Zeitung für Schland

Ein geschundener Unternehmer erklärt die Welt

Posted in Deutsche Zustände by Mr. Moe on August 23, 2008

Eginhard Vietz, Geschäftsführer der Firma Vietz Pipeline Equipment, gibt sich in einem Interview mit der ZEIT alle Mühe, jedes auch noch so abgehalfterte Klischee eines gewissenlosen Unternehmers zu erfüllen. Zunächst berichtet Vietz von einem gescheiterten Geschäft mit der China National Petroleum Corporation. Verantwortlich hierfür macht Vietz Angela Merkel, da die Bundeskanzlerin nicht zu den Olympischen Spielen erschienen sei und die Chinesen so verärgert hätte:

In diesem Fall würde ich aber genauso handeln. Warum einem Land einen Auftrag geben, das mich beleidigt?

Doch nicht nur in China macht Frau Merkel Vietz das Geschäft kaputt:

Aber wo ich auch hinkomme, legt sie mir als einfachem Mittelständer Steine in den Weg. Zum Beispiel in Iran, wo Merkel tatenlos und mit heimlicher Freude zusah, wie deutsche Banken von den Amerikanern gezwungen wurden, sich aus dem Land zurückzuziehen, während die Amerikaner weiter über Drittländer wie Dubai oder Kuwait liefern.

Und die Liste der Länder mit denen Deutsche keinen Handel mehr treiben könnte geht weiter:

Vor drei Wochen war ich in Venezuela. Der Minister dort sagte uns, dass es nicht einmal ein Handelsabkommen zwischen Deutschland und seinem Land gebe. Ich habe dann Kontakte in Berlin angerufen und erfahren, dass Wirtschaftsminister Glos und auch Außenminister Steinmeier für ein solches Abkommen seien, dass aber das Bundeskanzleramt auf Anweisung der Amerikaner dagegen sei. […] Auch in Russland behindert Merkel die deutsche Wirtschaft.

Die These, dass die deutsche Regierung ihr Handeln nicht nur von den Amerikaner beeinflussen lasse, sondern sich gar ihre Einstellung von selbigen vorschreiben lasse, ist – gelinde gesagt – bemerkenswert. Wie Vietz im Allgemeinen zu den Amerikanern steht, kann in einem Interview mit dem Menschenrechtsverein Convivio mundi nachgelesen werden:

Vor dem 2. Golfkrieg haben wir umfangreiche Geschäfte im Irak getätigt. Ich war unmittelbar vor dem Krieg noch in Bagdad auf einer Messe, als schon lange die Sanktionen in Kraft waren. Wir haben damals über das Programm „Öl für Lebensmittel“ umfangreich Geräte verkauft. Damals hatte ich die Möglichkeit, mit dem deutschen Botschafter Dr. Elmer zu sprechen. Der sagte mir, der Krieg werde nicht mehr aufzuhalten sein, aber die Amerikaner würden ein Desaster erleben, schlimmer als Vietnam. Wie oft habe ich an seine Worte gedacht.

Wenn Herr Vietz erst einmal ins Schwadronieren gerät, erklärt er, der „mittelständische Unternehmer“, nebenbei noch weltpolitische Zusammenhänge:

Es ging auch gar nicht um Saddam Hussein: es ging ums Öl, um die Macht, im gesamten Raum am Ölhahn zu sitzen und noch den Iran damit zu knebeln. Es mag sein, wie es will. Ich finde das Selbstbewusstsein der Iraner in der Region gut. Ich wünsche denen keinen Krieg. Ich bin in den Ostgebieten geboren worden, habe nie meine Eltern kennen gelernt, bin vertrieben worden – das wünsche ich niemandem.

Interessant ist auch, worin Vietz die Ursachen von Terrorismus sieht (was auch immer das mit dem vorher gesagten zu tun haben mag):

Aber in dieser Region kann es nicht angehen, das nur die Amerikaner das Sagen haben. Daher kommt ja auch der ganze Terrorismus. Und meiner Meinung nach auch dadurch, dass die Israelis vielen Unrecht angetan haben.

Nahezu erheiternd ist wiederum, mit welch haarsträubendem Vergleich Vietz das von Israel begangene Unrecht beschreibt:

Ich möchte wissen, wie Sie reagieren, wenn Ihr Nachbar auf Ihr Grundstück kommt und sagt, die Hälfte ist jetzt meins, ich baue hier einen Zaun hin und keiner hat hier was zu melden.

Doch zurück zu Themen, von denen Herr Vietz wirklich etwas versteht – Wirtschaft.Vor allem: Wirtschaftliche Beziehungen mit menschenverachtenden Regimen wie etwa Iran:

Wir machen auch jetzt Geschäfte, es werden ja viele Pipelines gebaut. Die Iraner haben keine große Industrie, sie leben vom Ölverkauf. Sicherlich fließt auch einiges vom Ölverkauf in die Atomforschung. Aber warum gesteht man den Israelis eine Atombombe zu….? Frieden in dieser Region schafft man nicht mit Druck und Gewalt.

Es lohnt sich im Übrigen auch, den Interviewer von Convivio mundi unter die Lupe zu nehmen, da die von Convivio mundi gestellten Fragen zeigen, was der Verein unter Menschenrechten versteht. Folgendes liest sich wie ein Lehrstück der Interviewführung:

CM: Und dazu haben die Amerikaner noch die Idiotie begangen, alles zu entfernen, was Baath-Partei war, obwohl dort ein Potential lag, das Land zu befrieden.

[…]

Vietz: Aber warum gesteht man den Israelis eine Atombombe zu….? Frieden in dieser Region schafft man nicht mit Druck und Gewalt.

CM: Nur durch Entwicklung! Wie schon Paul VI es benannte: Frieden heißt Entwicklung! Und dort, wo Armut und Unterdrückung vorherrscht, da werden immer mehr Menschen Rattenfängern folgen. Sehen Sie denn im Iran, dass gemäßigtere Kräfte den fundamentalistischen Strömungen den Boden entziehen könnten?

Quelle: „China ist zu Recht beleidigt“, in: DIE ZEIT vom 21. August 2008, S. 23.

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3 Antworten

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  1. Bernd Dahlenburg said, on August 24, 2008 at 3:05 am

    Zu Frau Vietz:

    Ich möchte wissen, wie sie reagieren würde, wenn Ihr Nachbar auf Ihr Grundstück kommt und sagt, die Hälfte ist jetzt meins: „ich baue hier einen Zaun hin und keiner hat hier was zu melden.

    —————

    Das stimmt schon a) deshalb nicht, weil die IDF kein Land besetzt hat, das nach 1967 Waffenstillstandslinie war;

    und zweitens), weil darüber noch keine abschließenden Verhandlungen geführt werden konnten.

    Wir kennen die Vorgeschichte seit 1948

    Ich kann mich an ein Interview des SPIEGEL mit Arafat nach Oslo 1992 erinnern.

    Er wurde gefragt, wie er das Ergebnis von Oslo einschätzt, und er hat gesagt, wenn er Ostjerusalem preisgibt wäre das sein Todesurteil…;

    Ich denke, das sagt alles – sowohl über die Fatah als auch über die Hamas.

    Beste Grüße

    Bernd
    Honestly Concerned.org

  2. netzklempnerin said, on August 24, 2008 at 9:11 am

    Merken solche Leute wirklich nicht, wie moralisch verdorben sie sind oder tun sie bloss nach aussen hin so?
    Da wird einem echt übel.

  3. Mr. Moe said, on August 25, 2008 at 9:59 am

    @Bernd: Danke für den Kommentar, der eine gute Ergänzung darstellt, da ich es nicht für lohnenswert erachtet hatte, inhaltlich Bezug auf Vietz Äußerung zu nehmen.

    @Netzklempnerin: Ich glaube, der merkt es wirklich nicht.


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