Zeitung für Schland

„Eine kleine Warnung“ – wie Deutschland in der ZEIT vor Claude Lanzmann gewarnt wird

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Januar 7, 2010

Bekanntermaßen sind Memoiren und Autobiographien Bastionen der Wahrheit und Objektivität. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist es demnach nur folgerichtig, dass Claude Lanzmanns auf französisch erschienenen Memoiren anlässlich der bevorstehenden deutschen Übersetzung in der ZEIT von Christian Welzbacher aufgrund in ihnen vermeintlich enthaltener Unwahrheiten kritisiert werden. Allerdings begnügt sich Welzbacher dabei nicht damit, falsche Behauptungen Lanzmanns richtig zu stellen, sondern holt gleich ganz groß aus und verfasst “eine kleine Warnung an den Rowohlt Verlag“.

Warum hält es Welzbacher für nötig, einen deutschen Verlag vor jenem jüdischen Intellektuellen zu warnen, der, so Welzbacher, „ein institutionalisiertes Gewissen“ sei, „wenn es um die nationalsozialistische Judenverfolgung geht“? Kurz gesagt: Welzbacher kritisiert Lanzmanns Äußerungen über Edwin Redslob, einen ehemaligen Rektor der Freien Universität Berlin, für dessen Entlassung ein 1950 von Lanzmann verfasster Artikel gesorgt habe, in dem Lanzmann Redslob als „pseudodemokratischen Altnazi” entlarvt habe. Welzbacher hat eine Biographie über Redslob verfasst, in deren Titel er ihn als „unverbesserlichen Idealisten“ bezeichnet, und ist demnach entweder Fachmann für oder Apologet von Redslob.

Demnach aller Voraussicht nach durchaus kundig schreibt Welzbacher, dass Lanzmanns jüngst bei einer Vorstellung seiner Memoiren wiederholte Darstellung Redslobs falsch sei. Gleichwohl die Frage nach der Richtigkeit von Lanzmanns Darstellung nicht per se unberechtigt sein mag, spielt es für die nachfolgenden Ausführungen keine Rolle, ob in diesem Fall Lanzmann oder Welzbacher zu glauben ist. Denn weitaus interessanter ist, auf welche Art und Weise Welzbacher gegen Lanzmann vorgeht.

Zunächst kritisiert Welzbacher die deutschen Medien für ihren allzu unkritischen Umgang mit Lanzmann:

Kritiklos machten sich die Journalisten in Deutschland Lanzmanns Erzählung zu eigen und sparten sich die Recherche.

In der Tat ist es in Deutschland üblich, sich posthum und öffentlichkeitswirksam an die Seite von Juden zu stellen, zumindest dann, wenn sie sich anständig verhalten und etwa darauf verzichten, sich gegen Terroristen zu verteidigen oder in ihrem eigenen Staat Wohnungen zu bauen. Doch zum Glück gibt es ja nach wie vor auch wahrhaft kritische Journalisten wie Christian Welzbacher, die  durchschauen, wohin der Jude läuft:

Der große Anwalt der Erinnerung hantiert nicht immer genau mit Fakten. Lanzmann, das Mensch gewordene Monument der historischen Verantwortung, verändert die Geschiche – nach eigenem Interesse.

Es wirkt nahezu plump, dass Welzbacher an dieser Stelle die Frage nicht aussprechen mag, die doch unmissverständlich aus seinen Worten abgeleitet werden kann: wäre es denn nicht denkbar, dass „der große Anwalt der Erinnerung“ es mit den Fakten auch in anderen Fällen nicht allzu genommen und die Geschichte „nach eigenem Interesse“ verändert hat? Mag diese Interpretation auf alleiniger Grundlage des obigen Zitates vorschnell klingen, wird sie von Welzbachers nachfolgenden Worten untermauert:

Mit sprachlicher Wucht stilisiert sich der Autor [Lanzmann, Mr. Moe] zum omnipräsenten Akteur, zum regelrechten Rächer der Juden, dessen Chef d’Œuvre Shoah sich in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt einbrannte.

Nach diesem verbalen Rundumschlag wischt Welzbacher jeden eventuell noch verbleibenden Zweifel an seiner Hauptaussage im letzten Absatz endgültig bei Seite:

Tarantionos Inglorious Basterds löste unlängst Diskussionen aus, ob Kunstwerke mit historischen Fakten „spielen“ dürften. Ist für diese heikle Frage auch Lanzmanns Werk ein Präzedenzfall?

Angesichts einer derart „heiklen Frage“ ist es nun offenbar – wie so oft in der Geschichte – an einem Deutschen, drohendes Unheil durch einen Juden abzuwenden und den deutschen Verlag Lanzmanns sowie die deutsche Öffentlichkeit zu warnen:

Um das Schlimmste zu verhindern, kann Rowohlt nun richten, was Gallimard [der französische Verlag Lanzmanns, Mr. Moe] versäumte: die Rettung des Lebenswerks vor seinem Urheber. Eine kommentierte Ausgabe der Memoiren wäre eine Lösung. Auch die Revision unter Rücksprache mit Historikern wäre denkbar.

Noch einmal: ob Lanzmanns Äußerungen über Redslob den Tatsachen entsprechen oder nicht ist zwar nicht gänzlich unbedeutend, angesichts Welzbachers – um ein Lieblingswort deutscher Journalisten zu verwenden, das hier zur Abwechslung auch einmal passt- “unangemessener” Kritik Lanzmanns. Welzbacher scheint es in erster Linie nicht um den ehemaligen Rektor Redslob zu gehen, sondern darum, ein „institutionalisiertes Gewissen“, dessen Werk über die Shoah sich „in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt einbrannte“, als bewussten Verfälscher der Geschichte darzustellen. Welzbachers abschließender Rat lautet dementsprechend:

Der Text soll unverändert erscheinen. So wäre die einfachste Lösung wohl, das Buch als Roman zu deklarieren.

Bleibt die Frage, als was Journalisten wie Christian Welzbacher zu deklarieren sind.

Update: Die ZEIT hat mittlerweile eine “Klarstellung” veröffentlicht, die allerdings Fehler enthält und über die eigentlichen Vorwürfe hinweggeht. Zudem wurden sowohl in der F.A.Z. als auch der SZ und taz kritische Artikel veröffentlicht, die die von Welzbacher aufgestellten Behauptungen als “haltlos” entlarven und den “Rufmord” an Claude Lanzmann kritisieren.

Quelle: Christian Welzbacher: “Eine kleine Warnung an den Rowohlt Verlag”, in: DIE ZEIT vom 7. Januar 2010, S. 42.

2 Antworten

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  1. Guerreiro said, on Januar 7, 2010 at 7:33 nachmittags

    Insbesonder, da deutsche (EU) Jurnalisten á la Welzbach akribisch genau Recherchieren, wenn es um Aussagen gegen Israel ergo Juden geht. Eine allzu oft wiederholte Frage kommt mir wieder in den Sinn; bestehen in Sachen Juden und Israel doppelte Standarts?

  2. […] Veröffentlicht in DIE ZEIT von Mr. Moe am Januar 14, 2010 Wie an dieser Stelle berichtet wurde, wurde Claude Lanzmann in der ZEIT von Christian Welzbacher beschuldigt, bewusst […]


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