Zeitung für Schland

Widerspruch trotz schlechteren Wissens

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on April 13, 2009

Bereits seit etwas längerem gibt es in der ZEIT die Möglichkeit, „‚Widerspruch‘ gegen einen Artikel aus dem politischen Ressort der ZEIT“ einzulegen. Da in der letzten Woche ein lesenswerter Artikel von Leon de Winter über die europäische Dämonisierung Israels sowie die Verhätschelung der Palästinenser abgedruckt wurde, der sich wohltuend von der ansonsten häufig vorzufindenden „israelkritischen“ Berichterstattung unterscheidet, war mit einiger Sicherheit davon auszugehen, dass eben jener Artikel der ZEIT-Leserschaft Anlass zum „Widerspruch“ geben würde. Erschreckend ist jedoch, in welcher Form dieser „Widerspruch“ nun tatsächlich vorgebracht wurde.

Die Ehre de Winters Text kritisieren zu dürfen wird keinem ZEIT-Leser zugestanden, nein, da muss schon eine „Redaktionsassistentin im Politischen Ressort der ZEIT“ namens Elisabeth Knoblauch ran. Um es vorwegzunehmen: Was Knoblauch an „Kritik“ gegen de Winter hervorbringt ist von solch unglaublich geringer Qualität, dass die Verfasserin trotz einer nichtsdestotrotz damit einhergehenden und sowohl unerklärbaren als auch unerträglichen Arroganz beinahe Mitleid verdient: Es ist immer traurig mitanzusehen, wenn Menschen verzweifelt etwas versuchen, was sie schlichtweg zu überfordern scheint. Gewiss ein hartes, wenngleich in Anbetracht an Knoblauchs Text vielleicht aber gar allzu mildes und wohlmeinendes Urteil.

Zunächst schreibt Knoblauch unter dem durchaus treffend gewählten Titel „Verstörend“ besserwisserisch, dass es sich de Winter „viel zu leicht“ mache, wenn er „Europas Verantwortung Israel und den Palästinensern gegenüber“ allein auf den Zweiten Weltkrieg zurückführe. Denn wie die gebildete Frau Knoblauch natürlich weiß, oder jedenfalls nachzuschlagen im Stande war, hat Europa bereits mit der Balfour-Erklärung 1917 „die Weichen für den bis heute andauernden Nahostkonflikt gestellt“. Und auch für das, was nach der Gründung des Staates Israel 1948 geschah, trüge in erster Linie Europa die Verantwortung:

Es ist der Unfähigkeit der Europäer zuzuschreiben, keine für jüdische Einwanderer ebenso wie für ansässige Palästinenser, Juden und Christen gemeinschaftliche Lösung in einem Staat gefunden zu haben. Dies führte dazu, dass sich nach zahlreichen Kämpfen und Aufständen die UN des Problems annahmen. Diese teilten den Staat 1947 auf dem Papier in zwei Hälften, führten den Plan jedoch nie vollständig durch. So gründete sich zwar 1948 der Staat Israel, über Palästina wird hingegen bis heute noch immer diskutiert.“

In jeder Telefonsex-Anzeige in der BILD-Zeitung steckt mehr geistiger Gehalt als in diesen Sätzen, die zudem noch die Frechheit besitzen, in einer sog. „Qualitätszeitung“ abgedruckt zu werden, gleichwohl letzteres heutzutage ja wiederum fast schon notwendige Voraussetzung für ersteres zu sein scheint. In aller Kürze zu Knoblauchs Gesabbel: Erstens ist das, was Knoblauch als „gemeinschaftliche Lösung in einem Staat“ euphemisiert weder 1947 möglich gewesen, noch 2009 oder in absehbarer Zukunft durchführbar oder gar wünschenswert (davon, dass etwa ein Fünftel der israelischen Bevölkerung arabischer Herkunft sind, einmal abgesehen). Zweitens gab es 1947 keinen Staat auf dem Gebiet des heutigen Israels, so dass logischerweise auch kein Staat geteilt werden konnte. Drittens lag es in diesem Fall ausnahmsweise einmal nicht an den UN, dass etwas nicht geklappt hat. Zur Erinnerung und zum hinter die Ohren schreiben, da Knoblauch es anscheinend nicht weiß oder vergessen hat: die Palästinenser sowie die arabischen Staaten entschieden sich dazu, Krieg gegen den neu gegründeten Staat Israel zu führen, anstatt einen eigenen Staat zu gründen, der im Übrigen wesentlich größer gewesen wäre, als alles was jetzt noch im Bereich des Möglichen liegt. Viertens tragen daher vor allem die Palästinenser – und nicht etwa Israel oder die Europäer oder die UN – selbst den Löwenanteil daran, dass bis heute über den palästinensischen Staat diskutiert wird, Israel hingegen eine nunmehr über 60 Jahre alte Erfolgsgeschichte darstellt. Die zentrale Konstante palästinensisch-arabischer Politik besteht darin, dass bislang konsequent aber auch jede Chance auf einen eigen Staat entweder abgelehnt und/oder durch entsprechende destruktive Handlungen zunichte gemacht wurde.

Angesichts dieses vollends missratenen Einstiegs in ihren „Widerspruch“ gegen de Winter ist der nachfolgende Satz aus Knoblauchs Feder derart dreist, dass er selbst denjenigen für einen Moment die Sprache verschlagen dürfte, die sich täglich mit solchem Unsinn auseinandersetzen:

Wer die Geschichte für seine Argumentation nutzt, wie de Winter es tut, sollte genau sein mit den historischen Daten.

In Anbetracht des geballten Unwissens Knoblauchs ist dieser Satz wahlweise ein Meisterstück der (Selbst-)Ironie oder eine echte Unverschämtheit. Wenigstens ist Knoblauch bei der richtigen Zeitung gelandet, veröffentlicht die ZEIT doch auch immer wieder die Traktate Ulrich Ladurners, Christoph Bertrams und anderer fernab jeglicher Vernunft agitierenden Geistesgrößen. Und trotzdem darf mit gutem Recht gefragt werden, was man eigentlich können muss, um Redaktionsassistentin im Politischen Ressort der ZEIT zu werden. Vielleicht gilt diesbezüglich ja im Sinne Karl Kraus‘: „Es genügt nicht, nur keine Gedanken zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ Gemäß dieses Leitspruchs weiß Knoblauch ihr Geschmiere jedenfalls gekonnt zu vollenden:

Wirklich verstörend aber wird der Text, wenn de Winter die in Gaza lebenden Menschen per se als „Feinde Israels“ und „Judenhasser bezeichnet“. Unerträglich ist seine höhnische Schlussfolgerung, die Menschen in Gaza hätten nur darauf gewartet, endlich „Juden zu töten“ – eine Möglichkeit, die Israel ihnen im Gazakrieg geboten habe. Hier überschreitet der Autor den schmalen Grad zwischen Polemik und Hass.

Die Frage, was eine Redaktionsassistentin im Politischen Ressort der ZEIT können muss, wird hier negativ beantwortet: Zitieren kann es jedenfalls nicht sein, hat de Winter doch keine der ihm von Knoblauch unterstellten Behauptungen aufgestellt. Unerträglich ist daher einzig und allein Knoblauchs Unfähigkeit, de Winters Text auch nur korrekt wiederzugeben, eine Anforderung, der eigentlich selbst bessere Grundschüler gewachsen sein dürften. Während de Winter an keiner [!] Stelle seines Textes die Bewohner Gazas pauschal als „Feinde Israels“ oder „Judenhasser“ bezeichnet, lautet seine „höhnische Schlussfolgerung“ im Wortlaut wie folgt:

Die Palästinenser in Gaza haben eine religiös-faschistische Partei gewählt, deren erklärtes Ziel die Vernichtung der Juden ist. Voller Enthusiasmus versprach Hamas Krieg und Märtyrertum mit Slogans wie »Palästinenser lieben den Tod mehr als das Leben« oder »Kein Opfer ist zu groß, um Israel zu vernichten«.

Nun gab Israel den Bewohnern von Gaza das, was diese sich angeblich mehr als alles andere wünschen: eine Gelegenheit, heldenhaft Widerstand zu leisten und Juden zu töten. Doch statt ihre tiefe Befriedigung über diese Chance zu äußern, schrien die Palästinenser auf, sie würden mit unverhältnismäßiger Härte behandelt, und den Juden müsse das Schießen auf Frauen und Kinder verboten werden. Dieselben Leute, die Gewalt und Krieg forderten, zeigten den Medien, wie brutal sie von den Juden angefasst wurden.

De Winter bezieht sich demnach eindeutig auf die nicht zu bestreitende Tatsache, dass ein Teil der Palästinenser (namentlich die Hamas) einerseits selbst zum erbarmungslosen Krieg gegen Israel aufruft und etwas das Töten jüdischer Kinder weltweit für legitim erklärt, andererseits aber jedwede Gegenwehr Israels verteufelt (ein Punkt in dem sich der palästinensische und der europäisch-deutsche Narrativ im Übrigen einig sind). Selbst wenn man de Winters Ausführungen kritisiert, hat dies weder etwas mit „Polemik“, geschweige denn gar mit „Hass“ zu tun, spricht de Winter doch nur aus, was offenkundig der Wirklichkeit entspricht.

Noch einmal in der Zusammenfassung: In völliger Unkenntnis historischer Fakten respektive einer absoluten Verkehrung der Geschichte, sowie auf Aussagen basierend, die de Winter nie getroffen hat, kritisiert Knoblauch dessen  Text. Sie begnügt sich dabei nicht nur damit, ihr eigenes Unwissen bzw. ihre eigenen Ressentiments zur Schau zu stellen, sondern besitzt darüber hinaus die Dreistigkeit, de Winter Geschichtslosigkeit oder Hass zu unterstellen, ohne diese Thesen auch nur ansatzweise begründen oder gar belegen zu können. Gäbe es Menschen wie Knoblauch nicht, man müsste sie erfinden. Denn immerhin kann Knoblauchs „Widerspruch“ als schlechtes Beispiel und Ratschlag für zukünftige „Journalisten“ dienen: Wer nicht einmal in der Lage ist, Texte zu lesen, verstehen und wiederzugeben, sollte nicht bei einer Zeitung arbeiten oder gar vermeintlich zielsichere „Widersprüche“ verfassen. Ansonsten kann es mitunter ganz schön peinlich werden.

Quelle: Elisabeth Knoblauch: „Verstörend“, in: DIE ZEIT vom 08. April 2009, S. 11.

2 Antworten

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  1. Josef said, on April 18, 2009 at 12:54 am

    Sehr netter Leserbrief von Rupert Neudeck aus Troisdorf in der ZEIT vom 16.04.2009 zu de Winters Artikel :

    „Vielleicht weiß die ZEIT-Redaktion nicht, dass es Vertriebene unter ihren Lesern gibt. Diese Vertriebenen wissen sehr wohl, dass sie Schlesien verloren haben, weil wir Deutschen die Welt mit Krieg und Vernichtung überzogen haben. Von den Palästinensern, die ihre Heimat ungerechtfertigt durch Vertreibung verloren, ist uns nicht bekannt, dass sie ein Land mit Krieg überzogen haben. (…)“

    Was?!

    Ok, genau genommen waren es nicht „Palästinenser“, die einen „Ausrottungskrieg und ein gewaltiges Massaker“ anstrebten, „über das man einst im selben Atemzug mit dem mongolischen Massaker und den Kreuzzügen sprechen“ sollte. „Palis“ gab’s ja noch gar nicht.

  2. […] Elisabeth Knoblauch, „Redaktionsassistentin im Politischen Ressort der ZEIT“ – sie versucht sich an einer Kritik eines Textes von Leon de Winter und scheitert derart kläglich, dass selbst ein medienkritischer Blog wie die „Zeitung für Schland“ nur noch Mitleid empfindet ob ihrer Unkenntnis, Scheuklappen und dümmlichen Besserwisserei, die den Vorwurf kolportiert, man müsse schon genau sein mit den historischen Fakten – und selbst genau das ziemlich heftig vermissen lässt. Wenn es einen Gipfel auf diesem Höhengrat gibt, dann sind es wohl die Falschzitierungen de Winters durch Knoblauch. Mr. Moe fragt völlig zu recht, was man eigentlich können muss, um Redaktionsassistentin im politischen Ressort der ZEIT sein zu dürfen. […]


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