Zeitung für Schland

Ein Freund, ein guter Freund (2)

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on März 24, 2009

Einer der sowohl besten und aufrichtigsten Freunde Israels als auf den Seiten der Zeitung für Schland am häufigsten verhandelten Fälle ist F.A.Z.-Leser Dieter Neuhaus, der stets „im Interesse des Judentums und seiner Heimat Israel“ agiert. Denn natürlich wünscht Neuhaus „dem jüdischen Volk […], dass es endlich den Weg eines gerechten und friedlichen Zusammenlebens mit seinen palästinensischen Nachbarn findet“. Dem eigenen Selbstverständnis nach ist Freund Neuhaus nicht zuletzt aufgrund seiner Sorge um das Schicksal der Juden und Israels geradezu verpflichtet, Kritik an Israel zu äußern. Als Freund, der nur das Beste im Sinn hat – versteht sich!

Es liegt daher auf der Hand, dass Neuhaus auch zur Operation Gegossenes Blei mit einem Bündel freundschaftlicher Anmerkungen aufzufahren weiß. Mögen Israels führende Politiker geschweige denn die ernsthaft daran interessierten Palästinenser nicht wissen, wie ein dauerhafter Frieden im Nahost-Konflikt derzeit realisierbar sein soll, kennt Neuhaus selbstverständlich die Antwort. Sich gar nicht erst mit Kritik an den Palästinensern oder auch nur der Hamas aufhaltend, spricht Freund Neuhaus wie es sich für einen guten Freund gehört lieber gleich vom „großen Beitrag“ […], den der Staat Israel erbringen müsste, wenn er zu einem stabilen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern beitragen will“:

Abbau der völkerrechtswidrig errichteten Städte und Siedlungen im Westjordanland und Rückgängigmachen der jüdischen Besiedlung Ost-Jerusalems. Einfrieren des im Schutz des Krieges gegen Gaza intensivierten Ausbaus dieser illegalen Siedlungen, Öffnung der von Israel völkerrechtswidrig geschlossenen Grenzen zum Gazastreifen und Versorgung der dort lebenden Menschen mit allem Lebensnotwendigen, Anerkennung der Palästinenser als den jüdischen Israelis gleichwertige Menschen.

Als guter und zugleich kritischer Freund von Herrn Neuhaus fühlt sich die Zeitung für Schland wiederum verpflichtet, einige Fakten klarzustellen und Freund Neuhaus so zu helfen, seine Argumentation zu verfeinern:

  1. Was auch immer man von den Siedlungen im Westjordanland oder der Forderung, selbiges judenrein zu gestalten, halten mag: die Siedlungen sind entgegen einem weit verbreiteten Irrglauben nicht illegal.
  2. Die Grenzen zum Gazastreifen sind und waren nicht „völkerrechtswidrig“ geschlossen. Da die Grenzen entweder gar nicht oder aus guten Gründen zeitweilig geschlossen waren, ist diese Behauptung dermaßen irrsinnig, dass die Beweislast zur Abwechslung ruhig einmal bei denjenigen liegt respektive liegen sollte, die diese Behauptung aufstellen.
  3. Es dürfen so viele Lebensmittel in den Gazastreifen eingeführt werden, wie dort benötigt werden. Fairerweise sei erwähnt, dass Freund Neuhaus dies zum Zeitpunkt des Schreibens seines Leserbriefs nicht wissen konnte. Da aber zu befürchten ist, dass deutsche Medien diesen Punkt „vergessen“ könnten und er sich in Folge dessen wie so viele andere in den Köpfen von Freunden und Feinden Israels festsetzt, sei dennoch darauf hingewiesen. Gleichwohl hätte Freund Neuhaus sehr wohl wissen können, dass Israel selbst während des Krieges Nahrungsmittel und humanitäre Hilfsgüter nach Gaza ließ, wohingegen die Hamas entsprechende Transporte wiederholt angriff oder Hilfsgüter stahl.
  4. So traurig es auch sein mag, dies einem Freund Israels zurufen zu müssen: Natürlich werden die Palästinenser von Israel als „gleichwertige Menschen“ anerkannt. Dies zeigt sich nicht zuletzt dadurch, dass sie – bis auf wenige Ausnahmen wie etwa der Freistellung vom Militärdienst – die gleichen Rechte innerhalb Israels genießen.

Auch wenn Herrn Neuhaus freundschaftliche Kritik wie gezeigt wurde nicht immer auf Fakten basieren mag, darf – nein: muss! – Israel sich zweifelsfrei glücklich schätzen, einen derart kritischen Freund zu haben. Zumal dieser auch mathematisch äußerst begabt ist:

Wenn man von der aktuellen Zahl der gesamten Todesopfer, nämlich knapp 1400, ausgeht, so entfallen glaubwürdigen Berichten zufolge „nur“ zwischen 100 bis 200 Tote auf Militante der Hamas

Leider nennt Neuhaus die „glaubwürdigen Berichte“ nicht beim Namen, wie er auch sonst keine seiner Aussagen mit Quellen belegt. Vermutlich bezieht Freund Neuhaus sich auf Angaben des „Palestinian Centre for Human Rights“ (PCHR), die jedoch keineswegs „glaubwürdig“ sind, sondern vielmehr grob verzerrend. Zudem rechnet Neuhaus Hamas-„Polizisten“ offenbar nicht zu den Terroristen, doch dazu später mehr. Der Ausgewogenheit halber sei erwähnt, dass die Anzahl der getöteten Hamas-Kämpfer nach Angaben der israelischen Armee bei mindestens 600 und die Anzahl getöter unschuldiger Zivilisten bei etwa 300 liegt. Weiter schreibt Freund Neuhaus:

Die große Mehrzahl der Opfer waren Frauen, Kinder und Jugendliche und an den Auseinandersetzungen unbeteiligte Männer.

Dies ist, um unter Freunden offen zu sprechen, eine glatte Lüge: Denn selbst aus den Zahlen des PCHR geht hervor, dass die Wahrscheinlichkeit während des Krieges getötet zu werden für erwachsene Männer 8,5-mal so hoch war wie für erwachsene Frauen und 7-mal so wahrscheinlich wie für Kinder unter 18 Jahren. Hier ist Freund Neuhaus offensichtlich einer Propagandalüge zum Opfer gefallen. Na ja, kann ja mal passieren. Seine folgende Ausführungen geben dann allerdings doch Rätsel auf:

Bei den israelischen Angriffen wurden auch über 150 zivile Polizisten getötet, die laut internationalem Recht als Zivilisten gelten.

Menschen, die nicht nur Mitglieder der Hamas sind, sondern sogar ihrer „Polizei“ angehören als „zivile Opfer“ zu bezeichnen ist etwas, auf das man erst mal kommen muss. Als Freund Israels sollte Neuhaus eigentlich bewusst sein, für was die „Hamas-Polizisten“ trainiert werden und womit sie ihr „Berufsleben“ verbringen. Es folgen die üblichen Vorwürfe der Freunde und Feinde Israels:

ausgedehnte Zerstörungen von Häusern, Vernichtung von Farmland, Einsatz von weißem Phosphor

Fehlen nur noch das Vergiften von Brunnen und Ritualmorde. Dass zudem sogar das rote Kreuz eingeräumt hat, dass Israels Einsatz von weißem Phosphor nicht illegal war, da dessen Einsatz zum Zwecke der Tarnung oder Täuschung sowohl erlaubt als auch üblich ist, ist Freund Neuhaus wohl einmal mehr entgangen. So gelangt er abschließend zu dem Fazit:

Insgesamt kann kein ernsthafter Zweifel mehr daran bestehen, dass Israels Regierung den Krieg gegen Gaza wollte: Die am 19. Juni 2008 in Kraft getretene Waffenruhe hatte bis zum 4. November 2008 gehalten.

Angesichts der über 10.000 Raketen seit 2000 könnte man auch sagen, dass „kein ernsthafter Zweifel“ mehr daran bestehen kann, dass Israels Regierung den Krieg gegen Gaza – oder eigentlich: den Krieg gegen die Hamas – führen musste. Zudem erweist sich Freund Neuhaus erneut als schlecht informiert: Die Waffenruhe hat nachweislich nicht bis zum 4. November 2008 gehalten, sondern wurde von der Hamas von Anfang an gebrochen. Dies gesteht auch Neuhaus indirekt ein:

Unmittelbar nach der Waffenruhe sank die Zahl auf zwei Geschosse pro Monat

Welchen Teil des Wortes „Waffenruhe“ hat Freund Neuhaus nicht verstanden? Das „Geschosse“ Waffen sind dürfte eigentlich ebenso klar sein wie die Tatsache, dass „zwei Geschosse pro Monat“ der gemeinhin gültigen Definition von „Waffenruhe“ nicht entsprechen. Doch für Neuhaus steht, obgleich er unzweifelhaft ein Freund Israels ist, fest, dass Israel die „Waffenruhe“ gebrochen habe:

Nachdem Israel am 4. November die Waffenruhe durch Tötung mehrerer Hamas-Aktivisten gebrochen hatte, eskalierten die Auseinandersetzungen: 1400 Tote und über 5400 Verletzte.

Zunächst sei Neuhaus erneut freundschaftlich mit der Realität konfrontiert: Nicht Israel, sondern die Hamas hat die „Waffenruhe“ gebrochen. Des Weiteren hat Freund Neuhaus – es sei ihm natürlich verziehen! – offenbar „vergessen“, was der Anlass für die Tötung der „Hamas-Aktivisten“ war: der Bau eines Tunnels, der voraussichtlich dazu dienen sollte, Angriffe auf Israel durchzuführen oder israelische Soldaten zu entführen. Außerdem sei Freund Neuhaus darauf hingewiesen, dass es sich bei den getöteten „Hamas-Aktivisten“ ausschließlich um Terroristen handelte und böswillige Geister Neuhaus aufgrund seiner euphemistischen Bezeichnung „Aktivisten“ unterstellen könnten, ein Apologet des Terroristenpacks zu sein.

Zum Abschluss seines Leserbriefs tut Neuhaus noch das, was gute Freunde nun einmal tun: er erteilt ungefragte Ratschläge, denn er weiß ja, was zu tun ist und wer es tun sollte:

Jetzt wird es darauf ankommen, dass die Art der israelischen Kriegsführung und die verbotene Verwendung von Phosphorbomben in dichtbesiedelten Gebieten durch internationale Fachleute untersucht und Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und das Kriegsvölkerrecht dokumentiert werden

Unabhängig davon dass Verstöße, so es sie denn tatsächlich gegeben hat, dokumentiert werden und Neuhaus kein Wort über die zahllosen Kriegsverbrechen der Hamas verliert: Es bliebe zu hoffen, dass sich unter den „internationalen Fachleuten“ nicht allzu viele selbsternannte Freunde Israels befänden. Gleichwohl ihre guten Absichten selbstverständlich keinesfalls in Abrede gestellt werden sollen, könnte eine zu große Anzahl von ihnen Israel mit ihrer Freundschaft, ihren klugen Ratschlägen und ihrer gut gemeinten Kritik ersticken.

Quelle: F.A.Z. vom 24. März, S. 6.

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