Zeitung für Schland

Pitzke did it once again

Posted in SPIEGEL & SPIEGEL ONLINE by Mr. Moe on Oktober 3, 2008

Wie nicht anders zu erwarten, glänzt Marc Pitzke auf SPIEGEL-ONLINE mit einer erstklassigen Analyse des TV-Duells zwischen Sarah Palin und Joe Biden:

Es sind die allerersten Worte, die den Ton dieses Abends prägen. Worte, die außer Hörweite des Saalpublikums fallen, noch bevor das Streitgespräch eröffnet ist. Sarah Palin und Joe Biden treten aus der Kulisse, gehen aufeinander zu, geben sich die Hand. „Schön, Sie kennenzulernen“, zwitschert Palin ihrem Rivalen ins Ohr. „Hey, kann ich Sie Joe nennen?“ Der guckt etwas irritiert, gibt dann aber perfekt-charmant zurück: „Sie können.“

Fällt irgendjemand etwas auf? Genau: Palin zwitschert blöd daher, gibt sich ergo künstlich. Biden hingegen ist höflich und galant – und das obwohl das Monster Palin ihm eine so gemeine Falle gestellt hat. Dieser Grundtenor – Palin ist verlogen, Biden ehrlich – zieht sich durch Pitzkes gesamten Artikel:

Und so beginnt die wichtigste TV-Debatte, die sich zwei US-Vizepräsidentschaftskandidaten wohl je geliefert haben: volkstümelnd, jovial, respektvoll, fast freundschaftlich – und doch mit einem unterschwelligen Gefühl der Bedrohung. Das zeigt sich wenig später, als Palin offenbart, wofür sie den Duz-Gruß wirklich braucht: als Messer gegen Biden.

Hier suggeriert Pitzke, dass Palin das TV-Duell hinterlistigerweise als Chance nutzen will, ihren Kontrahenten schlecht aussehen zu lassen. Was erwartet Pitzke eigentlich von einer solchen Debatte? Glaubt Pitzke ernsthaft, dass Biden den Abend mit Palin als kuscheliges tête-à-tête betrachtet? Ebenso objektiv liest sich Pitzkes Zusammenfassung von Palins Auftritt:

Palin vermied es, über die enorm niedrigen Erwartungshürden zu stolpern, die ihr Camp in den letzten Tagen immer tiefer gelegt hatte. Sie schaffte es, alle populistischen „talking points“, die man ihr eingebläut hatte, wie ein Wasserfall herunterzurasseln, direkt in die Kamera, von Augenzwinkern begleitet – und konnte sich so retten, ohne dabei wirklich Substantielles (oder Peinliches) zu sagen.

Dahingegen Biden:

Biden verstieg sich derweil zu keiner dummen Bemerkung, war ganz Kavalier, brillierte mit Fachkenntnis und wurde einmal sogar emotional.

Dass Biden West Bank und Gaza-Streifen verwechselte und behauptete, die USA und Frankreich hätten Hisbollah aus dem Libanon vertrieben, vermag Pitzkes Urteil über Bidens Brillanz erwartungsgemäß nicht zu trüben. Wirklich putzig wirkt Pitzke jedoch, wenn er seine eigene Meinung derart brüskiert und anklagend hinausposaunt, dass dem Leser der Schaum vor Pitzkes Mund durch den Monitor hindurch ins Gesicht zu spritzen droht:

Viele dieser Wortkanonaden [Palins, Mr. Moe] hatten mit den Fragen gar nichts mehr zu tun. Palin war stolz darauf: „Wenn ich will, beantworte ich die Fragen einfach nicht“, sagte sie. „Ich werde das amerikanische Volk direkt ansprechen.“ Diese außerordentlich dreiste Bemerkung, die im Redeschwall etwas unterging, erinnerte einen an die starre Haltung der Bush-Regierung: Wir scheren uns nicht um die Regeln, basta.

Ebenso schön ist, wenn Pitzke Biden dafür lobt, dass er Palin beim Thema Außenpolitik nicht bloßgestellt habe, obwohl er doch dazu aufgrund seiner Kenntnisse in der Lage gewesen sei:

Bei außenpolitischen Themen kam Palin jedoch schwer ins Schwimmen: Irak, Iran, Pakistan, Afghanistan, Nahost, nukleare Proliferation. Hier stachen ihre ausweichenden Worthülsen am krassesten hervor, und einmal begann sie kurz hilflos zu stottern. Biden, der sie damit einfach hätte auseinandernehmen können, verschonte sie aber und griff lieber McCain an.

Fehlt nur noch, dass Pitzke Biden für den Friedensnobelpreis vorschlagen würde. Zumal Biden auch eine menschliche Seite hat:

Biden dagegen hatte einen Glanzmoment, bei dem seine Person durchbrach. Das war, als er vom Tod seiner ersten Frau und seiner Tochter sprach, 1972 bei einem Autounfall, bei dem seine zwei Söhne schwer verletzt wurden. „Ich weiß, wie es ist als alleinerziehender Vater“, sagte er und schluckte schwer, den Tränen nahe. „Ich weiß, wie es ist, wenn du dich als Eltern fragen musst, ob dein Kind überlebt.

Über die Frage, ob Pitzke vergleichbare Äußerungen von Sarah Palin ähnlich mitfühlend kommentiert hätte, kann an dieser Stelle leider nicht spekuliert werden.

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2 Antworten

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  1. mrpresident said, on Oktober 3, 2008 at 12:36 pm

    So läuft das eben bei SKON (Schwarzer Kanal Online). Objektiv bis zum bitteren Ende.

  2. S1IG said, on Oktober 4, 2008 at 10:50 am

    @mrmoe
    Erneut ein gelungener Artikel über den Spitzke! Danke!

    @mrpresident
    LOL – SKON ist super. Wenn Obama gewinnt, hat Ede von Spitzke ein Problem😉


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