Zeitung für Schland

Gegossenes Blei und die Berichterstattung deutscher Medien am Beispiel der F.A.Z. – ein vorläufiges Fazit (Teil 2)

Posted in F.A.Z. by Mr. Moe on Januar 8, 2009

(zum ersten Teil)

Es sei daran erinnert, dass die unten verlinkten Beiträge den in der Printausgabe der F.A.Z. tatsächlich publizierten Artikeln nicht gänzlich entsprechen, die wesentlichen Elemente jedoch enthalten. Dies liegt darin begründet, dass Artikel häufig nachmittags oder abends auf FAZ.NET eingestellt werden und in überarbeiteter Form in der Printausgabe des darauffolgenden Tages erscheinen. Alle folgenden Zitate beziehen sich auf die Printversionen der Artikel.

Je länger es dauert, …

Es ist nichts Neues, dass die mediale Berichterstattung in Kriegszeiten mit jedem Tag – und mit jedem zusätzlichen unschuldigen Opfer – kritischer und anklagender wird. Dies gilt auch für die F.A.Z. und insbesondere für die Operation „Gegossenes Blei“. Am 5. Januar schreibt dann auch Klaus-Dieter Frankenberger in einem Kommentar auf Seite Eins:

Israel scheint zu glauben, dass eine Bodenoffensive notwendig sei, um das Ziel der Operation „Gegossenes Blei“ zu erreichen: den Raketenbeschuss von Südisrael ein für alle Mal zu unterbinden – und dass die „Vorteile“ eines solchen Vorgehens die offenkundigen Kosten überwiegen. Das ist ein Kalkül, dessen Risiken offen zutage liegen, auf der anderen Seite aber berücksichtigt, dass Luftangriffe gegen Ziele der Hamas deren militärische Anlagen und Fähigkeiten nicht völlig zerstören und ausschalten können – und überdies zu großen Opfern unter der palästinensischen Zivilbevölkerung führen. Gerade unter diesem Gesichtspunkt sind sie nicht verhältnismäßig.

Der letzte Satz, der übrigens erst in der Printversion eingefügt wurde, offenbart, dass Frankenberger der Mär der Unverhältnismäßigkeit erlegen zu sein scheint. Nichtsdestotrotz hält Frankenberger aber auch fest:

Die Hamas, die das Leiden und die Opfer der Bevölkerung propagandistisch ausschlachtet und Sympathie in einem nicht kleinen Teil der Weltöffentlichkeit genießt, wird die israelischen Truppen in einen blutigen Kampf zu verstricken suchen. Einfach klein beigeben und ihre Niederlage eingestehen wird sie so wenig, wie sie ihre Gesinnung grundlegend ändern wird.

So selbstverständlich einerseits und vage formuliert andererseits diese Worte auch sein mögen: Auf der ersten Seite einer deutschen Tageszeitung stellen sie nach wie vor einen Ausnahmefall dar und verdienen daher lobende Anerkennung. In der selben Ausgabe der F.A.Z. wird auf Seite Zwei zudem ein Infokasten über „Die Ausbildung der Hamas-Kämpfer“ abgedruckt. Dort sind u.a. auch Informationen zu finden, die den Lesern ansonsten gerne gänzlich vorenthalten oder nur in einem Nebensatz gegen Ende einer Randmeldung präsentiert werden:

Während der Luftangriffe zeigte sich, dass die Hamas nicht davor zurückschreckt, Moscheen zu Waffenlagern oder Kommandozentralen umzufunktionieren. Mitglieder soll sie auch als Ärzte und Krankenpfleger verkleidet habe, um sie in Krankenhäusern vor israelischen Angriffen in Sicherheit zu bringen.

Da den Journalisten der F.A.Z. die Gräueltaten der Hamas folglich erwiesenermaßen bekannt sind, stellt sich jedoch die Frage, warum die Niederträchtigkeit der Hamas nicht häufiger und deutlicher artikuliert wird. So schreibt der bereits erwähnte Hans Christian-Rößler etwa in der selben Ausgabe:

Der israelische Militärzensor ließ bis Sonntagabend nur spärliche Informationen über das Kampfgeschehen an die Öffentlichkeit gelangen. Ausländische Journalisten konnten weiter nur aus der Ferne beobachten, was in Gaza vor sich geht. Und selbst die Hamas-Führer, die Israel zwar finster damit drohen ließen, den Gazastreifen in einen „Friedhof für seine Soldaten“ zu verwandeln, wagen sich aus ihren Verstecken kaum noch in die Nähe von Kameras und Mikrofonen.

Warum wird hier, anstatt auf Israels (durchaus zu rechtfertigende) Informationspolitik einzudreschen, nicht einfach einmal erwähnt, dass die Hamas sich hinter der Zivilbevölkerung versteckt und diese so als menschliches Schutzschild missbraucht (PDF)? Stattdessen schreibt Rößler:

Verzweifelt berichteten jedoch Menschen aus Gaza am Telefon, dass sie nach den seit Tagen andauernden Luftangriffen nicht mehr wüssten, wo sie sich in Sicherheit bringen sollten. Schutzräume wie in Israel gibt es nicht und die meisten einfachen Häuser haben keinen Keller.

Ist es wirklich notwendig an dieser Stelle einen Vergleich mit Israel zu ziehen? Ohne diesen Einschub wäre der Satz sowohl verständlich als auch zutreffend. Durch den Verweis auf Israel wird hingegen suggeriert, dass Bombenbeschuss auf Israel doch etwas anderes sei als Bombenangriffe auf Gaza. Ist es angesichts des jahrelangen Raketenterrors etwa verwerflich Schutzräume anzulegen?

Nicht verschwiegen werden soll der lobenswerte Beitrag von Joseph Croitoru auf der ersten Seite des Feuilletons, in dem die Entstehung und Ideologie der Hamas sowie deren Unterstützung durch Iran weitestgehend zutreffend beschrieben wird.

… desto Schlimmer wird es

Ebenfalls in der Ausgabe vom 5. Januar schreibt Rainer Hermann den bis zu diesem Zeitpunkt einseitigsten in der F.A.Z. zu findenen Beitrag. Ironischerweise unter der Überschrift „Zwei Sichtweisen“ veröffentlicht, beschreibt Hermann im ersten Drittel des Artikels zunächst die angeblich israelfreundliche und ergo die palästinensische Seite vernachlässigende Berichterstattung des amerikanischen Nachrichtensenders CNN (keine allzu realistische Einschätzung). Der arabische Sender Al Dschazira würde hingegen das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza thematisieren und kritisiere die westlichen Medien daher, ein „nur unzureichendes Bild von der Lage in Gaza“ zu zeichnen (von Selbstkritik natürlich keine Spur). Offensichtlich der selben Ansicht, wendet Hermann die restlichen zwei Drittel seines Artikels auf, um palästinensische respektive israelkritische Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Anzahl interviewter Israelis: Null. Gegen Ende gebraucht Hermann dann eine Metapher, die ihres gleichen sucht:

Knapp die Hälfte aller knapp 500 getöteten Palästinenser seien unschuldige Frauen und Kinder, sagte aus Ramallah, dem Sitz der Palästinensischen Autonomiebehörde, Muhammad Shtayyeh, ein Sprecher des Palästinenserpräsidenten Abbas. Jedes Opfer hat Familie und Freunde, die nun kaum zu einem Frieden mit Israel bereit sind. Abbas hatte sich in den vergangenen Tagen aber bedeckt gehalten. Denn Abbas, der nominelle, von der Hamas aber nicht anerkannte Präsident aller Palästinenser, will seinen Kopf nicht zwischen den israelischen Hammer und den Amboss der Hamas halten.

Vermutlich steht der „israelische Hammer“ im Waffenschrank des antisemitischen Hauptquartiers direkt neben der „Antisemitismuskeule“.

In der F.A.Z. vom 6. Januar wird wiederum fleißig der Irrglaube genährt, dass eine Waffenruhe mit der Hamas möglich sei respektive Israel die Schuld trage, dass kein Waffenstillstand zustande käme. So prangt auf der Titelseite:

Israel lehnt Forderungen nach Waffenruhe und Beobachtern ab

Ach, so ist das also! Fast schon drollig ist dagegen, was Wolfgang Günter Lerch ebenfalls auf der Titelseite in einem Leitartikel über die Hamas berichtet:

Die Hamas ist eine fundamentalistische, aus der Muslimbruderschaft stammende Volksbewegung, die soziales Engagement mit radikalen politischen Zielen verbindet und für diese auch terroristische Mittel einsetzt – bis hin zu Selbstmordattentaten.

Das liest sich ja fast so, als sei die Hamas nur ein ab und an über die Stränge schlagender Kegelverein. Dass sie zum weltweiten Mord jüdischer Kinder aufruft, wird folglich nicht erwähnt. Oder, dass die Hamas Kriegsverbrechen nicht „versehentlich“, sondern täglich begeht. Oder „Kollaborateure“ hinrichtet. Lerch hingegen ist auch mit der palästinensischen Autonomiebehörde nicht zufrieden, wisse diese doch nicht mehr, was sie zu tun habe:

Sogar Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas, der mit Israel theoretisch noch immer über eine Friedensregelung spricht, brauchte recht lange, um das Vorgehen der Israelis zu kritisieren. Dies erklärt sich auch aus der Rivalität zwischen seiner moderaten al Fatah und der Hamas.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass an Israels Vorgehen doch nicht so viel zu kritisieren ist, wie Lerch und seine Kumpanen der Medienschurkerei der Öffentlichkeit weismachen wollen? Dafür weiß Lerch natürlich, was angesichts des Konfliktes zu tun ist:

In diesen Tagen geht es jedoch zunächst darum, den diplomatischen Bemühungen eine Chance zu geben. Neben den Ägyptern, die immer vermittelt haben, kann auch Syrien dabei eine Rolle spielen, denn es beherbergt mit Khaled Meschal den Exilführer der Hamas. Der hat übrigens über Israel schon viel Unterschiedliches gesagt.

Erstens mag der Konflikt mit der Hamas militärisch nicht zu lösen sein – diplomatisch ist er es zum jetzigen Zeitpunkt auf keinen Fall. Syrien steht unter der Knute Teherans und kann daher keine konstruktive Rolle bei der Vermittlung eines dauerhaften Friedens spielen, auch wenn Lerch sich Gespräche mit Syrien noch so sehr wünscht.

Und was soll Meschal über Israel denn „schon viel Unterschiedliches“ gesagt haben? Sogar in der F.A.Z. stand, dass Meschal zu einer neuen Intifada aufruft und Selbstmordanschläge fordert. Oder bezieht sich Lerch etwa darauf, dass Meschal skandalöserweise in einer Kolumne im Guardian die Lüge verbreiten darf, dass Israel die „Waffenruhe“ permanent gebrochen habe? Oder, seine Relativierung der Shoah und sein grenzenloser Hass auf Israel?

Geschichtsrevisionismus, Verhältnismäßigkeit und eine neue Waffe

Zusätzlich zu seinem Kommentar schreibt Wolfgang Günter Lerch überdies eine Analyse über das „ungeliebte Land“, den „sozial schwierigen Gazastreifen“, den „kaum jemand“ haben wolle (Artikel nicht online verfügbar, enthalten in der F.A.Z. vom 6. Januar, S. 9) Diese „Analyse“ zeigt exemplarisch, woran die deutsche Nahostberichterstattung notorisch krankt. Über den Sechstagekrieg von 1967 schreibt Lerch etwa:

Im Sechstagekrieg vom Juni 1967 zerstörte Israel in eineinhalb Tagen die arabische Luftwaffen am Boden und eroberte das bis dahin jordanische Westjordanland („West Bank“) sowie die gesamte Sinai-Halbinsel einschließlich Gaza mit Panzer- und Infanterievorstößen.

Auch nur eine Silbe über die Ursachen des Krieges? Natürlich nicht, dies würde ja nicht dem geltenden Narrativ entsprechen, demgemäß Israel stets die Schuld zu tagen habe.

Auf der gleichen Seite schreibt Reinhard Müller unter der Überschrift „Verhältnismäßigkeit“ (die Überschrift weicht erneut von der Onlineversion ab):

Zivile Opfer stellen daher jedes kriegführende Land unter großen Rechtfertigungsdruck, insbesondere Israel. Es muss sich gegen einen Gegner wehren, der – jedes Recht ignorierend – Kinder und Frauen als Schutz missbraucht. Das entbindet freilich die israelischen Politiker und Kommandeure nicht von ihrer völkerrechtlichen Pflicht, die Zivilbevölkerung zu schonen und den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu wahren. Die Aufgabe ist kaum zu lösen: Die hochgerüstete Armee wird zum Völkerrechtsbruch verleitet und öffentlich vorgeführt. Diese blutige Strategie ist „militärisch“ die einzige Chance von Terrorgruppen wie der Hamas – und die nutzen sie.

Kein vernünftiger Mensch wird abstreiten, dass zivile Opfer im Krieg zu vermeiden sind und diese Thematik folglich zurecht im Mittelpunkt sowohl der internationalen Berichterstattung als auch der Politik steht. Die spannende Frage ist allerdings, warum, wie Müller durchaus treffend schreibt, „insbesondere Israel“ unter großem Rechtfertigungsdruck steht. Zudem weist Müller zwar weist in deutlichen Worten auf die Kriegsverbrechen der Hamas hin, bezeichnet Israels Vorgehen aber andererseits als „Völkerrechtsbruch“, ohne dieser Behauptung auch nur ansatzweise eine Begründung folgen zu lassen. Doch dazu später mehr.

Den Preis für den dämlichsten Beitrag kann indes erneut Rainer Hermann für sich reklamieren. So nennt er bereits in der Überschrift seines Artikels die Operation „Gegossenes Blei“ eine „Steilvorlage für das Regime [Irans, Mr.Moe]“. Im ersten Satz heißt es dann:

Gaza sei ein Geschenk an Ahmadineschad, schreibt der in Iran geborene israelische Iran-Kenner Meir Javendafar in seinem Blog.

Zunächst lautet der richtige Name Javendanfar und der von Hermann erwähnte Artikel ist nicht auf Javedanfars Blog, sondern bei RealClearWorld, einem amerikanischen Nachrichtenaggregat, erschienen. Zudem erwähnt weder Javedanfar noch Hermann, dass Iran das Geschenk sowohl bezahlt als auch verpackt hat und sich folglich selbst beschert. Darüber hinaus schreibt Hermann nicht ohne Bewunderung, dass Ahmadineschad den Konflikt geschickt zu nutzen wisse:

Ahmadineschads Iran macht auch Boden in der arabischen Welt gut. Teheran hebt sich von dem ohnmächtigen Schweigen der meisten arabischen Staaten ab und präsentiert sich der arabischen Welt als verlässlicher Bannerträger der palästinensischen Sache.

Anstatt darauf hinzuweisen, dass die Hamas der „palästinensischen Sache“ schadet und nicht nutzt, lässt Hermann sich zum Sprachrohr Teherans degradieren. Außerdem legt Hermann so nahe, dass die Operation „Gegossenes Blei“ dem Friedensprozess langfristig mehr schade als die Hamas, gleichwohl deren ernsthaftes Interesse an der palästinensische Sache“ zu bezweifeln ist.

Kein Ende in Sicht oder: Die Mär vom totalen Krieg

Im Verlauf der letzten Tage ist auch Starspieler Jörg Bremer zu alter Form zurückgekehrt und liefert in dem Artikel „Israel weitert Offensive aus“ ein gutes Beispiel, wie man einen Gegner schlecht aussehen lässt, ohne sich die Hände allzu schmutzig zu machen (online nicht verfügbar, enthalten in der F.A.Z. vom 7. Januar, S. 5):

Israelische Panzer rollten nach Angaben von Augenzeugen am frühen Dienstag in Chan Junis ein; auch in Gaza, Beit Lahija und anderen Städten wurde gekämpft. „Unsere Soldaten handeln perfekt und rücken planmäßig vor“, sagte der israelische Generalstabschef Gabi Aschkenasi im Militärradio. Auch Luftwaffe und Marine griffen wieder in die Kämpfe ein. Bei einem israelischen Luftangriff in der Stadt Gaza wurden mindestens zwölf Mitglieder einer Familie getötet. Seit Beginn der Offensive vor elf Tagen wurden nach Auskunft der Rettungskräfte bislang mehr als 600 Palästinenser getötet.

Obwohl sich die Passage leicht und schnell liest, enthält sie gleich drei krasse Einseitigkeiten:

Erstens stellt Bremer dem Zitat des iraelischen Generalstabchefs eine seinen Worten vermeintlich widersprechende Tatsache entgegen (den Tod der Familie). So suggeriert Bremer, dass Aschkenasi entweder keine Ahnung habe, wovon er spricht, oder aber dass Aschkenasi das Töten von Zivilisten gar als „perfekt“ und „planmäßig“ bezeichne.

Zweitens verschweigt Bremer, dass die große Mehrheit der 600 Toten Kämpfer der Hamas waren und der Anteil ziviler Opfer folglich bislang eher gering ausgefallen ist. Aber gerade weil jedes unschuldige Opfer ein Opfer zu viel ist, oblege es Bremers Pflicht herauszustellen, dass die Hamas die Verantwortung für einen Großteil der zivilen Opfer trägt, und dass die – schwer zu bestimmende – Anzahl ziviler Opfer von der Hamas propagandistisch überhöht wird.

Drittens, man liest leicht drüber hinweg, bezeichnet Bremer Israels Vorgehen von Beginn an („vor elf Tagen“) als „Offensive“. So wird die Operation „Gegossenes Blei“ zu einem Angriffskrieg erklärt und die Ursachen des Konflikts somit vollends verdreht.

Die Vorschußlorbeeren aus Teil Eins waren also verfrüht: Eine klare Sechs für Bremer und Nachsitzen obendrein!

Die sich selbst gegebene Vorlage bezüglich angeblicher israelischer Verstöße gegen das Völkerrecht vollendet Reinhard Müller in der F.A.Z. vom 7. Januar unter der bereits (bewusst?) assoziativen Überschrift „Totaler Krieg verboten“ gekonnt (Artikel nicht online verfügbar, enthalten in der F.A.Z. vom 7. Januar, S. 8):

Offenbar wurde bei israelischen Luftangriffen im Gazastreifen auch eine Schule der Vereinten Nationen getroffen. In dem Gebäude hielten sich wohl mehrere hundert Kriegsflüchtlinge. Die UN hätten den israelischen Streitkräften die Koordinaten ihrer Gebäude im Gazastreifen übermittelt, um zu verhindern, dass sie angegriffen würden, hieß es.

Weder das „offenbar“ noch das „wohl“, geschweige denn das „hätten“ oder „hieß es“ hindern Müller daran, von diesem wackligen Fundament aus Israels Vorgehen zu kritisieren. Wen stört schon die Tatsache, dass von der Schule aus geschossen wurde, sich Terroristen in ihr verbargen und die Anzahl der Opfer höchst unklar ist (hat tip: Lizas Welt)? Man kann ja auch einfach lügen und schätzen! Müller stellt daher die Frage:

Ist ein solcher Angriff zulässig? Kann er verhältnismäßig sein?

Im Hinblick auf Müllers Vorgehen – Israel von einer nicht verifizierten und anders andere als eindeutigen „Tatsache“ ausgehend an die Einhaltung des Völkerrechtes zu erinnern -besteht die interessantere Frage vielmehr darin, ob ein solcher Journalismus zulässig und verhältnismäßig ist. Müller treibt hingegen seine „totaler Krieg“-Rhetorik voran und schreibt:

Die Anwendung von Gewalt ist grundsätzlich nur zulässig, soweit sie sich gegen Soldaten und militärische Ziele richtet. Die Zivilbevölkerung ist zu schonen. Zivile Opfer müssen durch die Art der militärischen Operation so gering wie möglich gehalten werden; dazu gehören etwa Warnungen, soweit das möglich ist.

Gewiss ist jedem einzelnen dieser Worte zuzustimmen. Was sich aber wie eine Beschreibung des Vorgehens der israelischen Armee liest, dient Müller – gleichwohl er Israel „unzweifelhaft“ das Recht zur Selbstverteidigung zugesteht – viele eher als Argument gegen Israel:

Beide Parteien müssen zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser, Moscheen und Schulen schützen und dürften sie auch nicht für militärische Operationen nutzen.

Im Rahmen dieser Analyse kann nicht weiter auf Müller eingegangen werden. Und auch nicht darauf, dass sowohl aus dem Krankenhaus als auch der Moschee und der Schule auf israelische Streitkräfte geschossen wurde. Aber allein der Umstand, dass nach elftägigen Kampfhandlungen und einer im Vergleich zu anderen Kriegen niedrigem Anteil an zivilen Opfern in einer deutschen Tageszeitung darüber spekuliert wird, ob Israel einen „totalen Krieg“ führe, stimmt nachdenklich.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch , was die F.A.Z. in einer Meldung über einen Anschlag auf eine Synagoge in Toulouse schreibt:

Nach einem Brandanschlag auf eine Synagoge in Toulouse am Montagabend rätseln die Ermittler, ob es einen Zusammenhang mit der israelischen Offensive im Gazastreifen gibt.

Vor dem Hintergrund weiterer Anschläge auf Juden und Israelis in Europa ist die Frage, ob es einen Zusammenhang zur „israelischen Offensive“ gibt äußerst zynisch. Aber wie sollte es auch anders sein: Hinsichtlich Israel ist man für gewöhnlich schnell und anklagend mit einem Urteil zu Stelle, bei Angriffen gegen Israel oder jüdische Einrichtungen zeigt man sich hingegen abwägend und vorsichtig hinterfragend.

Resümee und Ausblick

Was kann unter dem Strich über die Berichterstattung der F.A.Z. der letzten elf Tage bilanziert werden? Auffällig sind folgende Tendenzen, die als Thesen formuliert seien:

  1. Im Verhältnis zu vergleichbaren deutsch- und englischsprachigen Zeitungen und Nachrichtenmagazinen wie etwa SPIEGEL ONLINE, SZ, BBC, Guardian und in etwas abgeschwächter Form DIE ZEIT, Times und Washington Post erscheint die Berichterstattung der F.A.Z. über die Operation „Gegossenes Blei“ – um es mit einem in letzter Zeit (zu) selten verwendeten Begriff zu bezeichnen – verhältnismäßig ausgeglichen.
  2. Dieser vermeintlich positiven Entwicklung stehen jedoch vermehrte Ausfälle sowie ein nach wie vor häufig einseitiges Gewichten von Informationen und ein Ignorieren einfachster Fakten gegenüber.
  3. Erwartungsgemäß ist die Berichterstattung zudem von Tag zu Tag kritischer respektive anklagender gegenüber israelischen Militäroperationen geworden. Der Großteil der Kritik gründet sich dabei nicht auf Tatsachen, sondern vielmehr auf Vermutungen, Werturteilen oder Unwahrheiten. In dem kommenden Tagen ist daher neben den obligatorischen Aufrufen zu Verhandlungen und Rückkehr zur „Waffenruhe“ von einer zunehmenden Verschärfung der Kritik an Israel auszugehen.
  4. Darüber hinaus macht auch die vereinzelt positiv zu bewertende Berichterstattung die einseitige Nahostberichterstattung der vergangenen Monate und Jahre nicht ungeschehen. Darauf ist insbesondere deswegen zu insistieren, weil für die Bewertung der Operation „Gegossenes Blei“ eben nicht nur die Geschehnisse der letzten elf Tage relevant sind, sondern auch und vor allem die umfassende Vorgeschichte. Ein Mensch, der seine Information überwiegend oder gar vollständig aus der F.A.Z. erhält, ist über die jüngsten Geschehnisse in Nahost daher nicht in ausreichendem Maße informiert. Insbesondere dann nicht, wenn die alternativen Informationsquellen Tagesschau, Süddeutsche Zeitung oder SPIEGEL heißen.

Das oben in thesenartiger Form gezogene und anhand der Beispiele hoffentlich nachzuvollziehende Fazit entspricht der Wahrnehmung des Autors dieser Zeilen und schließt einen Irrtum folglich nicht aus. Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass die isolierte Beurteilung der Berichterstattung eines einzelnen Mediums aufgrund des verstärkten Informationszuflusses der letzten Tage eine überaus schwierige Aufgabe darstellt. Darüber hinaus sei auch noch einmal betont, dass die verlinkten und rezipierten Artikel keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Daher kann eeinerseits nicht ausgeschlossen werden, dass positive Beispiele überlesen wurden. Da Negatives meistens eher ins Auge fällt als Positives, ist dies nicht einmal unwahrscheinlich. Andererseits ist ebenso möglich, dass zu kritisierende Artikel im Zuge größerer Schweinereien überlesen wurden, was wiederum insbesondere für die letzten beiden Tagen wahrscheinlich ist.

Im dritten Teil der Analyse werden abschließend erste Leserbriefe in der F.A.Z. sowie das Meinungsbild der F.A.Z.-Leser hinsichtlich der Operation „Gegossenes Blei“ betrachtet.

Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer drei Teile umfassenden Analyse der Berichterstattung der F.A.Z. über die Operation „Gegossenes Blei“. Im ersten Teil stand die Berichterstattung der F.A.Z. zu Beginn der Operation im Fokus, im vorliegenden zweiten Teil wird die Verschiebung der Berichterstattung im Verlauf der Gefechte gezeigt. Im dritten Teil werden die Reaktionen und das Meinungsbild der F.A.Z.-Leser erkundet sowie Leseempfehlungen zwecks Bekämpfung der Desinformation gegeben.

4 Antworten

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  1. […] – Ein aufrechter Israel-Kritiker (Der Lindwurm, mit einer tollen Fotomontage!) – Gegossenes Blei und Berichterstattung am Beispiel der FAZ, Teil 2 (Zeitung für Schland) – Der Krieg der israelischen Soldaten (Lila) – Fanatiker auf beiden Seiten […]

  2. […] Rainer Hermann, FAZ: Dieser Typ hat die Frechheit CNN als pro-israelischen Sender zu beschreiben. („Keine allzu realistische Einschätzung“ schreibt Mr. Moe dazu.) Der FAZler ist offensichtlich sowohl blind als auch taub – oder seine Englischkenntnisse sind derart gestaltet, dass er genau das Gegenteil dessen hört, was auf CNN verzapft wird. […]

  3. […] Gegossenes Blei und die Berichterstattung deutscher Medien am Beispiel der F.A.Z. – Erste Reaktionen von F.A.Z.-Lesern und ein paar Lesemepfehlungen (Teil 3) Veröffentlicht in F.A.Z. by Mr. Moe am Januar 11th, 2009 (zum ersten oder zweiten Teil) […]

  4. […] wird zunehmend schärfer (und in der Regel den Tatsachen widersprechend) kritisiert. Dies wird im zweiten Teil der Analyse gezeigt, in dem zudem auch ein vorläufiges Fazit hinsichtlich der Berichterstattung gezogen […]


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