Zeitung für Schland

Der Krieg in Gaza: Ist er wirklich so schwer zu verstehen?

Posted in Empfehlungen by Don Homer on Januar 2, 2009

Barry Rubin* hat auf Pajamas Media einen bemerkenswerten Artikel über den Krieg in Gaza verfasst, den Don Homer dankenswerterweise ins Deutsche übersetzt hat. Ein ganz besonders herzlicher Dank gilt zudem Heplev, der mit Rat und Tat zur Seite stand.

Barry Rubin, Pajamas Media, 31. Dezember 2008.

Der Krieg in Gaza: Ist er wirklich so schwer zu verstehen?

Es ist nicht anders als mit Pearl Harbour oder dem 11. September: Wenn du angegriffen wirst, schlägst du zurück.

Aber warum, hat mich mehr als ein Berichterstatter hoch angesehener Publikationen gefragt, greift Israel Gaza ausgerechnet jetzt an? Zunächst war ich erstaunt. Dann antwortete ich: weil die Hamas die Waffenruhe beendet und einen massiven Raketenbeschuss auf Israel gestartet hat.

Nein, antworteten sie, als hätte ich etwas Unverschämtes gesagt. Liegt es nicht an der Wahl oder ist es ein Versuch die Tunnel zu sperren oder ist dieses oder jenes der Grund?

Auf keinen Fall, sagte ich, es ist wie mit Pearl Harbour oder dem 11. September. Wenn jemand ankündigt, gegen dich in den Krieg zu ziehen und es dann tut, schlägst du zurück und kämpfst.

An dieser Stelle scheinen die Berichterstatter das Interesse zu verlieren und beendeten das Interview, als ob jemand, der solche Dinge sagen kann, eindeutig keine vernünftige Analyse bietet. Wenn man jedoch nicht einmal in der Lage ist, diese grundlegenden Fakten zu begreifen, welches Verständnis der Frage oder gar der gesamten Nahost-Politik kann dann vorhanden sein?

Es gibt allerdings Gründe für diese Antwort. Für große Teile des Westens fällt es sehr schwer die Hamas oder die Palästinenser im Allgemeinen zu „fassen“, d.h. zu verstehen – oder eigentlich Islamisten im Allgemeinen oder Araber im Allgemeinen oder Muslime im Allgemeinen, bei all den vielen Variationen und Ausnahmen.

Das Problem des Pragmatismus

Heute wird gefragt, warum die polnischen Juden nicht verstanden haben, dass die Nazis sie vernichten würden, zumindest in der früheren Phase, als ein Entkommen oder Aufstand noch eher möglich war? Nach zeitgenössischen und späteren Augenzeugenberichten, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass Deutsche in einer derart unpragmatischen Weise handeln würden.

Immerhin trugen hunderttausende Juden unfreiwillig zu den deutschen Kriegsbemühungen bei. Sie stellten Kleidung her, reparierten Straßen und bauten Lebensmittel an. Warum sollte das Dritte Reich hoch effektive, sehr billige und wenig Probleme bereitende Arbeiterschaft vernichten und sich damit selbst zum wirtschaftlichen Krüppel machen und helfen sicherzustellen, dass es den Krieg verliert?

Die Antwort ist: Ideologie. Eine Doktrin und ein Glaubenssystem wird Menschen auf eine Art handeln lassen, die keiner pragmatischen Erwartungshaltung entspricht. Warum sollte Hamas einen Krieg gegen eine stärkere Macht beginnen? Aufgrund des Glaubens, sie selbst sei stärker und ihres Bedarfs, massenhafte Unterstützung zu mobilisieren. Warum sollten palästinensische Führungskräfte einen Staat ablehnen, selbst wenn dies das Ende eines zunehmend kleinen Ausmaßes der „Besatzung“ bedeutet? Aufgrund der Überzeugung, dass der vollständige Sieg zwangsläufig kommen wird, Kompromisse Verrat, und ihre Feinde teuflisch sind.

Die Bonität der Lösungen

Die andere große Frage, die gestellt wird, lautet: Wie sieht die Lösung aus? Wie kann, wie einige sagen, Frieden erreicht werden? Wie, sagen andere, kann Israel die Hamas ausschalten? Es wird angenommen, dass das erste oder das zweite einfach, oder zumindest möglich sei.

Die Antwort: Falsch. Dies ist der Nahe Osten, wir lösen nichts. Die Hamas wird weder verschwinden, noch wird sie moderat sein. Aus guten Gründen hat Israel kein Interesse daran, den Gazastreifen zu besetzen. Die Fatah ist nicht in der Lage, die Kontrolle dort wieder zu übernehmen.

Diese Situation wird fortbestehen und voraussichtlich in irgendeinem neuen Waffenstillstand enden. Die Hamas wird den Waffenstillstand jede Woche ein wenig brechen und ihn nach sechs bis achtzehn Monaten vollständig zerschlagen, was zu einer Wiederholung der aktuellen Situation führen wird. Dies ist nicht der optimale Ausgang, aber es ist der mit Abstand wahrscheinlichste.

Die unerträgliche Leichtigkeit der Dankbarkeit

Unabhängig davon, wie viel diplomatische Unterstützung, Wohlwollen oder Geld der Westen der Hamas gibt – und er hat die Hamas und die PLO wieder und wieder vor ihren eigenen Fehlern bewahrt – sie wird nicht dankbar sein oder pro-westlich werden. Antiwestliche und antiamerikanische Gefühle sind zu wertvoll und zu umfassend, um zu verschwinden. Die Palästinenser – und das iranische Regime und Syriens Regierung, die Hisbollah und andere Islamisten – brauchen Sündenböcke. Wen sonst sollen sie für ihre Probleme verantwortlich machen? Sich selbst?

Wenn man die Terroristen heute rettet, werden sie mit morgen mehr Terror verüben. Wenn man sie den Folgen ihres eigenen Extremismus entkommen lässt, garantiert man, dass sie extremistisch bleiben und eine Menge der Massen mitziehen.

Die Realität der Realität

In gewisser Hinsicht ist das wichtigste – oder zumindest das zweitwichtigste – was im Nahen Osten diese Woche passierte, dass Hisbollahführer Hassan Nasrallah zu weit ging, als er dazu aufrief die ägyptische Regierung zu stürzen.

Ägyptens Außenminister Ahmed Aboul Gheit antwortete: „Sie haben damit Ägypten den Krieg erklärt.“ Und wenn er „sie“ sagt, dann meint er Iran, Syrien, die Hisbollah und die Hamas. Die Saudis und die Golfaraber ziehen zudem die Grenzen deutlicher als zuvor. Öffentlich und laut schauen sie nach Gaza, sehen Araber und Muslime und kritisieren Israel. Etwas leiser in der Öffentlichkeit und lauter im Privaten schauen sie nach Gaza und sehen die iranische Achse.

Das ist der Nahe Osten von 2008 und nicht der von 1958, 1968, 1978, 1988 oder 1998. Das Palästinenserproblem hat wenig Einfluss auf irgend eine andere Angelegenheit. Der eigentliche Konflikt besteht zwischen Iran und Syrien einerseits und Ägypten und Saudi-Arabien andererseits. Die Islamisten streben danach, die Region von den arabischen Nationalisten zu erobern. Radikale Gruppen sind nicht in glücklichen Heimatländern interessiert, sondern an Djihad und Völkermord.

Und daher ist die Frage nicht, warum Israel die Hamas in Gaza attackiert, sondern warum die Hamas im Gazastreifen Israel angreift.

*) Barry Rubin ist Direktor des Global Research in International Affairs (GLORIA) Center und Herausgeber des Middle East Review of International Affairs (MERIA) Journal. Seine letzten Bücher sind The Israel-Arab Reader (siebte Auflage, Viking-Penguin), die broschierte Ausgabe von The Truth about Syria (Palgrave-Macmillan) und The Long War for Freedom: The Arab Struggle for Democracy in the Middle East (Wiley).

6 Antworten

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  1. […] Ergänzung (via Zeitung für Schland) Der Krieg in Gaza: Ist er wirklich so schwer zu verstehen? von Barry Rubin (lesen …) […]

  2. […] warum Israel die Hamas in Gaza attackiert, sondern warum die Hamas im Gazastreifen Israel angreift. zeitungfuerdeutschland.wordpress.com Diese Militäroperation verschafft den Fundamentalisten Auftrieb – nicht nur in Palästina, sondern […]

  3. […] Barry Rubin: […]

  4. […] in die Welt hinausposaunt wird. Hinsichtlich der Legitimität der Kriegsziele genügt ein einfaches “ja”, zumal Israel eben gerade nicht willkürlich (”massenhaftes Bomben”) vorgegangen ist, […]

  5. RubinReport « Zeitung für Schland said, on April 21, 2009 at 4:26 pm

    […] Der Krieg in Gaza: Ist er wirklich so schwer zu verstehen? […]


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