Zeitung für Schland

Armes kleines Nazi-Deutschland

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on März 28, 2009

Dass der amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker einen widerwärtigen „Roman“ veröffentlicht hat, in dem er die These aufstellt, dass Churchill und Roosevelt Nazi-Deutschland zum Krieg angestachelt und somit eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg hätten, ist bekannt. Ebenfalls bekannt wie auch folgerichtig ist, dass ein solches Traktat von den Lorenz Jägers dieser Welt in den Feuilletons deutscher Zeitungen nicht in Grund und Boden geschrieben, sondern als willkommende Anregung zur Diskussion begrüßt wird, oder dass Baker ein begehrter Interview-Partner ist.
Wirklich widerwärtig ist allerdings einmal mehr die Auswahl der Leserbriefe in der F.A.Z. So darf Dr. Stefan Scheil, der selbst ein Buch darüber geschrieben hat, „warum Winston Churchill 1938/39 einen Krieg gegen Deutschland beginnen wollte“, und auf seiner eigenen Homepage die Website „Vernichtungskrieg.de“ verlinkt, „ein 2007 gegründetes und fortlaufend erweitertes Online-Projekt, das sich mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs befasst“, und auf der „Fakten und Texte vorgestellt [werden], die diesen Krieg als einen Konflikt erkennen lassen, der aus vielen Gründen ein Vernichtungskrieg gegen ganz Deutschland wurde, nicht nur gegen den Nationalsozialismus“. Im „Online-Lexikon“ dieser Seite fehlt das Stichwort „Judenvernichtung“ respektive „Holocaust“ oder „Schoah“. Und dies zu Recht, ist doch im Eintrag „Antisemitismus“ folgendes zu lesen:

Nach der Machtübernahme der antisemitisch ausgerichteten NSDAP wurde der Antisemitismus zur Regierungspolitik erklärt. In immer neuen Gesetzen wurde die juristische Gleichberechtigung der Juden in Deutschland jetzt aufgehoben, wobei das Hauptziel in den ersten Jahren in einer vollständigen Auswanderung der deutschen Juden bestand. Diese von einer Mischung aus Furcht und Haß gegenüber Juden geprägte Politik stieß weltweit auf Ablehnung und trug dazu bei, das Deutsche Reich international zu isolieren. Sie radikalisierte sich immer mehr und mündete schließlich in die Massentötungen von Juden während des Zweiten Weltkriegs.

An und für sich sollte mit Menschen wie Dr. Stefan Scheil oder Websites wie „Vernichtungskrieg.de“ das gemacht werden, was sie verdienen und wozu sie herausfordern: sie sollten als arme Irre abgetan werden, über die bei Gelegenheit herzlich gelacht werden darf, und gegen die nur im äußersten Notfall argumentativ vorzugehen ist. Im Übrigen werden Dr. Scheils „Thesen“ auch von den meisten Historikern völlig zu Recht “als als konstruiert, in Teilen apologetisch und vor allem auf zu dünner Quellenbasis gegründet abgelehnt“.

Etwas anders gestaltet sich die Sache hingegen, wenn die F.A.Z. das widerwärtige Geschreibsel solcher „Denker“ in Form von Leserbriefen abdruckt, gleichwohl dies naheliegt, da Dr. Scheil nicht nur für die Junge Freiheit schreibt, sondern auch als freier Mitarbeiter für die F.A.Z. tätig ist. Es ist jedoch schwer zu ertragen, dass folgende Sätze Dr. Scheils ohne Widerspruch in einer deutschen Tageszeitung erscheinen:

Es scheint notwendig zu sein, die Debatte an dieser Stelle um die Erkenntnis zu bereichern, dass Winston Churchill keineswegs erst 1940 vom notwendigen Krieg gegen den Nationalsozialismus sprach, sondern solche und ähnliche Äußerungen von ihm bereits 1934 nachweisbar sind.

Denn anstatt Churchill für dessen Weitsicht zu loben respektive zu kritisieren, dass er den Krieg gegen Nazi-Deutschland nicht bereits 1934 begonnen hat, was die Leben vieler Juden und anderer Opfer des NS-Regime gerettet hätte, schreibt Dr. Scheil:

Der Nationalsozialismus galt im als Greuel, zu dessen Vernichtung eine bewaffnete Auseinandersetzung gerechtfertigt war, auch wenn sie nicht von den Nationalsozialisten ausgehen sollte.

Churchill, du Monster! Einfach etwas gegen den Nationalsozialismus haben, auch wenn dieser (noch) gar nicht die Gelegenheit hatte, den „Lebensraum im Osten“ zu besiedeln und Juden auch außerhalb der ursprünglichen Grenzen Deutschlands zu verfolgen und umzubringen! Dr. Scheil kommt jedenfalls zu dem Ergebnis:

Mit Blick auf Nicholson Bakers Buch kommt man daher nicht um die Feststellung herum, dass Churchill die Ansätze zur Überwindung des NS-Regimes durch einen wirtschaftlichen kalten Krieg oder durch Neville Chamberlains mit Aufrüstung kombinierte Appeasement-Politik für nicht zielführend erachtete und bewusst politisch bekämpfte. Er hat die Kriegssituation des Jahres 1940 dadurch mit herbeigeführt und die von Nicholson Baker geschilderte Massenvernichtung von Menschen für das Ziel der Vernichtung des NS-Regimes hingenommen.

Zuletzt ist Dr. Scheil sich nicht zu schade, auch noch Handlungsanweisungen für das Jahr 2009 zu erteilen:

Gerade im Bereich der im Zusammenhang mit Nicholson Baker diskutierten Frage, wie heutigen fundamentalistisch-totalitären Regimen durch den Westen begegnet werden sollte, sollten diese Zusammenhänge stärker beachtet werden.

Auf deutsch, der auf Sprache in der Dr. Heil Scheil nicht zu nur zu schreiben, sondern in der er auch zu denken pflegt: Möge der Westen den Iran doch bitte nicht mit Gewalt daran hindern, das zu vollenden, was das arme kleine (Nazi-)Deutschland – nicht zuletzt dank des gescholtenen Churchills – nicht vollständig geschafft hat.

Quelle: F.A.Z. Vom 28. März 2009, S. 34.

7 Antworten

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  1. aron2201sperber said, on März 28, 2009 at 10:32 pm

    auf Ö1, der Perle des Österreichischen Rundfunks wurde dieses Werk ebenfalls ausgesprochen wohlwollend besprochen

    http://oe1.orf.at/programm/200903203801.html

  2. […] Dr. Stefan Scheil – nicht nur Leserbriefschreiber der FAZ (und weit mehr als Knallcharge): Churchill hat den Zweiten Weltkrieg mitverschuldet. Ja klar, der hat ja auch sooo viel Einfluss auf die britische Appeasement-Regierung gehabt! Wenn er nur den Mund aufmachte, haben Chamberlain und seine Vollidioten schon das Gegenteil angeleiert. Na ja, daraus könnte man die Mitschuld Churchills konstruieren, weil die britische Regierung gegenüber Hitler-Deutschland alles falsch machte – hätte er geschwiegen, wären die Appeaser vielleicht auf den richtigen Trichter gekommen (was ich heftigst bezweifle), aber so sieht der Heini das natürlich nicht. Die Irren nehmen auch bei vermeintlich seriösen Zeitungen immer mehr Überhand. […]

  3. Etzel said, on Dezember 9, 2009 at 12:15 pm

    Ohje … wie blind ist denn nur dieser Author dieses Artikels ?
    Hat den Artikel bestimmt mit rosaroten Brille und einer Haschisch Kippe geschrieben xD

    Ich lach mich immer kaputt, wenn ich so einseitige Betrachtungen sehe.

  4. Mr. Moe said, on Dezember 9, 2009 at 7:31 pm

    @Etzel:
    Und ich freue mich immer, wenn ich derart gehaltvolle Kommentare erhalte!

  5. Au said, on Dezember 12, 2009 at 12:51 pm

    Queridos amigos !!!

    Das Verbösen des Gegners ist ein Zug
    jener, die niemaks kriegen davon genug,
    frag- und kritiklos ihre Macht zu etablieren !
    Und das Reizen des Gegners, bis daß er schlägt,
    auch bloß jener Diffamierklub nie erwägt,
    der den Thron der eignen Meinung sicher weiß.
    So sprach stets die Macht: „Wie gut,
    daß keiner weiß, daß ich Rumpelstielchen heiß“

  6. samuel said, on Dezember 29, 2009 at 1:00 pm

    ziemlich hetzerisch und wenig sachlicher artikel…

  7. Mr. Moe said, on Januar 1, 2010 at 11:14 pm

    @samuel:
    Ziemlich konstruktive und nachvollziehbare Kritik…


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