Zeitung für Schland

Wie eine deutsche Tageszeitung die USA „in Wallung“ gebracht haben soll

Posted in Die üblichen Verdächtigen by Mr. Moe on Juni 12, 2008

Die taz erhält anlässlich ihres Titelblatts, auf dem das Weiße Haus und die Überschrift „Onkel Baracks Hütte“ zu sehen ist, in der ZEIT Schützenhilfe von Katja Nicodemus. Nicodemus zufolge seien die amerikanischen Medien “ infolge des taz-Titelblatts in Wallung“ geraten:

Es war eine triumphale Titelseite: Am vergangenen Donnerstag, nachdem sich Barack Obama zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten ausgerufen hatte, erschien die Berliner tageszeitung mit einem riesigen Foto des Weißen Hauses und der Überschrift: Onkel Baracks Hütte. Dann brach die Hölle los.

Und wie sie losbrach:

Nicht nur unter taz-Lesern, sondern vor allem in amerikanischen Medien und Internetforen geißelte man den angeblich unverbesserlichen Rassismus der Deutschen, ihren Amerika-Hass, ihre, jawohl: „Goebbels-Mentalität“. Der Vergleich Obamas mit der Hauptfigur von Harriet Beecher Stowes Antisklavereiroman Onkel Toms Hütte (1852), so hieß es, verunglimpfe die USA als rassistisches Land, „eine hässliche Konnotation“ (The Washington Post).

Bemerkenswert ist hierbei, dass Nicodemus ihre Einschätzung der sich „in Wallung“ befindenden und „die Hölle“ ausbrechen lassenden amerikanischen Medien lediglich anhand zweier – zumal ungenannter – Quellen belegt: Anne Applebaums „Whoes Race Problem?“ aus der Washington Post und Menachem Rosensafts „‚Uncle Barack’s Cabin‘: Why We Must Repudiate the Ugly Racial Undercurrents of the Campaign“ in der Huffington Post. Im Gegensatz zu Nicodemus stellt Applebaum dabei die wirklich entscheidende Frage:

„Will Americans vote for a black man?“ I’ve been asked this question by foreigners of various origins a dozen — or maybe three dozen — times since the U.S. presidential campaign began for real in January. Now we have the answer: Yes, Americans will vote for a black man. Which means that it is time to turn this rather offensive question around: Will foreigners accept a black American president?

Im Verlauf ihres – im Übrigen nicht ausschließlich auf Deutschland bezogenen – Kommentars geht Applebaum dieser Frage nach, wobei sich die von Nicodemus zitierte Passage über die taz wie folgt liest:

The editors argued that their intention was satirical, but since the same newspaper has also referred to the current U.S. secretary of state as „Uncle Tom’s Rice,“ it is clear that they understood the nastiness of the „Uncle Tom“ connotation perfectly well.

Ergo verschweigt Nicodemus dem ZEIT-Leser, dass die taz bereits in der Vergangenheit mit rassistischen Stereotypen arbeitete. Schlimmer wiegt jedoch, dass so der Sinn von Applebaums Beschwerde über „eine hässliche Konnotation“ entstellt wird, welcher sich nicht zuletzt aus der wiederholten Anwendung und der vor diesem Hintergrund unglaubwürdigen Aussagen der taz-Redaktion speist. Etwas anders liegt die Sache hingegen bezüglich des Kommentars von Menachem Rosensaft, der in der Tat schreibt:

It demonstrates conclusively that the Goebbels mentality is still very much in evidence in Germany 63 years after the end of the Holocaust. It exposes the racist undercurrent that still exists in the land of Richard Wagner and Herman Goering more than six decades after the collapse of the Third Reich. And perhaps it illustrates the resentment of some Germans at the fact that Barack Obama takes great pride in the fact that one of his uncles helped liberate the Nazi concentration camp of Ohrdurf, near Buchenwald.

Auch wenn Rosensafts Aussagen nicht in allen Belangen zuzustimmen ist – als ob die Mehrheit der Deutschen wüsste, dass Obamas Onkel an der Befreiung Buchenwalds beteiligt war – stellt sich die Frage, ob ein solcher Kommentar als repräsentativ für die amerikanische Medien gesehen werden kann. Plausibler erscheint die Vermutung, dass Nicodemus Deutschland und die taz wichtiger macht als sie sind und das taz-Titelbild lediglich als Anlass nimmt, den Amerikanern endlich einmal gepflegt die Meinung zu geigen. So schreibt sie vorwurfsvoll:

Muss man an die empörende Behandlung der schwarzen Bürger von New Orleans nach dem Hurrikan Katrina erinnern? An das rassistische Sperrfeuer des Clinton-Trosses auf Obama? An all die Angriffe und Anspielungen, die ihn schließlich zu einer großen Rede über den amerikanischen Rassismus veranlassten? Noch Ende Mai hatte Hillary Clinton auf die Frage, ob sie Obama das Feld überlasse, eine seltsame Antwort gegeben: Natürlich mache sie weiter, schließlich sei Robert Kennedy 1968 während des Kampfes um die Kandidatur erschossen worden.

Ungeachtet der Tatsache, dass Nicodemus eine äußerst reduzierte und vorurteilsbehaftete Einschätzung der amerikanischen Gesellschaft vertritt, stellt sich die Frage, was um alles in der Welt an Clintons letztgenannter Aussage ausgerechnet rassistisch sein sollte. Den Leser darüber im Unklaren lassend, gelangt Nicodemus jedenfalls zu folgendem vernichtenden Urteil über die Vereinigten Staaten:

Amerikas Problem ist der Rassismus und nicht die deutsche Zeitung, die daran rührt.

Frau Nicodemus Problem ist hingegen eine fehlende Auffassungsgabe für das Essentielle: Die von ihr zitierte Kritik des taz-Titelblatts richtet sich nicht gegen das vermeintliche Aufzeigen eigener rassistischer Denkmuster, sondern gegen den real existierenden Rassismus einer vermeintlich linken deutschen Tageszeitung. Richard Herzingers Anmerkung ist demnach nichts hinzuzufügen:

Dass die Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse und Konflikte in den USA bei uns aber tendenziell noch immer auf den Schwarz-Weiß-Konflikt verengt wird, sagt mehr über unsere Ignoranz und unsere Vorurteilsstrukturen aus als über die der Amerikaner.

Quelle: Nicodemus, Katja: Onkel B.s Hütte. Eine „taz“-Überschrift bringt die USA in Wallung, in: Die  ZEIT vom 12. Juni 2008, S. 47.

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Eine Antwort

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  1. Pseudonyme_sind_scheiße said, on Juni 12, 2008 at 12:39 pm

    Ich verstehe das Ganze nicht…

    1. Wieso ist „Onkel Barracks Hütte“ rassistisch? Ich verstehe das eher als Witz, der nicht mal in irgendeiner Weise auf den Inhalt des Romans, sondern lediglich auf dessen Titel anspielt. Ist das bloße Vorhandensein eines Hinweises auf Black-White etc. schon rassistisch?

    2. Meiner Meinung nach nämlich nicht, sondern vor allem eines: Pop. In meinen Augen hat die Rezeption der Bürgerrechtsbewegung immer etwas mystisch-verklärtes, außerdem wird es selten ohne Zusammenhang zu namhafter afroamerikanischer Musik betrachtet. Diese Ansicht soll keinesfalls in irgendeiner Weise Rassismus als Produkt einer Verkaufsstrategie oder auch nur als eines Teils der Konsumwelt verharmlosen. Es geht mir ja gerade um die Rezeption des Ganzen. Und da hält man sich nunmal gerne am Bild des rassistischen Amerikaners auf, denn sonst wäre z. B. politischer Rap ja irgendwie gegenstandslos.

    3. Gehe ich schließlich mit dem Schlusswort einher (-> Verschwörungstheorie, die). Das wäre alles doch ein wenig zu einfach. Man sollte aber aufpassen, nicht vor lauter „alles ist viel komplizierter“-Getue rassistische Tendenzen und Ausgrenzungsmechanismen zu übersehen – hier, dort, diesseits und jenseits.bbb

    3.


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