Zeitung für Schland

Qualitätsjournalismus zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Juni 28, 2008

Was macht denn guter Journalismus? Er trennt das Interessante vom Belanglosen. Er sortiert, wählt aus und deckt eine wunderbare Tafel. Er macht neugierig, aber nicht mit dem Dahergeplauderten. Seine Daseinsberechtigung ist die Autorität, hinter der Kenntnis und Urteil stehen.

Diese Zeilen stammen aus Josef Joffes in der ZEIT erschienem Plädoyer für einen „guten Journalismus“, der sowohl im Print- als auch im Onlinebereich zu wahren sei. „Guter Journalismus“ zeichne Joffe zufolge „Qualitätszeitungen“ aus, wobei es sich von selbst versteht, dass Joffe die u.a. von ihm herausgegebene ZEIT unter die Kategorie „Qualitätszeitung“ einordnet.

Wie es um diese vermeintliche Qualität steht zeigt der Artikel „Der rosa Halbmond“ von Michael Thuman in der selben Ausgabe der ZEIT (mit dem sich auf „Gay West“ befasst wird) . Bereits in der Unterüberschrift formuliert Thumann die Frage, warum das „Los der Schwulen in der muslimischen Welt“ so „elend“ sei. Thumann widmet sich folglich einem sowohl wichtigen als in den deutschen Medien auch nicht allzu häufig thematisierten Thema. Das Vorgehen des Qualitätsjournalisten Thumanns ist der löblichen Absicht jedoch nicht entsprechend.

Zu Beginn formuliert Thumann die bereits in der Überschrift formulierte Frage weitere zweimal, vermutlich um sicherzustellen, dass sie auch wirklich jeder Leser der Qualitätszeitung verstanden hat:

Das Leben ist schwer für Homosexuelle im Nahen und Mittleren Osten. Liegt es am Islam?

[…]

In den meisten muslimischen Ländern ist das [eine Gay Pride Parade, Mr. Moe] undenkbar. Homosexuelle werden gehetzt und verfemt. Warum?

Was erwartet der Leser von einem solchen Artikel? Richtig: Eine – nach Möglichkeit sogar fundierte – Antwort auf die in dem Artikel gestellte Frage. Thumann begnügt sich hingegen zunächst mit der in diesem Zusammenhang irrelevanten Feststellung, dass „alle monotheistischen Religionen“ mit der gleichgeschlechtlichen Liebe haderten. Nach einer kurzen – und in weiten Teilen auch verkürzten – Darstellung der Situation Homosexueller in der Türkei und der arabischen Welt stellt Thuman anschließend überrascht fest, dass Homosexuelle auch in „säkularen Systemen“ (gemeint sind Ägypten, das palästinensische Westjordanland und die Türkei) verfolgt werden:

Warum verfolgen weltliche Beamte im Mittleren Osten Homosexuelle? Hier reicht der Islam als Erklärung allein nicht aus.

Scheint nach Ansicht Thumanns der Islam zunächst also zumindest teilweise ursächlich für die Verfolgung Homosexueller im Mittleren und Nahen Osten zu sein, schreibt Thumann wenige Zeilen später, dass der Islam die Ermordung Homosexueller etwa im Iran oder Saudi-Arabien nicht erklären könne:

Man blättert vergeblich im Koran, um dafür [Homophobie, Mr. Moe] eine Erklärung zu finden. […] Der Islam diene hier nur als Rechtfertigung, um das Patriarchat zu zementieren.

Die daraus unmittelbar resultierende Frage, ob das Patriarchat vom Himmel gefallen ist oder den Völkern des Nahen und Mittleren Ostens qua Herkunft unweigerlich anhängt, thematisiert Thumann jedoch nicht weiter. Wichtig ist Thumann lediglich zu betonen, dass der Islam nicht für die in seinem Namen verübten Schandtaten verantwortlich gemacht werden könne, da der Koran nicht explizit zu diesen aufriefe.

Der Leser verbleibt mit zwei Fragen: Erstens, warum Thumann die von ihm selbst in der Unterüberschrift formulierte und im Text weitere zweimal gestellte Frage in seinem Artikel nicht nur nicht beantwortet, sondern sie zu Ende des Artikels gar aufhebt. Zweitens, wann die simple Einsicht, dass sich das Wesen einer Religion nicht nur aus ihren heiligen Schriften, sondern auch und insbesondere aus dem Handeln ihrer Anhänger speist, auch zu den selbsternannten Qualitätsjournalisten durchgedrungen sein wird.

Um an dieser Stelle nicht mit Fragen zu enden, sei abschließend in Joffes Worten gesprochen: Thumann sortiert, wählt aus und deckt eine wunderbare Tafel. Er macht zunächst sogar neugierig. Beim Lesen des Artikels zeigt sich jedoch, dass Thumann bloß daherplaudert und seinem Artikel infolge nicht vorhandener Autorität, welche wiederum aus mangelnder Kenntnis und fehlendem Urteilsvermögen resultiert, selbst die Daseinsberechtigung entzieht – und im Vorbeigehen auch Joffes Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus die Glaubwürdigkeit.

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