Zeitung für Schland

Amnesie im Endstadium

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on April 29, 2008

Wenn ein 97 Jahre alter F.A.Z.-Leser seinen Leserbrief mit dem Satz „Ich bin 97, habe also die Nazizeit mit schon einigermaßen selbständigem wachem Bewusstsein erlebt“ beginnt, darf man gespannt sein. Wir werden nicht enttäuscht. Herr August Deblon echauffiert sich über dreiste Verallgemeinerungen wie „‚Die Deutschen waren Nazis‘, ‚Das Volk wählte die Nazis‘, ‚Die Deutschen dachten wie die Nazis‘ und Ähnliches.“ Seiner Erfahrung nach sei dies jedoch alles ganz anders gewesen:

Ich habe dann einmal alle meine „Lebenskreise“ überprüft und bin zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen: in der Familie: niemand. […] Die Mitbewohner des Hauses: niemand […] in den Nachbarhäusern: niemand […] in der Gymnasiumsklasse: niemand […] im Lehrerkollegium: einer mit NS-Neigung [war wahrscheinlich ein Holländer, Die Redaktion]. Auf der Uni Köln: unter den mir bekannten Kommilitonen: keiner. […] Unter den Mitgliedern des Deutschen Seminars, dessen Senior ich ab 1935 war: vielleicht drei oder vier. […] Im Medizinstudium: unter 18 Studentinnen und Studenten, die um eine Frauenleiche ohne Kopf herumstanden und präparierten: keine. […] Dann zur Wehrmacht: keiner; unter den Offizieren war keiner auffällig. […] In der Oberstufe für Jungen war einer Nazi […], vielleicht noch ein Kollege Nationalsozialist, sonst niemand. […]Bei der Luftwaffe ab 1944 als Leiter der Lehrlingswerkstatt des Flugplatzes Lippstadt: von den Offizieren und Gefreiten: keiner. Ich schätze: Fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung waren Nazis. Mehr nicht.

Die von Herrn Deblon vorgetragene Reihe der Anzahl von Nazis in Deutschland in den Jahren 1933-45 kann nach Belieben fortgesetzt werden: Unter den Teilnehmern an der Reichsprogromnacht: niemand. Im Reichssicherheitshauptamt: niemand, mit bösem Willen vielleicht ein oder zwei. Unter den Lagerkommandanten in Auschwitz: niemand [waren – wie wir dank Klaus Theweleit wissen alles nur „funktionelle Antisemiten“]. Und so weiter.

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3 Antworten

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  1. ein mensch said, on April 29, 2008 at 7:45 am

    Damit ist der Beweis erbracht!!! Gemeine Außerirdische (die sogenannten „Nazis“) sind auf die Erde gekommen und haben die armen Deutschen zu Opfern gemacht (und möglicherweise auch noch andere Personengruppen – aber das ist nicht bewisesen).

  2. Reinhard Klöpper said, on Mai 3, 2008 at 7:48 pm

    Was einem an dem Blog-Beitrag über Herrn August Deblons Ausführungen zur Nazizeit entsetzt, ist die konsequente Ausblendung des Umfelds, in dem diese Äußerungen einzuordnen sind (geradezu verzerrt werden). Er soll als ein „Amnesie“ leidender alter Mann dargestellt werden.
    Aus dem FAZ-Leserbrief von Herrn Deblon werden aber nur die Äußerungen zu den Einstellungen der Deutschen während der Nazizeit zitiert. Er schreibt jedoch von seiner mehrfachen Verhaftung durch die Gestapo wegen Kontakten zum katholischen Widerstand (befreundet mit Pater Korbinian Roth, dieser wurde im KZ Dachau inhaftiert) bzw. wegen Verbreitung von Informationen über die Störung der Vorlesungen von Literaturprofessor Paul Hankamer (1891-1945, seit 1932 ordentlicher Professor für Deutsche Sprache und Literatur an Universität Königsberg) im Semester 1935/36 durch nationalsozialistische Studenten (angedrohter Hochverratsprozess). Er schreibt im einzelnen: „…bevor ich verhaftet wurde, unter dem Verdacht den mit mir befreundeten Prior des Klosters Walberberg, P. Corbinian Roth,
    versteckt zu halten oder zur Flucht verholfen zu haben…Ich wurde viermal von der Gestapo im Falle Hankamer verhaftet, da ich Berichte über die Randale gegen Hankamer während seiner Vorlesung – es waren aus anderen Fakultäten herbeikommandierte NS-Studenten – in die damals noch Freie Stadt Danzig zur Veröffentlichung in der Presse geschickt habe. (Resultat: ein Hochverratsprozeß wurde mir angedroht)“.
    Pater Korbinian Roth wurde vom NS-Theoretiker Arthur Rosenberg als einer maßgeblichen katholischen Gegner des Nationalsozialismus betrachtet.
    Paul Hankamer galt den Nazis als einer der prominenten Gegner im politischen Katholizismus.
    Insofern hat Herr Deblon in seiner Umgebung tatsächlich entschiedene Gegner der Nazis kennen gelernt und sie unterstützt. Daher kommt seine leider zu positive Bewertung der Einstellung der Deutschen zu den Nazis zustande. Ich habe Hochachtung vor ihm und dem katholischen Widerstand.
    Zu Pater Korbinian Roth und seinem Widerstand näheres unter:
    http://www.dominikaner.de/geschichte/ns/rothprozess.htm.

  3. […] Im Blog “Zeitung für Schland” wurde ein Leserbrief von August Deblon, einem 97-jährigen Augenzeugen der Nazizeit, abgetippt und als senile Produktion eines ewiggestrigen geblendeten Mitläufers kommentiert. Allerdings mit vielen Abkürzungen. Ein Leser des Blogs, Reinhard Klöpper, stellte das in seinem Kommentar fest und richtig: August Deblon gehörte zum katholischen Widerstand und hatte überwiegend Menschen mit Antinazieinstellung um sich herum und wurde u.a. auch mehrfach von der Gestapo verhaftet. So lässt sich “seine leider zu positive Bewertung der Einstellung der Deutschen zu den Nazis” erklären. Zwei Sichtweisen auf dieselbe persönliche Geschichte, sozusagen eine dreifache Projektion: Deblon erzählt seinen subjektiven Narrativ voll quer zur tatsächlichen Geschichte der Zeit, der Blogger interpretiert den Leserbrief durch die Kürzungen plausibel einseitig, der Leser des Blogs stellt Auslassungen wieder her und korrigiert die Balance im Narrativ. Spannend! (Link) […]


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