Zeitung für Schland

War Treitschke Antisemit?

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on Dezember 18, 2008

Eine erstaunlich lange Zeit ging es verhältnismäßig zivilisiert auf der Leserbriefseite der F.A.Z. zu. Höchste Zeit also, mal wieder einen – wie üblich von einem Träger der Doktorwürde formulierten – antisemitischen Auswurf aller erster Güte abzudrucken! Die Ehre obliegt dieses Mal Dr. Helmut Pieper, der auf einen F.A.Z.-Leser antwortet, der sich wiederum auf Heinrich von Treitschkes Artikel „Unsere Aussichten“ bezogen hatte und Treitschke unterstellt habe, dass dieser „trotz mancher Bedenken die antisemitischen Aufwallungen (begrüßt)“ habe. „Die-Juden-sind-unser-Unglück“-Treitschke ein Antisemit? Diesen Vorwurf kann Dr. Pieper natürlich nicht auf dem guten Mann sitzen lassen:

Wohl äußert Treitschke Verständnis für diese „laute Agitation“, er lässt aber auch deutliche Kritik erkennen: „eine brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls“.

„Eine brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls“ – deutlicher kann man eine Kritik in der Tat nicht formulieren! Zumal es für die „natürliche“ – mit anderen Worten: unvermeidliche und nicht in der Verantwortung des Pöbel liegende – „Reaktion“ ja auch gute Gründe gegeben habe:

Er [Treitschke, Mr. Moe], will kein „Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur“, das bei Franzosen und Engländern nicht denkbar wäre, verfügten sie doch über „die Energie des Nationalstolzes und die festgewurzelte nationale Sitte“ alter Kulturvölker. Auch gehörten die bei ihnen lebenden Israeliten zumeist dem spanischen Judenstamm an, der sich „der abendländischen Weise immer ziemlich leicht eingefügt habe“.

Dass Juden per definitionem nicht zugleich Deutsche sein können, ist gängiges germanisch-arisches Allgemeinwissen. Gleiches gilt dafür, dass der „spanische Judenstamm“ sich besser integriere als – ja als wer eigentlich?

Die Deutschen dagegen, als Nation noch ungefestigt, hätten es mit dem zahlenmäßig stärkeren polnischen Judenstamm zu tun, und dieser stehe „erfahrungsgemäß dem europäischen und namentlich dem germanischen Wesen ungleich fremder gegenüber“. Wie dieser Gefahr begegnen?

Die Horden des „polnischen Judenstamms“ bedrohen aufgrund ihrer Fremdartigkeit das, wenn auch als Nation noch nicht gefestigte, Germanentum – eine bis dato stringente und überaus kritische Darstellung des „Problems“. Ein Schelm, der da Antisemitismus wittert! Ruhigen Gewissens kann sich Treitschke, und mit ihm Dr. Helmut Pieper, nun der praktischen Lösung des „Problems“ widmen:

Eine Zurücknahme oder auch nur Schmälerung der Judenemanzipation kommt für Treitschke nicht in Frage: „sie wäre ein offenbares Unrecht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staates“. Er wehrt nicht ab, sondern fordert von „unseren israelitischen Mitbürgern“, „Deutsche zu werden, sich schlicht und recht als Deutsche (zu) fühlen“, und das „unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrwürdig sind“. Vorbild sind ihm hierbei „sehr viele Juden; getaufte und ungetaufte“, die „deutsche Männer waren im besten Sinne, Männer in denen wir die edlen und guten Züge deutschen Geistes verehren.“

Kurz: die dem deutschen Wesen an und für sich fremd gegenüberstehenden Juden müssten eben an selbigem genesen. Auch diese Ansicht habe natürlich keinesfalls etwas mit Antisemitismus zu tun:

Es versteht sich von selbst, dass der Treitschke oft zugeschriebene Ausruf „Die Juden sind unser Unglück!“ mit solchen Gedanken nicht zu vereinbaren wäre, und tatsächlich gibt der Autor hier nur eine von ihm vielerorts – „bis in die Kreise der höheren Bildung hinauf“ – gehörte Meinung wieder.

Nun versteht es sich zwar keineswegs „von selbst“, dass Treitschkes Ausspruch mit dem oben zitierten unvereinbar sei; und die Behauptung, dass Treitschke einfach nur eine von ihm nicht geteilte Meinung wiedergebe, steht gar in erheblichem Widerspruch zu dessen Worten. Aber wirklich schön liest sich hingegen die fröhliche Reihe der Nicht-Antisemiten: „Kreise der höheren Bildung“ reden antisemitisch daher, Treitschke, nach dem in Deutschland heute noch Straßen benannt sind, gibt deren Meinung lediglich wieder und 120 Jahre später zitiert Dr. Pieper wiederum Treitschke. So wird das Gedankengut, schön säuberlich von der eigenen Person losgelöst, auf sichere Art und Weise transportiert – ganz ohne sich selbst jemals dem absurden Verdacht auszusetzen, Antisemit zu sein.

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