Zeitung für Schland

Wissenschaft für Kinder (Gast: Christoph Bertram)

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Januar 14, 2009

Bei aller – im Wesentlichen gerechtfertigten – Fokussierung auf den Krieg in Gaza in den letzten Tagen darf Christoph Bertrams Lobpreisung neuster wissenschaftlicher Erkenntnisse in der ZEIT nicht ungehört verhallen. Die zentrale Erkenntnis, die die Welt Bertram zufolge der Wissenschaft verdanke, sei, dass die „Terrorgruppe al-Qaida weniger bedrohlich ist als gemeinhin angenommen“. En Detail:

Wer längst meint, in den letzten Jahren sei die Gefahr des Terrorismus gedankenlos zur sicherheitspolitischen Hauptherausforderung für die Staaten der Welt hochstilisiert worden, der findet Unterstützung in der Herbst-Ausgabe der Harvarder Vierteljahresschrift International Security. Unter dem Titel Assessing the Danger’s of Illicit Networks (Gefahrenbewertung verbotener Netzwerke) analysieren zwei junge Wissenschaftlicher, Mette Eilstrup-Sangiovanni (Cambridge) und Calvert Jones (Yale), warum al-Qaida weniger bedrohlich sein könnte, als viele glauben.

Beide gestehen unumwunden, sie seien keine Terrorismus-Experten.

Keine Ahnung zu haben, wovon man eigentlich spricht ist kein Problem, sondern zumeist Bedingung für die Teilnahme an öffentlichen Diskursen. Wirklich drollig ist hingegen, was Bertram aus den Analysen der Wissenschaftler für hanebüchende Folgen zieht.

Die Ergebnisse der Wissenschaftler in wenigen Worten: Die lockeren Netzwerke terroristischer Gruppen sind den starren Formen staatlicher Gewaltanwendung nicht überlegen, sondern bringen strukturelle Nachteile mit sich:

Bezeichnenderweise habe al-Qaida seine erfolgreichsten Aktionen zu einem Zeitpunkt ausgeführt, als die Organisation nicht etwa lose, sondern weitgehend hierarchisch gegliedert war; der 11. September 2001 war nicht das Werk eines Netzwerks: „Viele ihrer traditionellen Stärken dürften auf einer hierarchischen Befehlsstruktur sowie zentraler Koordination beruht haben“. Inzwischen habe al-Qaida sich in eine lose Vereinigung verwandelt, die zwar radikalen Islamisten Inspiration und Rechtfertigung bieten könne, dafür aber kaum noch strategische oder taktische Unterstützung. […]

Mit der Vertreibung aus Afghanistan habe al-Qaida seine Identität eingebüßt und sei gezwungen worden, seine ursprüngliche Struktur durch die eines losen Netzwerks zu ersetzen. Damit sei die Bedrohung durch diese Gruppe erheblich geschrumpft.

Hieraus zieht Bertram folgendes Fazit:

Dass die terroristische Bedrohung nicht verschwunden ist, weiß jeder, der morgens die Zeitung aufschlägt. Auch die Autoren selbst stellen das nicht in Abrede. Aber sie beleuchten überzeugend, dass es sich eben nicht um eine existenzielle, den großen Bedrohungen früherer Zeiten gleichzustellende Gefährdung moderner Staaten handelt, zu der die Bush-Regierung sie aufbauschte.

Eine ernstgemeinte Frage: Ist der so doof, oder tut der nur so? Auf der einen Seite erkennt er an, dass die Vertreibung der al-Qaida aus Afghanistan – im übrigen durch die viel gescholtene Bush-Regierung – selbige deutlich geschwächt habe. Mit anderen Worten: dass der Kampf gegen den Terrorismus Erfolg aufweise. Auf der anderen Seite zieht er aber just aufgrund jener Schwächung der al-Qaida basierend den Schluss, dass es sich beim Terrorismus nur um eine verhältnismäßig geringe Gefahr handle. Mit anderen Worten: Das  Problem wurde gelöst, also hat es das Problem auch nie gegeben!

Völlig unabhängig davon, ob man den Ausführungen der Wissenschaftler oder Bertrams Einschätzungen über al-Qaida folgt oder nicht, ist Bertrams Logik daher nur mit einem Wort zu bezeichnen: krude. Bertram selbst beendet seinen Artikel indes mit den folgenden Worten:

Gesunder Menschenverstand hat dies ohnehin stets nahegelegt. Wie schön, wenn er hier Bestätigung durch die Wissenschaft erfährt.

Quelle: Christoph Bertram: „Löchrige Netze“, in: DIE ZEIT vom 8. Januar 2009, S. 48.

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