Zeitung für Schland

Die Welt des Christoph Bertram, oder: Umarmt Iran

Posted in Deutsche Zustände by Mr. Moe on Juli 4, 2008

Bahman Nirumand, Deutschlands Vorzeige Exil-Iraner, rezensiert in der ZEIT Christoph Bertrams Buch „Partner, nicht Gegner. Für eine andere Iran-Politik“. Es überrascht nicht, dass Nirumand Bertram, der bereits in der Vergangenheit durch sein laisser-faire gegenüber dem Mullah-Regime aufgefallen ist (vgl. auch Jörg Rensmann auf der Achse des Guten), als „Stimme, die Vernunft walten lässt und die Lage nüchtern betrachtet“ bezeichnet. Dabei beginnt Nirumands Artikel durchaus positiv:

Der ehemalige Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik bilanziert den nun seit mehr als fünf Jahre andauernden Streit um das iranische Atomprogramm und stellt fest, dass die westliche Strategie gegenüber Iran nichts taugt und deshalb grundlegend geändert werden muss.

So weit, so richtig. Doch wer gehofft hat, dass Bertram eventuell zur Einsicht gekommen sei, wird angesichts Bertrams Antworten auf folgende Fragen schnell enttäuscht.

Wie groß ist die Gefahr, die von Iran ausgeht, wie realistisch sind die Horrorszenarien, die tagtäglich in der westlichen Presse gemalt werden, fragt Bertram. Ist der Eindruck, den die Berichte liefern, richtig, dass Iran sich unmittelbar vor dem Bau der Atombombe befindet? Trifft es zu, dass ein nuklear gerüsteter Iran eine ernste Bedrohung für Israel, für Europa, für die USA darstellt?

Bertram meldet nicht nur „erhebliche Zweifel“ hinsichtlich dieser Fragen an, sondern formuliert eine neue Frage:

Wieso wäre, wie es in den einschlägigen westlichen Politikerreden heißt, ein atomar bewaffneter Iran inakzeptabel?

Eine wahrlich nur allzu berechtigte Frage, sofern man davon ausgeht, dass ein nuklear gerüsteter Iran keine „ernste Bedrohung“ für Israel darstelle. Außerdem habe Bertram Nirumand zufolge für seine Ansicht auch ansonsten gute Gründe:

Er bringt überzeugende Argumente dafür, dass selbst jene Radikalen im Iran, die möglicherweise die nukleare Bewaffnung des Landes anstreben, dies nicht mit dem Ziel tun, Israel oder gar Europa und die USA zu vernichten.

Folgende „überzeugenden Argumente“ Bertrams zählt Nirumand auf:

Auch für Iran gelte der Grundsatz, dass Atomwaffen nicht zum Einsatz, sondern zur Abschreckung dienen. Das Land ist rund um seine Grenzen von amerikanischen Streitkräften und Stützpunkten umzingelt und von mehreren Atommächten umgegen.

Die Schlagkraft dieses Argumentes ist erdrückend, kann es doch nicht falsifiziert werden. Denn: Für Iran gilt der Grundsatz, Punkt aus. Noch Fragen?

Die Gefahr eines iranischen Angriffs auf Israel oder gar Europa und die USA sei auch deshalb so gut wie ausgeschlossen, weil dem Regime in Teheran bewusst sei, dass ein solcher Schritt einer Selbstvernichtung gleichkäme.

Unabhängig davon, dass Israel einen „so gut wie“ ausgeschlossenen – mit anderen Worten: möglichen – atomaren Angriff des Irans aus naheliegenden Gründen nicht akzeptieren kann, wirkt dieses Argument angesichts der von Ahmadinedschad geteilten islamistischen Ideologie fast schon rührend blauäugig. Aber Bertram hat ja noch mehr überzeugende Argumente:

Reine Spekulation sei schließlich die Behauptung, eine Atommacht Iran würde die Nachbarstaaten zur Nachahmung bewegen.

Es gilt sich bewusst zu machen, wie hier argumentativ vorgegangen wird: Der Iran braucht Bertram zufolge Atomwaffen zur Abschreckung, aber allein die Möglichkeit, dass dies für seine Nachbarn auch gelten könne wird kategorisch ausgeschlossen – wahrlich ein überzeugendes Argument. Zudem stellt Bertram die Frage aller Fragen:

Wieso sollten diese Staaten dies tun, wenn nicht einmal [!] die atomare Bewaffnung Israels sie zu einer solchen Reaktion veranlassen konnte?

Ja, warum wohl? Vielleicht, weil Israel anderen Staaten nicht mit der Vernichtung droht? Schwerwiegender als Bertrams blöde Frage wiegt allerdings das verräterische „nicht einmal“ Nirumands, da es offenbart, wen Nirumand für die wahre Bedrohung im Nahen Osten hält. Spätestens an dieser Stelle sei erwähnt, dass Nirumand seine eigenen und Bertrams Worte teilweise bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt, so dass der Text fast als Werk zweier Autoren gelten kann.

Wie dem auch sei: Obwohl ein atomar bewaffneter Iran keine Gefahr für niemanden darstelle, kommt Bertram zu dem Schluß, dass man nicht „beruhigt die Hände in den Schoß legen und Iran gewähren lassen“ solle. Jedoch seien „Sanktionen und Kriegsdrohungen“ der „falsche Weg“.

Man müsse den Bedürfnissen des Regimes nach Sicherheit entgegenkommen, müsse das Land nicht als Feind behandeln, sondern als Partner akzeptieren. Erst durch eine enge Kooperation, die auch für den Westen, sowohl ökonomisch als auch politisch von großtem Nutzen sein könnte, würde man die Probleme lösen und der Führung in Teheran klarmachen, dass eine nukleare Bewaffnung nicht zum Vorteil, sondern zum Nachteil des Landes sei.

Nun wird es völlig wirr: Wieso sollte eine nukleare Bewaffnung zum Nachteil des Irans sein, wenn sie doch als Abschreckung gegenüber dem bösen Westen und dem noch böseren Israel notwendig sei? Sogar Nirumand räumt ein, dass dieses Argument aufgrund unterschiedlicher Interessen abstrus sei:

Das strategische Ziel der USA ist, unabhängig von der jeweiligen Regierung, die Kontrolle über den Nahen und Mittleren Osten, über ein Gebiet, in dem die reichsten Energiequellen der Welt lagern. […] Auf der anderen Seite gehört die Feindschaft gegen den Westen, namentlich gegen die USA und Israel, zu den ideologischen Säulen der Islamischen Republik.

Da die Amerikaner nur an Öl interessiert seien und das iranische Regime mit dem Westen ohnehin verfeindet sei, könne Bertrams Vorschlag einer engen Partnerschaft in naher Zukunft nicht realisiert werden. Zu tun sei daher folgendes:

Die Lösung für die Konflikte im Iran liegt in der Unterstützung der weitgefächerten iranischen Zivilgesellschaft.

Zeit genug ist ja vorhanden.

Quelle: Bahman Nirumand: „Kooperation, nicht Konfrontation“, in: DIE ZEIT vom 3. Juli 2008.

Vgl. auch „Bahman diskutiert am liebsten mit Bahman“ auf der Achse des Guten.

6 Antworten

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  1. Iran (part. 3) « Raumzeit said, on Juli 4, 2008 at 2:52 pm

    […] (part. 3) … und die Welt des Christoph Betrams, oder: Umarmt […]

  2. Bernd Dahlenburg said, on Juli 6, 2008 at 5:06 am

    Sehr gute und sorgfältige Analyse. Kompliment!

    Zum Zitat:

    „Auch für Iran gelte der Grundsatz, dass Atomwaffen nicht zum Einsatz, sondern zur Abschreckung dienen. Das Land ist rund um seine Grenzen von amerikanischen Streitkräften und Stützpunkten umzingelt und von mehreren Atommächten umgegen.“

    —————

    Das „Argument“ fällt schon deshalb in sich zusammen, weil kein totalitäres Regime von sich behaupten kann, es sei umzingelt etc., weil es den größten Feinn d in seinen eigenen Reihen hat – nämlich den Unterdrückten.

    Diese Behauptung ist symptomatisch für Diktaturen, die um den Fortbestand ihrer Macht fürchten. Wenn Appeaser schon immer darauf hereingefallen sind, liegt das m.E. daran, dass ein bestimmtes Menschenbild dahinter steckt, nämlich, dass der Andere (Der Aggressor) immer still halten wird, wenn man selbst gut ist. Als Christ kann ich dieses Menschenbild nicht nachvollziehen, weil es unbiblisch ist.

    Dass diese (devote) Haltung unweigerlich zur weiteren Aufstachelung eines tyrannischen Systems führt muss wohl an der menschlichen Dummheit liegen.

    Manchmal wünschte ich mir einen Thomas Hobbes zurück…; aber nur manchmal ;-))

    Beste Grüße
    Bernd

  3. […] –ebenfalls exklusiv– die Preisbildung bei Erdöl und Mr. Moe von der Zeitung für Schland zerlegt fachgerecht die Herren Nirumand und Bertram. Abschliessend reflektiere ich kurz über das hier verwendete […]

  4. […] aus Überzeugung 5. August 2009 — Mr. Moe Christoph Bertram, Deutschlands Vorzeige-Appeaser tut einmal mehr das, was er am Besten kann und am Liebsten tut: sich für die Mullahs […]

  5. […] Ein älterer, sehr guter Beitrag zu Bertram findet sich übrigens hier. […]

  6. […] ist natürlich Israel. Bertram bleibt in seinen Einstellungen folglich konsistent – für die Islamische Republik und gegen den jüdischen […]


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