarbeiter dort oben in Stellung gehen wie Soldaten.

Thumanns Methode ist ebenso simpel wie weit verbreitet und wirksam: falsche Begebenheiten werden durch endlose Wiederholung zu vermeintlichen “Tatsachen” (v)erklärt. Folge dieses seit Jahrzehnten überaus erfolgreich angewandten Vorgehens ist, dass jüdische “Siedlungen” im Westjordanland – oder bisweilen gar Jerusalem, siehe oben – im öffentlichen Diskurs einheimlich einvernehmlich als “illegal” bezeichnet werden, was auch Thumanns suggeriert (“auf palästinensischem Boden”). Gleichwohl ist diese Auffassung zumindest diskussionswürdig, wenn nicht gar schlichtweg falsch, wie etwa der amerikanische Rechtswissenschaftler David M. Phillips in der Dezember-Ausgabe des Commenary Magazines ausführlich darlegt (mittlerweile auch in deutscher Übersetzung nachzulesen).

Hinzu kommt, dass Thuman Fakten, die dem Narrativ landraubender Juden widersprechen, einfach nicht erwähnt. So erfahren die werten Leser der ZEIT beispielsweise nicht, dass die Jerusalemer Stadtverwaltung zeitnah den Bau 5.000 neuer arabischer Wohneinheiten in Jerusalem verkündet hat, die für Thumann wie den Rest “der ganzen Welt” offenbar kein Problem darstellen. Statt sich und seine Leser jedoch unnötig zu verunsichern, widmet sich Thumann lieber einer bildlichen Beschreibung seiner Auffassung der Verhältnisse im Nahen Osten:

Gilo – das wirkt von unten, aus der Perspektive der Palästinenser im Tal, wie eine unerreichbare Festung. Von ihrem Lager aus sehen Flüchtlinge nur die Dächer der Siedlung hinter einer hohen Mauer, die Bethlehem von Jerusalems Vororten trennt.

„Unten“ im Tal, in „Lagern“ hausen die armen Palästinenser – jeder von ihnen ein Flüchtling, ganz gleich wo und wann geboren. Oben hingegen, aus sicheren “Festungen” verächtlich herabschauend und “weiß leuchtend” und “massiv aufragend”, die Juden. So platt sie auch sein mag, die Strategie geht auf: ohne sich auf handfeste Argumente stützen zu müssen, hat der Leser ein eindrückliches und aufgrund seiner emotionalen Eindeutigkeit jeglichen Widerspruch von vornherein negierendes illustratives Verständnis der Lage gewonnen. Von dieser Grundlage ausgehend lässt sich die weitere Geschichte mit Leichtigkeit erzählen.

“Die Mauer”

Insbesondere die oben bereits erwähnt “hohe Mauer” scheint Thumann nachhaltig zu beschäftigen:

Die Mauer, an manchen Stellen bis zu acht Meter hoch, zieht sich über alle Hügel, sie trennt Nachbarn von Nachbarn, Kinder von Schulen, Landbesitzer von ihren Grundstücken.

Erneut wird ein deutliches Bild gezeichnet, ohne den Geist lediglich unnötig quälende Tatsachen anzuführen. So verschweigt Thumann in diesem Zusammenhang, dass Ägypten, im Nahen Osten, an der Grenze zum Gazastreifen, eine Mauer baut, mit der Thumann offenbar jedoch keine Probleme hat. Dies ist umso erstaunlicher, ist Ägypten doch mehrheitlich von Angehörigen jener Religion bewohnt, die – es sei daran erinnert – ja eigentlich im Mittelpunkt des Artikels stehen sollte. Überdies verschweigt Thumann ebenso, dass die israelische “Mauer” eigentlich zu mehr als 95% ein Zaun ist, was sich zugegebenermaßen weniger eindrucksvoll und bedrohlich liest als “an manchen Stellen bis zu acht Meter hoch”. In jedem Fall lässt die “Mauer” Thumann offenbar keine Ruh:

Wozu eine Mauer? Soll sie Israelis vor Palästinensern schützen?

Wer erwartet, nun ein „ja, natürlich, was denn sonst?“ zu lesen, wird enttäuscht:

Israelische Behörden haben den Wall nach der zweiten Intifada von 2000 hochgezogen. Als Schutz vor Terroristen, hieß es damals. Doch ginge es um den Schutz allein, würde die Mauer nicht mitten durch das Palästinensergebiet führen.

Thumann verschweigt, dass “die Mauer”, von wenigen topographisch oder strategisch notwendigen Abweichungen abgesehen, entlang der “grünen Linie” verläuft und somit entgegen seiner Behauptung nicht “mitten durch das Palästinensergebiet” verläuft. Thumann erwähnt auch nicht, dass es ähnliche Sicherheitsvorrichtungen in zahlreichen anderen Ländern gibt, ohne das sie dort als bedeutsame Hindernisse für Frieden angesehen würden. Schlussendlich erwähnt Thumann wohlweislich nicht, dass der Sicherheitszaun den Thumann zufolge lediglich vorgeschobenen Zweck des Schutzes überaus gut erfüllt und terroristische Anschläge seit seiner Errichtung deutlich zurückgegangen sind.

Unterm Strich drängt sich demnach die Schlussfolgerung auf, dass Thumann den Schutz jüdischen Lebens vor Terroranschlägen allem Anschein nach nicht als bedeutsame oder auch nur legitime Zwecksetzung ansieht. Für diese Interpretation liefert Thumann zudem im Verlauf des Textes weitere Belege, auf die weiter unten noch einzugehen sein wird.

Der “Kampf um Land”

Vorerst verkündet Thumann seinen Lesern jedoch noch den wahren Zweck, warum die Juden eine “Mauer” gebaut haben:

Es geht hier um ein Nullsummenspiel der nahöstlichen Art, so profan wie existenziell zugleich: Dehnt sich der eine aus, verliert der anderer. Baut der eine, muss sich der andere von Weiden, Feldern und Baugrund zurückziehen.Der Streit geht um Häuser, um Grundstücke, um Straßen, um Viertel und ganze Städte. Es ist ein Kampf um Land.

Erneut wendet Thumann die hohe Kunst des Verschweigens und Unterlassens an, dieses Mal in Verbindung mit einem besonders feinen rhetorischen Kniff: hat Thumann bislang doch ausschließlich Israel als handelnden Akteur auftreten lassen, wechselt er hier plötzlich auf eine abstrakte Ebene und schreibt etwas nebulös von “dem einen” und “dem anderen”. Aus dem bisher von Thumann geschriebenen kann sich der ZEIT-Leser allerdings an einer Hand abzählen, dass eigentlich nur “der eine” – der Jude – das Problem im “Kampf um Land” darstellt. Die Fakten sprechen gewiss eine andere Sprache, ist doch bereits heutzutage ein Fünftel der israelischen Bevölkerung arabisch, Tendenz steigend. Des Weiteren geht es “dem einen” – Israel – nur um einen Teil des Landes, während nach wie vor ein bedeutsamer Anteil “der anderen”, der Palästinenser, das gesamte Land beansprucht. Kurz: die Mehrheit der Israelis akzeptiert sowohl die Präsenz von Arabern in Israel als auch – zumindest: im Prinzip – die Schaffung eines eigenen palästinensischen Staates im Nahen Osten. Ob die Mehrheit der Palästinenser Juden in einem etwaigen eigenen Staat akzeptieren würde, erscheint indes zumindest fragwürdig und es dürfte als erwiesen gelten, dass viele Palästinenser keinen jüdischen Staat im Nahen Osten tolerieren, was sich nicht zuletzt durch die nach wie vor hohe palästinensische Befürwortung von Terroranschlägen auf israelische Zivilisten zeigt.

Was Thumann als abstraktes „Nullsummenspiel“ bezeichnet, ist demzufolge genau genommen – vereinfacht gesagt – ein Kampf ums Überleben für “die einen”, während es sich für einen erheblichen Teil “der anderen” um einen bisweilen latenten, bisweilen manifesten Vernichtungsfeldzug handelt.

Die Entsubjektivierung einer ganzen Region

Nachdem Thumann sein Verständnis der derzeitigen Lage im Nahen Osten -  überwiegend: bildlich – dargelegt hat, widmet er sich der weltpolitischen Bedeutung des Konflikts:

Der ewige Streit um Jerusalem etwa verpestete eine ganze Region, er beschäftigt die Großmächte, er könnte sogar die Welt in Brand setzen. Jede zerstörte palästinensische Wohnung, jedes neu gebaute Haus jüdischer Siedler, jeder Racheakt von Palästinensern landet als Streitpunkt in kürzester Zeit auf den Tischen von Präsidenten, Premiers und Königen – in Riad, Berlin, Teheran, London oder Washington.

Erneut zeigt Thumann eindrucksvoll, in welche Richtung seine Hasen laufen: Juden zerstören palästinensische Wohnungen und bauen Häuser, wobei Letzteres offenbar (auch) als Verbrechen angesehen wird. Palästinenser – Angehörige jener Religion, um die es usw. usf. – rächen sich indes nur dafür, sie agieren in Thumanns Welt jedoch niemals aus eigenem Anlass. Diesem Verständnis nach lässt sich jeder Anschlag auf jüdische Zivilisten und Kinder im Jahr 2010 als bloße Reaktion auf 60 Jahre israelische Politik respektive (die noch weitaus längere) jüdische Präsenz im Nahen Osten rechtfertigen.

Dem Narrativ ausschließlich reagierender Araber und anderer Muslime folgend verkennt Thumann, dass der „Streitpunkt“ nicht einfach so auf den „Tischen“ in Riad oder Teheran landet, sondern von jenen Tischen aus seit Jahrzehnten bewusst geschürt und als Ablenkung für eigenes (innen-)politisches Versagen instrumentalisiert wird. Diese Begebenheit ist angesichts der Realität schwer zu leugnen und läuft zudem Thumanns grundlegender Argumentation entgegen, da sie Muslime als eigenständig handelnde Subjekte auffasst. Folglich bleibt sie unerwähnt und Thumann begibt sich lieber schleunigst in vertrautere Gefilde:

Nirgendwo heizt Lokalpolitik so schnell die Weltdiplomatie an wie in Jerusalem und im Westjordanland. An diesem Konflikt hat die ganze Erde teil, auch wenn sie oft genug nicht mehr davon hören kann.

Wie durch ein Naturereignis wird die “Weltdiplomatie” durch den arabisch-israelischen Konflikt “angeheizt”, von bewusst zündelnden Akteuren ist keine Rede – es sei denn, es handelt sich um Häuser bauende Juden. Leider liefert Thumann auch keine Begründung oder wenigstens eine Spekulation bezüglich seiner ja durchaus richtigen Behauptung, dass „die ganze Erde“ am arabisch-israelischen Konflikt teilnähme. Thumanns Antwort auf die Frage nach dem Grund für das weltweite Interesse an dem Konflikt wäre schon allein deswegen aufschlussreich, da eine naheliegende These lautet, dass es die Präsenz von Juden ist, die den Konflikt so besonders macht. Aus Thumanns Ausführungen geht indes nicht hervor, was einen Konflikt, deren Opferzahlen im Verhältnis zu anderen weltweiten Konflikten und Kriegen verschwindend gering ist, denn eigentlich so besonders macht.

Und noch einmal: die Siedlungen

In Folge zitiert Thumann einige Palästinenser, die sagen dürfen, was Thumann gerne so sagen würde, es als deutscher Journalist aber vorzugsweise notdürftig verklausuliert ausdrückt:

Sie [die Juden, Mr. Moe] wollen uns vertreiben!

Israelis, Juden oder auch nur irgendwelche Menschen mit einer anderweitigen Meinung lässt Thumann entgegen journalistischer Qualitätsstandards nicht zu Wort kommen. Für relevanter werden offenbar die oben bereits thematisierten jüdischen “Siedlungen” befunden. Da sie für Thumann das zentrale Hindernis für Frieden im Nahen Osten darstellen, ist es nur folgerichtig, dass er noch einmal auf sie zurückkommt:

Kein Geringerer als Barack Obama forderte den Siedlungsstopp – aber er ist zu schwach, ihn zu erzwingen.

Wahrlich schade, dass die guten, alten Zeiten vorbei sind, in denen Nicht-Juden Juden nach Gutdünken vorschreiben konnten, wo sie zu leben und zu sterben haben. Und wer sehnt sich insgeheim denn nicht danach, dass sich demokratisch gewählte israelisch-jüdische Politiker dem Willen amerikanischer Präsidenten und – wichtiger – deutscher Nahostkorrespondenten beugen müssen?

Der israelische Premier Netanjahu hat wiederholt erlaubt, neue Wohnblocks auf palästinensischem Gebiet zu bauen. Doch selbst Netanjahu streitet mit radikalen Siedlern. Er ist gefangen in den Forderungen der Siedlerlobby, Bauunternehmen, Bürokraten, nationalreligiösen Politikern, seitdem Israel 1967 das Westjordanland erobert hat und jüdische Einwanderer im „Heiligen Land“ siedeln.

Mit viel gutem Willen deutet Thumann hier äußerst vage an, dass Netanyahu einen zehnmonatigen Siedlungsstopp verkündet und sich damit gegen bedeutsame Teile seiner eigenen Regierung, seiner eigenen Partei und der Bevölkerung seines Landes gestellt hat. Dennoch zieht es Thumann vor, Netanyahu als Hardliner ( „selbst Netanjahu“) darzustellen, obgleich Netanyahu bereits in seiner ersten Amtszei von 1996-1999, wie im Übrigen viele andere vermeintlich starrköpfige Likud-Politiker, eher als Pragmatiker aufgetreten ist.

Ein Blick in die Geschichte

Des Weiteren verschweigt Thumann auch in diesem Fall zum wiederholten Male bedeutsame Tatsachen. Zum Beispiel, dass Israel das Westjordanland 1967 in einem reinen Verteidigungskrieg „erobert“ hat, was für die Beurteilung der Lage gelinde gesagt nicht ganz unwesentlich ist. Oder dass Israel den Palästinensern in der Vergangenheit fast das gesamte “besetzte” Land angeboten hat, was die Palästinenser ausnahmslos und häufig ohne jeglichen Gegenvorschlag abgelehnt haben.

Jedoch sei Thumann in diesem Zusammenhang zu Gute gehalten, dass er diese historische Begebenheiten guten Gewissens nicht nennen kann, müsste er hierzu doch Palästinenser – also: Muslime – als handelnde – in diesem Fall: einen Krieg beginnende und sich Verhandlungen und Kompromissen verweigendere – Subjekte begreifen. Da dies einen massiven Bruch mit Thumanns Sichtweise, gemäß derer Palästinenser eine reine Opfermasse darstellen, bedeuten würde, zieht es Thumann hingegen vor, sich zum wiederholten Male mit den stets emsig agierenden Juden, in diesem Fall mit den “jüdischen Einwanderern”, zu befassen:

Manche von ihnen begründen ihre eiskalte Landnahme religiös. Das Prinzip wird anderswo im Mittleren Osten längst kopiert. So kann jeder Kompromiss ausgeschlossen werden.

Drei kurze Sätze, drei Ressentiments. Erstens ist die israelische “Landnahme”, das jüdische Verbrechen, natürlich nicht einfach nur ein Verbrechen, sondern ein „eiskaltes“. Zweitens werden erneut ausschließlich Juden als Subjekte aufgefasst, die das Problem gewissermaßen in den Mittleren Osten importiert haben, während “anderswo im Mittleren Osten” in gewohnter Manier lediglich auf äußere Einflüsse reagiert wird. Drittens verklärt Thumann 60 Jahre israelisch-arabischer Geschichte, wenn er Israel als alleinigen Schuldigen und insbesondere als nicht zu Kompromissen fähigen oder willigen Akteur darstellt. Thumann erwähnt weder, dass arabische Nationen dem Staat Israel sowohl 1948 als auch 1967 den Krieg erklärt haben. Thumann erwähnt nicht, dass sich die arabischen Staaten 1967 in Khartum auf das berühmt-berüchtigte “dreifache Nein” verständigt haben: nein zum Frieden mit Israel, nein zur Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen mit Israel.Thumann erwähnt nicht, dass die Palästinenser aufgrund einer fehlenden einheitlichen Führung derzeit nicht einmal prinzipiell dazu in der Lage wären, einen “Kompromiss” zu schließen, ,völlig unabhängig davon, ob sie dazu überhaupt gewillt sind.

Terrorismus? Ein Kampfbegriff!

Zum Abschluss kommt Thumann noch zu einem Wort, das er für einen reinen Kampfbegriff hält:

Terrorist. Das ist ein zentraler Begriff im Kampf um Land, ob in Hebron, Jerusalem, in der Türkei, im Irak, in Pakistan oder Indien. Der Terrorist darf mit allen Mitteln bekämpft werden.

Die zweifelhafte Behauptung einmal bei Seite gelassen, dass im “Kampf gegen den Terrorismus” alles erlaubt sei, fällt auf, dass der Begriff “Terrorist” Thumanns Auffassung zufolge offenbar ausschließlich dazu diene, Widerstandskämpfer zu diskreditieren:

Wer sich den Regierenden im Kampf um Territorium und nationale Einheit in den Weg stellt, wer Widerstand leistet, Anschläge verübt, wird „Terrorist“ genannt.

Was Thumann hier etwas verklausuliert ausdrückt ist nichts anderes als die Aufhebung jeglicher zivilisatorischen Standards, deutet Thumann doch die Ermordung von Zivilisten in einen gerechtfertigten, ja geradezu heroischen Akt des “Widerstands” um. Vor dem Hintergrund dieses Verständnisses von “Terrorismus”, das einer Leugnung des Phänomens gleicht, wird auch verständlich, wie Thumann das Kunststück vollbringen kann, einen Artikel über den Islam und den arabisch-israelischen Konflikt zu schreiben, ohne die Hamas, die Fatah oder die Islamische Republik Iran auch nur mit einer einzigen Silbe zu erwähnen. Der Iran wird im Übrigen auch an keiner anderen Stelle des gesamten Artikels näher erwähnt, vielleicht, weil sich die Autoren dann zu sehr mit ihrer eigenen Frage auseinandersetzen müssten.

Quelle: Ulrich Ladurner und Michael Thumann: „Wo der Krieg zu Hause ist“, in: DIE ZEIT vom 30. Dezember 2009, S. 8.-9 [Online Version].

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