Zeitung für Schland

Der unbequeme Antisemit

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on September 25, 2008

Einmal mehr beschwert sich ein promovierter F.A.Z.-Leser über Henryk M. Broder, wobei diesmal Broders in der F.A.Z. veröffentlichter Beitrag „Heiteres Antisemitenraten“ der Stein des Anstoßes ist. Zu Beginn stellt Dr. Thomas Ordnung aus Kleinmachnow diesbezüglich nüchtern fest:

Broders Replik auf Bahners‘ Beitrag vermag nicht zu überzeugen. Broders polemische Ausfälle gegen die „hysterische, geltungsbedürftige Hausfrau“, die Tochter des früheren Sprechers der Juden in Deutschland, Evelyn Hecht-Galinski, der keine über das Tochtersein hinausgehende Qualifikation zuzubilligen sei, darf man getrost ignorieren.

Um zu verstehen, wieso sich Dr. Ordnung überhaupt mit einem Beitrag, der „getrost ignoriert“ werden darf in Form eines längeren Leserbriefs auseinandersetzt, muss man wohl einen Doktortitel haben. Wie dem auch sei, Dr. Ordnung macht seinem Namen alle Ehre und begründet sein Anliegen mit einfachen, gut strukturierten Sätzen:

Nicht zu ignorieren ist dagegen der den sachlichen Kern bestimmende Eklektizismus, dem allerdings die Polemik schon den Weg ebnet. „Verständlich“ sei für ihn, so Broder, dass „nach Auschwitz kein Mensch als Antisemit gelten möchte“, mit anderen Worten, „Antisemitismus“ als Vorwurf steht nach dieser richtigen Beobachtung dessen, was in der Gesellschaft heute gilt, in einem unauflösbaren engen, weil mehr oder weniger spontan sich einstellenden Zusammenhang mit dem Vorwurf der Verharmlosung des Holocaust.

Die hinter diesem Wortschwall steckende Aussage entpuppt sich nach mehrfachen Lesen als erstaunlich schlicht: Wer Antisemiten Antisemiten nennt verharmlost die Shoa. Von dieser Erkenntnis getragen fährt Dr. Ordnung fort:

Diese Beobachtung hindert Broder jedoch nicht daran, die Israel-Kritikerin Hecht-Galinski über das Internet mit Vorwurf des „Antisemitismus“ zu konfrontieren, also das, was gilt, kalkuliert gegen diese einzusetzen. Broder will es sich nicht entgehen lassen, den Gewinn, den die öffentliche Verwendung des Begriffs „antisemitisch“ nach Auschwitz abwirft, abzuschöpfen.

Auch diese Aussage ist eindeutig: Broder nutzt die Shoa um Aufmerksamkeit zu erregen respektive Geld zu verdienen. Nach diesen allgemeinen Ausführungen über die Holocaust-Industrie umschreibt Dr. Ordnung Broders Vorwürfe bezüglich Evelyn Hecht-Galinski in eigenen, formvollendeten Worten:

Broder will seinen Antisemitismus-Vorwurf mit seinem Verweis darauf belegt wissen, dass Frau Hecht-Galinski sich öffentlich „so nahe an die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ herangerobbt“ habe, dass sie „die Idee einer jüdischen Verschwörung“ im besagten Sinne aufgegriffen habe – und zwar durch den NS-Vergleich bezüglich der israelisch-palästinensischen Konfliktaustragung und durch die Behauptung über das Vorhandensein einer – sie bedrängenden – „jüdisch-israelischen Lobby“.

Und was folgt auf diese Schilderung? Richtig: Dr. Ordnung widerlegt Broders Vorwürfe fachmännisch. Zunächst den „NS-Vergleich“:

Dass NS-Vergleiche, so diese zwar unbequem, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, auch im Falle Israels legitim sein können, ist auch jüdischerseits nichts Neues. Man lese nur Moshe Zimmermanns Leopold-Lucas-Preisrede von 2002 nach.

Die Logik ist ebenso simpel wie Dr. Ordnung Sprache: Wenn sogar Juden, nennen wir sie der Einfachheit halber „gute Juden“ Israel mit dem Dritten Reich vergleichen – was kann dann daran falsch sein? Nach dieser überzeugenden Argumentation widmet sich Dr. Ordnung der „Israel-Lobby“:

Dass es, so unbequem auch diese Feststellung für manchen sein mag, eine Israel-Lobby in den Vereinigten Staaten und anderswo gibt, ist nach dem Buch von Mearsheimer und Walt kein wirkliches Tabu mehr. Der Politologe Christian Hacke hat sich im vergangenen Jahr dazu in der Zeitschrift „Internationale Politik“ geäußert. Hier nimmt Broders Robben-Theorie ehrverletzende Formen an.

Auch hier ist die Beweislage klar: Es gibt die Israel-Lobby und wer ihren Einfluss leugnet verletzt die Ehre anderer Menschen – noch Fragen?

Nach dieser Verteidigung Hecht-Galinskis gegen ihre Feinde holt Dr. Ordnung abschließend zum ganz großen Schlag aus: Der begrifflichen Trennung von Antisemitismus und Antizionismus:

Da es Frau Hecht-Galinski nicht um den Vorwurf des „Antizionismus“ zu tun ist, der aus Broders Sicht eine „politisch korrekte“ Version des nationalsozialistisch eingefärbten Antisemitismus sein soll, was semantisch und inhaltlich wirr ist, erübrigt sich hier eine Kommentierung, zumal Broder in die Pflicht genommen wäre, zu beweisen, ab wann denn „Antizionismus“ in „Antisemitismus“ umschlägt.

Nach einer solchen Erkenntnis drängen sich die folgenden Fragen geradezu auf: Existiert das geheimnisvolle Phänomen „Antisemitismus“ überhaupt? Sind die von „Gewinn abschöpfenden“ Denunzianten als Antisemiten Bezeichneten in Wahrheit nicht nur „unbequem“? Und schließlich: Wieso hat in dem Land, das gestern, heute und morgen die Hauptzentrale aller unbequemen Dichter und Denker war, ist und sein wird eigentlich jeder Vollidiot, der Sätze mit mehr als zwei Kommata bilden kann einen Doktortitel?

Quelle: F.A.Z. vom 25. September 2008, S. 38.

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