Zeitung für Schland

Wieviel Lügen und Unwahrheiten passen in einen einzelnen Leserbrief?

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on Februar 5, 2009

Reiseleiter Markus Berger, Mitglied des Deutschen Bundestages von 1977 – 1987, schwadroniert in einem Leserbrief an die F.A.Z. über den jüngsten Krieg in Gaza, wobei er sich zunächst auf einen von F.A.Z. Mitherausgeber Günther Nonnenmacher verfassten Leitartikel vom 22. Januar bezieht. Um es vorwegzunehmen: Nahezu jedes einzelne Wort Bergers ist schlicht die Unwahrheit oder gar bewusste Lüge. In Bezug auf die von Nonnenmacher als „Nadelstiche“ bezeichneten Raketenangriffe der Hamas auf Israel schreibt Berger:

Nun sollte „der Preis, den die (palästinensische) Zivilbevölkerung für solche ‚Nadelstiche‘ zahlen muss, vor Augen geführt werden.“ Also massenhaftes Bomben und Panzerangriffe auf den dichtbewohntesten Streifen der Welt über drei Wochen gegen Nadelstiche? Sollte das ein legitimes Kriegsziel sein?

Der Gazastreifen ist nicht das am „dichtbewohnteste“ Gebiet der Welt, auch wenn dies noch so häufig in die Welt hinausposaunt wird. Hinsichtlich der Legitimität der Kriegsziele genügt ein einfaches „ja“, zumal Israel eben gerade nicht willkürlich („massenhaftes Bomben“) vorgegangen ist, sondern bestrebt war, zivile Opfer so gut es ging zu vermeiden. Des Weiteren: Wie hätte Israels Antwort auf die „Nadelstiche“ (nebenbei: ein unsägliches Wort, da es die Gefahr des Raketenterrors herunterspielt) Berger zufolge aussehen sollen? Hätte Israel wirklich in gleicher Art und Weise – lies: mit ungerichtetem Raketenbeschuss, der per definitionem ein Kriegsverbrechen ist – reagieren sollen? Dies kann Berger nicht ernsthaft meinen, weshalb der Verdacht nahe liegt, dass Berger generell ein Problem mit der Selbstverteidigung des jüdischen Staates hat. So schreibt Berger weiter:

Nach dem Rückzug der israelischen Truppen liegt der Gaza in Schutt und Asche. Nicht nur der UN-Generalsekretär zeigte sich entsetzt über das, was er dort gesehen hat. Schon im März 2008 zerbombte Israel den Gaza ohne Anlass. Es gab 120 Tote und 400 Verletzte, bevor dann Ägypten die auf ein halbes Jahr begrenzte Waffenruhe zwischen Israel und Hamas vermittelte, die vor Weihnachten auslief.

Israel hat Gaza im März 2008 nicht „zerbombt“ und „ohne Anlass“ schon einmal gar nicht, es sei denn, man ist wie Berger der Meinung, dass Israel den Raketenterror der Hamas hinzunehmen habe. Folglich bestätigt sich, was bereits vermutet werden konnte: Herr Berger sieht auch bei Angriffen auf Israel keinerlei Anlass zur Selbstverteidigung, was nichts anderes bedeutet, als dass er den Staat Israel zum Abschuss freigibt und gleichzeitig fordert, dass der jüdische Staat dies hinzunehmen habe.

Eine solche antizionistische und folglich antisemitische Grundhaltung wird im Fall von Berger mit einer hervorragenden Kenntnis der Fakten kombiniert. Klar, dass Herr Berger sich daher auch mit der der Operation Gegossenes Blei vorangehenden „Waffenruhe“ auskennt:

Die [„Waffenruhe“, Mr. Moe] hat Israel aber noch weniger eingehalten als die Hamas, weil es bei erster Gelegenheit wieder die Grenzen schloss und den Gaza mehrmals zum Gefängnis machte.

Schön, wenn ein „Israelkritiker“ einem die Arbeit abnimmt, indem er sich innerhalb eines Satzes selbst widerlegt: Auch, wenn alles was Berger behauptet wahr wäre, ergebe seine Aussage keinen Sinn, da sogar er Israels Vorgehen als Reaktion auf das Verhalten der Hamas bezeichnet („bei erster Gelegenheit“) . Wobei dies eigentlich keine Rolle spielt, da bereits die Behauptung, dass Israel die „Waffenruhe“ „noch weniger“ als die Hamas eingehalten habe, eine Lüge ist. Infolge bestätigt Berger zudem erneut, dass er Israel keinerlei Recht auf Selbstverteidigung (und ergo: auf seine Existenz) zuspricht:

Es müsse seine Bürger schützen, sagt Tel Aviv und spricht von legitimer Verteidigung. Aber entspricht das jetzt angerichtete Vernichtungswerk einer legitimen Verteidigung?

Abgesehen davon, dass Jerusalem und nicht Tel Aviv die Hauptstadt des Staates Israels ist, ist auch hier die Antwort auf die vermeintlich rhetorische Frage denkbar einfach: ja, ja und nochmals ja. Über die Mär vom „Vernichtungswerk“ einmal großzügig hinweg gelesen, argumentiert Berger auch im Folgenden so, wie es sich für einen zünftigen Israelhasser gehört:

In den sieben Jahren des Beschusses von Sderot und letzthin noch weiterer israelischer Städte aus dem Gaza-Streifen mit Kassem-Raketen starben nach israelischen Angaben 32 Menschen. In den ersten sieben Tagen der Bombardierung des Gazastreifens starben aber 430, insgesamt in diesem Krieg mehr als 1400 Palästinenser. Mehr als fünftausend wurden verletzt oder verstümmelt.

Erstens ist das Abwägen von Menschenleben im Stile von Kartoffeln auf dem Markt mehr als  zynisch. Zweitens, sofern man sich auf das Aufrechnen von menschlichem Leid einlassen möchte, kann  das Leid der Bevölkerung in Sderot nicht allein über die Zahl der Toten – die Verletzten auf israelischer Seite erwähnt Berger selbstredend gar nicht erst – gemessen werden, sondern muss auch die aus dem jahrelangen Raketenterror resultierenden Traumata und anderweitigen psychischen Beeinträchtigungen beinhalten. Drittens ist die von Berger genannte Zahl der Opfer in Gaza zu hoch gegriffen. Außerdem sind die Opfer zu einem Großteil Kämpfer der Hamas, ergo: Terroristen und keine unschuldigen Zivilisten. Für die ohne Zweifel vorhandenen zivilen Opfer trägt zudem in überwältigender Mehrheit die Hamas die Verantwortung, da sie sich bewusst zivilen Einrichtungen verschanzt und die Zivilbevölkerung so als menschliches Schutzschild missbraucht. Kurz: Kriegsverbrechen seitens der Hamas sind keine Ausnahme, sondern bewusste Strategie, während Israel stets versucht, die Anzahl an getöteten Zivilisten zu minimieren.

Berger indes verliert kein Wort über die Hamas, so dass ein die letzten Wochen und Monate im Koma gelegener Mensch (Witz des Tages: oder F.A.Z.-Leser)  angesichts seiner Schilderungen denken muss, dass Israel in Gaza einen völlig willkürlichen Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung geführt habe. Nach dieser groben Verkehrung der Realität resümiert Berger anschließend mit einer widerwärtigen Häme, was Israel mit dem von ihm angerichteten „Sterben, Leid und Zerstörung“ erreicht hätte:

Auch nicht mehr Sicherheit, wie wir sehen werden.

Dementsprechend fällt dann auch Bergers Fazit über den Nahostkonflikt aus, in dem Frieden aus folgendem Grund „weit entfernt“ sei:

Der Grund dafür ist, dass eine der Seiten ihn nicht will und deshalb mit der anderen auch nicht verhandelt, weshalb diese ihn nicht stiften kann.

Moment mal: Das stimmt ja sogar! Hat da etwa ein blindes Huhn auch mal ein Korn gepickt? Mitnichten, sind es Berger zufolge natürlich nicht die Palästinenser, die einem dauerhaften Frieden im Weg stehen, sondern Israel:

Israel scheint mit diesem Zustand zufrieden zu sein, denn ihm ist es wohl wichtiger, Zeit zu gewinnen, um weitere Fakten zu schaffen zu können im Westjordanland und im annektierten Ostjerusalem. Die Hamas wurde 2006 in Gaza demokratisch gewählt, weil sie sozial ist und nicht korrupt.

Dass die Hamas demokratisch gewählt wurde, ändert nichts an der Tatsache, dass sie nach der Wahl jegliche Opposition systematisch zerstört und eine vollständige Herrschaft angestrebt hat, so dass es sich schlichtweg und ergreifend um eine illegale Regierung handelt. Ob Berger zudem weiß, dass die „nicht korrupte“ und „soziale“ Hamas Lebensmittel und Decken für die Zivilbevölkerung in Gaza beschlagnahmt und Medikamente stiehlt? Oder „Kollaborateure“ sowie Mitglieder der konkurrierenden Fatah foltert und ermordet, ganz so wie es sich für eine demokratische Partei gehört?

Nicht mehr ins Reich der Märchen sondern ins Reich der bewusst verbreiteten Unwahrheiten gehören Bergers abschließende Worte, angesichts derer jede argumentative Auseinandersetzung sinnlos wäre:

Sie [die Hamas, Mr. Moe] gefährdet nicht die Existenz Israels, wie immer wieder behauptet wird, sie könnt dies nicht, trotz ihrer Charta. Sie zeigte sich vor ihrer Wahl bereit, die UN-Resolution 242 anzuerkennen und die Grenzen von 1967, also indirekt auch Israel. Man hat sie dennoch boykottiert, aus welchen Gründen auch immer. Mit ihr nicht zu verhandeln war ein Fehler.

In diesem Sinne: Heil Hamas!

Quelle: F.A.Z. vom 4. Februar 2009, S. 8.

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4 Antworten

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  1. David said, on Februar 6, 2009 at 6:40 am

    Die FAZ hat in letzter Zeit bei den Leserbriefen eine ganz merkwürdige Zusammenstellung. Wenn das die Linie der Redaktion ist, mißfällt es mir gewaltig. Jörg Bremer haben sie andererseits wohl etwas zurückgenommen, aber vielleicht hat er auch nur Urlaub.
    Besagter Leserbrief von Herrn Berger ließ mich nur nach Luft schnappen – kann dieser Mensch bei Trost sein? Offensichtlich ja, denn es denken viele Leute so wie er. Das ist (auch) ein „Erfolg“ der Medien.

  2. Mr. Moe said, on Februar 6, 2009 at 9:00 am

    Ich stimmte Ihrem Urteil zu.
    Zwar gab es in den letzten Tagen und Wochen auch den ein oder anderen pro-israelischen (oder zumindest nicht israelfeindlichen) Leserbrief. Insgesamt überwiegen jedoch Zuschriften wie die von Herrn Berger (wobei natürlich nicht zu sagen ist, wie das zahlenmäßige Verhältnis der Zuschriften wirklich aussieht, da wir uns ja nur auf die auch tatsächlich abgedruckten Briefe beziehen können).
    Meines Erachtens versucht die F.A.Z. einerseits, „beide Seiten“ zu Wort kommen zu lassen, was prinzipiell ja auch schön und gut ist. Was mir andererseits aber neben der zahlenmäßigen Überlegenheit „israelkritischer“ Leserbriefe auffällt: Es werden nicht einfach nur Leserbriefe abgedruckt, in denen Israels Vorgehen „kritisch“ beurteilt wird, sondern in den meisten Fällen wird gleich ein solches Kaliber wie bei Herrn Berger aufgefahren. Da frage ich mich: Gibt es überhaupt eine halbwegs anständige oder ernsthafte „Kritik“ an Israels Vorgehen in Gaza? Zumindest auf der Leserbriefseite der F.A.Z. habe ich nämlich noch keine gesehen.

  3. […] Markus Berger bei der FAZ: Wer so hartnäckig Blödsinn behauptet, von dem darf wohl behaupten, dass er auf der […]

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