Zeitung für Schland

Makulierung und Mord oder: Und täglich grüßt das Murmeltier

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on Juni 11, 2008

Kein Tag vermag zu vergehen, ohne dass auf der Leserbriefseite der F.A.Z. geschichtsrevisionistische Traktate veröffentlicht werden. Diesmal beschwert sich der allseits bekannte Prof. Konrad Löw anlässlich des Gedenkens an die Bücherverbennung in der F.A.Z. zum wiederholten Male über die Makulierung der restlichen Auflage von Heft 2/2004 der von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Zeitschrift „Deutschland Archiv“. Der Grund für Löws Beschwerde ist, dass so die Verbreitung seines Aufsatzes „Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte“ gestoppt werde, was einen „Angriff auf die Ehre dessen, dessen Geistesprodukt mit lautem Tamtam den Flammen, dem Reißwolf übergeben wird“ darstelle. Wirkt Löws Sorge zunächst unbegründet – zu mal sein Aufsatz von der Jungen Freiheit nachgedruckt wurde – zeigt sich im Weiteren die wahre Intention Löws: Endlich einmal Opfer sein. Der Weg dorthin ist denkbar einfach.

Zunächst ereifert sich Löw Victor Klemperers Aussage „Fraglos empfindet das [deutsche, Mr. Moe] Volk die Judenvernichtung als Sünde“ zu überprüfen:

So reifte in mir der Entschluss, tunlichst die Aussagen aller jüdischen Zeitzeugen der NS-Ära betreffend die Einstellung des „Volkes“ zur Judenverfolgung zu vergleichen.

Als sei dieses Vorhaben angesichts der Tatsache, dass diejenigen Juden, die die Einstellung des Volkes am eigenen Leib erfahren haben keine Auskunft mehr darüber geben können, und als sei der Verweis auf die „Aussagen aller [!] jüdischen Zeitzeugen“ ob seiner höhnischen Ironie nicht ekelhaft genug, gelangt Löw zu folgendem Urteil:

Zu meiner großen Überraschung stimmen praktisch alle – und es handelt sich dabei um weit über einhundert! – mit dem Urteil Klemperers überein.

Von dieser breiten empirischen Basis ausgehend verfasste Löw oben genannten Artikel. Und obgleich Löws Ausführungen zunächst „Gefallen des verantwortlichen Redakteurs“ fanden, kam es nach Veröffentlichung des Textes zu einem „amtlichen Aufschrei“ infolgedessen der Rest der Auflage makuliert wurde. Den Grund dafür sieht Löw darin, dass er es mutigerweise „wagte“, ob des oben geführten empirischen Beweises zu folgender Schlussfolgerung zu gelangen:

Wir dürfen nicht zögern, die Verbrechen des NS-Regimes als wichtigen Teil der deutschen Geschichte, der deutschen Identität zu bekennen. Aber wir sollten jenen entgegentreten, die allgemein von deutscher Schuld sprechen, wenn damit gemeint ist, dass die große Mehrheit der damals lebenden Deutschen mitschuldig gewesen sei an einem der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte.

Die Großzügigkeit des Lesers einmal voraussetzend über die Verharmlosung der Shoah als „eines der größten Verbrechen“ hinwegzusehen sowie die erstaunliche Möglichkeit einräumend, dass zur Durchführung jener nur eine kleine Minderheit vonnöten gewesen sein soll, impliziiert Löws Geschichtsverständnis nichts anders als eine Geschichte ohne Subjekte. Und für die Verkündung dieser Wahrheit erntet der arme Professor nicht die gebührende öffentliche Anerkennung:

Da man den klaren Bekundungen der jüdischen Zeitzeugen nicht zu widersprechen wagt, wird das geistige Ringen um die rechte Erkenntnis [!] durch die Makulierung des heute politisch Unkorrekten ersetzt, auch wenn es noch so wohl belegt ist [!!]. Ist das in der Sache wesentlich anderes als das Verbrennen?

Sieht sich Prof. Löw also als Opfer einer – von wem auch immer geführten – Kampagne? Nicht ganz, denn es geht um weitaus Größeres als den Einzelnen:

Die Verbrennungen fanden statt „wider den undeutschen Geist“. Heute ist der amtliche deutsche „Geist“ am anderen Ende positioniert. Doch die Methoden der Verteidiger dieses „Geistes“ haben sich leider nicht durchgehend geändert.

Hinter dem Geschwafel von „Geist“ scheint sich zunächst noch die klare Aussage, dass die Deutschen von heute die Juden von eins seien, zu verbergen. Doch falsch gedacht, schließt Löw doch mit einem – ohne nähere Quellenangabe versehenden und daher nicht zu überprüfenden – Zitat Erich Kästners:

Die anständige deutsche Bevölkerung muss als jenes Volk dargestellt werden, das als erstes, am längsten und am nachhaltigsten von den Nazis ausgepowert und malträtiert worden ist.

Die logische Folgerung kann daher nur lauten: Die Deutschen von heute sind, was auch die Deutschen von einst waren: Opfer.

Quelle: F.A.Z. vom 11. Juni 2008, S. 38.

Vgl. auch: Interview mit Wolfgang Benz über Konrad Löws Thesen in der WELT.

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