Zeitung für Schland

Unverschämt: Netanyahu fordert Anerkennung Israels!

Veröffentlicht in SPIEGEL & SPIEGEL ONLINE von Mr. Moe am August 27, 2009

Bei SPIEGEL ONLINE ist man offenbar der Ansicht, dass Israels Existenz kein dauerhafter Zustand, sondern Gegenstand von Verhandlungen ist. So heißt es in einem Bericht über das Treffen des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahus mit der deutschen Bundeskanzlerin Merkel im Ton der üblichen Empörung:

Netanjahu will mit den Palästinensern verhandeln – verlangt von ihnen aber die Anerkennung Israels.

Wahrlich eine allzu dreiste Forderung Netanyahus, die Anerkennung Israels zu verlangen! Weiß doch jeder Leser von SPON, dass es eine Anerkennung Israels – wenn überhaupt – nur unter zahlreichen Bedingungen geben kann.

Warum die Anerkennung Israels als jüdischer Staat seitens der Palästinenser unabdingbar und eher eine Vorbedingung, denn ein Ergebnis von Verhandlungen sein sollte, erklärt Robert O. Freedman:

It is necessary for the Palestinians to recognize Israel as a Jewish state to replace the image of the Jew as dhimmi, or second class citizen, with the image of the Jew as a member of a national group exercising legitimate national rights, just as the Palestinians themselves do. Once this is done, the chances for a long-lasting peace between Israel and a Palestinian state will be greatly enhanced.

Ganz Jerusalem? Ja, ganz Jerusalem!

Veröffentlicht in Zwei mal Drei macht Vier von Mr. Moe am August 9, 2009

Auf dem Fatah-Parteitag hat man sich laut Ha’aretz auf ein gemeinsames Positionspapier geeinigt. Demnach sei die palästinensische Mission erst dann erfüllt, wenn sich Jerusalem unter palästinensischer Herrschaft befände. Und zwar nicht nur der östliche Teil, sondern ganz Jerusalem:

According to Israel Radio, the paper does not make a distinction between the eastern and western halves of the capital, nor does it distinguish between the territories within the Israeli side of the Green Line and the areas captured by Israel in the 1967 Six-Day War.

Schon die Ansprüche der Palästinenser auf Ostjerusalem sind mehr als fragwürdig (um nicht zu sagen: nicht haltbar), der Anspruch auf die gesamte Stadt ist ohne wenn und aber fanatischer Humbug. Humbug, der im üblichem martialischen – und genozidalen – Ton verkündet wird:

„Fatah will continue to sacrifice victims until Jerusalem will be returned [to the Palestinians], clean of settlements and settlers,“ the paper states.

Bleibt mit Andreas Rebers zu hoffen, dass etwaige (Selbstmord-)Attentäter ihre Anschläge „ganz allein für sich privat“ verüben.

Khaled Abu Toameh berichtet in der Jerusalem Post zudem Folgendes:

The new resolution says that Fatah considers Jerusalem a „red line“ that no one could cross. It defines Jerusalem as the „eternal capital of Palestine, the Arab world and the Islamic and Christian worlds.“

Vermutlich betrachten die Mitglieder der Fatah den Zusatz „and especially the Jewish world“ als so selbstverständlich, dass er keiner eigenen Erwähnung bedarf.

Darüber hinaus bekennt sich die Fatah unmissverständlich zu den terroristischen Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden:

The conference also endorsed the Aksa Martyrs Brigades as Fatah’s official armed wing.

Zakariya Zubeidi, one of the commanders of the armed group who delivered a speech before the assembly over the weekend, hailed the decision.

He said the decision to endorse his group was announced by Othman Abu Gharbiyeh, chairman of Fatah’s sixth General Assembly.

„Abu Gharbiyeh announced before the conference that Fatah would never give up the Aksa Martyrs Brigades,“ Zubeidi said. „He stressed that the endorsement of our group was parallel to the continued brandishing of the olive branch as a symbol for peace.

Und doch werden deutsche Medien es weiterhin tun:

  • sie werden weiterhin hartnäckig und jeglicher Erfahrung zum Trotz von der „moderaten“ Fatah und dem „gemäßtigen“ Abbas schreiben und sprechen
  • sie werden weiterhin die israelische Siedlungen als größtes Hindernis für einen dauerhaften Frieden ansehen und nicht etwa den massiven Unwillen sowohl der Hamas als auch der Fatah, Israels Existenz anzuerkennen
  • sie werden weiterhin fordern, dass Israel nicht nur mit radikalen Extremisten verhandelt, sondern einseitige Zugeständnisse eingeht, ohne jemals berechtigte Hoffnung auf Gegenleistungen hegen zu dürfen
  • sie werden weiterhin einem US-Präsidenten zujubeln, dessen einseitiger und unnachgiebiger Druck auf Israel die Palästinenser in ihren ohnehin schon kompromisslosen Maximalforderungen noch bestärkt, und der somit (mit-)verantwortlich dafür ist, dass Cäsar eher Gallien erobert, als dass die „gemäßigte“ Fatah zu einem Frieden mit Israel bereit ist

The End of Israel?

Veröffentlicht in Empfehlungen von Don Homer am Juli 31, 2009

Anlässlich des gestrigen Gedenkens an die Zerstörung des ersten und zweiten Tempels (Tisha b’Av) hat sich Yaacov Lozowick Gedanken über die Zukunfts Israels gemacht. Lozowick, Autor des bei der Bundeszentrale für politische Bildung günstig zu erwerbenden Buches „Israels Existenzkampf“, thematisiert dabei insbesondere die Bedrohung Israels durch einen nuklear bewaffneten Iran sowie die Gefahr, dass die Vereinigten Staaten Israel (vollständig) den Rücken zukehren könnten (Europa natürlich sowieso). Herausgekommen ist ein Must Read, den es jetzt dank beer7 mittlerweile auch auf Deutsch gibt:

There’s a growing constituency for the idea that Israel’s time is limited. Between 1949 and the early 1970s, Israel’s right to exist was openly denied by most of the Arab world, but largely unquestioned elsewhere. Then the narrative changed, and for the next quarter century the growing consensus in the West and in Israel itself was that the existential threat had passed, and if only Israel would accept the Palestinians alongside it, peace would flourish. The Green Line of 1967: if only Israel would retreat to it!

Since summer 2000 this narrative has been steadily losing ground. Most Israelis and their elected leaders have accepted the fundamental thesis if not all its details, but the Palestinians have made clear their claims begin with 1948, not 1967.

So Israel’s enemies and harsh critics are dropping the pretence of seeking partition; they are ever more openly striving for an abolition of Zionism. The Jews should have no separate state of their own, say the enemies; the Jews may end up with no state of their own, say the unconfident friends, and all call for Israeli actions which may bring this about.

Here are three random examples, all from the past 24 hours. First, the rabid antisemites at the Guardian’s Comment is Free, ranting about the urgent need for a world without Israel. Second, Andrew Sullivan, muddled thinker but very popular blogger, telling A.Jay Adler he can’t see Israel reaching its 60th anniversary (which happened back in 2008, but no matter). Finally, Jeffrey Goldberg, journalist and blogger at The Atlantic and a staunch supporter of Israel, fearing that wrong Israeli policies might cause it not to survive. The antisemites hope for Israel’s end, Sullivan is beginning to wonder, and Goldberg is beginning to fear; they all agree it’s possible.

Is it? How? [Weiterlesen...]

Lozowicks Fazit sei an dieser Stelle vorweggenommen:

I’m sorry – no, I’m not sorry at all – but whoever is planning our near demise doesn’t get it. We’re not here because the Colonialists sent us and forgot to take us back.  We’re not here as revenge for the Shoah the Europeans enabled the Germans to commit on us. We’re not here on the sufferance of the Americans. We’re here because we’ve decided to be here. Short of divine plans, which I don’t pretend to be able to explain, our decisions are the most important part of the story, as they always have been.

Siehe zudem auch:

Blick auf die Welt – von Beer Sheva aus: „Tisha b’Av“ sowie „Noch einmal Tisha b’Av“

Michael B. Oren: „Seven Existential Threats“

Norm Podhoretz: „How Obama’s America Might Threaten Israel“

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Erich Follath strikes again!

Veröffentlicht in SPIEGEL & SPIEGEL ONLINE von Mr. Moe am Juni 24, 2009

Der mit Juden stets „Tacheles“ redende Erich Follath hat im Dienste SPIEGEL ONLINES wieder zugeschlagen. Dieses Mal in englischer Sprache:

Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu and Iranian President Mahmoud Ahmadinejad may seem very different, but they are united in their apocalyptic religious visions. Their respective beliefs may be propelling them on a collision course with potentially horrific consequences.

Es reicht. Angesichts der Arbeit für FREE IRAN NOW! und zur Schonung der eigenen Nerven, wird Follaths Artikel hier nicht weiter verhandelt. Zumal dies Petra Marquardt-Bigman, ebenfalls auf englisch, auch schon getan hat (Update: Übersetzung von heplev).

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Deutsche Medien und Netanyahus Rede

Veröffentlicht in Die üblichen Verdächtigen von Mr. Moe am Juni 16, 2009

Er hat gesagt, was alle hören wollten und von ihm verlangten: Der israelisch Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat in seiner Rede an der Bar-Ilan-Universität von einem palästinensischen Staat gesprochen. Und ganz nebenbei auch noch, wie Jennifer Rubin treffend anmerkt, dem „Geschichtsstudenten“ Barack Hussein Obama eine mehr als überfällige Geschichtsstunde bezüglich des Nahostkonflikts erteilt.

Deutsche Medien sind sich indes einmal mehr einig, wie fast immer eigentlich, wenn es um Israel geht. Während Obamas Kairo-Rede trotz (oder: aufgrund) zahlreicher inhaltlicher Fehler, eines absurden Verständnis der Verhältnisse im Nahen Osten und inhaltsloser Weltfriedensrhetorik allerorts überschwänglich gelobt wurde, wird Netanyahu, wie nicht anders zu erwarten, aufs heftigste kritisiert. So fordert Christoph Schult, dem Netanyahus Rede nicht weit genug geht, auf SPIEGEL ONLINE, dass Israel doch endlich die Daumenschrauben angelegt und festgezogen werden müssten:

Aber mit seinem vorsichtigen Bekenntnis zu einem entmilitarisierten Palästinenserstaat hat Israels Premier immerhin eines bewiesen: Wenn die Amerikaner Druck ausüben, bewegt er sich. Nicht gleich, aber irgendwann doch. Nicht viel, aber ein Stück.

Wann der Druck auf Israel nachzulassen hat, beschreibt Schult mehr als deutlich:

Vor zehn Jahren war Benni Begin schon einmal Minister unter Netanjahu. Damals trat er zurück, als Netanjahu einen Teil Hebrons an die Palästinenser zurückgab. Erst wenn Begin sich erneut zum Rücktritt gezwungen sieht, hat Obama im Nahen Osten etwas erreicht.

Und als sei das noch nicht genug, gibt’s noch einen Apartheids-Vergleich gratis obendrauf:

Aber Netanjahu ist kein Frederik Willem de Klerk wie in Südafrika, der seine alten Glaubenssätze über Bord warf. Er ist nicht einmal ein Ariel Scharon, der 2005 immerhin alle Siedler aus dem Gaza-Streifen abzog.

Ähnlich wie Schult moniert Christiane Schlötzer von der Süddeutschen Zeitung, dass Netanyahu ohnehin nicht kompromissbereit sei:

Israels Regierungschef spricht erstmals von einem Palästinenser-Staat und erweckt so den Eindruck, er wolle sich bewegen. Bei genauem Hinhören wird klar: Er ist dazu nicht wirklich bereit.

Zur Erinnerung: Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat vor etwa zwei Wochen verkündet, sich keinen Millimeter zu bewegen. Die Empörung darüber in deutschen Medien blieb erwartungsgemäß aus, es wurde in der Regel nicht einmal der Erwähnung wert befunden.

Dass deutsche Kommentatoren häufig offenbar überhaupt nicht wissen, wovon sie schreiben, beweist Charles Landsmann vom Tagesspiegel:

Denn Netanjahu hat seine Zustimmung zu Palästina in altbewährter Manier von einer ganzen Reihe von Vorbedingungen abhängig gemacht, von denen ein Großteil für die palästinensische Seite unakzeptabel sind.

Was erwartet Landsmann? Dass ein palästinensischer Staat gegründet wird, und trotzdem sämtliche palästinensischen „Flüchtlinge“ in Israel angesiedelt werden? Und würde Landsmann je auf die Idee kommen, die Maximalforderungen der Palästinenser als „für die israelische Seite unakzeptabel“ zu bezeichnen? Zumal dies alles doch eigentlich auch gar keine Rolle spielen dürfte, denn Landsmann weiß ja:

Wer deshalb von Netanjahu aufgrund dieser Rede erwartet, dass er Frieden mit den Palästinensern schließen werde oder auch nur will, der glaubt an Wunder.

So sind sie die Juden, an Frieden nicht interessiert. Und als sei damit nicht bereits alles gesagt, was der Antisemit von heute zu sagen hätte, legt Landsmann heute gleich noch einmal nach und „analysiert“, „was Netanyahu eigentlich will“, ganz so, als ob das für ihn (Landsmann), nicht ohnehin schon feststünde. Sich auf den Saudi-Friedensplan beziehend, gibt Landsmann zu erkennen, was er von Israel – ohne Gegenleistung der Palästinenser, versteht sich – verlangt:

Die arabischen Staaten haben sich in dieser Initiative zur Anerkennung Israels und zur Aufnahme normaler zwischenstaatlicher Beziehungen bereit erklärt, US-Präsident Barack Obama will noch vor Verhandlungen erste Normalisierungsschritte arabischerseits sehen. Netanjahu ging in seiner Rede nicht auf die Initiative ein – offenbar weil er, so vermuten nicht nur die Palästinenser, nicht bereit ist, den von Israel geforderten Preis für einen umfassenden Nahostfrieden zu zahlen: nämlich die Räumung aller Siedlungen und den Rückzug aus allen seit 42 Jahren besetzten Gebieten, von den Golan-Höhen und aus dem Westjordanland, genauso wie im Gazastreifen geschehen.

Triebe eine israelische Regierung die Juden eigenhändig ins Meer – deutsche Kommentatoren beschwerten sich, das das Ganze nicht schnell genug vonstatten ginge.

Weitere lesenswerte Beiträge zu diesem Thema:

Blick auf die Welt – von Beer Sheva aus: „Netanyahu hat seine Rede gehalten“ sowie „Reaktionen in Europa“

Freunde der offenen Gesellschaft„Netanjahu exposed!“

Lizas Welt„Geduld! Respekt! Dialog!“

No Blood for Sauerkraut!„Ich schieße, also bin ich“

Widerling der Woche

Veröffentlicht in Zwei mal Drei macht Vier von Mr. Moe am Juni 13, 2009

EU-Chefdiplomat Javier Solana weilt derzeit in Beirut, wo er sich unter anderem mit einem Abgeordneten der Hisbollah trifft. Bei der Gelegenheit verlangt Solana vom israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu zudem im Befehlston ein Bekenntnis zur Zweistaatenlösung, denn „das ist es, was wir von ihm zu hören erwarten“. Und als reichten diese beiden Gegebenheiten nicht bereits aus, sich für den Titel „Widerling der Woche“ zu qualifizieren, hat Solana nun verlauten lassen, das man „die Entscheidung des iranischen Volkes“ (ja, gemeint sind allen Ernstes die „Wahlen“ im Iran) zu „akzeptieren“ habe.

Steht da etwa ein erneuter Besuch in Teheran auf dem Programm?

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Zwei Sichtweisen, ein Journalist und ein Dilemma

Veröffentlicht in DIE ZEIT von Mr. Moe am Juni 10, 2009

Arnfrid Schenk schreibt in der ZEIT über ein von Israelis und Palästinensern gemeinsam erarbeitetes Schulbuch, dass dazu diene, die Sichtweise der jeweils anderen Seite besser zu verstehen. Sowohl das Projekt selbst wie auch die Berichterstattung über selbiges dürften von geschätzten 85 und gefühlten 95 Prozent der ZEIT-Leser für lobenswert gehalten werden (ersteres sogar mit einiger Berechtigung). An dieser Stelle soll es indes nicht um das Projekt selbst gehen, sondern um Schenks Artikel sowie ein damit in Zusammenhang stehendes grundsätzliches Dilemma, vor dem all jene Journalisten stehen, die sich „Ausgewogenheit“ und „Objektivität“ auf ihre Fahnen schreiben, selbst aber ihre eigene Meinung, größtenteils unterschwellig, in ihre Artikel einfließen lassen.

Bereits im ersten Absatz wird deutlich, welche der beiden Sichtweisen – der israelischen und der palästinensischen – Schenk selbst zu favorisieren scheint. Einen palästinensischen Projektarbeiter namens Sami Adwan, Professor für Erziehungswissenschaften der Universität Bethlehem, stellt Schenk wie folgt vor:

Geboren 1954 in einem Dorf nahe Hebron im Westjordanland, aufgewachsen unter israelischer Besatzung.

Dass das Westjordanland von 1948 bis 1967 völkerrechtswidrig von Jordanien besetzt war und der palästinensische Projektmitarbeiter demnach die ersten 13 Jahre seines Lebens nicht unter israelischer, sondern unter jordanischer Besatzung aufwuchs, erwähnt Schenk wohlweislich nicht. Vermutlich, da es seiner im Folgenden entwickelten Argumentation zuwider liefe, die gemäß des üblichen Musters verläuft, von dem ZEIT-Leser offenbar nie genug kriegen können, denn sonst würde es sich ja nicht Woche um Woche in der ZEIT abgedruckt unterdrücktes Kind entwickelt Hass (wahlweise in minimaler Variation: gehänseltes Kind läuft Amok oder hässliches Kind wird Nazi).

In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, dass Schenk einen offensichtlich wohlwollenden Artikel über das zwei Sichtweisen darstellende Projekt schreibt, selbst aber eine der beiden Sichtweisen stillschweigend zu Eigen macht. Denn wie sonst ist es zu erklären, dass Schenk, einzig die Biographie eines Vertreters der palästinensischen Sichtweise ausführlichst vorstellt und demnach auch allein den entsprechenden Vertreter dieser Sichtweise ausgiebig zu Wort kommen lässt? Auf der anderen Seite, um sich einer der Lieblingsfloskeln Journalisten des Kalibers Schenks sowie amtierender US-Präsidenten zu bedienen, ist es natürlich absolut in Ordnung, dass kein Israeli interviewt wird, der von palästinensischen Terroranschlägen und dem Raketenterror berichte – das will ja schließlich auch niemand in der ZEIT lesen.

Doch Schenk lässt nicht nur ausschließlich eine Seite ausgiebig zu Wort kommen, sondern übernimmt überdies die Schilderungen seines palästinensischen Interviewpartners weitestgehend unkritisch oder schmückt sie gar noch aus:

Lange denkt er von den Israelis, was man in Palästina von Israel denkt: „Sie sind der Grund für meine ganze Misere, für all mein Leiden.“ Adwan denkt noch so, als er schon Erziehungswissenschaften in den USA studiert – er vermeidet Vorlesungen und Seminare, wenn er weiß, dass jüdische Studenten daran teilnehmen. Gesprochen hat er bis dahin mit keinem Israeli, er kennt sie nicht als Zivilisten, nur als Soldaten an den Checkpoints.

Man sollte meinen, dass es sich hier um einen eindeutigen Fall von Antisemitismus handle, doch Schenk stellt die Ablehnung jüdischer Studenten lieber als quasi natürliche und daher prinzipiell nachvollziehbare Position dar (zur Erinnerung: Besatzung). Dieses Spielchen spielt Schenk im Verlauf des gesamten Artikels munter weiter:

Er kommt Ende der achtziger Jahre aus den USA zurück, lehrt an der Hebron-Universität, wird Mitglied von Fatah und wenig später von den Israelis verhaftet, Fatah galt damals noch als terroristische Vereinigung. In der ersten Woche in Haft erfährt er nicht, weswegen er angeklagt ist. Das Feindbild bleibt stimmig.

Hier verschweig Schenk den nicht nicht ganz unbedeutenden Umstand, dass die Fatah Ende der achtziger Jahre nicht nur als „terroristische Vereinigung“ galt, sondern eine war. Allerdings sei Schenk zugestanden, dass die Bezeichnung der Fatah als Terrororganisation natürlich voraussetzen würde, Palästinensern grundsätzlich zuzugestehen, aktiv und eigenständig handelnde Subjekte und nicht nur bloße Opfermasse zu sein. Schenk tut dies nachweislich nicht:

So handelt das Buch die israelisch-palästinensische Geschichte des 20. Jahrhunderts ab. Dazu gehören etwa die Balfour-Deklaration von 1917, die den Juden einen eigenen Staat versprach, die Intifada genannte Zeit des Aufstands gegen die Besatzung, die Kriege von 1948, 1967. Die Fakten sind ein und dieselben, nur gibt es eben zwei Sichtweisen dazu. Das Jahr 1948 etwa bedeutet für die Israelis Unabhängigkeitskrieg und Staatsgründung, für die Palästinenser ist es das Jahr der Katastrophe, der nakba, der Vertreibung aus ihrer Heimat.

Subjekte der Schenk’schen Geschichtsschreibung sind allein die Israelis: Sie führen Kriege, gründen Staaten und vertreiben Palästinenser. Die Palästinenser hingegen werden vertrieben, unterdrückt und daran gehindert, Staaten zu gründen. Und wenn es zur „Intifada genannte[n] Zeit des Aufstands gegen die Besatzer“ kommt, dann ist bereits in der Umschreibung angelegt, wer dafür eigentlich die Verantwortung trägt. Neben dieser Übernahme des palästinensischen Narratives, offenbart sich das ganze Problem nicht nur Schenks Artikels überdies in einem einzigen Satz des bereits oben erwähnten Interviewpartners Adwan, der allerdings genauso gut aus Obamas Kairo-Rede stammen könnte:

Der Holocaust taucht in den palästinensischen Büchern kaum auf, das Trauma der Vertreibung der Palästinenser wird auf israelischer Seite ignoriert.

Von deutschen, europäischen und amerikanischen Geldern finanzierte palästinensische Lehrbücher, in denen der Holocaust verschwiegen und der Hass auf Juden und Israel geschürt wird, werden hier mit einem (vermeintlichen) gesellschaftlichen Phänomen innerhalb der israelischen Gesellschaft auf eine Stufe gestellt. Schenk akzeptiert diesen Vergleich stillschweigend und ignoriert somit vollends dass weder Holocaust und „Nakba“, noch der Umgang der Israelis mit letzterer und der Umgang der Palästinenser mit ersterem sinnvoll miteinander verglichen werden können. Denn so sieht sie aus, die Sichtweise der Schenks, der ZEIT-Leser und der Obamas dieser Welt, nicht nur aber vor allem im Hinblick auf den Nahostkonflikt: Alle sind an allem schuld und alles ist gleich schlimm. Und wenn Sie nicht noch am relativieren sind, vergleichen sie noch heute.

Quelle: Arnfrid Schenk: „Die Geschichte der anderen“, in: DIE ZEIT vom 10. Juni 2009, S. 65.

Well done, Mr. President!

Veröffentlicht in Zwei mal Drei macht Vier von Mr. Moe am Juni 8, 2009

US-Präsident Obamas Kairo-Rede zeigt erste erwünschte Wirkungen. So frohlockt SPIEGEL ONLINE:

Die Hamas hat auf die hochgelobte Kairoer Rede von Barack Obama geantwortet: Die Radikal-Islamisten forderten den US-Präsidenten zu direkten Gesprächen auf, wenn er wirklich einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten anstrebe.

Allerdings gebe es der Hamas zufolge doch noch ein paar kleinere Probleme:

Marsuk lehnte einen Gewaltverzicht ausdrücklich ab. Dies aber hat Obama zur Vorbedingung für einen Dialog gemacht. Die US-Regierung solle keine Bedingungen stellen, sondern akzeptieren, dass eine Lösung des Nahostkonflikts ohne die Hamas nicht möglich sei, betonte Marsuk. Er bekräftigte die Position seiner Bewegung, wonach die wahre Gewalt im Nahen Osten von der israelischen Besatzung ausgehe. Dies hätte Obama in seiner Rede zumindest erwähnen müssen. Auch eine Anerkennung Israels lehnte Marsuk weiterhin ab.

Dass die „wahre Gewalt im Nahen Osten von der israelischen Besatzung“ ausgehe, ist soweit von Obamas eigener Auffassung des Nahostkonfliktes nun wahrlich nicht allzu weit entfernt. Zudem ist die Nicht-Anerkennung Israels für Obama bekanntermaßen kein Grund, sich nicht mit einem Staat oder einer Terrororganisation an einen Tisch zu setzen. Und wenn man sich doch schon so gut versteht, sollte eine Kleinigkeit wie der Verzicht von Gewalt „Friedensgesprächen“ doch nicht im Wege stehen. Schließlich handelt es sich ja nicht um israelische Siedlungen.

Eine ausführliche Behandlung Obamas Rede wird in den nächsten Tagen folgen.

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Ein unabhängiger palästinensischer Staat?

Veröffentlicht in Empfehlungen von Don Homer am Juni 5, 2009

Khaled Abu Toameh, Hudson Institute, 03. Juni 2009.

Ein unabhängiger palästinensischer Staat?

Die Annahme, dass die Schaffung eines unabhängigen palästinensischen Staates an der Seite Israels die Lösung des israelisch-arabischen Konfliktes darstellt, ist sowohl kontraproduktiv als auch falsch.

Die neue Barack Obama-Regierung unterstützt, wie viele Regierungen auf der ganzen Welt, vollständig das palästinensische Ziel, einen eigenen Staat im Nahen Osten zu haben.

Die Vereinigten Staaten und der Westen üben jetzt Druck auf Benjamin Netanyahu und seine Regierung aus, die Zweistaatenlösung zu akzeptieren und die Schaffung eines unabhängigen palästinensischen Staates im Westjordanland, dem Gazastreifen und den arabischen Vierteln und Dörfern Jerusalems zu fördern.

Ihre Bemühungen beruhen auf dem Glauben, dass ein palästinensischer Staat den israelisch-arabischen Konflikt beenden und den Weg für Frieden und Stabilität in der Region bereiten würde.

Doch es gibt guten Grund zu glauben, dass das genaue Gegenteil wahr ist.

In Wirklichkeit würde die Gründung eines palästinensischen Staates, zumindest unter den derzeitigen Umständen, zu weiterer Instabilität und zu weiterem Blutvergießen in der Region führen.

Der Hauptgrund, warum ein palästinensischer Staat die Region heute destabilisieren und Spannungen zwischen Juden und Arabern verschärfen würde, ist die wachsende Popularität radikalislamischer Gruppen wie der Hamas und dem Islamischen Djihad unter den Palästinensern.

Die Hamas hat jetzt schon unmittelbare Kontrolle über etwa 1.3 Millionen Palästinenser im Gazastreifen – über die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung in den palästinensischen Gebieten. Mit der Hilfe des Iran, Syriens, des Sudans, der Hisbollah und der Muslimbruderschaft in der arabischen Welt hat die Hamas unlängst ihre Bemühungen intensiviert, ihre Kontrolle auf das Westjordanland auszudehnen. Viele Palästinenser sind überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bevor es der islamischen Bewegung gelingt, ihr Ziel zu erreichen.

Dies bedeutet, dass der künftige palästinensische Staat eine Islamische Republik werden würde, beherrscht von Islamisten, die glauben, dass der Dschihad [Heilige Krieg] der einzige Weg ist, Israel zu zerstören und den Rest der Welt zu unterwerfen.

Ein solcher Staat würde nicht nur eine Bedrohung für Israels Sicherheit darstellen, er würde auch anstreben, die säkularen Regime in benachbarten arabischen Ländern zu untergraben, einschließlich Ägypten und Jordanien, den einzigen beiden arabischen Staaten, die Friedensverträge mit dem jüdischen Staat haben.

Die palästinensische Autonomiebehörde ist nach wie vor zu schwach, um ihre Kontrolle über das Westjordanland zu bewahren. Im Sommer 2007 ergaben sich die Sicherheitskräfte der palästinensischen Autonomiebehörde im Gazastreifen der Hamas, ohne wirkliche Gegenwehr zu leisten.

Die palästinensische Autonomiebehörde verdankt ihre Macht im Westjordanland größtenteils der Präsenz der Israel Defense Forces in diesem Raum und deren massiven Vorgehens gegen die Hamas.

Die Ironie besteht darin, dass die Chancen der palästinensischen Autonomiebehörde, an der Macht zu bleiben, sehr gering wären, wenn Israel heute der Forderung der palästinensischen nachkäme, sich aus dem gesamten Westjordanland zurückzuziehen. Die Hamas bleibt unter vielen Palästinensern im Westjordanland vorwiegend deswegen beliebt, weil sie der palästinensischen Autonomiebehörde und ihren Führern, die sie als Marionetten der USA und Israels ansehen, nach wie vor nicht trauen.

Die Palästinenser sind heute nahezu vollständig von finanzieller Hilfe der USA und des Westens abhängig. Ohne irgendeine Form eines Bündnisses mit Israel oder Jordanien wäre ein palästinensischer Staat ebenfalls auf Almosen der Vereinigten Staaten, Japan und den meisten der Länder der Europäischen Union angewiesen.

Die palästinensische Autonomiebehörde ist das einzige Regime in der arabischen Welt, dessen Beamte [über 150.000] ihre Löhne von ausländischen Regierungen erhalten. Ein palästinensischer Staat, der nicht jedes Jahr Milliarden von Dollar ausländischer Hilfe von den Amerikanern und Europäern erhält, wird sich um Hilfe zweifellos an den Iran, Libyen, den Sudan und Syrien wenden.

Diese Länder sind, unnötig zu erwähnen, nicht bekannt für ihren großen Beitrag für die Sache des Friedens und der Stabilität im Nahen Osten. Das letzte was die Palästinenser wollen ist ein Staat, dessen Überleben von Mahmud Ahmadinedschad, Muammar Gadaffi, Bashar Assad und Omar Al-Bashir abhängt. Diejenigen, die unnachgiebig auf einen palästinensischen Staat unter den derzeitigen Umständen drängen, sollten diese Bedrohungsszenarien berücksichtigen. Andernfalls werden die Palästinenser die ersten sein, die den Preis bezahlen.

Damit keine falschen Vorstellungen entstehen – ich bin auch nicht für eine Einstaatenlösung. Eine Mehrheit der Juden und Palästinenser erhofft sich Trennung, keine Integration.

Die zwei Gemeinschaften wollen nicht zusammen in einem binationalen Staat leben, und daher ist eine Trennung unumgänglich und wünschenswert.

Die Palästinenser kämpfen nicht dafür, israelische Bürger zu werden. Stattdessen kämpfen sie für Unabhängigkeit von Israel. Sie haben bereits ihr eigenes Parlament, ihre eigenen Sicherheitskräfte, ihre eigene Fahne und ihre eigene Regierung.

Um genauer zu sein, haben die Palästinenser wenigstens zwei von jedem unter der Hamas im Gazastreifen und unter der Fatah im Westjordanland.

Meinungsumfragen in Israel zeigen, dass eine Mehrheit der Juden die Zweistaatenlösung nicht aus Liebe zu den Palästinenser befürwortet, sondern weil sie von ihnen getrennt sein will, und das ist ebenfalls in Ordnung. Allerdings sollte es wohl eine Art von nahöstlichen Eid des Hippokrates geben: „Richte zunächst keinen Schaden an“. Das Westjordanland in ein zweites Hamastan zu verwandeln ist das letzte, was die Palästinenser, die Israelis und der Westen brauchen.

Khaled Abu Toameh ist Journalist und lebt in Jerusalem.

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Was Obama in Kairo hoffentlich nicht sagen wird

Veröffentlicht in DIE ZEIT von Mr. Moe am Juni 2, 2009

Vor nicht allzu langer Zeit hat SPIEGEL-Journalist Erich Follath seiner Phantasie freien Lauf gelassen und dem israelischen Außenminister Avigdor Lieberman in einer fiktiven Rede an Stelle Frank-Walter Steinmeiers einmal richtig die Meinung gegeigt, oder wie Follath selbst es formulierte: „Tacheles geredet“. Dem SPIEGEL eine Widerwärtigkeit zurückzuliegen konnte man bei der ZEIT offenbar nicht ertragen und hat folgerichtig eine eigene fiktive Rede veröffentlicht. Diese reicht zwar nicht an Follaths Erguss heran, „verdient“ aber dennoch Beachtung, da auch sie r ein gesellschaftliches Phänomen steht.

Die von Michael Thumann, dem leitenden ZEIT-Redakteur für den Mittleren Osten, verfasste Rede mit dem vielsagenden Titel „Ich bedaure“ ist indes nicht an den israelischen Außenminister respektive Israel gerichtet, sondern an „die gesamte muslimische Welt“. Anlass für Thumanns „Entwurf einer Rede an die Muslime“ ist die bevorstehende Rede von US-Präsidenten Barack Obama am kommenden Donnerstag in Kairo. Den Auftakt der Rede, die Obama Thumanns Ansicht nach halten soll, bildet eine handfeste Lüge:

Schauen Sie auf die großen gemeinsamen Leistungen der Weltkulturen. Die Länder im Nahen Osten, Ägypten mit seiner großartigen Hauptstadt Kairo sind die Bühnen dieser produktiven Vielfalt.

Bekanntermaßen gibt es im Nahen Osten in der Tat haufenweise Demokratien, keinerlei Diskriminierung oder Verfolgung von Minderheiten, sowie Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen – „produktive Vielfalt“, im wahrsten Sinne des Wortes also. Aber Spaß bei Seite: Dass sich ein jeder Redner vor seinem Publikum in der Regel zunächst beliebt machen muss, ist ebenso trivial wie grundsätzlich akzeptabel. Das Problem an Thumanns Rede ist jedoch, dass der kritiklose Ton eben nicht allein in einem besonders freundlichen Einstieg vorherrscht, also lediglich einen rhetorischen Kniff darstellte, sondern sich durch die gesamte Rede zieht und folglich Sinn und Zweck selbiger ausmacht. Dies zeigt sich gleich in den anschließenden Sätzen:

Doch unser Zusammenleben wird bedroht. Es gibt bewaffnete Kräfte, die den Frieden zerrütten, unsere Zivilisationen verwüsten wollen. Diese Drohung trifft Muslime, Christen und Juden gleichermaßen.

Ross und Reiter zu nennen ist eines der obersten und nobelsten Ziele des Journalismus. Mögen Muslime, Christen und Juden auch gleichermaßen von „bewaffneten Kräften“ bedroht sein, so muss doch konstatiert werden, dass die Bedrohung eben nicht gleichermaßen von Muslimen, Christen und Juden ausgeht. Weder Thumann, noch Obama oder die „muslimische Welt“ kommen an der Tatsache vorbei, dass die von Thumann nebulös als „bewaffnete Kräfte“ umschriebenen Subjekte des Kampfes gegen die Zivilisation nun einmal vornehmlich Muslime sind. Und während Thumann an dieser Stelle peinlichst genau jegliche Zuweisung von Verantwortung vermeidet, ist er einige Zeilen später mehr als eindeutig:

Mein Land [die Vereinigten Staaten, Mr. Moe] hat in den vergangenen Jahren große Fehler gemacht und gegen eigene Grundsätze verstoßen. Ich bedaure das. Wir wollen Rechtsbrecher nicht mit Rechtsbrüchen verfolgen. Wir führen keinen „Krieg“, sondern verteidigen Freiheit, Frieden und das Recht.

Dass die Verteidigung von „Freiheit, Frieden und Recht“ dieser Tage erfordert, einen Kampf zu führen, der nicht anders denn als „Krieg“ bezeichnet werden kann, sollte eigentlich jedem klar sein, der über die Gabe des Denkens verfügt. Ebenso klar sollte sein, dass nicht die USA oder der Westen diesen Krieg erklärt und auf weite Teile der Welt ausgeweitet haben, sondern radikalislamische Kräfte. Bei allem Gutmenschentum und Akzeptanz-Toleranz-Geschwafel, das so viele Menschen so sehr lieben: An dieser simplen Begebenheit ist Anfang des 21. Jahrhunderts nicht vorbeizukommen, auch wenn die Thumanns und Obamas dieser Welt eben dies nahezu täglich versuchen.

Neben dieser fundamentalen Fehlauffassung fällt Thumanns Rede vor allem durch widerwärtige Relativismus auf. So zählt Thumann „Rechtsbrüche im Nahen Osten“ auf:

Wir wünschen uns die Achtung der Menschenrechte in den arabischen und muslimischen Staaten. Wir wünschen uns die Wahrung der Menschenrechte im israelischen Umgang mit den Palästinensern.

Saudi-Arabien, Iran, Israel – irgendwie ist doch jedes Land im Nahen Osten gleich (schlimm). Alle verstoßen halt ein bisschen gegen die Menschenrechte, und das ist schade. Es folgt die nächste faustdicke Lüge:

Rechtsstaat, unabhängige Richter, Meinungsfreiheit, Freizügigkeit sind keine Lehrstunden des Westens, keine Exportartikel. Sie sind Werte von Muslimen, Christen, Juden zugleich.

Bei allem Respekt vor Thumann: Jemand der schreibt, dass Meinungsfreiheit und Freizügigkeit Werte von Muslimen seien, kann nicht recht bei Trost sein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Selbstverständlich gibt es Muslime, die diese Werte teilen. Aber hier geht es eben nicht um einzelne Muslime, Christen oder Juden, sondern um die Religion als solche. Und bei allem Verständnis dafür, dass Obama in seiner Rede nun wahrlich nicht jeden Missstand im Nahen Osten oder der muslimischen Welt aufzählen kann,denn seine Zeit wird ja begrenzt sein: Es besteht doch noch ein bedeutsamer Unterschied zwischen respektvollen Austausch und unterwürfigem Anbiedern.

Doch eine Rede an die muslimische Welt wäre natürlich nicht vollendet ohne Forderungen gegenüber Israel zu stellen:

Wir treten ein für das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat, in lebensfähiger Gestalt und in naher Zukunft. Von Israel erwarten wir einen sofortigen Stopp des Siedlungsbaus und den Abriss aller illegalen Siedlungen. Zugleich stehen wir ein für die Sicherheit Israels und sein Recht auf eine Existenz frei von Angst und Bedrohungen.

Wie ein palästinensischer Staat „in naher Zukunft“ mit Israels „Recht auf eine Existenz frei von Angst und Bedrohungen“ in Einklang zu bringen sein soll, wissen wohl nur Thumann und Obama. Jedoch muss wenigstens Thumanns Aufrichtigkeit gelobt werden, stellt er doch nicht die üblichen halbherzigen Forderungen an die Palästinenser, sondern macht von vornherein deutlich, dass er allein von Israel erwartet, Frieden herbeizuführen. Wie Thumann sich darüber hinaus eine sorgenfreie israelische Existenz vorstellt, sagt er anschließend selbst:

Ich befürworte die arabischen Friedensbemühungen für eine Lösung der arabisch-israelischen Gegensätze.

Welche Bemühungen? Etwa die Initiative der arabischen Liga, die den Rückzug Israels auf nicht zu verteidigende Grenzen sowie die Rückkehr der „Flüchtlinge“ vorsieht? Welche „Friedensbemühungen“ Thumann auch immer meinen mag, eine Herzensangelegenheit scheint ihm „die baldige Regelung der Streitigkeiten zwischen Israel und Syrien“ zu sein. Denn:

Wir wollen Staaten nicht ausgrenzen, sondern in eine umfassende Regelung im Nahen Osten einbinden.

Auch hier ist Thumanns Offenheit anzuerkennen, sagt er doch frei heraus, dass er jedes noch so widerwärtige Regime akzeptiert und einbinden will. Apropos: Die islamische Republik Iran wird in Thumanns Rede auch erwähnt:

Niemand soll an friedlicher Nutzung der Kernenergie gehindert werden, aber er hat die Pflicht, sich ohne Zögern den Regeln der internationalen Atomaufsichtsbehörde zu unterwerfen. Das gilt auch für Iran.

Damit wäre dieses Thema also auch abgehandelt und das Problem so gut wie gelöst. Zumal die USA Thumann zufolge ja auch Israel entwaffnen sollten:

Wir sehen nicht an der Tatsache vorbei, dass Israel und Pakistan über Atomwaffen verfügen. Doch folgt für mich daraus nicht, dsas jeder solche Waffen braucht. Die USA wollen mit allen Staaten der Region über einen umfassenden Sicherheitspakt ohne Kernwaffen reden.

So viel noch einmal abschließend zur „Sicherheit Israels“.

So ekelerregend Thumanns Rede auch sein mag: Das Problem besteht nicht allein darin, dass Thumann seine Forderung der Selbstaufgabe sowie der Kapitulation vor der Barbarei und den Feinden der Zivilisation hunderttausenden Lesern präsentieren darf. Das Problem besteht vielmehr darin, dass diese Position längst mehrheitsfähig ist, und dass sie überdies vom Führer der freien Welt geteilt wird, mit allen verheerenden politischen Folgen. Sollte Obamas Rede in Kairo Ähnlichkeit mit Thumanns Buckelei haben, es wäre ebenso folgerichtig wie ein neuerlicher Tiefpunkt.

Quelle: Michael Thumann: „Ich bedaure“, in: DIE ZEIT vom 28. Mai 2009, S. 16.

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