Zeitung für Schland

Abwasch

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on Oktober 2, 2008

Dass sich ein Berg von Abwasch bei nachlässiger Haushaltsführung auf geheimnisvolle Weise vermehrt, ist ein altbekanntes Phänomen. Ähnliches kann der regelmäßige F.A.Z.-Leser beobachten, wenn er die Leserbriefseite einmal einige Tage unbeachtet gelassen hat. Höchste Zeit also aufzuräumen, wobei wir uns zunächst dem gröbsten Dreck widmen werden und einige nicht ganz so stark verschmutzte Teller in einem Anflug von Faulheit einmal beiseite lassen wollen.

Wie nicht anders zu erwarten, bleiben Henryk M. Broder und Arno Lustiger aufgrund ihrer verlinkten Artikel die beliebtesten Reizpersonen der F.A.Z.-Leser. Wie üblich sagen die Leserbriefe allerdings mehr über ihre Verfasser denn über Broder oder Lustiger aus. So schreibt etwa Helmut Schwarzer in der F.A.Z. vom 30. September:

Ganz zu schweigen von dem lobend ins Feld geführten Scharfmacher Henryk Broder, dessen Tiraden eher dem Antisemitismus Vorschub leisten, als dass sie das Gegenteil bewirkten.

Analog zum Mädchen mit dem kurzen Rock, das den Vergewaltiger so zu seiner Tat angeregt habe, sei der Jud‘ also Schuld am Antisemitismus. In Anbetracht solchen Schundes wirkt der Kommentar von Dr. Clemens Tewes zunächst erfrischend, beschränkt er sich doch zunächst auf belehrende Anmerkungen zu der von Broder behandelten Bahai-Religion. Wessen Geistes Kind Dr. Tewes ist, zeigt jedoch folgendes Zitat:

Broder fällt neben den Bahai noch Srebrenica, Ruanda, Kambodscha und Darfur ein. Das muss wohl so sein, denn die Zuständigkeit für ein anderes, in sehr wohl vergleichbarer Unterdrückungssituation befindliches Volk – sie liegt nun mal in Händen, die Broder laut richterlichem Beschlusse einstweilen nicht weiter des Antisemitismus zeihen darf.

Da Srebrenica, Ruanda, Kambodscha und Darfur gemeinhin nicht für Unterdrückung, sondern für Völkermord stehen, ist die Aussage klar: Israel verübt einen Völkermord an den Palästinensern. In der Schule hieße es jetzt: Falsch, Sechs, setzen.

Doch leider sind wir nicht in der Schule, auch wenn Sigurd Schmidts Leserbrief in der F.A.Z. vom 1. Oktober dies aufgrund seiner offenkundigen Unkenntnis nahe legt:

Die These Arno Lustigers, wonach sich „hinter der Maske des Antizionismus“ heute der Antisemitismus verberge, kann nicht unwidersprochen bleiben. Das würde ja bedeuten, das jegliche Politik des jüdischen Staates grundsätzlich der Kritik enthoben sei.

Um sich zu verdeutlichen wie widersinnig diese Behauptung ist, reicht ein simples Gedankenexperiment: Angenommen, Herr Schmidt wäre mit der Politik des schwedischen Staates nicht einverstanden – würde er dafür einen eigenen Begriff brauchen? Natürlich nicht, könnte er die Handlungen Schwedens ja auch einfach kritisieren. Doch beim Antizionismus geht es um vieles (etwa: eigene Ressentiments), aber um eines ganz gewiss nicht: das konkrete Handeln des Staates Israel. Antizionisten bräuchten sich daher eigentlich gar nicht die Mühe zu machen, die Politik Israels zu kritisieren, da schon die bloße Existenz Israels der Anlass für ihren Unmut ist. Ein Antizionist, der Israels Politik als Legitimation für seinen Antizionismus heranzieht, argumentiert demnach ebenso glaubhaft wie ein Rassist, der seinen Rassismus darauf begründet, dass sein ausländischer Nachbar zu laut Musik hört.

Neben solch offenkundigen Fällen bewusster oder – vermeintlich? – unbewusster Ablehung Israels gibt es das gerade in Deutschland häufig zu beobachtende Phänomen des „guten Freundes“ Israels. Ein Beispiel für diesen Typ ist Dieter Neuhaus, der treuen Lesern der Zeitung für Schland bereits bekannt sein dürfte (vgl. hier und hier). In der F.A.Z. vom 2. Oktober zeigt Herr Neuhaus, dass er immer noch mit Argusaugen über Israels Wohlergehen wacht:

Viele deutsche Nichtjuden wünschen dem Staat Israel von ganzem Herzen, dass er zu einer sicheren Heimstatt für die Juden an der Seite eines friedlichen Staates Palästina werden möge.

Was die Mehrheit der Deutschen von Israel hält sollte eigentlich hinreichend bekannt sein: 64% beurteilen den Einfluss Israels negativ und 65% sehen sich gar von Israel bedroht. Die Behauptung, dass „viele deutsche Nichtjuden“ dem Staat Israel „von ganzem Herzen“ auch nur irgendetwas Positives wünschen, kann also getrost ins Reich der Phantasie verwiesen werden. Für Herr Neuhaus sind solch‘ kritische Deutsche jedoch die wahren Freunde Israels:

Sie halten es aber im Gegensatz zu Broder eher mit dem südafrikanischen Bischof Desmond Tutu, der 2002 nach einem Besuch im Heiligen Land geschrieben hat, dass Israel niemals sicher sein werde, solange es das palästinensische Volk unterdrücke. Es sei ihm unbegreiflich, dass sich ausgerechnet Israel einer solchen Unterdrückungspolitik schuldig mache. Die Frage die er am Schluss des Interviews stellt, hat bis heute an Aktualität nichts verloren: „Haben unsere jüdischen Brüder und Schwestern ihre eigene Demütigung vergessen?“

Wie glücklich darf Israel sich schätzen, angesichts solche Freunde wie Desmond Tutu, der Israel als Apartheids-Regime bezeichnet, und dem sich stets um Israel sorgenden Herrn Neuhaus.

Quellen:
F.A.Z. vom 30. September 2008, S. 21.
F.A.Z. vom 1. Oktober 2008, S. 10.
F.A.Z. vom 2. Oktober 2008, S. 45.

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