Zeitung für Schland

Medialer Wahn und ein 90. Geburtstag

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Dezember 23, 2008

Würde man alle Deutschen durchnummerieren, Helmut Schmidt erhielte unter Garantie die Eins, denn Hitler ist ja bekanntermaßen Tod und außerdem Österreicher. Da sich nunmehr der Geburtstag jenes Vorzeigedeutschen zum 90. Male jährt, versteht es sich daher von selbst, dass Schmidts Hausblatt selbigem die Ehre erweist. Nun müssen diejenigen, die nach wie vor – und ergo resistent gegen klug machende Erfahrung – zu den Lesern der ZEIT zählen, die an Vergötterung grenzende Verehrung Schmidts in dessen Hofblatt bereits seit Längerem ertragen. Dass der ZEIT-Leser folgerichtig nicht nur mit einem „Helmut-Schmidt-Sonderheft“, sondern gleich mit derer zwei beglückt wird, vermag daher nicht zu überraschen. Als besonders ausgefeiltes Extra wird zudem an der Stelle, an der sonst die „Zigarette mit Helmut Schmidt“ schlechte Luft verbreitet (die hervorgehobenen Zitate der letzten Wochen lauteten sinngemäß: „Ich habe mein Schachspiel in der Kriegsgefangenenschaft selbst geschnitzt“ und „Wir bekommen gelegentlich auch Briefe mit Kot zugesandt“) eine „Zigarette mit Rosemarie Niemaier“, Schmidts Sekretärin, abgedruckt. Das Ganze liest sich sogar noch langweiliger als es klingt, mit der Ausnahme jedoch, dass Niemaier den in der ZEIT verbreiteten Schmidt-Wahn unfreiwilligerweise auf den Punkt bringt:

Ich habe ihn früher nicht für ein Wesen aus Fleisch und Blut gehalten. Das tue ich jetzt.

Zu Giovanni di Lorenzo und Konsorten ist diese Erkenntnis bislang offensichtlich noch nicht herabgesickert. Doch auch wenn Niemaier Schmidt zwar durchaus als Menschen betrachtet, lässt auch sie sich es natürlich nicht nehmen, auf Schmidts Genialität zu verweisen:

Obwohl er wirklich wenige Schwächen zeigt. Kennen Sie zum Beispiel die Hauptstadt von North Dakota?

Giovanni di Lorenzo kennt selbige „natürlich nicht“, was nur jene zu überraschen mag, die der Meinung sind, dass die ZEIT sich ihrem intellektuellen Anspruch nach auch nur einen Hauch von der viel und gerne gescholtenen Zeitung mit den vier großen Buchstaben unterscheide: beides sind Zeitungen die man lesen kann, es im Zweifelsfall aber doch besser sein lässt. Doch zurück zu Helmut Schmidt, der die Antwort auf die Frage aller Fragen – Sie ahnten es bereits – selbstverständlich kennt. Niemaier:

Bismarck heißt sie. Ich habe ihn das einmal gefragt. Unglaublich, aber wahr: Helmut Schmidt wusste das!

Unglaublich, aber wahr: Es existiert ein Mensch von solch vollkommener Weisheit und ihm wird bislang lediglich ein mediales Denkmal gesetzt! Mit welcher Berechtigung wird der Welt der Helmut-Schmidt-Feiertag vorenthalten? Und warum heißt die ZEIT noch ZEIT und nicht SCHMIDT? Die Tatsache dass die ZEIT mit sowohl überaus erfolgreichem als auch penetrantem Nachdruck daran arbeitet, Schmidt zum nationalen Mythos aufzubauen, vermag da kaum Trost zu spenden.

Helmut Schmidt selbst kann die mediale Ejakulation natürlich nicht angelastet werden. Zumal aufrichtiges Beileid verdient, wer sich von Gerhard Schröder und Günter Grass in der eigenen Zeitung gratulieren lassen muss. In diesem Sinne wünscht die Zeitung für Schland Helmut Schmidt daher herzlichst alles erdenklich Gute zum 90. Geburtstag. Möge Schmidt noch viele glückliche und – hoffentlich – geruhsame und schweigsame Jahre verbringen. Neben der Selbstverständlichkeit eines solchen Wunsches existiert zugegebenermaßen auch ein egoistisches Motiv: denn wenn Helmut Schmidt einst sterben wird (und das wird er, aller Vergötterung zum trotz), werden deutsche Medien für einige Zeit noch unerträglicher sein, als sie es ohnehin schon sind.

Quelle: „Auf eine Zigarette mit Rosemarie Niemaier“, in: ZEIT MAGAZIN vom 11. Dezember 2008, S. 54.

Anmerkung: Die wesentlichen Teile dieser Festschrift wurden vor mehr als einer Woche geschrieben.

Nachtrag: Für eine Abrechnung mit Schmidts heutigen politischen Ansichten siehe den Beitrag von Jost Kaiser, der treffend schreibt:

Unfassbar, dass die Überlegungen einen Mannes, der selten das Niveau eines Wirthaus-Grantlers überschreitet, in Deutschland als Offenbarungen gelten.

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