Zeitung für Schland

Der Krieg in Gaza und der Bussi-Skandal

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on Februar 2, 2009

Schön, dass sich nach etwas längerer Ruhepause mal wieder ein F.A.Z.-Leser zur Operation „Gegossenes Blei“ äußern darf. Der von Dr. Dietrich von der Oelsnitz verfasste Brief mit dem Titel „Gute und böse Bomben“ gefällt der F.A.Z. anscheinend sogar so gut, dass sie ihn online gestellt hat – vielen Dank für diesen Service.

Wie es sich für einen promovierten Akademiker gehört, geht Dr. von der Oelsnitz streng systematisch vor und beginnt seine Ausführungen daher mit einer knappen Zusammenfassung des Krieges in Gaza:

Drei Wochen Krieg in Gaza – fassen wir zusammen: Auf israelischer Seite sechs tote Zivilisten, auf palästinensischer Seite über tausend tote Zivilisten. Jeder mag selbst beurteilen, ob das Notwehr ist.

Selbst wenn im Krieg in Gaza „über tausend“ palästinensische Zivilisten“ umgekommen wären, muss man keine Dissertation verfasst haben, um diese Aussage als Schwachsinn zu entlarven, kann sie doch nur auf zweierlei Weise interpretiert werden: Entweder ist Dr. von der Oelsnitz der Meinung, dass im Krieg in Gaza zu wenig Israelis gestorben sind. Oder – was wahrscheinlicher ist – er vertritt die Ansicht, dass Menschenleben wie Gegenstände addiert und gegeneinander aufgerechnet werden können, gepaart mit der Überzeugung, dass für jedes Opfer eines Angriffs exakt ein Angreifer getötet werden „darf“. Dass Dr. von der Oelsnitz den Krieg in Gaza zudem anscheinend nur unzureichend, oder nur durch die Brille der F.A.Z. (was auf das Gleiche hinausläuft), verfolgt hat, offenbart der folgende Satz:

Die militante Hamas schießt Raketen auf Grenzstädte ab, die Israelis beschießen Moscheen, Schulen, Hilfstransporte.

Von einer solchen „Faktenlage“ ausgehend, verwundert es nicht, dass sich Dr. von der Oelsnitz sogar über die Begrüßungsformeln von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zu echauffieren weiß:

Von Angela Merkel bis heute kein Wort der Kritik; von Steinmeier gibt es für Frau Livni – die immerhin Kriegspartei ist – bei der Begrüßung Bussi links und Bussi rechts. Unsere Politiker, denen sonst der Mund überläuft von Menschen-, Frauen- und Kinderrechten, applaudieren Olmert noch in Kairo. Dass der wegen Korruption eigentlich gar nicht mehr im Amt ist, stört keinen.

Wahrscheinlich hätte Dr. von der Oelsnitz es begrüßt, wenn Steinmeier Livni, der Vertreterin eines Staates, der die Menschen-, Frauen-, und Kinderrechte bekanntermaßen ja mit Füßen tritt,  zur Begrüßung ins Gesicht gespuckt hätte. Fast genau so putzig wie seine Aufregung über „Bussi links und Bussi rechts“ sind auch die abschließenden Worte von Dr. von der Oelsnitz:

Es wird Zeit für eine objektive Wahrnehmung und dann auch Verurteilung dieser endlosen beiderseitigen Gewaltspirale. Es gibt keine guten und bösen Bomben.

Seine eigene beschränkte Sichtweise als „objektive Wahrnehmung“ verkaufen, die Mär von der guten alten Gewaltspirale nachplappern und ein bisschen laut von einer kuschelig-flauschigen Märchenwelt träumen – seinen Doktortitel hat sich Herr von der Oelsnitz wahrlich verdient.

Quelle: F.A.Z. bom 02. Februar 2009, S.8.

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9 Antworten

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  1. Mia said, on Februar 2, 2009 at 6:11 pm

    Die richtige Begrüssung wäre doch, einen Schuh nach Frau Livni zu werfen.😉

  2. Mr. Moe said, on Februar 2, 2009 at 6:18 pm

    Stimmt! Warum bin ich da beim Schreiben nur nicht selbst drauf gekommen?

  3. Mia said, on Februar 2, 2009 at 8:13 pm

    Manchmal sieht man eben vor lauter Schuhen äh Bäumen den Wald nicht mehr.

    Ich glaube ja, dass alles eine riesige Verschwörung ist, hinter der … die Schuhindustrie steckt. Wer sonst profitiert von all den Demos, bei welchen Schuhe auf das Weisse Haus und sonst wo hin geschmissen werden?

  4. Mr. Moe said, on Februar 2, 2009 at 8:31 pm

    Für deine Verschwörungsthese spricht in jedem Fall, dass sich das Phänomen auszubreiten scheint (oder wie SPIEGEL ONLINE es formuliert: „Eine Protestform etabliert sich“):

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,605076,00.html

  5. Mia said, on Februar 2, 2009 at 8:49 pm

    Wenn die nun alle (wie der ursprüngliche Schuhwerfer aus dem Irak) Asyl in der Schweiz wollen … ?

  6. lebowski said, on Februar 3, 2009 at 7:28 am

    Wie sieht denn so eine beidseitige Gewaltspirale aus?
    Und seit wann drehen sich Spiralen? Ich dachte immer, die winden sich.

  7. Mr. Moe said, on Februar 3, 2009 at 7:44 am

    Um komplexen Zusammenhänge derart treffend zu visualisieren muss man halt schon habilitiert sein!

  8. Mr. Moe said, on Februar 5, 2009 at 1:38 pm

    Die Times schreibt dazu sehr treffend:

    As Donald Rumsfeld might have put it: freedom’s untidy. Free people are free to do bad things. Shoes happen.

  9. Mr. Moe said, on Februar 5, 2009 at 6:50 pm

    Ohne Worte: Israelischer Botschafter mit Schuh beworfen


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