Zeitung für Schland

Gegossenes Blei und die Berichterstattung deutscher Medien – Ein Epilog

Posted in Die üblichen Verdächtigen by Mr. Moe on Januar 15, 2009

Den Anstoß für die folgenden Überlegungen hat ein Artikel von Christiane Schlötzer in der Süddeutschen Zeitung (SZ) gegeben, in dem die „selektive Wahrnehmung“ von Zeitungslesern thematisiert wird. Dies ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der an dieser Stelle erschienenen dreiteiligen Analyse der Berichterstattung der F.A.Z. über die Operation „Gegossenes Blei“ interessant, weshalb die hier vorliegenden Ausführungen als eine Art Nachwort zu selbiger zu verstehen sind.

Entbindet „selektive Wahrnehmung“ Journalisten von ihren Aufgaben?

In ihrem Kommentar über die vermeintlich „selektive Wahrnehmung“ der Mediennutzer schreibt Christiane Schlötzer, dass die Berichterstattung über den Krieg im Gaza-Streifen von SZ-Lesern sehr verschieden wahrgenommen werde: Auf der einen Seite erhielte die SZ viele Leserbriefe, die die Berichterstattung der SZ etwa als „in unerträglichem Maß gegen Israel gerichtet“ bezeichnen, oder der SZ vorwerfen, Ursache und Wirkung des Krieges in Gaza zu verkennen. Auf der anderen Seite unterstellten andere Leser der SZ hingegen, zu viel Verständnis für Israel zu äußern, palästinensische Opfer zu vernachlässigen und „bei der Israel-Lobby punkten“ zu wollen. Aufgrund dieser widersprechenden Meinungen der Leser schreibt Schlötzer:

Die Gegenüberstellung des eigentlich Unvereinbaren ließe sich fortsetzen, und dies könnte zu der Überzeugung verführen, wenn die Kritik – sozusagen – von beiden Seiten kommt, dann liege die Berichterstattung eben dazwischen, und damit schon irgendwie richtig. Das aber wäre zu einfach.

Woran liegt es also dann? Wer jetzt von Schlötzer eine Medien- geschweige denn Selbstkritik erwartet, liegt falsch. Denn Schuld ist natürlich allein der Leser:

Die heftigen Reaktionen zeigen, wie die Wahrnehmung dessen, was die Medien präsentieren, von den eigenen Überzeugungen und Urteilen geprägt ist. „Selektive Wahrnehmung“ nennen dies die Psychologen und auch die Medienforscher kennen das Phänomen. Was nicht zur eigenen Einstellung passt, wird ausgeblendet, überblättert, nicht gelesen, und auch dieses Weglassen wird nicht einmal wahrgenommen.

Gewiss ist nicht zu bestreiten, dass jeder Mensch einer „selektiven Wahrnehmung“ unterliegt, dient diese doch nicht zuletzt auch der notwendigen Reduktion von Komplexität. Von dieser Gegebenheit ausgehend, antwortet Schlötzer auf Kritik an der Berichterstattung der SZ wie folgt:

So wurde der SZ beispielsweise vorgeworfen, nicht über die Leiden der Israelis durch den fortdauernden Raketenbeschuss der Hamas berichtet zu haben. Seite-Drei-Reportagen am 7. Januar und am 31. Dezember aus Sderot, Aschkalon und Beerschewa aber taten genau dies.

Diese Argumentation enthält zwei Probleme: Erstens hat der feuert die Hamas nicht erst seit Ende vergangenen Jahres Raketen auf Israel, so dass entsprechende Reportagen schon vor dem 31. Dezember 2008 oder 07. Januar 2009 angebracht gewesen wären. Zweitens, und dies ist ungleich wichtiger, kann die oben genannte Kritik an der Berichterstattung nicht durch ein oder zwei ihr scheinbar widersprechende Artikel entkräftet werden. In jeder einigermaßen pluralistischen – lies: auflagenstarken – Zeitung sind verschiedene Meinungen und Standpunkte wiedergegeben, so dass fast zu jedem einseitigen Artikel ein entsprechender „Gegenartikel“ gefunden kann. Die fundierte Kritik an der Berichterstattung einer Zeitung ist davon jedoch insofern nicht getroffen, als dass sie im Allgemeinen eben gerade nicht auf einzelne Artikel zielt, sondern auf das durch die jeweilige Zeitung vermittelte Gesamtbild.

Natürlich werden einzelne Artikel im Zuge „selektiver Wahrnehmung“ von Lesern übersehen, ignoriert oder verdrängt. Dies ändert aber nichts daran, dass sich (regelmäßige) Leser durchaus ein treffendes Bild über die Berichterstattung der jeweiligen Zeitung bilden können. Dies zu bestreiten bedeutete, Zeitungslesern – und im übrigen auch Journalisten, die der „selektiven Wahrnehmung“ in gleicher Weise unterliegen – jegliche Urteilsfähigkeit abzusprechen.

Warum Journalisten arm dran sind und einem doch nicht leid tun müssen

Schlötzers Verweis auf  die „selektive Wahrnehmung“ dient folglich dazu, die SZ – und mit ihr jede andere Zeitung – von der Kritik der Leser per se freizusprechen – also nicht nur im vorliegenden, sondern in jedem Fall. Vor diesem Hintergrund wirkt Schlötzers folgende Klage dann auch nur allzu weinerlich:

Von Journalisten wird damit eigentlich Unmögliches erwartet: Sie sollen „objektiv“ berichten, aber gleichzeitig ihre Leser in ihren Überzeugungen bestärken. Journalisten sollen aber nicht nur „neutral“ sein oder wahlweise eine klare Meinung äußern, sie sollen auch noch Empathie, also Mitgefühl mit den Opfern empfinden – jedenfalls, dort, wo es die Medienkonsumenten auch tun.

Ach ja, die armen Journalisten! Gleichwohl in dieser Beschwerde sicherlich mehr als ein Körnchen Wahrheit enthalten ist, macht Schlötzer es sich schlicht zu einfach, wenn sie schreibt:

Es gibt diesen Wunsch nach Eindeutigkeit, in allen Konflikten, Gut und Böse sollen sich klar unterscheiden lassen. So war das, als Jugoslawien in mehreren Kriegen zerfiel, oder bei Amerikas Krieg im Irak. Ist Israel Kriegspartei, dann wird stets unterstellt, die deutsche Debatte lege sich Zügel an. Auch dies hat ein Editorial am 10. Januar beleuchtet, worauf Detlef Lührsen aus München eine Anzeige des Zentralrats der Juden in der selben SZ-Ausgabe als unnötigen „Betroffenheitskult“ kritisierte.

Kurz: Die Welt ist groß und kompliziert und viele Menschen haben viele unterschiedliche Meinungen. Ja, was können die Journalisten da denn nur tun? Wie wäre es etwa damit, auf den latent antisemitischen Charakter der Behauptung „in Deutschland darf man ja gar nichts mehr gegen Israel sagen“ hinzuweisen? Oder einfach einmal zu erwähnen, dass „Gut und Böse“ im Krieg in Gaza sehr wohl von einander abzugrenzen sind. Oder sich endlich auf die zentralen Aufgaben des Journalismus zu besinnen: Fakten zu sammeln und zu überprüfen, um sie anschließend geordnet in einen Sinnzusammenhang zu stellen.

Zusammenfassend lässt sich bis dato demnach zweierlei festhalten: Erstens, dass „selektive Wahrnehmung“ unzweifelhaft existiert, von Lesern geäußerte Kritik an der Berichterstattung von Zeitungen aber dennoch nicht per als einseitige Verzerrung abzutun ist. Hieraus ergibt sich zweitens, dass Journalisten Kritik an ihrer Arbeit nicht durch „selektive Wahrnehmung“ vom Tisch wischen sollten, sondern die Kritik annehmen und sich verstärkt auf ihre Kernaufgaben konzentrieren sollten – auch, wenn dies nicht immer jedem einzelnen Leser gefallen mag.

„Selektive Wahrnehmung“ vs. „psychische Erkrankung“ oder: Wenn man Israel für schlimmer hält als Nazi-Deutschland

Lassen sich anhand von Schlötzers Ausführungen aller Kritik zu trotz dennoch Rückschlüsse auf die an dieser Stelle veröffentlichte dreiteilige Analyse der Berichterstattung der F.A.Z. ziehen? Oder anders: Ist etwa auch die Zeitung für Schland Opfer der ominösen „selektiven Wahrnehmung“ geworden? Ja, natürlich – und doch auf keinen Fall.

„Ja natürlich“, weil auch ihr Artikel und Kommentare entgangen sein dürften, und weil auch sie nicht gänzlich vorurteilsfrei zur morgendlichen Lektüre schreitet. „Auf keinen Fall“, weil sich ihre Kritik primär auf die prinzipielle Tendenz der Berichterstattung – und nicht auf einzelne Artikel, die exemplarisch behandelt wurden – bezogen hat, und weil sie ihrem Blickwinkel widersprechende Artikel sowohl rezipiert als auch innerhalb der Analyse nicht verschwiegen hat.

Eine solche Kritik zu äußern, steht jeden regelmäßigen Beobachter der Berichterstattung der F.A.Z. zu. Folglich kann  jenes Urteilsvermögen, das die Zeitung für Schland für sich reklamiert, auch Frau Dr. Müller-Eoli nicht a priori abgesprochen werden, die in einem Leserbrief an die F.A.Z. schreibt:

Als langjährige Leserin der F.A.Z. wundere und ärgere ich mich immer wieder, wie wenig objektiv die Berichterstattung über die Ereignisse in Palästina in der deutschen Presse ist.

Diesen Worten ist uneingeschränkt zuzustimmen.  Doch was genau stört Frau Dr. Müller-Eoli eigentlich an der Berichterstattung?

Selbstverständlich sind die Raketenangriffe der Hamas auf Israel verwerflich und müssen verurteilt und abgestellt werden.

An und für sich kann an dieser Stelle aufgehört werden zu lesen. Wer sich im ersten Satz pflichtgemäß von den Terroristen der Hamas distanziert, schlägt in der Regel anschließend umso heftiger auf Israel ein. Frau Dr. Müller-Eoli bildet diesbezüglich keine Ausnahme:

Aber die Reaktion der Israelis, wenn dabei Schulen und Moscheen bombadiert werden, ist mindestens so schädlich.

Frau Dr. Müller-Eoli scheint offensichtlich nicht zu wissen, oder nicht zu scheren, was in den entsprechenden „Schulen und Moscheen“ getrieben wird bzw. wurde. Doch selbst wenn Israel – was zu verurteilen wäre – völlig wahllos zivile Einrichtungen bombardieren würde: Warum um alles in der Welt wäre dies „mindestens so schädlich“ wie der Raketen-Terror der Hamas, der nicht zuletzt das Töten israelischer Kinder anstrebt? Warum nicht: „genauso schädlich“? Zumal das „mindestens“ impliziert, dass Israels Vorgehen doch eigentlich sogar noch schlimmer als die Handlungen der Hamas seien. Diese Interpretation wird durch die folgenden Sätze von Frau Dr. Müller-Eoli bestätigt:

Im letzten Weltkrieg rächten die deutschen Besatzungsmächte in den besetzten Ländern eigene Menschenopfer im Verhältnis eins zu zehn, die Verhältnismäßigkeit in Palästina lässt sich nicht mehr zahlenmäßig ausdrücken.

Leider war nicht zu ermitteln, was für einen Doktortitel Frau Müller-Eoli trägt, scheint sie doch ein ernstes psychisches Problem zu haben. Es kann (und muss!) in dieser Deutlichkeit gesagt werden: Wer die Kriegsführung Israels allen Ernstes mit dem Vorgehen der Nazis nicht nur vergleicht, sondern gar als ungleich schlimmer bewertet, gehört in ärztliche Behandlung oder besser noch in die geschlossene Anstalt (hattip: Spirit of Entebbe).

Wen wundert es ob eines solch offensichtlich verwirrten geistigen Zustandes, dass sich Frau Dr. Müller-Eoli über Berichte von verletzten Israelis echauffiert und nebenbei noch lässig die Gefahr des Raketen-Terrors herunterspielt:

Wenn bei den Hamas-Raketenangriffen einige Israelis verletzt werden, ist das immer bei Ihnen [der F.A.Z., Mr. Moe] nachzulesen. Wenn Hunderte palästinensischer Kinder ermordet werden – bis heute mehr als zweihundert – vermisst man den Aufschrei der Empörung: bedauerliche „kollaterale Kriegsschäden“.

Um es kurz zu machen: Gebe es einen Wettbewerb bezüglich des widerlichsten Leserbriefes der vergangenen zwölf Monate, Frau Dr. Müller-Eoli hätte äußerst gute Karten ihn zu gewinnen. Und sie setzt noch einen drauf:

Es ist bedauerlich, dass die langen Schatten der deutschen Vergangenheit noch immer das Urteilsvermögen trüben.

Um den Bogen zu Schlötzers Artikel und zur „selektiven Wahrnehmung“ zu schlagen: Im vorliegenden Fall handelt es sich nicht um einen lediglich besonders stark ausgeprägten Fall „selektiver Wahrnehmung“, sondern vielmehr um eine akute geistige Störung. Dass die F.A.Z. diesen Leserbrief abdruckt, gibt dem hier gezogenen Fazit in jeder Beziehung recht.

Quelle: F.A.Z. vom 15. Januar 2009, S. 7.

3 Antworten

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  1. peet said, on Januar 16, 2009 at 10:10 am

    Auch hier: Gute Arbeit! Nur warum Epilog? Das Thema ist unendlich, leider…

  2. Mr. Moe said, on Januar 16, 2009 at 10:15 am

    Danke.
    Ein Epilog ist es deswegen, weil die Ausführungen in der vorliegenden Form an dieser Stelle beendet sind. Das Thema ist in der Tat nach wie vor relevant und wird natürlich auch weiterhin hier behandelt werden.

  3. S1IG said, on Januar 17, 2009 at 7:41 am

    Danke für diese Serie – gute Arbeit.


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