Zeitung für Schland

Die Leichenberge von gestern

Posted in Deutsche Zustände by Mr. Moe on April 15, 2008

An Widerwärtigkeit nur schwerlich zu überbieten ist dieser Kommentar von Andreas Kilb bezüglich des „Zuges der Erinnerung“. Dass sich bei Herrn Kilb die „Aufgeregtheit“ legt, sobald er den Zug betritt: Geschenkt. Und obwohl den Autor Bilder von in Vernichtungslager deportierten Kindern nicht sonderlich zu scheren scheinen, attestiert er der Ausstellung doch in gönnerhafter Manier, dass sie „ein Gewinn“ sei. Die Begründung hierfür liest sich dann aber doch überraschend: Der „Zug der Erinnerung“ setze ein Zeichen, denn: „Er steht für eine Privatisierung des Gedenken an den Holocaust […], für eine Erinnerungskultur, die nicht mehr ausschließlich von stattlichen Institutionen, sondern von der Bevölkerung selbst getragen wird.“ Martin Walser formulierte dies einst so:

„Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. […] Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets […]

So weit, so widerlich.

Doch der werte Herr Kilb hat noch weitaus mehr auf Lager: Es sei richtig, dass die Deutsche Bahn den „Zug der Erinnerung“ trotz des „herausfordernden Tons“ seiner Organisatoren, die etwa gar unverschämter Weise forderten, die Gleisanlagen gebührenfrei zu nutzen, auf denen die Todeszüge einst rollten, „mit Samthandschuhen“ anfasse. Denn: Dies gebiete die „Unternehmensdiplomatie“. Dass die Beschäftigung mit der Judenvernichtung infolgedessen zu einem Element des Social Marketing – gleich dem Engagements Krombachers für den Regenwald – verkommt, nimmt Herrn Kilb dabei bereitwillig in Kauf.

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