Zeitung für Schland

Kleiner Nachtrag zu Hecht-Galinski

Posted in F.A.Z. by Mr. Moe on September 29, 2008

Gut, Schreiben hat „Die Tochter“ irgendwann gelernt – insofern man darunter die Fähigkeit versteht, Worte aneinander zu reihen, wenn auch, wie in ihrem Fall, nicht immer in der richtigen Reihenfolge.

Dies schreibt Claudio Casula über Evelyn Hecht-Galinskis als „Antwort auf Arno Lustiger“ deklarierte Behauptung „Antisemitismus ist nicht gleich Antizionismus“. Hinzuzufügen ist, dass Hecht-Galinski an keiner Stelle ihres Textes Belege für selbige These bringt. Stattdessen gibt es Altbekanntes:

Die deutsch-jüdische Erziehung, die ich in meinem Elternhaus genoss, kannte solche beleidigenden Anschuldigungen nicht. Ich wuchs schon seit meiner Geburt 1949 in der Mitte der Gesellschaft auf, wurde in einen Pestalozzi-Fröbel-Kindergarten und danach von meinen Eltern auf eine Waldorfschule geschickt. Mein Vater gab an mich seine humanistische Erziehung weiter, die er in Marienburg in Westpreußen genossen hatte. Das Lebensmotto meines Vaters nach seiner Befreiung aus diversen KZs war: „Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen.“ Auch deshalb sehe ich es als meine Verpflichtung an, nicht zu schweigen, wenn die israelische Regierung Menschenrechtsverletzungen an den Palästinensern in Form von Vertreibung, Enteignung und Besatzung begeht.

Mein Vater hatte es sich zur Aufgabe gemacht, gerade in Deutschland, dem Land, in dem er Erniedrigung, Qualen und die Ausrottung seiner Familie erlebt hatte, wieder neues jüdisches Leben zu etablieren. Darum hat er sich von 1947 bis zu seinem Tod 1992 konsequent bemüht. Meine Eltern und ich lebten nie auf gepackten Koffern und betrachteten Deutschland nicht als „Feindesland“. Für meinen Vater war es auch eine Selbstverständlichkeit, in „seinem“ Berlin beerdigt zu werden, der Stadt, die eine Straße nach ihm benannt hat und deren Ehrenbürger er war. Daher war es für mich ein Bedürfnis, nach dem Tod meines Vaters den Namen Galinski meinem Ehenamen beizufügen. Das war auch ganz im Sinne meines Mannes, Benjamin Hecht, „auch Jude“.

Viele Worte für die bahnbrechende Erkenntnis, dass Evelyn Hecht-Galinski die Tochter ihres Vaters ist. Was das mit der in der Überschrift aufgestellten These zu tun hat? Eben soviel wie das auf F.A.Z.NET beigefügte Bild von Heinz Galinski: Nichts. Doch ein Schelm wer denkt, Hecht-Galinski hätte nicht auch Argumente vorzuweisen:

Arno Lustiger hat recht, es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus, aber es gibt einen inflationären und daher gefährlichen Umgang mit diesem Begriff, der sich als stumpfe Waffe herausstellen könnte, wenn er wirklich angebracht ist. Schon mein Vater wurde…

Jawohl, so wird’s gemacht: Erst eine Behauptung über den Zustand der Gesellschaft aufstellen und sich dann prompt wieder auf die familiäre Ebene fallen lassen. Weitere Belege für die Behauptung: Fehlanzeige. Nach dieser argumentatorischen Glanzleistung folgt eine ausführliche Zusammenfassung vergangener Ereignisse, die sich so spannend liest wie der Schulaufsatz eines 10-jährigen Kindes, das zur Abwechslung einmal nicht mit einem verwandt ist. Spannung kommt erst wieder auf, nachdem Hecht-Galinski ihre These „Antisemitismus ist nicht gleich Antizionismus“ in anderen Worten wiederholt, vermutlich damit sie auch derjenige verstehen kann, der die Überschrift nicht gelesen hat:

Natürlich habe ich nur etwas gegen das Wort „antisemitisch“, nicht aber „antizionistisch“, da ich mich gerade gegen diese Gleichsetzung der Begriffe „Antizionismus“ und „Antisemitismus“ wenden möchte. Die israelische Politik zu kritisieren betrachte ich keinesfalls als antisemitisch.

Und der Beleg für die These? Richtig: Die Anderen sagen das auch:

Unterstützung findet meine These bei renommierten israelischen Historikern wie Tom Segev, beim ehemaligen Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, sowie bei Wissenschaftlern wie Alfred Grosser (siehe: Antisemitismusstreit: Alfred Grosser antwortet auf Broder) und Michal Bodemann.

Vielleicht sollte ein milde gesonnener Mensch Frau Hecht-Galinski bei Gelegenheit einmal erklären, dass die Richtigkeit einer Aussage nicht an andere Personen gebunden ist, die der Aussage ebenfalls zustimmen.

Übrigens: Wirklich schön ist die Beschreibung Hecht-Galinskis seitens der F.A.Z. (Printausgabe):

Evelyn Hecht-Galinski ist die Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Quelle: F.A.Z. vom 26. September 2008, S. 44.

3 Antworten

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  1. zuppi said, on September 29, 2008 at 5:10 pm

    Hi Mr. Moe,
    je länger ich über diese Dame nachdenke,umso fragwürdiger wird mir ihr Anliegen. Auf der Al Quds Demo in Berlin wurde auf einem Transpi gefordert: Antizionismus ist kein Antisemtismus. An dieser Parole scheint sich der Diskurs aktuell zu scheiden,denn wer diese Forderung teilt,legt sich mit Mullahs,Michael Kühnen sselig und all den antizionistischen Rechten und Linken ins Bett – oder es ist noch perfider: Die Mitte liegt mit den extremistischen Rändern in dieser Frage kaum über Kreuz.

  2. Mr. Moe said, on Oktober 1, 2008 at 10:36 am

    Ich sehe das ähnlich. Wobei es sich (zumindest teilweise) um eine begriffliche Verwirrung zu handeln scheint.
    Ein Beispiel hierfür wäre einmal mehr ein Leserbrief in der F.A.Z., in dem es sinngemäß heißt: „Die Behauptung, dass Antizionismus gleich Antisemitismus sei, impliziert, das jegliche Politik des jüdischen Staates grundsätzlich der Kritik enthoben sei.“
    Diese Aussage zeigt, dass die entsprechende Person unter Antizionismus als Kritik am Handeln des Staates Israels versteht – und somit das Wesen des Begriffs „Antizionismus“ nicht verstanden hat (werde dazu später wohl noch mehr schreiben).

  3. zuppi said, on Oktober 5, 2008 at 4:15 pm

    Eine nur „begriffliche Verwirrung“ könnte die Debatte ja noch einmal drehen😉


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