Die nächste Runde: Die Zeit vs. Israel
Des deutschen Außenministers erster Besuch im Nahen Osten ist Anlass für die ZEIT, einmal mehr einen ihrer Autoren standesgemäß auf der Titelseite über die deutsch-israelische „Freundschaft“ schwadronieren zu lassen. Dieses Mal fällt die Ehre Michael Thumann zu, seines Zeichens als Freund islamischer Autokratien und moralischer Relativist wohlbekannt.
Schon in der Unterüberschrift von Thumanns Kommentar wird dabei gute alte deutsche Hausmannskost feilgeboten:
Israels Sicherheit ist Teil der deutschen Staatsräson. Aber Freundschaft muss auch Widerspruch ertragen können.
Das liest sich nicht nur so, als sei das Hirn mit Sauerkraut verstopft und die Gedanken durch die Gulaschkanone geschossen worden, sondern ist auch genau so gemeint.
Ausgangspunkt stellt Thumanns – bereits überaus gewagte – These einer „bemerkenswerten Nähe“ zwischen Deutschland und Israel dar, „die Deutschland sonst nur mit Ländern wie Frankreich und wenigen anderen Länern teilt“. Die wichtigste Frage sei nun, so Thuman, was sich denn aus der „deutschen Staatsräson“, diesem unermüdlichen Einsatz für Israels Sicherheit, ganz konkret für Konsequenzen für Deutschland ergäben:
Merkel gibt Israel Deutschlands Wort, eine Garantie in der gefährlichsten Region der Welt, dem Nahen Osten. Was heißt das für uns?
Aufgrund der Tatsache, dass Israel nicht nur der Staat der vom – persistenten, weltweit und insbesondere in der „muslimischen Welt“ verbreiteten – Antisemitismus Verfolgten und Bedrohten, sondern auch die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, ist schon die Frage selbst skandalös. Wer die nicht nur notwendige, sondern gebotene Solidarität mit dem Staat Israel an den Folgen für das eigene Handeln misst, diskreditiert sich zwar selbst, hat aber dennoch – oder vielmehr: genau deshalb – gute Chancen, auf der Titelseite der auflagenstärksten deutschen Wochenzeitung zu publizieren, für die Linke im Bundestag zu sitzen oder sich in leitender Position der Friedens- und Konfliktforschung zu widmen.
Lässt man sich wider besseren Wissens und die Vernunft nicht nur vergessend, sondern verratend, sich also – zumindest was Letzteres . betrifft, ganz als klassischer ZEIT-Leser ausgebend, auf Thumanns Gedankengänge ein, bekommt man das vorgesetzt, was zu Erwarten war.
Thumann diskutiert drei Probleme der israelischen Außenpolitik, die er in ihrer Bedeutung als „Tests“ für Deutschland diskutiert. Der erste „Test“ sei der „Paukenschlag“ aus Jerusalem, „der jeden Frieden infrage stellt“: „neue Wohnungen in der jüdischen Siedlung Gilo – auf palästinensischem Gebiet.“ Vermutlich ist es lediglich einem redigierenden Praktikanten geschuldet, dass der Satz etwas überraschend nur mit einem Punkt und nicht wie zu erwarten wäre mit drei Ausrufungszeichen endet. Fest steht in jedem Fall, dass Thumanns Empörung ebenso geheuchelt wie faktenresistent ist: weder beschwert er sich über den Neubau von 5000 arabischen Wohnungen in Jerusalem, noch interessiert ihn, dass sich Gilo keinesfalls auf „palästinensischem Gebiet“, sondern in Jerusalem, befindet, ganz gleich, wie oft anderes auch behauptet wird.
Den zweiten „Test“ macht Thumann in „Israels scharfe[r] Blockade von Gaza“ aus, die „nun schon über zwei Jahre“ andaure. Thumann verschweigt, dass Israel selbst im Gazakrieg trotz Beschusses der Hamas Lieferungen in den Gaza-Streifen zuließ. Thumann verschweigt auch, dass die „Blockade“ nicht israelischer Willkür, sondern vielmehr islamfaschistischer Mordlust geschuldet war und ist. Doch was braucht die Realität jemanden zu scheren, der so elegant argumentieren kann wie Thumann:
Der Verweis auf die dort [in Gaza, Mr, Moe] herrschende Hamas reicht lange nicht mehr hin. Erstens leben dort Menschen – und zweitens gibt es Steigerungen von Hamas.
Auf Deutsch: Islamfaschistischer Terrorist ist nicht gleich islamfaschistischer Terrorist und Israel darf nicht versuchen, den Raketenbeschuss seiner Zivilbevölkerung zu unterbinden, weil sich auf der Gegenseite doch auch Menschen befänden. Würde diese Logik konsequent – und nicht nur einseitig gegen den jüdischen Staat gerichtet – angewandt, wäre nicht nur jeder Waffengang, sondern auch jede Form von wirtschaftlichen oder politischen Sanktionen rigoros abzulehnen. Diese Auffassung kann man gewiss vertreten – so man denn gewillt ist, sein eigenes Leben und das Leben anderer Menschen den Vertretern totalitärer Ideologien zu opfern. Zudem schreibt sich so etwas natürlich auch einfacher, wenn man wie Thumann nicht in Sderot, sondern im sicheren Istanbul – und bisweilen von deutschen Lesern finanziert und arabischen Diktatoren hofiert in Damaskus – lebt.
Angesichts der ungeheuerlichen und menschenverachtenden Politik Israels hat Thumann auch eine konkrete Handlungsaufforderung für die deutsche Regierung parat:
Die Bundesregierung sollte auf das schnelle Ende der Blockade drängen.
Warum Thumann dieses Drängen nur gegenüber Israel, nicht jedoch gegenüber Ägypten fordert, bleibt sein Geheimnis – vermutlich hat es irgendetwas mit jener besonders engen Freundschaft Deutschlands mit Israel zu tun.
Überaus aufschlussreich ist überdies, was Thumann als dritten „Test“ ausmacht:
Irans Präsident Ahmadinedschad verdammt Israel und baut, so sieht es aus, an der Atombombe.
Nebst dem Euphemismus „verdammt“ – richtig wäre: „droht mit Vernichtung“ – und der unnötigen Einschränkung der Gewissheit fällt auf, dass Thumann die nukleare Bewaffnung der Islamischen Republik Iran offenbar nicht als existenzielle Bedrohung Israels oder Gefahr für die freie Welt ansieht, sondern lediglich als „Test“ für die deutsche Regierung, quasi eine Fingerübung für zwischendurch. Dass Merkel sich vor dem US-Kongress – zumindest verbal – unzweifelhaft auf die Seite Israels gestellt hat, bereitet Thumann hierbei große Sorge:
Wenn es zum Krieg zwischen Iran und Israel käme, so wäre dies die ultimative Prüfung von Merkels Versprechen. Würde Deutschland dann aufseiten Israels in einen Konflikt eingreifen? Es ist zweifelhaft, ob wir diesen Test bestehen würden. Nicht nur deshalb gehört es vor allem zur Staatsräson Deutschlands, diesen Konflikt, den großen Nahostkrieg abzuwenden.
Ansonsten stets mit dem Holzhammer hantierend, zweifelt Thumann hier an, was zweifelsfrei feststeht: Natürlich würde Deutschland nicht aufseiten Israels in einen Konflikt eingreifen, dafür sorgen nicht zuletzt Journalisten vom Schlage Thumanns. Gesteht man Thumann jedoch für einen kurzen Moment zu, eine iranische Atombombe – und sei es einzig und allein aus Eigeninteresse – wirklich verhindern und den „großen Nahostkrieg“ abwenden zu wollen, lautet sein Vorschlag:
Dazu muss man das kleine Einmaleins der Nahostrhetorik beherrschen. Ahmadineschad liebt markige Worte seiner Gegner. Dann kann er im Gegenzug um islamische Solidarität heischen, die arabische Straße aufhetzen, vor allem bei den US-Verbündeten Saudi-Arabien und Ägypten. Konfrontation ist sein Lebenselixier. Offene Drohungen mit dem Knüppel, wie Benjamin Netanjahu sie schätzt, sind kontraproduktiv. Gerade der mögliche Angriff aus dem Westen bestärkt die Iraner, atomwaffenfähiges Uran anzureichern.
Thumann verschweigt geflissentlich, dass es sich bei Ahmadinedschads Worten keinesfalls nur um bloße „Rhetorik“ und leere Worte handelt. Nein: der iranische Präsident meint, was er sagt, und er sagt, was er meint. Das Streben der Islamischen Republik Iran nach Nuklearwaffen ist nicht den „offenen Drohungen“ Israels oder gar einem – schön wäre es! – „möglichen Angriff aus dem Westen“ geschuldet, sondern elementarer Bestandteil islamfaschistischer Ideologie. Dies ignorierend schlägt Thumann hingegen folgende Strategie für den Umgang mit dem Iran vor:
Gefragt ist daher kluger, nicht krachender Gegendruck. Nur wenn die Angriffsdrohung wegfällt, besteht die Chance, Iran noch zu einem Atomkompromiss zu bewegen. Davon sollten die Deutschen Israel überzeugen.
Vielleicht glaubt Thumann ja entgegen jeglicher Erfahrung und Vernunft wirklich, dass die Appeasement-Politik gegenüber der Islamischen Republik Iran weiter fortgeführt werden muss und das immer noch nicht genug Zugeständnisse gegenüber Teheran gemacht wurden. Vielleicht glaubt Thumann auch wirklich, dass einem Freund, dessen Leben von einem Dritten bedroht wird, am Besten durch Kritik des eigenen Handelns gedient sei.
Vielleicht handelt es sich bei Thumanns Worten aber auch einfach nur um einen Ausdruck jener Spielart des Antisemitismus, mit der man im Jahr 2009 in Deutschland Zeitungen in hunderttaussendfacher Auflage verkaufen kann.
Mission Accomplished!
Severin Weiland vom SPIEGEL gratuliert Außenminister Guido Westerwelle, den „heiklen Besuch“ im Nahen Osten ohne „politische Unfälle“ gemeistert und so den „Israel-Test“ bestanden zu haben. Das entsprechende Bild zum Beitrag:

Den jüdisch-israelischen „Siedlungsbau“ kritisieren, sich fröhliches lächelnd vor einem Porträt Arafats ablichten lassen und das ganze dann auch noch frech als wachsende „Freundschaft“ mit Israel verkaufen – kein Wunder, dass deutsche Medien sich hochzufrieden mit dem neuen deutschen Außenminister zeigen.
„Fünfzig Deutsche von gestern, für die Welt von morgen“
Was sich wie ein Aufruf zu Mord und Totschlag liest, ist einer neue Kampagne der ZEIT entnommen, die in ihrer neusten Ausgabe „50 deutsche Vorbilder“ ehrt; „Vordenker und Visionäre“, gar „Menschen, von denen wir lernen können, die wir wiederhaben wollen“ – eben „fünfzig Deutsche von gestern, für die Welt von morgen“.
Wie gut, dass Hitler Österreicher war.
Ein Hoch auf die GEZ-Gebühr
Sinn und Zweck des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland ist es, den privatwirtschaftlich organisierten Medien, denen man selbiges offensichtlich nicht zutraut, ein qualitativ hochwertiges und den Ansprüchen einer demokratischen Gesellschaft genügendes Angebot entgegenzusetzen. Heraus kommen dann allerdings solch’ messerscharfe Analysen wie die von Sebastian Engelbrecht vom Bayrischen Rundfunk:
US-Außenministerin Clinton hat im Nahen Osten für Gespräche ohne Vorbedingungen geworben. Auch nach Treffen mit Israels Regierungschef Netanjahu und Palästinenserpräsident Abbas bleibt der israelische Siedlungsbau das wohl größte Hindernis für den Friedensprozess.
Den Luxus eines Arguments, warum gerade siedelnde Juden und nicht etwa judenhassende und -mordende Islamfaschisten oder UN-Berichte, die Israel jegliches Recht auf Selbstverteidigung absprechen, das „größte Hindernis für den Friedensprozess“ sein sollten, gönnt Engelbrecht seinen Lesern nicht. Engelbrecht, der dem Meinungsjournalismus in der Vergangenheit mit „Mit Islamisten muss man reden“ bereits eine Sternstunde bescherte, beweist damit einmal mehr, dass sich die Öffentlich-rechtlichen nicht von den ihren privaten Konkurrenten unterscheiden: sie senden und publizieren nicht das, was einem an Fakten orientierten und hochwertigen Journalismus zumindest nahe käme, sondern das, was die Mehrheit der deutschen Bevölkerung für richtig oder falsch halten will . Insofern wird Engelbrechts argumentfreie Verleumdung dann wohl auch von den meisten seiner Lesern als Argument missgedeutet werden, bestätigt sie doch lediglich, was in Deutschland bis auf Weiteres galt und gilt: der Jud’ ist schuld.
Wie die ZEIT Alfred Grosser ehrt
Wenn ein renommierter „Israel-Kritiker“ vom Schlage eines Alfred Grossers ein Buch mit dem Titel „Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel“ veröffentlicht, ist eine wohlwollende Besprechung jenes Traktats in der ZEIT ebenso gewiss wie der deutsche Imperativ nach Auschwitz: „Kritik unter Freunden, jetzt erst recht!“
Was Willi Jaspers, Professor für deutsch-jüdische Literaturgeschichte an der Universität Potsdam, über Grossers neues Machwerk zu sagen hat, gleicht freilich eher einer ebenso ehrfürchtigen wie folgerichtig zur Hälfte erschwindelten Laudatio auf den Verfasser als einer Buchbesprechung. Nur zu Beginn bemüht sich Jaspers, einen wenigstens einigermaßen distanzierten Blick vorzutäuschen:
Wer angesichts des plakativen Titels hofft oder befürchtet, dass Alfred Grosser mit seinem neuen Buch auf eine noch härtere Gangart der Kritik an Israel aus sei, wird enttäuscht.
Der Versuch scheitert grandios, offenbaren die obigen Zeilen doch zweierlei: Erstens räumt Jasper unfreiwillig ein, dass es Grosser und Konsorten eben gerade nicht um Kritik an der konkreten Politik des Staates Israel geht, sondern um den Staat Israel an und für sich. Zweitens verträgt sich die durch die Nennung sowohl von Befürwortern als auch Kritikern Grossers suggerierte Ausgewogenheit Jaspers nicht mit dem Verweis auf den „plakativen Titel“ und die „noch härtere Gangart der Kritik an Israel“. Für eine Verbindung von „Auschwitz und Jerusalem“ im Zusammenhang mit einer „Kritik an Israel“ gibt es nur einen treffenden Begriff: Antisemitismus.
Nachdem die Nebelbombe zwar geworfen, das Ziel aber verfehlt wurde, legt Jaspers langatmig seine Bewunderung für Grosser dar, dem er zu Gute hält, seine Meinung „immer mit erfrischender Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht“ zu haben – ganz so, als sei dies per se bereits eine bewundernswerte Eigenschaft. Jedoch habe – oh, grausame Welt! – dieser triviale, für Jasper indes nahezu heroische Akt Grosser „im Fall seiner Kritik an der Politik Israels viele Freundschaften gekostet“. Ja, so werde Grosser „von islamischen und zionistischen Fundamentalisten [...] gleichermaßen angefeindet [...], weil er weder Araber noch Juden als historische „Ureinwohner“ Palästinas betrachtet“.
Bizarr mutet es an, wenn Jaspers sich der gewöhnlichsten aller Methoden bedient und versucht, die Legitimität der Grosserschen Position durch den Verweis auf weitere – natürlich: jüdische – Gesinnungsgenossen zu bekräftigen:
So kann er [Grosser, Mr. Moe] Haaretz-Artikel zitieren, in denen bezweifelt wird, dass es militärische Lösungen für den Nahostkonflikt geben könnte.
Wahrlich eine Sternstunde journalistischer Recherche, wird diese (richtige) Auffassung doch nicht nur in der Haaretz, sondern auch in nahezu allen anderen Zeitungen in Israel und andernorts vertreten. Freilich ist die Tatsache, dass Antisemitismus nicht (allein) durch Militärgewalt überwunden werden kann, vollkommen unabhängig davon, dass sich der im Rakten-Terror manifestierende Antisemitismus nicht nur grundsätzlich militärisch bekämpfen lässt, sondern gar zu einem solchen Vorgehen verpflichtet. Fernab einer solchen Einsicht zieht Jasper es hingegen vor, klangvolle Verbündete Grossers wie Avi Primor oder Daniel Barenboim aufzuzählen. Bewundernd stellt Jaspers zudem fest, dass der Visionär Grosser schon 1986 erklärt habe,
„dass der Antisemitismus heute weder in Deutschland noch in Frankreich „die schlimmste Form der ethnischen Diskriminierung“ sei.
Was Jasper als Kompliment für die scheinbare Weitsicht Grossers anzubringen versucht, zeigt lediglich, dass Grosser einen vollkommen falschen Begriff vom Antisemitismus hat, wenn er ihn als Unterkategorie „ethnischer Diskriminierung“ begreift. Aus dieser falschen Bestimmung folgt, dass Jasper sich auf Grosser berufend in Folge„verwahrloste Straßen deutscher und französischer Städte, in denen ‘nur Türken oder Nordafrikaner wohnen’“ mit dem „Ghettoelend der alten Judengasse“ gleichsetzt. Seine Professur an einer deutschen Universität hätte Jasper nicht verdient, wäre er von derlei begrifflichem Firlefanz nicht begeistert:
Seine [Grossers, Mr. Moe] Moral ist nicht ohne Logik, wenn er darauf aufmerksam macht, dass man nicht von der „Unvergleichlichkeit des Holocaust“ sprechen könne und im gleichen Atemzug den „Islamofaschismus“ als neuen Nationalsozialismus brandmarke.
Gemäß dieser Logik könnte man freilich auch Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, da Murmeltiere ja schließlich keine Pflanzen seien.
Zum Abschluss der Laudatio verlässt Jaspers die Ebene der Lobhudelei und begibt sich vollends auf eine Ebene, die er ebenso gut zu beherrschen pflegt – die Ebene des Humors:
Obwohl Grosser als Realpolitiker denkt und handelt, folgt sein Gerechtigkeitssinn einer humanistischen Grundidee.
Es folgt das übliche Bekenntnis zum genuin deutschen Verständnis von „Freundschaft“: „je größer die Nähe, umso wichtiger [sei] gegenseitige Kritik“, was wiederum insbesondere für das „Verhältnis von Deutschen und Israelis“ zu gelten habe. Wäre mit einer ernstzunehmenden Antwort von den Grossers und Jaspers dieser Welt zu rechnen, man wäre geneigt zu fragen, warum die freundschaftliche Kritik zwischen den guten Freunden in Deutschland und Israel bis dato gleichermaßen asymmetrisch ausfällt wie der Krieg, den Israel ebenso gezwungen ist zu führen, wie es seine „Freunde“ ertragen muss.
Quelle: Willi Jaspers: „Gerecht denken“, in: DIE ZEIT vom 22. Oktober 2009, S. 52.
Ratespiel
Woher stammen wohl die folgenden Zeilen?
Nahost: Die Diagnose ist unumstritten: Zu echten Forschritten wird es im Friedensprozess nur kommen, wenn der israelische Siedlungsbau im besetzten Westjordanland gestoppt wird. Obama hat das erkannt und auch versprochen, entsprechenden Druck auf Israel auszuüben. Doch vorangekommen ist er so gut wie gar nicht. Die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu stellt sich stur.
Handelt es sich hierbei um einen Auszug aus einem palästinensischen Schulbuch, in dem auch den Dümmsten unter den Kleinsten unmissverständlich deutlich gemacht werden soll, dass der Jud’ schuld ist und entsprechend behandelt gehört? Nahe dran: der Text wurde in einer deutschen Qualitätszeitung abgedruckt, namentlich der ZEIT vom 16. Oktober.
Jede Zeitung hat die Leser, die sie verdient
Aus einem Leserbrief an die ZEIT, bezogen auf einen Artikel über die Al-Qaida:
Hier wird wieder mal die Behauptung popularisiert, dass der islamistische Terrorismus die westliche Kultur hasse. Das Motiv sind jedoch, wie den Aussagen der Ideologen zu entnehmen ist, die Interventionen des Westens in den Ländern der Extremisten selbst. Es handelt sich also um eine „Reaktion“.
Solange dieser wichtige Aspekt nicht erkannt wird, werden die westlichen Maßnahmen nicht reüssieren. Die Aggression des Terrorismus hat also, für ihn selbst, einen Grund. So war bin Ladens Motiv die Präsenz von US-Truppen und Stationen in Saudi-Arabien. Eine objektive Analyse muss diesen Punkt erwähnen und berücksichtigen.
Quelle: DIE ZEIT vom 15. Oktober 2009, S. 48.
„Unverbrüchliche Solidarität“ mit Israel
Alles, was man über den deutschen Zustand im Jahr 2009 in Bezug auf Antisemitismus und auf Israel wissen muss, ist in Andrea Böhms auf der Titelseite der ZEIT veröffentlichten Kommentar „Krieg der Werte“ enthalten. Den Goldstone-Bericht aufgreifend fragt sich Böhm, warum dieser von den Vereinigten Staaten eigentlich als „einseitig“ bezeichnet werde (was, nebenbei bemerkt, eine wenn auch euphemistische so doch im Kern natürlich zutreffende Bezeichnung ist). Im Gegensatz zu manch anderem Kommentator bemüht sich Böhm immerhin gar nicht erst vorzutäuschen, dass sie zwischen judenhassenden Terroristen einerseits und der IDF andererseits zu unterscheiden pflegte. Ganz im Gegenteil bekennt sich Böhm erfreulich offen zu jenem von US-Präsident Barack Obama ausgerufenen geschichtsfremden moralischen Relativismus , für den Obama gestern den Friedensnobelpreis erhalten hat. Böhm schreibt:
Auf 575 Seiten schildern Goldstone und seine Ermittler detailliert israelische Militärschläge im Gaza-Streifen ebenso wie Raketenangriffe von Hamas auf israelische Städte und Siedlungen. Beide Kampfparteien werden dabei der Kriegsverbrechen beschuldigt. Goldstone wirft Hamas vor, sie habe mit ihrem Raketenbeschuss Terror auf die israelische Zivilbevölkerung ausgeübt. Israel beschuldigt er, mit seinen Attacken auf palästinensische Krankenhäuser, Moscheen und Fabriken während der Operation »Gegossenes Blei« sich nicht nur gegen terroristische Angriffe gewehrt, sondern eine ganze Bevölkerung »kollektiv bestraft« zu haben.
Israel und Hamas werden in dem Bericht aufgefordert, umgehend selbst diese Verbrechen zu untersuchen und zu ahnden. Auf beiden Seiten dürfte dieser Appell leider ein frommer Wunsch bleiben, weshalb Goldstone empfohlen hat, den Bericht an den UN-Sicherheitsrat und von dort notfalls weiter an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu verweisen.
Es ist die Mühe nicht wert, darauf hinzuweisen, dass aus den „Krankenhäusern, Moscheen und Fabriken“ Raketen abgefeuert wurden und/oder diese „zivilen“ Einrichtungen als Waffenlager dienten. Denn dem Verständnis von Böhm zufolge, das sie mit der Mehrheit der deutschen Bevölkerung sowie großen Teilen der Welt eint, gibt es schlicht keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Hamas und dem jüdischen Staat. Leider ginge der jüdische Staat in dieser heuchlerischen und israelfreundlichen Welt jedoch in der Regel straffrei aus, während allseits auf die Hamas geschimpft werde. Doch zum Glück, so frohlockt Böhm, gebe es mit Obama jetzt endlich einen vermeintlich neutralen Schlichter, jemand, der sich endlich auch einmal traute, den Juden auf die Finger zu hauen:
Man könnte die Causa Goldstone als weiteres Kapitel im elenden politischen Drama des Nahostkonflikts abhaken – wäre da nicht Barack Obama. Unter seiner Regierung, so hatte Obama versprochen, werde es in Sachen Nahost kein business as usual geben. Sollte heißen: unverbrüchliche Solidarität mit dem israelischen Staat, aber keine reflexhafte Abwehr mehr von internationaler Kritik an Israel. In seiner Kairoer Rede im Juni verurteilte Obama ausdrücklich die »alltäglichen Erniedrigungen« der Palästinenser unter der Okkupation. Bei seinem Auftritt vor der UN-Generalversammlung las er jüngst nicht nur antisemitischen Scharfmachern von Mahmud Ahmadineschad bis Muammar al-Gadhafi die Leviten, sondern auch Israel und dem eigenen Land: Es gebe keine echte Sicherheit ohne Respekt für die Menschenrechte und die legitimen Ansprüche der Palästinenser. Genau das steht auch im Goldstone-Report. Indem die US-Regierung diesen nun in den Giftschrank packt, verspielt sie jenes politische Kapital im Nahen Osten, das Obama mit seinen Reden geschaffen hat.
Erneut ist Böhm erfrischend ehrlich, wenn sie offen bekennt, dass „antisemitische Scharfmacher“ und Israel ihrer Ansicht nach gleichermaßen behandelt werden müssten. Den krönenden Abschluss setzt Böhm, in dem sie versucht, ihren haarsträubenden Auswurf gegen Ahmadinedschad und Co zu richten:
Solche strategisch motivierte Heuchelei Amerikas und der EU kommt den Ahmadineschads, al-Gadhafis, al-Baschirs, Mugabes und Mubaraks höchst gelegen. Die denunzieren immer lauter die Idee internationaler Ermittlungen und Strafgerichte als »neokoloniales Instrument« des Westens, als »Zwei-Klassen-Justiz«, die sich nur gegen afrikanische Kriegsherren und arabische Staatschefs wende, nicht aber gegen israelische Militärs, die Krankenhäuser beschössen, oder amerikanische Verteidigungsminister, in deren Papierkorb die Antifolterkonvention liege.
Böhm verschweigt, dass es den antisemitischen Hetzern natürlich alles andere als gelegen käme, wenn sich zum jüdischen Staat bekannt würde, statt ihn dafür zu kritisieren und anzuklagen, das Leben seiner Bürger zu schützen. Was Ahmadinedschad und seinen Gesinnungsgenossen in Wirklichkeit gelegen kommt ist, dass ihnen ein internationales Podium geboten wird und dass sie auf der Titelseite westlicher Zeitungen mit Israel auf eine Stufe gestellt werden.
Um noch einmal unmissverständlich zusammenzufassen, wie Böhms genuin deutsches Verständnis des Verhältnisses zum jüdischen Staat aussieht: Andrea Böhm fordert auf der Titelseite der ZEIT nicht nur, dass Juden sich gegen ihre Ermordung nicht wehren dürfen, sondern sie vielmehr widerstandslos zu dulden haben. Sie fordert nicht nur, dass Juden sich gegen ihre Ermordung nicht wehren dürfen, sie widerstandslos zu dulden haben und im Falle der Zuwiderhandlung in Form von Selbstverteidigung bestraft werden müssen. Nein, sie fordert, dass Juden sich gegen ihre Ermordung nicht wehren dürfen, sie widerstandslos zu dulden haben, im Falle der Zuwiderhandlung in Form von Selbstverteidigung bestraft werden müssen, und dass dieses ganze antisemitische Prozedere dann trotzdem (oder gerade deswegen?) auch noch als „unverbrüchliche Solidarität“ mit Israel bezeichnet wird. Zynismus, deine Name ist Andrea Böhm – und „unverbrüchliche Solidarität“ mit Israel ist so verstanden nichts anderes als ein Euphemismus für einen Antisemitismus in nicht mehr ganz so neuem Gewand.
Wüsste man es nicht besser, man käme auf den Gedanken, dass Andrea Böhm sich jene Zeit zurück wünscht, von der man sich – posthum versteht sich – in Deutschland so gerne öffentlichkeitswirksam und ohne Konsequenzen für Denken und Handeln ziehend distanziert.
Alles beim Alten oder ein erneuter Sieg des Islamofaschismus
Menschen mögen in der Lage sein, sich zu ändern, und dies bisweilen sogar auch tatsächlich einmal tun, für Ideologien gilt dies indes nicht. Nach einer guten Woche ohne den Konsum von Medien – ein Wort, das, es kann nicht oft genug betont werden, keinesfalls zufällig ein Anagramm von „meiden“ ist – bestätigt die Durchschau der Frankfurter Rundschau (FR)* diese Erkenntnis, deren Wahrheitsgehalt ohnehin nie ernsthaft zu bezweifeln war.
Die sich in diesem Fall sowohl ihrer eklatanten logischen Widersprüche als auch jeglicher vermeintlich klug machender Erfahrung zum Trotz partout nicht wandeln wollende, weil eben prinzipiell nicht wandelbare, Ideologie, ist die Ideologie des Appeasements. Am 28. September schreibt Birgit Cerha in der FR unter dem Titel „Iran provoziert mit Raketentests“:
Die Islamische Republik setzt im Atomstreit mit dem Westen nun voll auf Konfrontation.
Einmal mehr wird eine Meldung, die nichts Neues enthält, sondern seit Langem Bekanntes und Altbewährtes, in den Rang einer Nachricht erhoben. Denn wie Amir Taheri in „The Persian Night“, seiner Analyse des im Iran herrschenden khomeinistischen Islamofaschismus, treffend schreibt, ist die Islamische Republik Iran „genetically programmed for war“. Und nicht trotzdem, sondern genau deshalb veröffentlicht die FR nur wenige Tage nach der wiederholten iranischen „Provokation“ einen Text von Pierre Simonitsch mit dem Titel „Entspannung im Atomstreit“:
Der Streit über das verdächtige [sic!] Nuklearprogramm Teherans hat sich spürbar verschärft. Am Donnerstag einigte sich der Iran [sic!!] mit den fünf ständigen Mitgliedern des Weltsicherheitsrates (USA, Russland, Frankreich, Großbritannien, China) und Deutschland in Genf auf einen „intensiven Dialog“. Das nächste Treffen soll noch vor Ende Oktober stattfinden.
Diese nicht überraschend positive Beurteilung des ebensowenig überraschend wenig ertragreichen Treffens in Genf eint die Gutgläubigen. So wertet Paul-Anton Krüger das Ergebnis des Treffens in Genf in der SZ der Logik des Appeasements folgend und die Meldung der New York Times, dass der Iran über das notwendige Wissen verfüge, eine Atombombe zu bauen, gekonnt bei Seite wischend gar als „ein Geschäft, das allen nützt“, einen „geschickten Schachzug“, der auch „im Interesse des Westens“ sei . Der inhärente Widerspruch seiner Argumentation wird dabei bereits im Teaser ersichtlich:
Nach Jahren des Stillstands ist nach den Genfer Gesprächen mit Iran endlich ein Ausweg aus dem Atomstreit in Sicht – vorausgesetzt, Teheran meint es wirklich ernst.
Mit anderen Worten: nein, es ist kein „Ausweg aus dem Atomstreit“ in Sicht. Es ist vielmehr John Bolton zuzustimmen, der in einer lesenswerten Analyse im Wall Street Journal schreibt, dass es sich um „Iran’s Big Victory in Geneva“ handle:
Once again, Washington has entered the morass of negotiations with Tehran, giving Iran precious time to refine and expand its nuclear program. We are now even further from eliminating Iran’s threat than before Geneva.
Und so ist es: die Zugeständnisse des Westens an den Iran verschaffen dem Regime nicht nur weitere Zeit, sondern werden von Ahmadinedschad, Khamenei und Co in nur allzu vertrauter Manier als das interpretiert werden, was sie ihrem Wesen nach auch tatsächlich sind: ein erneutes Zurückweichen vor der Barbarei.
*) Anmerkung zur Frankfurter Rundschau: die FR ist eine Zeitung, deren Niveau mit demjenigen der taz oder der Süddeutschen Zeitung verglichen werden kann. Sie ist – mit anderen Worten – ungenießbar und nur in Ausnahmefällen, in denen keine Alternative zu Verfügung steht, zu rezipieren.
Quellen: Birgit Ceha: „Iran provoziert mit Raketentests“, in: Frankfurter Rundschau vom 28. September 2009, S. 11. sowie Pierre Simonitsch: „Entspannung im Atomstreit“, in: Frankfurter Rundschau vom 2. Oktober, S. 10.
Crossposted auf FREE IRAN NOW!
Schreckhaft
Stichwort „akzeptabler Antisemitismus“. Anne Seith titelt für SPIEGEL ONLINE:
Hedgefonds starten wieder durch. Comeback der Heuschrecken.





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