Zeitung für Schland

„Ausschreitungen in Israel“ mit Ulrike Putz

Posted in SPIEGEL & SPIEGEL ONLINE by Mr. Moe on Oktober 15, 2008

Akko – „Juden, kauft nur bei Brüdern“, steht in hebräischen Schriftzeichen auf dem Betttuch, das zwischen zwei Verkehrsschilder gespannt ist. „Soll heißen: Juden, kauft nicht bei Arabern“, erklärt der jüdische Israeli Schimon Ben Schuschan. „Der Slogan ist super, wir haben ihn auch per SMS-Kette verschickt.“

Was sich wie der Einstieg in einen schlechten alternative history Roman liest, ist in Wirklichkeit ein Paradebeispiel für die gewohnt ausgewogene Berichterstattung von Ulrike Putz respektive SPIEGEL ONLINE über Israel. Als Kontrast gegenüber den sich-mal-wieder-wie-die-Nazis-benehmenden-Juden wird über arabische Israelis wie folgt berichtet:

Szenenwechsel: „Die Juden wollen uns vertreiben, sie wollen uns umbringen. Deshalb schlagen wir zurück“, sagt Walaa Ramal im Restaurant eines arabisch geführten Hotels. „Wenn die Juden nicht mit uns Arabern leben wollen, sollen sie dahin zurückgehen, wo sie hergekommen sind: nach Deutschland, Russland, in die USA.“

Diese beiden kurzen – nach Ansicht von Ulrike Putz offensichtlich repräsentativen – Beschreibungen jeweils eines jüdischen und eines arabischen Israelis offenbaren bereits den Kern der Berichterstattung: Während Juden scheinbar grundlos und willkürlich gegen Araber vorgehen, werden die Handlungen letzterer stets als bloße Antwort auf die Taten der Juden betrachtet. Ganz simpel: Die Juden agieren, die Araber reagieren. Dieses Muster lehrt ja bereits die Geschichte – jedenfalls in ihrer Putzschen Auslegung:

Als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, sollte die arabische Stadt zu Palästina gehören. Doch im folgenden Krieg eroberte Israel Akko, drei Viertel der Bevölkerung wurden vertrieben oder flohen.

Es ist erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit sich die obrige Passage liest: Israel wird gegründet, Krieg folgt als scheinbar unvermeidliche Reaktion und die räuberischen Juden erbeuten Land. Auch nur eine Silbe über den Anlass des Krieges? Fehlanzeige. Wie auch schon im Artikeleinstieg fällt zudem auf, dass arabische Israelis für Putz keine aktiv handelnden Subjekte zu sein scheinen. Sie wehren sich zwar gegen Unrecht das ihnen widerfährt oder bilden sich auf den Handlungen jüdischer Israelis basierende Meinungen, aber ursächlich verantwortlich für ihr eigenes Tun sind sie nie:

Doch auch wenn nun viel davon geredet wird, dass es auf beiden Seiten bloß kleine Gruppen von Extremisten gewesen seien, die die Jom-Kippur-Randale veranstaltet hätten – die Ereignisse von Akko sind ein Zeichen dafür, dass der Graben zwischen Juden und Arabern in Israel tiefer wird. Die Radikalisierung ist ein Massenphänomen, sie ist nicht auf die Hamas im Gaza-Streifen beschränkt, und auch nicht auf ein paar fanatische Siedler im Westjordanland. Der fast völlig zum Stillstand gekommene Friedensprozess hat auch Wohlmeinende enttäuscht.

Dass der Friedensprozess wie von Zauberhand zum Stillstand gekommen sei, ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Putz für ihre Sicht der Realität keine handelnden Menschen benötigt. Ansonsten werden hier zum einen die Taten der Terroristen von der Hamas durch den Vergleich mit israelischen – wohlgemerkt: sowohl jüdischen als arabischen – Staatsbürgern verharmlost. Zum anderen wird der Terror der Hamas als Reaktion auf „den fast völlig zum Stillstand gekommene[n] Friedensprozess“ deklariert und so als lediglich falsche Antwort auf eine richtig gestellte Frage dargestellt. Vor diesem Hintergrund wirkt es geradezu rührend, wenn Putz anschließend die Vermischung von Tatsachen und Meinungen seitens der Beteiligten anprangert:

In Akko strickt sich derweil jede Konfliktpartei aus Gerüchten und Halbwahrheiten ihre Version der Ereignisse zusammen, gegen die Fakten keine Chance haben.

Unterschiedliche subjektive Wahrnehmung verschiedener Akteure zweier Konfliktparteien – welch‘ ungewohnte Herausforderung für den Journalismus! Ja, wieso bilden sich die jüdischen und arabischen Israelis denn keine auf Fakten basierende Meinung? Vielleicht können sie ja einfach nur nicht gut genug deutsch, um die einfache Wahrheit bei Ulrike Putz nachzulesen.

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Eine Antwort

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  1. […] so, wie sie mir beim Suchen vor die Tastatur gekommen sind und schon gar nicht vollständig): – “Ausschreitungen in Israel” mit Ulrike Putz – Überfall mit dem Joghurtbecher – Ein alter Mann mit Eselskarren – Ulrike haut mal wieder auf den […]


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