Zeitung für Schland

Bademäntel und Kulturrelativismus

Posted in Zwei mal Drei macht Vier by Mr. Moe on Juni 30, 2008

Der deutsche Wasserball-Nationalspieler Sören Mackeben sorgte einst mit der wahrlich subversiven Idee für Aufruhr, bei den Olympischen Spielen in organefarbenen Bademänteln aufzulaufen, um so gegen die Tibet-Politik Chinas zu protestieren. In einem Interview im SPIEGEL bekundet Mackeben nun „skeptischer geworden“ zu sein:

Inzwischen habe ich festgestellt, dass die Thematik zu komplex ist, um so eindeutig Stellung zu beziehen. […] Ich habe begriffen, dass verschiedene Kulturen verschiedene Wertvorstellungen entwickelt haben und auch die Meinungsfreiheit unterschiedlich hoch angesehen ist.

Oder anders ausgedrückt: Chinesen sind halt Chinesen sind halt Chinesen. Naheliegenderweise beruft sich Mackeben bei der Verbreitung dieses kulturrelativistischen Unsinns auf … richtig geraten:

Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat es in Sandra Maischbergers Sendung treffend ausgedrückt: Wir im Westen dürfen nicht so tun, als müsse die ganze Welt unsere Werte teilen.

Bestärkt wurde Mackeben in dieser Erkenntnis zudem durch ein Gespräch mit Chinas Botschafter in Berlin:

Eine Stunde lang habe ich den Botschafter gefragt. Etwa: Werden Internet und Fernsehen in China zensiert? Da hat er herzhaft gelacht und verneint.

Doch sollte die bloße Autorität eines chinesischen Staatsdieners ausreichen, um die knallharten und erbarmungslosen investigativen Fragen eines deutschen Wasserballers zu beantworten? Nein, da muss schon schwereres Geschütz aufgefahren werden:

Hinterher habe ich zwei große Tüten voller Bücher mitbekommen.

Auf den Hinweis des SPIEGELS, dass die chinesischen Medien „definitiv zensiert“ werden, antwortet der kritische Mackeben:

Natürlich darf man nicht alles für bare Münze nehmen, aber ich wollte beide Seiten hören. Und ich bin im Laufe der Zeit allen Seiten gegenüber skeptischer geworden. Zu skeptisch, um einen orangefarbenen Bademantel anzuziehen.

„Zu skeptisch, im einen orangefarbenen Bademantel anzuziehen.“ Jeder Literat wäre dankbar, nur einmal im Leben einen solchen Satz zu formulieren. Und ist der Wandel des Sören Mackeben nicht in der Tat beeindruckend? Aus einem engagierten, jedoch engstirnigen, orangenen Bademantelträger ist ein kritischer Mensch geworden, der alles hinterfragt und infolgedessen zu nichts mehr eine Meinung haben kann. Beruhigend sind hingegen Mackebens Pläne für die Olympischen Spiele:

Ich will mich auf Wasserball konzentrieren.

In Anbetracht der Tatsache, dass das Reden unter Wasser schwer fällt, kann dies wahrlich als ein lobenswerter Entschluss angesehen werden.

Quelle: „Ich bin skeptischer geworden“, Interview mit Sören Mackeben, in: SPIEGEL vom 30. Juni 2008, S. 139.

2 Antworten

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  1. mrpresident said, on Juli 1, 2008 at 7:53 am

    Tja, wenn sogar Chinas Botschafter das so sieht… Das erinnert mich so ein bisschen an die 68er. Denen hat Kim Il Sung versichert, dass es in ganz Nordkorea kein einziges Gefängnis gebe. Das war anscheinend auch sehr überzeugend.

  2. […] entwickelt haben und auch die Meinungsfreiheit unterschiedlich hoch angesehen ist.” (via Zeitung für Schland). Oder ich bin ein undankbarer Kettenhund des Imperialismus im Dienste der CIA, der versucht den […]


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