Zeitung für Schland

Evelyn Hecht-Galinskis Welt

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on Juli 26, 2008

Evelyn Hecht-Galinski ereifert sich in einem ausführlichen Leserbrief in der F.A.Z. (eingescannt von Honestly Concerned) über die „Geschichtsverdrehung und Mystifizierung einer Staatsgründung“ im Rahmen eines Beitrags von Shimon Stein, dem ehemaligen israelischen Botschafters in Deutschland. Den Drang Steins Ausführungen in „Ein Kampf für Sicherheit und Frieden“ aus der F.A.Z. vom 22. Juli vehement zu widersprechen verspürt Frau Hecht-Galinski, Tochter von Heinz Galinski, des langjährigen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Stein 2008 den Heinz-Galinski Preis verliehen bekommt. Frau Hecht-Galinskis folgende Ausführungen können dabei als beispielhaft für den modernen Israelkritiker gelten (vgl. für diese Spezies auch die klassischen Beiträge auf Lizas Welt und Spritit of Entebbe).

Gegen Israel in drei einfachen Schritten

Die Quintessenz der Israelkritik ist das Dogma, dass Israels Staatsgründung unwiderruflich auf Unrecht basiere und Israel infolgedessen alleinig für den Nahost-Konflikt verantwortlich sei:

Solange die Vertreibung und Enteignung der Palästinenser, die mit der Gründung des Staates Israel einherging, ignoriert wird, ist eine Lösung des Nahost-Konflikts nicht möglich.

Diese These basiert auf drei einfachen Schritten.

Schritt 1: Israel sei Schuld an der Situation der Palästinenser:

Die zionistische Ideologie und später die israelische Politik haben 1948 zum Untergang der Palästinenser beigetragen.

Schritt 2: Nicht etwa konkrete Taten Israels seien das Problem, sondern die dem Staate Israel inhärente Ideologie:

Seit die zionistische Bewegung im späten neunzehnten Jahrhundert nach Palästina kam, träumte sie davon, so viel Land wie möglich zu erobern, um darauf einen jüdischen Staat zu gründen.

Schritt 3: Die Palästinenser sind demnach der unweigerliche und natürliche Feind Israels, da sie der Verwirklichung israelischer Interessen (= einem größtmöglichen Territorium) im Wege ständen. Israel bekämpfe die Palästinenser daher gnadenlos:

Ein wichtiges Ziel war es, in diesem Staat so wenig Palästinenser wie möglich zu belassen. Diese Version wurde Realität, als die israelische Armee in weniger als einem Jahr, zwischen Februar und Oktober 198, systematisch 500 palästinensische Dörfer zerstörte. Die Hälfte der einheimischen Bevölkerung wurde in dieser Zeit vertrieben, ihr Besitz beschlagnahmt, um palästinensische Spuren zu verwischen. So ist der Staat Israel eine Ethnokratie, also eine Demokratie nur für Juden geworden.

Tatsachen und das Reich des Bösen

Soweit zu den Voraussetzungen Hecht-Galinskis. Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen kann sie in vollendeter Unschuld die Frage nach dem Existenzrecht Israels stellen:

In welchen Grenzen sollen denn die Palästinenser den Staat Israel anerkennen?

Selbstverständlich stützt sich Frau Hecht-Galinski dabei nur auf „Tatsachen“:

Tatsache ist, dass die israelische Führung es bei der Staatsgründung absichtlich unterließ, die Staatsgrenze zu definieren. Seither hat Israel das, was es als sein Staatsgebiet betrachtet, kontinuierlich und mit Gewalt ausgeweitet. Israel glaubt, es könne mit diesen Maßnahmen die Zeit verrinnen lassen und einen lebensfähigen Palästinenserstaat verhindern.

Mit anderen Worten: Da Israel den Palästinensern ihr Recht auf einen eigenen Staat systematisch verweigert, seinen die Palästinenser sind nicht nur nicht gezwungen einen israelischen Staat anzuerkennen, sondern im Gegenteil sogar dazu verpflichtet, Israel zu bekämpfen. Doch was folgt aus dieser „Tatsache“ für Deutschland und Europa?

Wenn wir Israel weiterhin die Behauptung abnehmen, eine Zweistaatenlösung scheitere an den Palästinensern, machen wir uns mitschuldig an diesem Unrecht.

Vermutlich ist es für Hecht-Galinski auch eine „Tatsache“ , dass die Palästinenser in den letzten 60 Jahren stets politisch klug gehandelt haben sind und derzeit beste Voraussetzungen für einen eigenen Staat bieten. Wie skandalös erscheint vor diesem Hintergrund das Verhalten der bösen weiten Welt:

Doch die Weltgemeinschaft hofiert einen Staat, der über die besetzten Gebiete einen in seiner Grausamkeit fast einmaligen Belagerungszustand verhängt hat, offiziell eine Politik des Tötens durch Exekutionen praktiziert und in den palästinensischen Gebieten weiterhin ungebremst siedelt.

Interessant ist hier nicht das, was Hecht-Galinski schreibt, sondern vielmehr was sie nicht schreibt: Welcher Staat vermag es denn Israel hinsichtlich seiner „Grausamkeit“ zu übertreffen? Das Reich Mordors? Doch Israel hat noch weitaus mehr auf dem Kerbholz:

Checkpoints werden nicht abgebaut, durch das Westjordanland führt eine „Apartheidautobahn“, die nur von israelischen Staatsbürgern genutzt wird, und die Annexionsmauer ragt tief in besetztes palästinensisches Gebiet hinein – nicht aus Sicherheitsgründen, sondern wegen der Ansprüche auf eine Gebietserweiterung.

Fehlt nur noch der Vorwurf, dass Israel Terroristen nicht aufgrund der von ihnen ausgehenden Gefahr für Leib und Leben seiner Staatsbürger jagdte, sondern ob der gezielen Unterdrückung berechtigter palästinensischer Ansprüche. Doch die bisher genannten Anschuldigungen reichen ja vollends aus um erneut zu klagen:

Wo bleibt der Aufschrei der Welt, wo der Hinweis auf die Verpflichtung Israels, nach internationalem Recht ohne Diskriminierung für die öffentliche Ordnung und Sicherheit in den besetzten Gebieten zu sorgen?

Auf einem fremden Planeten?

Die Forderung nach einem angeblich nicht vorhandenen „Aufschrei der Welt“ lässt endgültig die Frage aufkommen, in welcher Welt Frau Hecht-Galinski eigentlich lebt? Diese Welt, in der Israel der Liebling der UNO ist, kann es jedenfalls nicht sein. Anders ist auch die folgende Äußerung beim besten Willen nicht zu deuten:

Und wie lange nimmt die Weltöffentlichkeit noch Israels militärische Drohungen als kriegsbereite Atommacht hin?

Ist das als Aufruf zu verstehen, dass die Vereinten Nationen Sanktionen gegen Israel verhängen oder gar dort einmarschieren sollten? Anscheinend existiert in Frau Hecht-Galinskis Welt auch keine islamische Republik Iran, die Israel mit der Vernichtung droht. Doch just in dem Moment, wo sich die Vermutung aufzudrängen beginnt, dass es auf Frau Hecht-Galinskis Planenten vielleicht doch gar nicht so schlecht zu sein scheint, zerplatzt die Seifenblase:

Gerade im Angesicht unserer gemeinsamen Vergangenheit müssen kritische Anmerkungen zu begangenem Unrecht möglich sein, auch wenn sie Israel betreffen.

Das klingt dann doch wieder deutsch bis ins Mark und somit sehr nach dieser Welt.

Für mehr über Frau Hecht-Galinski siehe heplevs Beitrag „Seit wann ist die Tochter die Tochter?“.

Quelle: F.A.Z. vom 26. Juli, S. 19.

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6 Antworten

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  1. […] die sogenannte „Kritik“ an Shimon Stein und dem Staat Israel angeht: „Mr. Moe“ hat „Evelyn Hecht-Galinskis Welt“ ein wenig genauer betrachtet und […]

  2. […] Veröffentlicht in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe am August 18th, 2008 Eva Hecht-Galinskis Antwort auf Shimon Steins Rede “Ein Kampf für Sicherheit und Frieden” gibt die Richtlinie für […]

  3. […] der deutschen Blogspähre veehrten Eva Hecht-Galinski (vgl. Heplev, Spirit of Entebbe oder auch auf diesem Blog) hat nun auch Israel erreicht:Benjamin Weinthal – ‘Kosher anti-Semitism’ in Germany. […]

  4. […] Verfügung gerichtlich untersagen lassen hat. Soweit die Sachlage, über die u.a. auch mehrfach in diesem Blog, bei heplev und zuletzt auch in der Jerusalem Post berichtet […]

  5. Gabriel Sevilla said, on Januar 20, 2009 at 11:49 am

    Ich finde die Kritik von Frau Galinski sehr berechtigt. Sicher wird es Leute geben, die sie als Nestbeschmutzerin beschuldigen werden. Menschen, die wie Frau Galinski Corrage haben, nehmen das auch in kauf. Ich habe bisher die Texte derer gelesen, die die Haltung von Frau Galinski kritisieren. Ich konnte bisher aber keine sachlichen Argumente gegen ihre Meinung finden. Die Kritiker von Frau Galinski reagieren eher emotional und aus einem falschen Selbsverständnis heraus. Dieses Sebstverständnis lautet, dass Israel alles richtig macht (oder machen muss?). Dies ist aber nichts weiter, als ein Selbsbetrug. Das dem nicht so ist, muss auch in aller Deutlichkeit gesagt werden. Und zwar auch von Menschen, die Israel lieben.

  6. Mr. Moe said, on Januar 22, 2009 at 4:13 pm

    Ich stimmte Ihnen insofern zu, als dass viele Kritiker von Frau Hecht-Galinski (den Namen Galinski hat sie übrigens erst nach dem Tod ihres Vaters angenommen, warum sei einmal dahingestellt) in der Tat emotional reagieren. Allerdings glaube ich nicht, dass die Kritiker Hecht-Galinskis ein Verständnis von einem „fehlerfreien“ Israel haben. (Nebenbei: Wieso eigentlich „Selbstverständnis“? Nicht alle Kritiker von Hecht-Galinski sind Israelis.)

    Natürlich begeht Israel – wie jedes Land auf dieser Welt – Fehler, und natürlich dürfen diese Fehler kritisiert werden. Hier liegt jedoch die Crux: Menschen wie Frau Hecht-Galinski kritisieren Israel nicht auf der Basis von Fakten, sondern dämonisieren Israel auf der Grundlage eines verzerrten Geschichtsbilds, falschen Tatsachenbehauptungen oder einer verborrten Ideologie. Ein Beispiel aus dem oben zitierten Leserbrief: Der Vergleich Israels mit Südafrika („Apartheidsautobahn“).

    Des Weiteren hat Frau Hecht-Galinski übrigens auch kein Problem damit, als „Antizionistin“ bezeichnet zu werden. Ergo kann keineswegs davon gesprochen werden, dass sie Israel liebt (wobei ich mir nicht sicher bin, ob Ihr letzter Satz dies aussagen sollte). Die Trennung zwischen „Antisemitismus“ und „Antizionismus“ ist zudem Begriffsreiterei: „Wer nein zu Israel sagt, sagt ja zur Judenverfolgung“.

    Bezüglich der „sachlichen Argumente“ muss ich demnach leider feststellen, dass Sie kein einziges liefern, das Frau Hecht-Galinski entlasten würde.


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