Zeitung für Schland

Küßt die Hamas!

Posted in SZ by Mr. Moe on Dezember 31, 2008

Thorsten Schmitz‘ Kommentar „Israels Irrglaube“ in der Süddeutschen Zeitung dürfte zum Widerlichsten zählen, was bislang in deutschen Qualitätszeitungen zur Operation „Gegossenes Blei“ geschrieben worden ist. Gleichwohl kann Schmitz‘ Argumentation als stellvertretend für einen derzeit medial häufig verbreiteten Narrativ angesehen werden.

Zunächst widmet sich Schmitz, gemäß professioneller Journalisten-Manier, noch der „faktentreuen“ Darstellung der bisherigen Geschehnisse:

Der Überraschungsangriff Operation „Gegossenes Blei“ am helllichten Samstag, als Kinder in der Schule, Frauen auf dem Markt und Hamas-Polizisten auf einer Vereidigungszeremonie getroffen wurden, endete mit der höchsten Opferzahl an einem einzigen Tag seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967. Israels mächtige Armee will die Hamas das Fürchten lehren, doch die Gaza-Guerilleros haben keine Angst vor dem Tod.

Nicht nur ein einfacher „Angriff“ Israels also, sondern auch noch ein „Angriff“ am „helllichten“ Tag und darüber hinaus auch noch auf Schulkinder und einkaufende Frauen! Angesichts der Tatsache, dass zum Zeitpunkt von Schmitz‘ Kommentar sogar die Hamas einräumt hat, dass über 95% der Opfer keine Zivilisten, sondern Terroristen gewesen sind (via Medien BackSpin), und dass Israel den Raketen-Terror wahrlich lange genug hingenommen hat: Wie soll man einen solchen Journalismus nennen? Realitätsverlust im Endstadium oder bewusste Irreführung der Öffentlichkeit? Auf letzteres deutet Schmitz‘ anschließend aufgestellte Behauptung hin, der zufolge die „Strategie sämtlicher israelischer Regierungen“ seit je her aus nichts als Gewalt bestanden habe:

Außer einem Raketenregen, abgefeuert von Gaza aus, drohen Israel nun auch wieder Selbstmordanschläge. Dennoch bleibt die Strategie sämtlicher israelischer Regierungen bis heute gleich: Gewalt palästinensischer Terrorgruppen mit Gewalt zu vergelten.
Der (Irr-)Glaube in Israel an die Armee ist allmächtig und läuft quer durch alle Bevölkerungsschichten. Das Militär soll richten, was die Politik nicht schafft: Ruhe stiften.

Jaja, so kennt man die Israelis: bei der allerkleinsten Nichtigkeit bomben diese militanten Fanatiker blindlings drauf los! Und das, obwohl sie doch darüber hinaus auch noch die Verantwortung dafür tragen, dass es überhaupt wieder ein Problem im Gazastreifen gebe:

Im Bombardement vom Samstag steckt auch Israels Ohnmacht. Mehr als 7000 Raketen und Mörsergranaten haben palästinensische Terroristen seit dem Abzug der jüdischen Siedler aus Gaza im August 2005 auf Israel abgefeuert. Immer wieder hat die Armee darauf mit massiven Militärschlägen reagiert und das mit 1,5 Millionen Palästinensern überbevölkerte Gebiet komplett abgeriegelt. Genau deshalb feuerte die Hamas Raketen und Granaten auf Israel.

Terroristen schießen Raketen auf Israel, Israel reagiert darauf mit Militärschlägen und deshalb schießen die Terroristen auf Israel –  wen vermag eine solche Argumentation nicht zu überzeugen? Es ist wie mit dem Regen und dem Regenschirm: Es regnet, man spannt den Regenschirm auf, und deswegen fängt es dann an zu regnen! Wer kann da schon Ursache und Wirkung auseinanderhalten? Ein weiteres Beispiel: Klein-Thorsten hat Aua am Knie und klebt daher ein Pflaster drauf Dies führt wiederum dazu, dass Klein-Thorsten Aua am Knie hat. Böses Pflaster, böser Regenschirm, böses Israel! Doch zurück zu den Terroristen von der Hamas, deren Existenz und Stärke Schmitz ebenfalls Israel zuschreibt:

Denn Israels Militäroperationen sind das Lebenselixier der 1987 gegründeten Hamas. Israels Armee-Einsätze liefern ihr die Existenzberechtigung. Die Gleichung ist ganz einfach: Gäbe es Frieden und Wohlstand im Gaza-Streifen, gäbe es keine mächtige Hamas. Die Menschen dort würden dann nicht den mittelalterlichen Islamisten folgen, sondern ihre Zukunft planen. Anstatt die Hamas zu bombardieren, dadurch Hass zu säen und Terrorangriffe zu provozieren, müsste Israel die radikal-islamische Gruppe ebenso umgarnen, wie sie es mit den Al-Aksa-Brigaden gemacht hat.

Israel hatte den militanten Flügel der Fatah-Gruppe in einen politischen Prozess eingebunden und sie dadurch als Terrorgruppe überflüssig gemacht. Die Al-Aksa-Terroristen von gestern haben ihre Waffen niedergelegt und sind heute Mitglieder regulärer palästinensischer Sicherheitskräfte, weil Israel ihnen Amnestie zusicherte. Dieses Konzept könnte man auch mit der Hamas wagen.

Nun sind in der Tat alle Komponenten für die „ganz einfache Gleichung“ beisammen, die den Kern des Schmitzen Narratives ausmachen:

  1. Die blutrünstigen, von der Gewalt als Heilmittel überzeugten Israelis verhindern „Frieden und Wohlstand“ im Gazastreifen.
  2. Aus diesem Grund [!] existiert die Hamas und aus diesem Grund feuert die Hamas Raketen auf Israel.
  3. Da Israel für die Situation in Gaza die Verantwortung trägt (Punkt 1), die wiederum zur Gewalt seitens der Hamas führt (Punkt 2), darf Israel auf die Gewalt der Hamas  nicht mit Gewalt antworten, sondern hat die Hamas vielmehr zu „umgarnen“.

Vielleicht helfe es angesichts dieser Blindheit gegenüber der antisemitischen Gesinnung der Hamas, die eben gerade nicht in Zusammenhang mit Israels Handlungen steht, und der daraus resultierenden (Fehl-)Einschätzung des rechten Umgangs mit selbiger, lese Schmitz einmal Kurt Tucholsky, der 1931 schrieb:

Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.

Und schießen sie –: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,
gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen …
Und verspürt ihr auch
in euerm Bauch
den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!

Tucholsky ist seit über 70 Jahren tot, das von ihm beschriebene Phänomen hingegen überaus lebendig. Und dies nicht nur in Deutschland. Wie Power Line zeigt, hat die französische Nachrichtenagentur AFP einen eigenen Narrativ über die Ursachen des Konflikts anzubieten, der Schmitz‘ Ausführungen in nichts nachsteht. Ohne Probleme mit Schmitz aufnehmen kann es auch Seumas Milne vom britischen Guardian, der bereits in der Überschrift behauptet:

Israel’s Onslaught in Gaza is a crime that cannot suceed

Wie bei Schmitz hier folgt auch hier eine wahrlich faktizierende Darstellung der Sachlage:

Of the ferocity of the assault on one of the most overcrowded and destitute corners of the earth, there is at least no question. In the bloodiest onslaught on blockaded Gaza since it was captured and occupied by Israel 41 years ago, at least 310 people were killed and more than a thousand reported injured in the first 48 hours alone.

As well as scores of ordinary police officers incinerated in a passing-out parade, at least 56 civilians were said by the UN to have died as Israel used American-supplied F-16s and Apache helicopters to attack a string of civilian targets it linked to Hamas, including a mosque, private homes and the Islamic university. Hamas military and political facilities were mostly deserted, while police stations in residential areas were teeming as they were pulverised.

Israel habe demnach also „gewöhnliche Polizeibeamte“ getötet. Dass Polizeibeamte der Hamas Israel qua Hamas-Charta feindlich gegenüberstehen, schert Milnes nicht. Ebensowenig, dass in der Universität Sprengstoff entwickelt und Raketen gelagert wurden. Was zudem von der Behauptung zu halten, dass Israel auf „private homes“ ziele, verdeutlicht Yigal Walt auf Ynet auf herrlich sarkastische Art und Weise:

You mean to say that “one of the most powerful armies in the world” has been bombing Gaza for days, deploying massive air power, dropping hundreds of bombs, and ultimately killing a grand total of 50 civilians or so in the “most crowded place on earth?

There are two options here: A) The Israeli army is not targeting civilians, or B) Israeli pilots suck. We tend to go with option A.

Nachtrag: Einen ausgezeichneten Kommentar über das Verhältnis der israelischen Bevölkerung zur israelischen Armee hat Lila auf Letters from Rungholt veröffentlicht. Unbedingt lesen!

12 Antworten

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  1. what on earth … said, on Dezember 31, 2008 at 9:31 am

    […] Mir fehlen zu Thorsten Schmitz ja erstmal die Worte. Mr. Moe findet mit einem Gedicht von Kurt Tucholsky die richtigen: Küsst die Hamas! […]

  2. […] Ursache und Wirkung auseinanderhalten zu können: Thorsten Schmitz von der Süddeutschen Zeitung. Mr. Moe von der Zeitung für Schland nimmt mal auseinander, was der Vollidiot so von sich […]

  3. netzklempnerin said, on Dezember 31, 2008 at 4:13 pm

    „….und Hamas-Polizisten auf einer Vereidigungszeremonie getroffen wurden“

    Nein, diese Israelis! Wie konnten sie nur! ROFL!

    Wirklich unglaublich, was der Schmitz da abgelassen hat.

  4. Lila said, on Dezember 31, 2008 at 5:55 pm

    Auch hübsch: bei Israel Matzav habe ich einen Leitartikel der Times zitiert gefunden:

    http://israelmatzav.blogspot.com/2008/12/times-of-london-all-hamas-wants-is-just.html

    Den passenden Kommentar und Hintergrund liefert Israel Matzav gleich mit. Man schwankt zwischen Ungläubigkeit und Ekel beim Lesen.

    Verrückte Welt.

  5. Mr. Moe said, on Januar 1, 2009 at 12:31 pm

    @Netzklempnerin:
    Naja, wer soll den ohne Polizei für Ordnung in Gaza sorgen?😉

    @Lila:
    In der Tat verrückt! Liest sich eigentlich eher wie Satire. Ein Vergleich der deutschen und britischen Berichterstattung erscheint mir darüber hinaus sehr spannend. Ich habe das Gefühl (ohne diese These jedoch wirklich belegen zu können), dass in den Quality Papers häufiger „direkt“ Partei gegen Israel ergriffen wird, wohingegen dies in deutschen (Qualitäts-)Medien eher „indirekt“ in Form der üblichen Mittel geschieht (Weglassen von Fakten, die nicht ins Weltbild passen, Übernahme pal. Propaganda, Umkehrung von Ursache und Wirkunge, Drehen von Spiralen, etc.)

  6. Bernd Dahlenburg said, on Januar 2, 2009 at 12:29 am

    T.Schmitz:

    „[…] Gaza-Guerilleros haben keine Angst vor dem Tod“

    ————-

    Komisch, aber bei solchen Formulierungen muss ich immer an Horst Mahler denken, als der noch bei den Tupamaros sein Unwesen trieb. Waren das selige Zeiten, als man seinen Antisemitismus wenigstens noch hinter der linken Guerilla-Fassade verstecken konnte…

  7. NEB said, on Januar 2, 2009 at 2:34 am

    viele leute in der linken szene zitieren immer mal wieder
    „kuesst die faschisten“
    gibt Tshirts und n bekanntes lied dazu

    wenn die mal wuessten woher der satz kommt😀

    achja.. der wahre Irrglaube ist „there is no military solution“
    denn die militaerische loesung muss in diesem fall leider der politischen vorangehen..
    „death to all juice“ – „stop the holokost in Gaza“ (2 plakate der letzten tage)
    israeli pilots do not suck ~

  8. […] Israel vorführt, demütigt und die Terroristen dadurch als Helden dastehen? Schmitzchen macht konsequent weiter. Mr. Moe attestiert ihm zurecht bewusste Irreführung der […]

  9. […] dass Klein-Thorsten Aua am Knie hat. Böses Pflaster, böser Regenschirm, böses Israel! Mr. Moe, Zeitung für Schland, 31.12.08 über die Verlogenheit von Thorsten Schmitz und der Süddeutsche […]

  10. […] ist zu konstatieren, dass an dieser Stelle zwar über die zu erwartenden medialen Ausfälle in der Süddeutschen Zeitung und auf SPIEGEL ONLINE berichtet wurde, die F.A.Z. hingegen keine Erwähnung fand. Da die F.A.Z. […]

  11. […] noch einen weiteren Anlass für die Fortsetzung des Kampfs gegen die Hamas bräuchte, lieferte ihn Thorsten Schmitz, Nahostkorrespondent der Süddeutschen Zeitung. Äußerst widerwärtig ist es jedenfalls, wenn […]

  12. […] Mord an Zivilisten, vergleichbar nur mit der (ohnehin erlogenen und dämonisierenden) Bombadierung von “Kindern in der Schule” und “Frauen auf dem Markt”. Verrückte Welt oder eine wenig bedeutsame Unachtsamkeit seitens Schmitz’? Nein: […]


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