Zeitung für Schland

Wer Lügen nicht aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on April 22, 2010

Martin Klingst erklärt in der ZEIT, „warum Obama Streit mit Israel sucht“. Das Credo der Obama-Regierung in Bezug auf Israel umschreibt Klingst wie folgt:

„Achtung, Israel, wir werden uns nicht aus dem Nahostkonflikt heraushalten, denn eure Interessen sind nicht mehr zwangsläufig die unseren!“

Dass man dieser Tage in Washington dieser Ansicht ist, steht ebenso außer Frage wie die Tatsache, dass es an und für sich Journalisten wie Klingst vorbehalten wäre, in aller Deutlichkeit auf den Wahn hinzuweisen, der ihr zu Grunde liegt. Als Anregung hierfür möge ein Einwurf von Caroline Glick dienen, in dem die Bedeutsamkeit Israels für ureigene amerikanische Interessen im Nahen Osten in Schrift sowie auch Bild und Ton herausgestellt wird. Denn auch wenn Obama es anders sehen oder nur an jene ihm in Scharen davonzulaufen drohende jüdische Wählerschaft zu verkünden vermag; bis auf Weiteres haben Israel und die Vereinigten Staaten die gleichen Feinde im Nahen Osten.

Klingst ist indes ein Vertreter der deutsch-europäischen Logik, die sich die Obama-Regierung längst zu Eigen gemacht hat und gemäß derer ausschließlich demokratische und insbesondere jüdische Staaten für Probleme verantwortlich sind, während jedes autoritäre Regime und jeder mörderische Ideologe mindestens potentielle Empfänger für ausgestreckte Hände darstellen. Auf Grundlage dieser Überzeugung schreibt Klingst, dass in der Haltung der Obama-Regierung

„der ganze Zorn über Israels Besatzungs- und Siedlungspolitik [steckt], die der amerikanischen Mission in der Region schadet, Feinde wie Iran und al-Qaida stärkt und obendrein das Leben amerikanischer Soldaten zwischen Kabul und Bagdad gefährdet.“

Nicht etwa die „Islamische Republik“, die die Vereinigten Staaten – in den Augen deutsch-europäischer Ideologen: auch, selbst, sogar unter Obama – im Irak und Afghanistan attackiert, sondern die israelische Politik seien also für Mord und Totschlag verantwortlich. Klingst schließt sich demnach der Behauptung der Obama-Regierung – „der gute Freund [Israel, Mr. Moe] gefährde Amerikas Sicherheit“ an und ist folgerichtig nicht in der Lage, sie ihn ihr immer deutlich werdendes Gegenteil zu verkehren: Obamas Amerika gefährdet Israels Sicherheit.

Die seinen eigenen Worten nach auf den „Streit mit Israel“ hinauslaufende Politik Obamas rationalisiert Klingst als das „Ergebnis vieler Strategiesitzungen und unzähliger Enttäuschungen“, anstatt wenigstens zu erwähnen, dass viele von Obamas Beratern und Weggefährten für ihre “israelkritischen” Positionen bekannt und durch bisweilen offen antisemitische Äußerungen in Erscheinung getreten sind. Diese von Klingst als politisch klug und aus der Erfahrung lernend dargestellten Berater Obamas geben etwa folgende Weisheit von sich, die Klingst für bare Münze nimmt:

Der [Nahost-]Konflikt bleibt das Brennglas, durch das viele Araber die USA sehen; er ist die Quelle für die öffentliche Wut auf die Außenpolitik der USA. Er ist der Hauptgrund für Militanz und für den iranischen Einfluss in der arabischen Welt“.

Ob Obamas Berater und ihr offenkundiger Bewunderer Klingst den Juden Israel auch die Schuld für den Ausbruch des Vulkans unter dem Eyjafjallajökull zuschreiben, ist leider nicht überliefert.

Quelle: Martin Klingst: „Hassliebe“, in: DIE ZEIT vom 22. April 2010, S. 8.

Wenn Lügner gerne morden oder: die ZEIT über Israel

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Februar 25, 2010

Gisela Dachs und Christian Denso führen in der Printausgabe der ZEIT aus, warum Israel berechtigtes Interesse an der Tötung von Mahmud Al-Mabhuh hatte. Lobenswert hervorzuheben ist, dass die Autoren die Leser der ZEIT nicht durch Hinweise auf die etwaigen Motive arabischer Staaten wie Ägypten oder Jordanien hinweisen, die selbst die Hamas dazu veranlassen, jene Staaten als Täter zu verdächtigen – es hätte den gemeinen ZEIT-Leser ja doch nur verwirrt, wenn auch nur in Erwägung gezogen worden wäre, dass jemand anders außer Israel an den Pranger zu stellen sei.

Während Dachs und Denso ausführlich, wenngleich gewiss auch nicht in entsprechender Deutlichkeit, darlegen, dass Al-Mabhuhs Tod durch und durch zu begrüßen ist – “Mabhuh war eine Gefahr für Israels Sicherheit” -, erteilen sie dennoch die für die ZEIT obligatorischen Seitenhiebe in Richtung Jerusalem. Der erste Satz des Artikels lautet etwa:

Immerhin ist Israel diesmal ein bisschen ehrlicher.

Mit anderen Worten: während der jüdische Staat gemeinhin lügt wie gedruckt, sagen selbst die Juden dieser Tage zumindest einmal ansatzweise die Wahrheit – mehr ist von Ihnen ja ohnehin nicht zu erwarten (die “Ehrlichkeit Israels” bezieht sich im Übrigen auf die Aussage eines einzigen [!] israelischen Abgeordneten, der aussagte, dass es ihm leid täte, wenn Israel nicht für die Tötung Al-Mabhuhs verantwortlich sei). Im Folgenden räumen Dachs und Denso zwar ein, dass “noch” nicht bewiesen sei, dass Israel Al-Mabhuh “ermordet” habe, machen aber umso deutlicher, dass Israel für eine derartige Tat doch geradezu prädestiniert sei:

Wer aber weiß, wer das Opfer aus Zimmer 230 des Bustan-Rotana-Hotels war, ahnt, warum ein Staat, der bereits in der Vergangenheit Mord als Mittel seiner Politik verstand, ein Killerkommando auf diesen Mann losgelassen haben könnte.

Während sich andere Staaten gemäß den Wunsch- respektive Wahnvorstellungen deutscher Journalisten verhalten – also entweder jeglichem Konflikt aus dem Weg gehen oder am besten gleich einem fremden Kulturkreis angehören und folglich von jeglicher Verantwortung für eigenes Handeln entbunden sind – zeichne sich der jüdische Staat also dadurch aus, “Mord als Mittel seiner Politik” zu begreifen.  Und wieder einmal durften ZEIT-Leser etwas lernen, das sie doch ohnehin schon wussten.

Quelle: Gisela Dachs und Christian Denso: “Ihr bester Schmuggler”, in: DIE ZEIT vom 25. Februar 2010, S. 7.

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Unbelehrbar

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Februar 9, 2010

Ulrich Ladurner beweist für die ZEIT, dass die Befürwortung von Appeasement-Politik eine Krankheit ohne Heilung ist:

Das Getöse von München erweckte freilich den Eindruck, als habe Iran nun endgültig und für immer eine rote Linie überschritten. Dem ist nicht so. Ein rote Linie hätte Iran erst dann überschritten, wenn es wirklich eine Atombombe in den Händen hielte. Bisher gibt es dafür nur viele Verdachtsmomente, aber keine konkreten, handfeste Beweisen. Und bis dahin wird man sich  in beharrlicher, druckvoller Diplomatie üben müssen. Ein andere Alternative gibt es nicht.

Die “rote Linie” ist demnach genau dann überschritten, wenn die Islamische Republik tatsächlich nuklear bewaffnet ist. Mit anderen Worten: solange der Iran die Bombe nicht hat, besteht kein Anlass zum Handeln. Wüsste man es nicht besser, man käme glatt auf den Gedanken, Ladurner bezöge sein Gehalt unmittelbar aus Teheran.

Crossposted auf FREE IRAN NOW!

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Die Grenzen der Islamkritik-Kritiker

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Februar 5, 2010

Im Hinblick auf den seit einigen Wochen im deutschen Feuilleton geführten Streit über “Islamkritik” und “Islamophobie” hat sich Jens Jessen, Feuilletonchef der ZEIT, auserkoren, zu erklären, „warum in der hysterisch geführten Debatte derzeit so viel Verwirrung herrscht“. Als erwiesenermaßen sachliche und moralisch integere Instanz ist Jessen ist für diese Aufgabe wahrlich prädestiniert, wies er doch schon im Zuge eines in einer Münchener U-Bahn-Station brutal zusammen geschlagenen Rentners darauf hin, dass hierbei doch die „Kette einer unendlichen Masse von Gängelungen, blöden Ermahnungen, Anquatschungen“ zu berücksichtigen sei, „die der Ausländer, namentlich der Jugendliche, hier ständig zu erleiden hat“.

Ganz im Sinne Jessens aufklärerischen Auftrags ist neben seinem Artikel das berüchtigte Plakat der Schweizer Volkspartei (SVP) abgebildet, auf dem für ein “Ja zum Minarettverbot” geworben wird. Da weder die SVP, noch das Minarettverbot in Jessens Artikel behandelt werden, stellt sich die Frage, welchen Sinn das Abbilden des Plakates hat, werden hierdurch doch alle Islamkritiker, die von Islamkritik-Kritikern wie Jessen im Übrigen ohnehin selten beim Namen genannt werden, in einen Topf geworfen. Jene Islamkritik-Kritiker, die fortlaufend darauf hinweisen, dass es „den“ Islam doch gar nicht gebe und dass peinlichst genau zwischen „Islam“ und „Islamismus“ zu unterscheiden, haben ihrerseits offenbar keine Scheu, von den Islamkritikern zu sprechen und sie unisono zu bekämpfen.

Zu Beginn seines Kommentars stellt Jessen die Frage, ob es „schon ein Zeichen von gefährlichem Appeasement“ gewesen sei, „dass der versuchte Anschlag auf den dänischen Mohammed-Karikaturisten eher resignativ hingenommen wurde“. Diese Frage hält Jessen offenbar für nichtig, nennt er den von Islamisten bedrohten Zeichner Kurt Westergaard doch nicht einmal beim Namen, sondern begnügt sich ähnlich wie bei den gewalttätigen Jugendlichen mit einem Verweis auf den vermeintlichen Akt der Provokation – die Gängelungen durch “Spießer” respektive die Mohammed-Karikaturen -, ganz so als ob dieser letztlich, wenngleich auch keine vollständige Entschuldigung liefere, so doch für mildernde Umstände spräche. Für wichtiger erachtet Jessen ohnehin die folgende Frage:

Wie viel Dauerverdächtigung einer Weltreligion, die neben dem Terror noch viele andere Gesichter hat, kann sich der Westen leisten, ohne seine Freiheiten selbst zu untergraben, zu denen schließlich auch die Religionsfreiheit gehört?

Zunächst einmal ist es natürlich richtig, dass der Islam „neben dem Terror noch viele andere Gesichter hat“; Zwangsverheiratungen, Ehrenmorde, Steinigungen und Geschlechtsapartheid in etwa. Doch Schwamm drüber, enthält Jessens Argumentation doch ein wesentlicheres Problem als den üblichen Kulturrelativismus deutscher Kulturjournalisten. Jessen behauptet nichts anderes, als dass die von ihm als „Dauerverdächtigung“ bezeichnete Kritik am Islam unmittelbar und zwangsläufig mit einem Abbau von Freiheiten, insbesondere der Religionsfreiheit verbunden sei. Dies ist, vorsichtig formuliert, eine gewagte These, wird doch faktisch kein Muslim in der westlichen Welt daran gehindert wird, seinen Glauben frei auszuüben. Darüber hinaus ist auch nicht bekannt, dass namhafte “Islamkritiker”, die von Jessen freilich nicht namentlich genannt werden, ein generelles Verbot des Islams fordern. Diese Gegebenheit scheint Jessen auch zumindest zu erahnen, wenn er im Folgenden schreibt:

Denn zu dem Angebot, das der Westen der Welt und die westlichen Staaten in ihren Verfassungen dem Bürger machen, gehört nun einmal, dass seine Freiheiten universell gelten sollen, nicht nur dem Angehörigen der eigenen, ursprünglich christlich geprägten Kultur, sondern jedem, der sich an Recht und Gesetz hält.

Wer nun von Jessen Belege für die implizit enthaltene These erwartet, dass Islamkritiker Muslimen jene universellen Freiheiten, absprechen wollten, wird enttäuscht. Stattdessen fällt auf, dass Jessen nicht einmal in der Lage ist, den „Streit, der hierzulande unter anderem zwischen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung tobt“, auch nur korrekt wiederzugeben. Schließlich wurde in jeder einigermaßen ernstzunehmenden großen überregionalen deutschen Tageszeitung wie der F.A.Z., der WELT oder der taz sowie auch in der Süddeutschen Zeitung einvernehmlich gegen „Hassprediger“ und „heiligen Krieger“ gewettert. Der von Jessen vermeintlich ausgemachte Konflikt zwischen konservativen und linksliberalen Medien ist indes ein Mythos, der eher auf das Weltbild des Verfassers, denn die Realität schließen lässt. Angesichts dessen verwundert es auch nicht, dass Jessen die seiner Auffassung nach entscheidende Frage nicht nur falsch beantwortet, sondern bereits falsch stellt:

Was ist schlimmer, den Islam zu verharmlosen oder zu verteufeln? Es liegt auf der Hand, dass der Streit auf dieser Ebene, die vor allem eine des persönlichen Lebensgefühls ist, nicht entschieden werden kann.

Außer Jessens als „persönliches Lebensgefühl“ gekleideten moralischen Relativismus liegt der obige Sachverhalt ebenso wenig auf der Hand wie Jesses nachfolgende Behauptung:

Es liegt ebenfalls auf der Hand, dass man prominenten Islamkritikern wie Necla Kelek, die selbst der islamischen Welt entstammen, keine westliche Arroganz unterstellen kann.

Warum die seit Jahrzehnten im Westen lebende, jedoch der islamischen Welt entstammende Necla Kelek grundsätzlich nicht in der Lage sein soll, „westliche Arroganz“ – was auch immer das sein mag, vermutlich ist das Gegenteil von Kulturrelativismus gemeint – auszustrahlen, bleibt Jessens Geheimnis. Sich der Implikation seiner eigenen Aussage nicht bewusst seiend, entblödet sich Jessen weiter unten nicht, bei – namentlich einmal mehr nicht näher spezifizierten – Islamkritikern „die Logik des Rassismus“ auszumachen:

Einen Muslim allein schon seines Glaubens halber als potenziellen Attentäter zu betrachten entspricht der Haltung, mit der seinerszeit alle Sinti und Roma für Diebe gehalten wurden. Es ist die Logik des Rassismus.

Wer eins und eins zusammenzählen kann, kommt folglich gemeinsam mit Jessen zu dem Schluss, dass Necla Kelek zwar qua ihrer muslimischen Herkunft nicht „westlich arrogant“ sein kann, dafür aber Rassistin ist.

In Folge stellt Jessen zurecht fest, dass die offene Debatte selbst „der beste Beweis für die unangefochtene Praxis westlicher Meinungsfreiheit“ sei, nur um anschließend zu fordern:

Allerdings sollte die Debatte von Unterstellungen frei bleiben; keiner, der die Konstruktion eines islamischen Feindbildes fürchtet, hat jemals Sympathie für Gewalttäter geäußert oder gar die Bereitschaft zur vorauseilenden Unterwerfung unter die Scharia zu erkennen gegeben.

Karl Kraus ist das Diktum zu verdanken, dass es Dinge gibt, die so falsch sind, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist. Natürlich bekundet kein deutscher Feuilletonist offen Sympathie für Islamisten, auch wenn einige in den Medien hofierte deutsche Islamwissenschaftler durchaus dazu neigen. Gleichwohl relativieren deutsche Journalisten islamistische Gewalttaten fortlaufend; sei es, indem sie Armut und Unterdrückung als Legitimierung und Rationalisierung geltent machen, sei es, indem sie die islamistische Gewalttaten mit anderen, nicht-gewalttätigen Handlungen vergleichen. Dieses letzteren Vergehens macht sich Jessen selbst auf bemerkenswerte Art und Weise schuldig:

Vielleicht empfiehlt es sich, die Internetseite “Achse des Guten”, die besonders großzügig mit solchen Unterstellungen arbeitet, aus der Debatte herauszuhalten. Sie hat sich eher als Achse des Bösen gezeigt. Sie ist nicht an Aufklärung interessiert, sondern will den Westen in eine dem Islamismus analoge Hassposition emporpeitschen. Indes: die Barbarei mit den Mitteln der Barbarei zu bekämpfen ist keine Option für den Westen.

Während Jessen oben noch die „offene Debatte“ lobend hervorhob, fordert er hier unverblümt, einige Teilnehmer an der Debatte a priori aus dem Diskurs auszuschließen. Dies ist gleich in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen wird von Jessen und seinesgleichen gemeinhin appelliert, mit sämtlichen Terroristen, Islamisten und Antisemiten der Welt Gespräche und Verhandlungen zu führen. Just dieser Stunden debattieren westliche Politiker mit dem Außenminister eines durch und durch antisemitischen und islamfaschistischen Regimes, ohne das gegen dieses ungeheuerliche Vorgehen nennenswerter Protest in deutschen Medien zu vernehmen ist. Zum anderen stößt auf, dass Jessen die Autoren der „Achse des Guten“ der „Barbarei“ bezichtigt und somit Islamismus, jene Ideologie, die das Köpfen von Geiseln, das Steinigen von Homosexuellen und Ehebrechern, die Ermordung von Zivilisten etc. pp. nicht nur gutheißt, sondern propagiert, die wahre Barbarei also, mit dem Schreiben von Texten nicht nur vergleicht, sondern explizit gleichsetzt. Demnach liegt auf der Hand – um sich einer von Jessens Lieblingsformulierungen zu bemühen -, dass Jessen über keinen Begriff der Barbarei verfügt, was wiederum damit einhergeht, sich zum Werkzeug selbiger zu machen. Folgerichtig vermag es nicht zu überraschen, dass Jessen mit den üblichen Forderungen der “Lefty, Liberal, Multicultural, Appeasement Monkeys” schließt:

Wir müssen den Islam verstehen. Nichts ist törichter, als die Verweigerung von Verständnis für einen Ausweis von Stärke zu halten oder für eine Bedingung der kämpferischen Verteidigung des Westens.

In dem Vorhaben, einerseits den Islam, den es ja eigentlich gar nicht gebe, zu verstehen und möglichst genau zu differenzieren sowie andererseits jegliche Islamkritik pauschal abzuwatschen, wird Jessen von Thomas Assheuer sekundiert, der erläutert, „warum es schwer fällt, die Islamkritiker als legitime Erben der Aufklärung zu bezeichnen“. Das liest sich dann etwa so:

Bei aller begründeten Furcht vor islamistischem Terror wird indes niemand behaupten können, in Europa sei die Freiheit ernsthaft in Gefahr.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Assheuers Gesinnungsgenosse Jessen, wenngleich auch aus gänzlich anderen Gründen, im neben Assheuers Artikel abgedruckten Kommentar eben jenes tut, wenn er Islamkritikern vorwirft, religiöse Freiheiten zu untergraben. Wie so oft, wenn ein Kommentator darum bemüht ist, Ursache und Wirkung zu vertuschen, muss zudem abschließend auch noch die altbewährte Spirale herhalten:

Der Scharfmacher wittert überall den Feind und macht zwischen Islam und Islamismus keinen Unterschied. Jedes Attentat bestätigt ihm die Niedertracht der Religion und die Großartigkeit seiner eigenen säkularen Vernunft. So findet die Spirale der Verfeindung kein Ende, und das bedeutet Krieg bis zum Jüngsten Tag. Das ist nicht Aufklärung, das ist ihr Ende.

Quellen: Jens Jessen: “Die Grenzen der Toleranz” sowie Thomas Assheuer: “Die Grenzen der Vernunft”, in: DIE ZEIT vom 4. Februar 2010, S. 46.

Wie die ZEIT den Vorwurf des “Rufmordes” gegen Claude Lanzmann “klarstellt”

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Januar 14, 2010

Wie an dieser Stelle berichtet wurde, wurde Claude Lanzmann in der ZEIT von Christian Welzbacher beschuldigt, bewusst Geschichtsfälschung zu betreiben. In der F.A.Z. schrieb Jürg Altwegg in einem lesenswerten Kommentar folgerichtig von einer „Kampagne gegen den ‘Shoah’-Autor“ und einem versuchten „Rufmord an Claude Lanzmann“. Diesen Vorwurf will man bei der ZEIT offensichtlich nicht auf sich sitzen lassen, weshalb Florian Illies in der neusten Ausgabe eine „Klarstellung“ bezüglich der “Debatte um Memoiren” verfasst hat, die bemerkenswerterweise etwa zur Hälfte aus einer Erneuerung und Bekräftigung der Vorwürfe gegen Lanzmann besteht. Auch der Rest der „Klarstellung“ gleicht einem klassischen Eigentor.

Gleich im ersten Absatz wendet Illies die übliche Taktik jeder Kritik an – er betont, dass die ZEIT dem Objekt der Kritik – in diesem Fall Claude Lanzmann – doch grundsätzlich positiv und ausgewogen gegenüberstünde:

Das Feuilleton der ZEIT hat in der Nr. 17/2009 auf zwei Seiten aus den Memoiren des großen Shoah- Regisseurs Claude Lanzmann, die in Frankreich unter dem Titel Ein patagonischer Hase erschienen sind, Passagen auf Deutsch vorabgedruckt, die Lanzmanns Zeit in Berlin nach 1945 betreffen. Die Memoiren wurden dabei als »Monument des 20. Jahrhunderts« bezeichnet. Als Lanzmann im Herbst vergangenen Jahres von Demonstranten gehindert wurde, seinen Warum Israel- Film in Hamburg zu zeigen, trat die ZEIT als erste überregionale Zeitung dieser Verhinderung mit einem entschiedenen Protest entgegen (Nr. 49/09).

Illies selbst hat den im eigenen Blatt erschienenen Artikel offenbar nicht gelesen, denn sonst würde er nicht fälschlicherweise behaupten, dass Lanzmann selbst daran gehindert worden sei, seinen Film zu zeigen. Lanzmann selbst war in Hamburg schließlich gar nicht vor Ort und äußerte sich erst gut zwei Wochen später zu dem Vorfall. Darüber hinaus berichtete die Jungle World knapp zwei Wochen nach dem Vorfall und somit drei Wochen vor (!) der ZEIT als erste überregionale Zeitung von den antisemitischen Ausfällen in Hamburg. An Frechheit kaum zu überbieten ist es demnach, wenn gerade Illies nur einen Satz später jene “journalistische Sorgfaltspflicht” ins Feld führt, mit der er es selbst offenbar nicht allzu genau nimmt:

Unabhängig von der großen Wertschätzung für Person und Lebenswerk Claude Lanzmanns sah es unsere Redaktion dennoch als journalistische Sorgfaltspflicht an, eine Entgegnung auf Lanzmanns Erinnerungen an seine Berliner Nachkriegsjahre zu veröffentlichen, da die vorabgedruckten Passagen über den Mitgründer der Freien Universität Berlin, Edwin Redslob, und die Situation an der FU offenbar nicht der historischen Wahrheit entsprechen.

Es wäre ferner zu fragen, warum sich die Redaktion ZEIT nicht genötigt sieht, im Sinne der “journalistischen Sorgfaltspflicht” die Lügen ihrer Autoren Michael Thumann und Ulrich Ladurner über Israel richtig zu stellen. Hier wird erkennbarer Weise mit zweierlei Maß gemessen: während Nahostkorrespondenten in der ZEIT nach Gutdünken Unwahrheiten über Israel verbreiten und so antisemitische Ressentiments bedienen dürfen, werden vergleichsweise unbedeutende Aussagen jüdischer Intellektueller offenbar aufs Genauste überprüft. Zudem entlarvt Illies sich erneut selbst, wenn er Welzbachers Artikel wie folgt beschreibt:

Es war unser Ziel, darauf hinzuwirken, dass die umstrittenen Passagen in Lanzmanns Buch diskutiert werden, bevor die deutsche Übersetzung in diesem Herbst im Rowohlt Verlag erscheint.

In dem entsprechenden Artikel von Welzbacher wurde jedoch beileibe keine sachliche Diskussion angestoßen, sondern in eindeutiger und bisweilen zumindest antisemitisch konnotierter Art und Weise gegen Lanzmann vorgegangen. Vor diesem Hintergrund ist es fast schon anerkennenswert, wie entspannt Illies dem in der F.A.Z. geäußerten Rufmord-Vorwurf begegnet, den Jürg Altwegg wie folgt formulierte:

Da seine Trouvaille doch eher dürftig ist, setzt Welzbacher Lanzmanns Memoiren einem Generalverdacht aus: „Dabei lässt schon der flüchtige Blick in das französische Manuskript erahnen, dass die Redslob-Episode nicht die einzige sein dürfte, in der Lanzmanns ,Interpretation’ die Wahrheit überlagert.” Es kommt noch üppiger: „Lanzmann, das Mensch gewordene Monument der historischen Verantwortung, verändert die Geschichte – nach seinem Interesse.“ Mit dem Irrtum der Entlassung stellt der Warner Lanzmanns Lebens- und Meisterwerk „Shoah“ in Frage – und scheut sich nicht, „Shoah“ mit Tarantinos „Inglourious Basterds“ zu vergleichen. „Dürfen Kunstwerke mit historischen Fakten ,spielen’?“ Spielt „Shoah“ mit den Fakten? Immerhin hat Welzbacher die Gänsefüßchen nicht bei den Fakten gesetzt. Lanzmann aber ist bei ihm sehr wohl als Fälscher „überführt“. Zu allem Übel hat Rowohlt Christian Welzbacher auch noch beschieden, dass die Memoiren „unverändert erscheinen“ sollen. Wehret den Anfängen.

Hierauf erwidert Illies:

Wir bedauern, dass in den Schlusssätzen des Artikels der Eindruck erweckt wird, dass eventuell weitere Passagen der Memoiren nicht den Fakten entsprechen, ohne dass diese Vermutung belegt wurde. Dass indes aus diesem Umstand die Schlussfolgerung gezogen wird, die ZEIT begehe einen »Rufmord an Claude Lanzmann«, wie es die FAZ am 12. Januar 2010 behauptet, ist verwegen. Und der zugleich erhobene Vorwurf einer Analogie zwischen den antisemitischen Protesten gegen Lanzmanns Film und dem Artikel in der ZEIT ist noch verwegener.

Sämtliche Vorwürfe seien also “verwegen” und “noch verwegener“ – dies ist tatsächlich Illies grundlegendes und einziges „Argument“. Belege für diese Behauptung? Fehlanzeige. Ein Eingehen auf Altweggs vollkommen zu recht monierten Aussagen Welzbachers? Fehlanzeige. Wahrlich beeindruckend, diese „Klarstellung“ und Illies Plädoyer für die “journalistische Sorgfaltspflicht”.

Update I: Sebastian Voigt schreibt in der taz ebenfalls von einem “Rufmord an Claude Lanzmann”; es sieht folglich so aus, als wäre das Ziel der “Klarstellung” der ZEIT, die Debatte schnellstmöglichst zu den Akten zu legen, verfehlt worden.

Update II: Auch in der SZ ist mittlerweile zu lesen, dass die in der ZEIT gegen Lanzmann erhobenen Vorwürfe unhaltbar sind und es sich folglich um Rufmord handle.

Tote Zivilisten in Afghanistan und Obama-Wahn im Endstadium

Posted in DIE ZEIT, Zwei mal Drei macht Vier by Mr. Moe on Januar 13, 2010

Im Jahr 2009 sind in Afghanistan mehr Zivilisten getötet worden, als in jedem anderen der vorherigen acht Kriegsjahre. Bekanntlich hat US-Präsident Barack Obama sein Amt im Januar des Jahres 2009 übernommen und den Krieg in Afghanistan in Abgrenzung zum Irak-Krieg stets als “notwendigen” Krieg bezeichnet. Ferner hat Obama im Verlauf des Jahres mit sich gerungen, ob er die von Stanley McChrystal, dem obersten Befehlshaber der NATO in Afghanistan, vorgeschlagene Strategie verfolgt oder auf seinen Vize-Präsidenten Joe Biden und weitere demokratische Kongressmitglieder hört. Während McChrystal argumentiert, dass im Kampf gegen Aufständische und den Terrorismus dauerhaft nur mehr Bodentruppen helfen, hat sich Biden gegen die Entsendung weiterer Soldaten nach Afghanistan ausgesprochen und stattdessen für Angriffe durch Drohnen plädiert, die besonders häufig zu zivilen Opfern führen.

Auch wenn die Verantwortung für die toten Zivilisten in Afghanistan mehrheitlich Terroristen zuzuschreiben ist, ist es demnach vermutlich alles andere als ein Zufall, dass Obamas erstes Amtsjahr mit dem Jahr zusammenfällt, in dem im Afghanistan-Krieg die meisten Zivilisten getötet wurden. Dies hält Martin Klingst jedoch nicht davon ab, Obama auf der Titelseite der ZEIT moralisch über seinen Vorgänger Bush zu erheben:

Obama ist mitnichten ein naiver Friedensapostel, den ein in letzter Sekunde vereiteltes Attentat brutal in die Wirklichkeit wirft. Seit er im Amt ist, führt er den Kampf gegen islamistische Terroristen mit aller Konsequenz, wenn auch mit weniger Kriegsgeschrei als sein Vorgänger und mit einem feineren Gespür für die Grenzen des Rechtsstaats. [...]

Obama, der Meister des Wortes, redet nicht nur, er handelt auch. Um dem Terror Einhalt zu gebieten, entsendet er weitere 30.000 Soldaten nach Afghanistan und schreckt nicht vor gezielten Tötungen mutmaßlicher Attentäter zurück. Weit häufiger als sein Vorgänger lässt er Raketen auf sie abschießen und nimmt dabei auch den Tod Unschuldiger in Kauf, nicht nur in Afghanistan und Pakistan, sondern auch im Jemen und bald vielleicht in Somalia und anderswo.

Zum auf der Zunge zergehen lassen: Martin Klingst räumt ein, was in Anbetracht der nackten Zahlen kaum zu leugnen ist – die bisherige Afghanistan-Strategie des Friedensnobelpreisträgers Obamas hat zu einer höheren Anzahl getöteter Zivilisten geführt als diejenige George W. Bushs. Gleichwohl hindert dies Klingst nicht, auf der Titelseite der ZEIT zu behaupten, dass der Unterschied zwischen Obama und Bush sei, dass Obama “die Moral” nicht “über Bord” werfe. In Deutschland nennt man das Ganze im Übrigen “Qualitätsjournalismus” und nicht etwa Ideologie.

„Eine kleine Warnung“ – wie Deutschland in der ZEIT vor Claude Lanzmann gewarnt wird

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Januar 7, 2010

Bekanntermaßen sind Memoiren und Autobiographien Bastionen der Wahrheit und Objektivität. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist es demnach nur folgerichtig, dass Claude Lanzmanns auf französisch erschienenen Memoiren anlässlich der bevorstehenden deutschen Übersetzung in der ZEIT von Christian Welzbacher aufgrund in ihnen vermeintlich enthaltener Unwahrheiten kritisiert werden. Allerdings begnügt sich Welzbacher dabei nicht damit, falsche Behauptungen Lanzmanns richtig zu stellen, sondern holt gleich ganz groß aus und verfasst “eine kleine Warnung an den Rowohlt Verlag“.

Warum hält es Welzbacher für nötig, einen deutschen Verlag vor jenem jüdischen Intellektuellen zu warnen, der, so Welzbacher, „ein institutionalisiertes Gewissen“ sei, „wenn es um die nationalsozialistische Judenverfolgung geht“? Kurz gesagt: Welzbacher kritisiert Lanzmanns Äußerungen über Edwin Redslob, einen ehemaligen Rektor der Freien Universität Berlin, für dessen Entlassung ein 1950 von Lanzmann verfasster Artikel gesorgt habe, in dem Lanzmann Redslob als „pseudodemokratischen Altnazi” entlarvt habe. Welzbacher hat eine Biographie über Redslob verfasst, in deren Titel er ihn als „unverbesserlichen Idealisten“ bezeichnet, und ist demnach entweder Fachmann für oder Apologet von Redslob.

Demnach aller Voraussicht nach durchaus kundig schreibt Welzbacher, dass Lanzmanns jüngst bei einer Vorstellung seiner Memoiren wiederholte Darstellung Redslobs falsch sei. Gleichwohl die Frage nach der Richtigkeit von Lanzmanns Darstellung nicht per se unberechtigt sein mag, spielt es für die nachfolgenden Ausführungen keine Rolle, ob in diesem Fall Lanzmann oder Welzbacher zu glauben ist. Denn weitaus interessanter ist, auf welche Art und Weise Welzbacher gegen Lanzmann vorgeht.

Zunächst kritisiert Welzbacher die deutschen Medien für ihren allzu unkritischen Umgang mit Lanzmann:

Kritiklos machten sich die Journalisten in Deutschland Lanzmanns Erzählung zu eigen und sparten sich die Recherche.

In der Tat ist es in Deutschland üblich, sich posthum und öffentlichkeitswirksam an die Seite von Juden zu stellen, zumindest dann, wenn sie sich anständig verhalten und etwa darauf verzichten, sich gegen Terroristen zu verteidigen oder in ihrem eigenen Staat Wohnungen zu bauen. Doch zum Glück gibt es ja nach wie vor auch wahrhaft kritische Journalisten wie Christian Welzbacher, die  durchschauen, wohin der Jude läuft:

Der große Anwalt der Erinnerung hantiert nicht immer genau mit Fakten. Lanzmann, das Mensch gewordene Monument der historischen Verantwortung, verändert die Geschiche – nach eigenem Interesse.

Es wirkt nahezu plump, dass Welzbacher an dieser Stelle die Frage nicht aussprechen mag, die doch unmissverständlich aus seinen Worten abgeleitet werden kann: wäre es denn nicht denkbar, dass „der große Anwalt der Erinnerung“ es mit den Fakten auch in anderen Fällen nicht allzu genommen und die Geschichte „nach eigenem Interesse“ verändert hat? Mag diese Interpretation auf alleiniger Grundlage des obigen Zitates vorschnell klingen, wird sie von Welzbachers nachfolgenden Worten untermauert:

Mit sprachlicher Wucht stilisiert sich der Autor [Lanzmann, Mr. Moe] zum omnipräsenten Akteur, zum regelrechten Rächer der Juden, dessen Chef d’Œuvre Shoah sich in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt einbrannte.

Nach diesem verbalen Rundumschlag wischt Welzbacher jeden eventuell noch verbleibenden Zweifel an seiner Hauptaussage im letzten Absatz endgültig bei Seite:

Tarantionos Inglorious Basterds löste unlängst Diskussionen aus, ob Kunstwerke mit historischen Fakten „spielen“ dürften. Ist für diese heikle Frage auch Lanzmanns Werk ein Präzedenzfall?

Angesichts einer derart „heiklen Frage“ ist es nun offenbar – wie so oft in der Geschichte – an einem Deutschen, drohendes Unheil durch einen Juden abzuwenden und den deutschen Verlag Lanzmanns sowie die deutsche Öffentlichkeit zu warnen:

Um das Schlimmste zu verhindern, kann Rowohlt nun richten, was Gallimard [der französische Verlag Lanzmanns, Mr. Moe] versäumte: die Rettung des Lebenswerks vor seinem Urheber. Eine kommentierte Ausgabe der Memoiren wäre eine Lösung. Auch die Revision unter Rücksprache mit Historikern wäre denkbar.

Noch einmal: ob Lanzmanns Äußerungen über Redslob den Tatsachen entsprechen oder nicht ist zwar nicht gänzlich unbedeutend, angesichts Welzbachers – um ein Lieblingswort deutscher Journalisten zu verwenden, das hier zur Abwechslung auch einmal passt- “unangemessener” Kritik Lanzmanns. Welzbacher scheint es in erster Linie nicht um den ehemaligen Rektor Redslob zu gehen, sondern darum, ein „institutionalisiertes Gewissen“, dessen Werk über die Shoah sich „in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt einbrannte“, als bewussten Verfälscher der Geschichte darzustellen. Welzbachers abschließender Rat lautet dementsprechend:

Der Text soll unverändert erscheinen. So wäre die einfachste Lösung wohl, das Buch als Roman zu deklarieren.

Bleibt die Frage, als was Journalisten wie Christian Welzbacher zu deklarieren sind.

Update: Die ZEIT hat mittlerweile eine “Klarstellung” veröffentlicht, die allerdings Fehler enthält und über die eigentlichen Vorwürfe hinweggeht. Zudem wurden sowohl in der F.A.Z. als auch der SZ und taz kritische Artikel veröffentlicht, die die von Welzbacher aufgestellten Behauptungen als “haltlos” entlarven und den “Rufmord” an Claude Lanzmann kritisieren.

Quelle: Christian Welzbacher: “Eine kleine Warnung an den Rowohlt Verlag”, in: DIE ZEIT vom 7. Januar 2010, S. 42.

Auch im neuen Jahr: Die ZEIT vs. Israel

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Januar 3, 2010

Anlässlich des Jahreswechsels hat Claudio Casula bei Spirit of Entebbe folgende Vorhersage für das neue Jahr getroffen:

Da keinerlei Aussicht besteht, dass die Idiotie im kommenden Jahr zurückgeht, im Gegenteil zu konstatieren ist, dass das antisemitische Gesummse noch dummdreister und bösartiger zu Werke geht denn je, wird uns auch 2010 der Stoff nicht ausgehen.

Mag diese Prognose auch nicht allzu gewagt gewesen sein, ist es doch bemerkenswert, dass sie sich gleich in der ersten Ausgabe der ZEIT des Jahres 2010 mit Nachdruck erfüllt hat. Den Ruhm hierfür darf sich einmal mehr Michael Thumann auf die Fahnen schreiben, der seinen medialen Kampf gegen Israel in den Diensten der ZEIT offenbar auch im neuen Jahr fortführen darf. Den Ausgangspunkt hierfür bildet folgende auf den Nahen und Mittleren Osten bezogene Frage, die Thumann gemeinsam mit seinem Kollegen Ulrich Ladurner stellt:

Ist wirklich der Islam schuld daran, dass kein Frieden herrscht?

Wer könnte nun besser geeignet sein, diese Frage ausgewogen zu untersuchen, als jene beiden Journalisten, die sich in der Vergangenheit wahlweise als “Israelkritiker”, Terrorismusversteher und Apologeten des iranischen Regimes betätigt haben sowie – im Falle Thumanns – der Meinung sind, dass sich US-Präsident Barack Obama stellvertretend für die von seinem Land begangenen Verbrechen an der muslimischen Welt bei den Diktaturen und Autokratien des Nahen und Mittleren Ostens zu entschuldigen habe?

Eine Vorwarnung

Um es vorwegzunehmen: die Frage, ob denn “wirklich” der Islam verantwortlich dafür sei, dass kein Frieden im Nahen und Mittleren Osten herrsche, ist rein rhetorischer Natur. Ihre Beantwortung steht für Thumann und Ladurner a priori fest und ist folglich gegen jegliche möglicherweise widersprechenden empirische Evidenz resistent. Hinzu kommt, dass Thumann und Ladurner Paradebeispiele für jene Art von Kommentatoren darstellen, die Muslime ausschließlich als reagierende Objekte, niemals jedoch als eigenständig agierende Subjekte zu betrachten pflegen, so dass “der Islam” schon per definitionem von jeglicher etwaiger Verantwortung freigesprochen wird.

Wer als Leser damit rechnet, auf die von den Autoren selbst gestellte Frage eine, wenn nicht schon gut begründete, so doch wenigstens explizite Antwort zu erhalten, wird wahlweise enttäuscht oder verzückt sein. Unterm Strich begnügen sich Thumann und Ladurner damit, jenes Bild der “Realität” im Nahen Osten zu skizzieren, das ZEIT-Lesern durch die Lektüre der ZEIT im Allgemeinen und der Artikel der beiden Autoren im Speziellen doch ohnehin bereits bestens vertraut sein dürfte.

Aufgebaut ist die Suche nach der Antwort auf die Frage, ob der Islam denn wirklich das Hindernis für Frieden im Nahen und Mittleren Osten sei, wie folgt: zunächst wird sich ausgiebig dem Lieblingsthema und Spezialgebiet aller deutschen Nahostkorrespondenten gewidmet – dem arabisch-israelischen Konflikt. Anschließend geht es über Afghanistan und Pakistan in den Irak sowie zum Abschluss in die Türkei und um die Kurden. Für diese Reise stehen Thumann und Ladurner zwei komplette Seiten der ZEIT zur Verfügung, entsprechend umfangreich ist der Artikel. Da jedoch bereits der offensichtlich von Thumann verfasste Abschnitt über den arabisch-israelischen Konflikt eine beeindruckende Menge an Unwahrheiten und Unterlassungen enthält, wird sich in Folge auf diesen Teil beschränkt.

Jüdische “Siedlungen” und die Unmöglichkeit des Friedens im Nahen Osten

Als Einstieg wählt Thumann Gilo, jenen Vorort von Jerusalem, den Thumann im Einklang mit anderen westlichen und deutschen Kommentatoren wiederholt und fälschlicherweise als „Siedlung“ deklariert hat:

Weiß leuchtend, massiv aufragend und wie für die Ewigkeit gebaut – das ist Gilo. Die jüdische Siedlung zwischen Bethlehem und Jerusalem liegt inmitten von Feldern auf einem Hügel. Gilo ist jene Siedlung, die mehr als jede andere für die Unmöglichkeit des Friedens in Nahost steht.

Auch wenn es für Thumann offenbar keinen Unterschied macht, handelt es sich bei Gilo, wie bereits erwähnt, nicht um eine “Siedlung”, sondern um einen Vorort von Jerusalem. Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass Thumann Gilo als „jene Siedlung“ ansieht, die „mehr als jede andere für die Unmöglichkeit des Friedens in Nahost steht“. Diese Formulierung impliziert, dass Thumann prinzipiell jede jüdische „Siedlung“ für die „Unmöglichkeit des Friedens“ verantwortlich zeichnet und selbige demnach als Hauptproblem im Nahen Osten ansieht.

Konsequent setzt Thumann in Folge die in den ersten Sätzen des obigen Zitats begonnene Dämonisierung israelischer respektive jüdischer Siedlungen – „weiß leuchtend, massiv aufragend und wie für die Ewigkeit gebaut“ – fort:

Hier, auf palästinensischem Boden, will die israelische Regierung 900 neue Wohnblocks bauen lassen. Aus der ganzen Welt hagelt es Proteste. In Jerusalem kommt das nur als lässliche Mäkelei aus weiter Ferne an. Bald schon werden Bauarbeiter dort oben in Stellung gehen wie Soldaten.

Thumanns Methode ist ebenso simpel wie weit verbreitet und wirksam: falsche Begebenheiten werden durch endlose Wiederholung zu vermeintlichen “Tatsachen” (v)erklärt. Folge dieses seit Jahrzehnten überaus erfolgreich angewandten Vorgehens ist, dass jüdische “Siedlungen” im Westjordanland – oder bisweilen gar Jerusalem, siehe oben – im öffentlichen Diskurs einheimlich einvernehmlich als “illegal” bezeichnet werden, was auch Thumanns suggeriert (“auf palästinensischem Boden”). Gleichwohl ist diese Auffassung zumindest diskussionswürdig, wenn nicht gar schlichtweg falsch, wie etwa der amerikanische Rechtswissenschaftler David M. Phillips in der Dezember-Ausgabe des Commenary Magazines ausführlich darlegt (mittlerweile auch in deutscher Übersetzung nachzulesen).

Hinzu kommt, dass Thuman Fakten, die dem Narrativ landraubender Juden widersprechen, einfach nicht erwähnt. So erfahren die werten Leser der ZEIT beispielsweise nicht, dass die Jerusalemer Stadtverwaltung zeitnah den Bau 5.000 neuer arabischer Wohneinheiten in Jerusalem verkündet hat, die für Thumann wie den Rest “der ganzen Welt” offenbar kein Problem darstellen. Statt sich und seine Leser jedoch unnötig zu verunsichern, widmet sich Thumann lieber einer bildlichen Beschreibung seiner Auffassung der Verhältnisse im Nahen Osten:

Gilo – das wirkt von unten, aus der Perspektive der Palästinenser im Tal, wie eine unerreichbare Festung. Von ihrem Lager aus sehen Flüchtlinge nur die Dächer der Siedlung hinter einer hohen Mauer, die Bethlehem von Jerusalems Vororten trennt.

„Unten“ im Tal, in „Lagern“ hausen die armen Palästinenser – jeder von ihnen ein Flüchtling, ganz gleich wo und wann geboren. Oben hingegen, aus sicheren “Festungen” verächtlich herabschauend und “weiß leuchtend” und “massiv aufragend”, die Juden. So platt sie auch sein mag, die Strategie geht auf: ohne sich auf handfeste Argumente stützen zu müssen, hat der Leser ein eindrückliches und aufgrund seiner emotionalen Eindeutigkeit jeglichen Widerspruch von vornherein negierendes illustratives Verständnis der Lage gewonnen. Von dieser Grundlage ausgehend lässt sich die weitere Geschichte mit Leichtigkeit erzählen.

“Die Mauer”

Insbesondere die oben bereits erwähnt “hohe Mauer” scheint Thumann nachhaltig zu beschäftigen:

Die Mauer, an manchen Stellen bis zu acht Meter hoch, zieht sich über alle Hügel, sie trennt Nachbarn von Nachbarn, Kinder von Schulen, Landbesitzer von ihren Grundstücken.

Erneut wird ein deutliches Bild gezeichnet, ohne den Geist lediglich unnötig quälende Tatsachen anzuführen. So verschweigt Thumann in diesem Zusammenhang, dass Ägypten, im Nahen Osten, an der Grenze zum Gazastreifen, eine Mauer baut, mit der Thumann offenbar jedoch keine Probleme hat. Dies ist umso erstaunlicher, ist Ägypten doch mehrheitlich von Angehörigen jener Religion bewohnt, die – es sei daran erinnert – ja eigentlich im Mittelpunkt des Artikels stehen sollte. Überdies verschweigt Thumann ebenso, dass die israelische “Mauer” eigentlich zu mehr als 95% ein Zaun ist, was sich zugegebenermaßen weniger eindrucksvoll und bedrohlich liest als “an manchen Stellen bis zu acht Meter hoch”. In jedem Fall lässt die “Mauer” Thumann offenbar keine Ruh:

Wozu eine Mauer? Soll sie Israelis vor Palästinensern schützen?

Wer erwartet, nun ein „ja, natürlich, was denn sonst?“ zu lesen, wird enttäuscht:

Israelische Behörden haben den Wall nach der zweiten Intifada von 2000 hochgezogen. Als Schutz vor Terroristen, hieß es damals. Doch ginge es um den Schutz allein, würde die Mauer nicht mitten durch das Palästinensergebiet führen.

Thumann verschweigt, dass “die Mauer”, von wenigen topographisch oder strategisch notwendigen Abweichungen abgesehen, entlang der “grünen Linie” verläuft und somit entgegen seiner Behauptung nicht “mitten durch das Palästinensergebiet” verläuft. Thumann erwähnt auch nicht, dass es ähnliche Sicherheitsvorrichtungen in zahlreichen anderen Ländern gibt, ohne das sie dort als bedeutsame Hindernisse für Frieden angesehen würden. Schlussendlich erwähnt Thumann wohlweislich nicht, dass der Sicherheitszaun den Thumann zufolge lediglich vorgeschobenen Zweck des Schutzes überaus gut erfüllt und terroristische Anschläge seit seiner Errichtung deutlich zurückgegangen sind.

Unterm Strich drängt sich demnach die Schlussfolgerung auf, dass Thumann den Schutz jüdischen Lebens vor Terroranschlägen allem Anschein nach nicht als bedeutsame oder auch nur legitime Zwecksetzung ansieht. Für diese Interpretation liefert Thumann zudem im Verlauf des Textes weitere Belege, auf die weiter unten noch einzugehen sein wird.

Der “Kampf um Land”

Vorerst verkündet Thumann seinen Lesern jedoch noch den wahren Zweck, warum die Juden eine “Mauer” gebaut haben:

Es geht hier um ein Nullsummenspiel der nahöstlichen Art, so profan wie existenziell zugleich: Dehnt sich der eine aus, verliert der anderer. Baut der eine, muss sich der andere von Weiden, Feldern und Baugrund zurückziehen.Der Streit geht um Häuser, um Grundstücke, um Straßen, um Viertel und ganze Städte. Es ist ein Kampf um Land.

Erneut wendet Thumann die hohe Kunst des Verschweigens und Unterlassens an, dieses Mal in Verbindung mit einem besonders feinen rhetorischen Kniff: hat Thumann bislang doch ausschließlich Israel als handelnden Akteur auftreten lassen, wechselt er hier plötzlich auf eine abstrakte Ebene und schreibt etwas nebulös von “dem einen” und “dem anderen”. Aus dem bisher von Thumann geschriebenen kann sich der ZEIT-Leser allerdings an einer Hand abzählen, dass eigentlich nur “der eine” – der Jude – das Problem im “Kampf um Land” darstellt. Die Fakten sprechen gewiss eine andere Sprache, ist doch bereits heutzutage ein Fünftel der israelischen Bevölkerung arabisch, Tendenz steigend. Des Weiteren geht es “dem einen” – Israel – nur um einen Teil des Landes, während nach wie vor ein bedeutsamer Anteil “der anderen”, der Palästinenser, das gesamte Land beansprucht. Kurz: die Mehrheit der Israelis akzeptiert sowohl die Präsenz von Arabern in Israel als auch – zumindest: im Prinzip – die Schaffung eines eigenen palästinensischen Staates im Nahen Osten. Ob die Mehrheit der Palästinenser Juden in einem etwaigen eigenen Staat akzeptieren würde, erscheint indes zumindest fragwürdig und es dürfte als erwiesen gelten, dass viele Palästinenser keinen jüdischen Staat im Nahen Osten tolerieren, was sich nicht zuletzt durch die nach wie vor hohe palästinensische Befürwortung von Terroranschlägen auf israelische Zivilisten zeigt.

Was Thumann als abstraktes „Nullsummenspiel“ bezeichnet, ist demzufolge genau genommen – vereinfacht gesagt – ein Kampf ums Überleben für “die einen”, während es sich für einen erheblichen Teil “der anderen” um einen bisweilen latenten, bisweilen manifesten Vernichtungsfeldzug handelt.

Die Entsubjektivierung einer ganzen Region

Nachdem Thumann sein Verständnis der derzeitigen Lage im Nahen Osten -  überwiegend: bildlich – dargelegt hat, widmet er sich der weltpolitischen Bedeutung des Konflikts:

Der ewige Streit um Jerusalem etwa verpestete eine ganze Region, er beschäftigt die Großmächte, er könnte sogar die Welt in Brand setzen. Jede zerstörte palästinensische Wohnung, jedes neu gebaute Haus jüdischer Siedler, jeder Racheakt von Palästinensern landet als Streitpunkt in kürzester Zeit auf den Tischen von Präsidenten, Premiers und Königen – in Riad, Berlin, Teheran, London oder Washington.

Erneut zeigt Thumann eindrucksvoll, in welche Richtung seine Hasen laufen: Juden zerstören palästinensische Wohnungen und bauen Häuser, wobei Letzteres offenbar (auch) als Verbrechen angesehen wird. Palästinenser – Angehörige jener Religion, um die es usw. usf. – rächen sich indes nur dafür, sie agieren in Thumanns Welt jedoch niemals aus eigenem Anlass. Diesem Verständnis nach lässt sich jeder Anschlag auf jüdische Zivilisten und Kinder im Jahr 2010 als bloße Reaktion auf 60 Jahre israelische Politik respektive (die noch weitaus längere) jüdische Präsenz im Nahen Osten rechtfertigen.

Dem Narrativ ausschließlich reagierender Araber und anderer Muslime folgend verkennt Thumann, dass der „Streitpunkt“ nicht einfach so auf den „Tischen“ in Riad oder Teheran landet, sondern von jenen Tischen aus seit Jahrzehnten bewusst geschürt und als Ablenkung für eigenes (innen-)politisches Versagen instrumentalisiert wird. Diese Begebenheit ist angesichts der Realität schwer zu leugnen und läuft zudem Thumanns grundlegender Argumentation entgegen, da sie Muslime als eigenständig handelnde Subjekte auffasst. Folglich bleibt sie unerwähnt und Thumann begibt sich lieber schleunigst in vertrautere Gefilde:

Nirgendwo heizt Lokalpolitik so schnell die Weltdiplomatie an wie in Jerusalem und im Westjordanland. An diesem Konflikt hat die ganze Erde teil, auch wenn sie oft genug nicht mehr davon hören kann.

Wie durch ein Naturereignis wird die “Weltdiplomatie” durch den arabisch-israelischen Konflikt “angeheizt”, von bewusst zündelnden Akteuren ist keine Rede – es sei denn, es handelt sich um Häuser bauende Juden. Leider liefert Thumann auch keine Begründung oder wenigstens eine Spekulation bezüglich seiner ja durchaus richtigen Behauptung, dass „die ganze Erde“ am arabisch-israelischen Konflikt teilnähme. Thumanns Antwort auf die Frage nach dem Grund für das weltweite Interesse an dem Konflikt wäre schon allein deswegen aufschlussreich, da eine naheliegende These lautet, dass es die Präsenz von Juden ist, die den Konflikt so besonders macht. Aus Thumanns Ausführungen geht indes nicht hervor, was einen Konflikt, deren Opferzahlen im Verhältnis zu anderen weltweiten Konflikten und Kriegen verschwindend gering ist, denn eigentlich so besonders macht.

Und noch einmal: die Siedlungen

In Folge zitiert Thumann einige Palästinenser, die sagen dürfen, was Thumann gerne so sagen würde, es als deutscher Journalist aber vorzugsweise notdürftig verklausuliert ausdrückt:

Sie [die Juden, Mr. Moe] wollen uns vertreiben!

Israelis, Juden oder auch nur irgendwelche Menschen mit einer anderweitigen Meinung lässt Thumann entgegen journalistischer Qualitätsstandards nicht zu Wort kommen. Für relevanter werden offenbar die oben bereits thematisierten jüdischen “Siedlungen” befunden. Da sie für Thumann das zentrale Hindernis für Frieden im Nahen Osten darstellen, ist es nur folgerichtig, dass er noch einmal auf sie zurückkommt:

Kein Geringerer als Barack Obama forderte den Siedlungsstopp – aber er ist zu schwach, ihn zu erzwingen.

Wahrlich schade, dass die guten, alten Zeiten vorbei sind, in denen Nicht-Juden Juden nach Gutdünken vorschreiben konnten, wo sie zu leben und zu sterben haben. Und wer sehnt sich insgeheim denn nicht danach, dass sich demokratisch gewählte israelisch-jüdische Politiker dem Willen amerikanischer Präsidenten und – wichtiger – deutscher Nahostkorrespondenten beugen müssen?

Der israelische Premier Netanjahu hat wiederholt erlaubt, neue Wohnblocks auf palästinensischem Gebiet zu bauen. Doch selbst Netanjahu streitet mit radikalen Siedlern. Er ist gefangen in den Forderungen der Siedlerlobby, Bauunternehmen, Bürokraten, nationalreligiösen Politikern, seitdem Israel 1967 das Westjordanland erobert hat und jüdische Einwanderer im „Heiligen Land“ siedeln.

Mit viel gutem Willen deutet Thumann hier äußerst vage an, dass Netanyahu einen zehnmonatigen Siedlungsstopp verkündet und sich damit gegen bedeutsame Teile seiner eigenen Regierung, seiner eigenen Partei und der Bevölkerung seines Landes gestellt hat. Dennoch zieht es Thumann vor, Netanyahu als Hardliner ( „selbst Netanjahu“) darzustellen, obgleich Netanyahu bereits in seiner ersten Amtszei von 1996-1999, wie im Übrigen viele andere vermeintlich starrköpfige Likud-Politiker, eher als Pragmatiker aufgetreten ist.

Ein Blick in die Geschichte

Des Weiteren verschweigt Thumann auch in diesem Fall zum wiederholten Male bedeutsame Tatsachen. Zum Beispiel, dass Israel das Westjordanland 1967 in einem reinen Verteidigungskrieg „erobert“ hat, was für die Beurteilung der Lage gelinde gesagt nicht ganz unwesentlich ist. Oder dass Israel den Palästinensern in der Vergangenheit fast das gesamte “besetzte” Land angeboten hat, was die Palästinenser ausnahmslos und häufig ohne jeglichen Gegenvorschlag abgelehnt haben.

Jedoch sei Thumann in diesem Zusammenhang zu Gute gehalten, dass er diese historische Begebenheiten guten Gewissens nicht nennen kann, müsste er hierzu doch Palästinenser – also: Muslime – als handelnde – in diesem Fall: einen Krieg beginnende und sich Verhandlungen und Kompromissen verweigendere – Subjekte begreifen. Da dies einen massiven Bruch mit Thumanns Sichtweise, gemäß derer Palästinenser eine reine Opfermasse darstellen, bedeuten würde, zieht es Thumann hingegen vor, sich zum wiederholten Male mit den stets emsig agierenden Juden, in diesem Fall mit den “jüdischen Einwanderern”, zu befassen:

Manche von ihnen begründen ihre eiskalte Landnahme religiös. Das Prinzip wird anderswo im Mittleren Osten längst kopiert. So kann jeder Kompromiss ausgeschlossen werden.

Drei kurze Sätze, drei Ressentiments. Erstens ist die israelische “Landnahme”, das jüdische Verbrechen, natürlich nicht einfach nur ein Verbrechen, sondern ein „eiskaltes“. Zweitens werden erneut ausschließlich Juden als Subjekte aufgefasst, die das Problem gewissermaßen in den Mittleren Osten importiert haben, während “anderswo im Mittleren Osten” in gewohnter Manier lediglich auf äußere Einflüsse reagiert wird. Drittens verklärt Thumann 60 Jahre israelisch-arabischer Geschichte, wenn er Israel als alleinigen Schuldigen und insbesondere als nicht zu Kompromissen fähigen oder willigen Akteur darstellt. Thumann erwähnt weder, dass arabische Nationen dem Staat Israel sowohl 1948 als auch 1967 den Krieg erklärt haben. Thumann erwähnt nicht, dass sich die arabischen Staaten 1967 in Khartum auf das berühmt-berüchtigte “dreifache Nein” verständigt haben: nein zum Frieden mit Israel, nein zur Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen mit Israel.Thumann erwähnt nicht, dass die Palästinenser aufgrund einer fehlenden einheitlichen Führung derzeit nicht einmal prinzipiell dazu in der Lage wären, einen “Kompromiss” zu schließen, ,völlig unabhängig davon, ob sie dazu überhaupt gewillt sind.

Terrorismus? Ein Kampfbegriff!

Zum Abschluss kommt Thumann noch zu einem Wort, das er für einen reinen Kampfbegriff hält:

Terrorist. Das ist ein zentraler Begriff im Kampf um Land, ob in Hebron, Jerusalem, in der Türkei, im Irak, in Pakistan oder Indien. Der Terrorist darf mit allen Mitteln bekämpft werden.

Die zweifelhafte Behauptung einmal bei Seite gelassen, dass im “Kampf gegen den Terrorismus” alles erlaubt sei, fällt auf, dass der Begriff “Terrorist” Thumanns Auffassung zufolge offenbar ausschließlich dazu diene, Widerstandskämpfer zu diskreditieren:

Wer sich den Regierenden im Kampf um Territorium und nationale Einheit in den Weg stellt, wer Widerstand leistet, Anschläge verübt, wird „Terrorist“ genannt.

Was Thumann hier etwas verklausuliert ausdrückt ist nichts anderes als die Aufhebung jeglicher zivilisatorischen Standards, deutet Thumann doch die Ermordung von Zivilisten in einen gerechtfertigten, ja geradezu heroischen Akt des “Widerstands” um. Vor dem Hintergrund dieses Verständnisses von “Terrorismus”, das einer Leugnung des Phänomens gleicht, wird auch verständlich, wie Thumann das Kunststück vollbringen kann, einen Artikel über den Islam und den arabisch-israelischen Konflikt zu schreiben, ohne die Hamas, die Fatah oder die Islamische Republik Iran auch nur mit einer einzigen Silbe zu erwähnen. Der Iran wird im Übrigen auch an keiner anderen Stelle des gesamten Artikels näher erwähnt, vielleicht, weil sich die Autoren dann zu sehr mit ihrer eigenen Frage auseinandersetzen müssten.

Quelle: Ulrich Ladurner und Michael Thumann: „Wo der Krieg zu Hause ist“, in: DIE ZEIT vom 30. Dezember 2009, S. 8.-9 [Online Version].

ZEIT-Leser vs. Israel

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Dezember 11, 2009

In der letztwöchigen Ausgabe der ZEIT durfte Michael Thumann bekanntermaßen auf der Titelseite jene in Freundschaft verbundene “Israel-Kritik” üben, die in Deutschland noch keiner Auflage geschadet hat. Allerdings ist Thumanns Artikel einigen ZEIT-Lesern offenbar noch zu wohlwollend gegenüber Israel formuliert. Darauf weisen jedenfalls zwei Leserbriefen hin, die im Folgenden wortlos dokumentiert seien (sie sprechen für sich).

Ingo Braun zufolge müsse die Bundesregierung “unmissverständlich klarmachen, dass die seit 32 Jahren andauernde Siedlungspolitik gegen das Völkerrecht und die Politik gegen den Gaza-Streifen und die Palästinenser gegen die Menschenrechte verstößt” Hieraus wiederum folgert er:

Die Bundesregierung ist dem Völkerrecht und der Menschenrechtscharta verpflichtet und kann ein Regime [sic!], dass so hartnäckig gegen diese Rechte verstößt, nicht unterstützen. Sie muss ihre politische und finanzielle Unterstützung Israels von der Erhaltung dieser Rechte abhängig machen.

Der zweite “israelkritische” Leserbrief stammt – wie so oft – von einem habilitierten Akademiker. Prof. Martin Haspelmath Kernaussage lautet:

Eine [deutsche, Mr. Moe] Beteiligung an einem Krieg gegen Iran wäre eindeutig grundgesetzwidrig. Teil der deutschen Staatsräson sollte es sein, ethnischer Unterdrückung überall auf der Welt entgegenzutreten, ob es Juden trifft oder andere. Und die heutigen Opfer sind die Araber.

Quelle: DIE ZEIT vom 10. Dezember 2009, S. 42.

Die nächste Runde: Die Zeit vs. Israel

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on November 26, 2009

Des deutschen Außenministers erster Besuch im Nahen Osten ist Anlass für die ZEIT, einmal mehr einen ihrer Autoren standesgemäß auf der Titelseite über die deutsch-israelische „Freundschaft“ schwadronieren zu lassen. Dieses Mal fällt die Ehre Michael Thumann zu, seines Zeichens als Freund islamischer Autokratien und moralischer Relativist wohlbekannt.

Schon in der Unterüberschrift von Thumanns Kommentar wird dabei gute alte deutsche Hausmannskost feilgeboten:

Israels Sicherheit ist Teil der deutschen Staatsräson. Aber Freundschaft muss auch Widerspruch ertragen können.

Das liest sich nicht nur so, als sei das Hirn mit Sauerkraut verstopft und die Gedanken durch die Gulaschkanone geschossen worden, sondern ist auch genau so gemeint.

Ausgangspunkt stellt Thumanns – bereits überaus gewagte – These einer „bemerkenswerten Nähe“ zwischen Deutschland und Israel dar, „die Deutschland sonst nur mit Ländern wie Frankreich und wenigen anderen Länern teilt“. Die wichtigste Frage sei nun, so Thuman, was sich denn aus der „deutschen Staatsräson“, diesem unermüdlichen Einsatz für Israels Sicherheit, ganz konkret für Konsequenzen für Deutschland ergäben:

Merkel gibt Israel Deutschlands Wort, eine Garantie in der gefährlichsten Region der Welt, dem Nahen Osten. Was heißt das für uns?

Aufgrund der Tatsache, dass Israel nicht nur der Staat der vom – persistenten, weltweit und insbesondere in der „muslimischen Welt“ verbreiteten – Antisemitismus Verfolgten und Bedrohten, sondern auch die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, ist schon die Frage selbst skandalös. Wer die nicht nur notwendige, sondern gebotene Solidarität mit dem Staat Israel an den Folgen für das eigene Handeln misst, diskreditiert sich zwar selbst, hat aber dennoch – oder vielmehr: genau deshalb – gute Chancen, auf der Titelseite der auflagenstärksten deutschen Wochenzeitung zu publizieren, für die Linke im Bundestag zu sitzen oder sich in leitender Position der Friedens- und Konfliktforschung zu widmen.

Lässt man sich wider besseren Wissens und die Vernunft nicht nur vergessend, sondern verratend, sich also – zumindest was Letzteres . betrifft, ganz als klassischer ZEIT-Leser ausgebend, auf Thumanns Gedankengänge ein, bekommt man das vorgesetzt, was zu Erwarten war.

Thumann diskutiert drei Probleme der israelischen Außenpolitik, die er in ihrer Bedeutung als „Tests“ für Deutschland diskutiert. Der erste “Test” sei der „Paukenschlag“ aus Jerusalem, „der jeden Frieden infrage stellt“: „neue Wohnungen in der jüdischen Siedlung Gilo – auf palästinensischem Gebiet.“ Vermutlich ist es lediglich einem redigierenden Praktikanten geschuldet, dass der Satz etwas überraschend nur mit einem Punkt und nicht wie zu erwarten wäre mit drei Ausrufungszeichen endet. Fest steht in jedem Fall, dass Thumanns Empörung ebenso geheuchelt wie faktenresistent ist: weder beschwert er sich über den Neubau von 5000 arabischen Wohnungen in Jerusalem, noch interessiert ihn, dass sich Gilo keinesfalls auf „palästinensischem Gebiet“, sondern in Jerusalem, befindet, ganz gleich, wie oft anderes auch behauptet wird.

Den zweiten “Test” macht Thumann in „Israels scharfe[r] Blockade von Gaza“ aus, die „nun schon über zwei Jahre“ andaure. Thumann verschweigt, dass Israel selbst im Gazakrieg trotz Beschusses der Hamas Lieferungen in den Gaza-Streifen zuließ. Thumann verschweigt auch, dass die „Blockade“ nicht israelischer Willkür, sondern vielmehr islamfaschistischer Mordlust geschuldet war und ist. Doch was braucht die Realität jemanden zu scheren, der so elegant argumentieren kann wie Thumann:

Der Verweis auf die dort [in Gaza, Mr, Moe] herrschende Hamas reicht lange nicht mehr hin. Erstens leben dort Menschen – und zweitens gibt es Steigerungen von Hamas.

Auf Deutsch: Islamfaschistischer Terrorist ist nicht gleich islamfaschistischer Terrorist und Israel darf nicht versuchen, den Raketenbeschuss seiner Zivilbevölkerung zu unterbinden, weil sich auf der Gegenseite doch auch Menschen befänden. Würde diese Logik konsequent – und nicht nur einseitig gegen den jüdischen Staat gerichtet – angewandt, wäre nicht nur jeder Waffengang, sondern auch jede Form von wirtschaftlichen oder politischen Sanktionen rigoros abzulehnen. Diese Auffassung kann man gewiss vertreten – so man denn gewillt ist, sein eigenes Leben und das Leben anderer Menschen den Vertretern totalitärer Ideologien zu opfern. Zudem schreibt sich so etwas natürlich auch einfacher, wenn man wie Thumann nicht in Sderot, sondern im sicheren Istanbul – und bisweilen von deutschen Lesern finanziert und arabischen Diktatoren hofiert in Damaskus – lebt.

Angesichts der ungeheuerlichen und menschenverachtenden Politik Israels hat Thumann auch eine konkrete Handlungsaufforderung für die deutsche Regierung parat:

Die Bundesregierung sollte auf das schnelle Ende der Blockade drängen.

Warum Thumann dieses Drängen nur gegenüber Israel, nicht jedoch gegenüber Ägypten fordert, bleibt sein Geheimnis – vermutlich hat es irgendetwas mit jener besonders engen Freundschaft Deutschlands mit Israel zu tun.

Überaus aufschlussreich ist überdies, was Thumann als dritten „Test“ ausmacht:

Irans Präsident Ahmadinedschad verdammt Israel und baut, so sieht es aus, an der Atombombe.

Nebst dem Euphemismus „verdammt“ – richtig wäre: “droht mit Vernichtung” – und der unnötigen Einschränkung der Gewissheit fällt auf, dass Thumann die nukleare Bewaffnung der Islamischen Republik Iran offenbar nicht als existenzielle Bedrohung Israels oder Gefahr für die freie Welt ansieht, sondern lediglich als „Test“ für die deutsche Regierung, quasi eine Fingerübung für zwischendurch. Dass Merkel sich vor dem US-Kongress – zumindest verbal – unzweifelhaft auf die Seite Israels gestellt hat, bereitet Thumann hierbei große Sorge:

Wenn es zum Krieg zwischen Iran und Israel käme, so wäre dies die ultimative Prüfung von Merkels Versprechen. Würde Deutschland dann aufseiten Israels in einen Konflikt eingreifen? Es ist zweifelhaft, ob wir diesen Test bestehen würden. Nicht nur deshalb gehört es vor allem zur Staatsräson Deutschlands, diesen Konflikt, den großen Nahostkrieg abzuwenden.

Ansonsten stets mit dem Holzhammer hantierend, zweifelt Thumann hier an, was zweifelsfrei feststeht: Natürlich würde Deutschland nicht aufseiten Israels in einen Konflikt eingreifen, dafür sorgen nicht zuletzt Journalisten vom Schlage Thumanns. Gesteht man Thumann jedoch für einen kurzen Moment zu, eine iranische Atombombe – und sei es einzig und allein aus Eigeninteresse – wirklich verhindern und den „großen Nahostkrieg“ abwenden zu wollen, lautet sein Vorschlag:

Dazu muss man das kleine Einmaleins der Nahostrhetorik beherrschen. Ahmadineschad liebt markige Worte seiner Gegner. Dann kann er im Gegenzug um islamische Solidarität heischen, die arabische Straße aufhetzen, vor allem bei den US-Verbündeten Saudi-Arabien und Ägypten. Konfrontation ist sein Lebenselixier. Offene Drohungen mit dem Knüppel, wie Benjamin Netanjahu sie schätzt, sind kontraproduktiv. Gerade der mögliche Angriff aus dem Westen bestärkt die Iraner, atomwaffenfähiges Uran anzureichern.

Thumann verschweigt geflissentlich, dass es sich bei Ahmadinedschads Worten keinesfalls nur um bloße „Rhetorik“ und leere Worte handelt. Nein: der iranische Präsident meint, was er sagt, und er sagt, was er meint. Das Streben der Islamischen Republik Iran nach Nuklearwaffen ist nicht den “offenen Drohungen” Israels oder gar einem – schön wäre es! – “möglichen Angriff aus dem Westen” geschuldet, sondern elementarer Bestandteil islamfaschistischer Ideologie. Dies ignorierend schlägt Thumann hingegen folgende Strategie für den Umgang mit dem Iran vor:

Gefragt ist daher kluger, nicht krachender Gegendruck. Nur wenn die Angriffsdrohung wegfällt, besteht die Chance, Iran noch zu einem Atomkompromiss zu bewegen. Davon sollten die Deutschen Israel überzeugen.

Vielleicht glaubt Thumann ja entgegen jeglicher Erfahrung und Vernunft wirklich, dass die Appeasement-Politik gegenüber der Islamischen Republik Iran weiter fortgeführt werden muss und das immer noch nicht genug Zugeständnisse gegenüber Teheran gemacht wurden. Vielleicht glaubt Thumann auch wirklich, dass einem Freund, dessen Leben von einem Dritten bedroht wird, am Besten durch Kritik des eigenen Handelns gedient sei.

Vielleicht handelt es sich bei Thumanns Worten aber auch einfach nur um einen Ausdruck jener Spielart des Antisemitismus, mit der man im Jahr 2009 in Deutschland Zeitungen in hunderttaussendfacher Auflage verkaufen kann.

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