Zeitung für Schland

Was Obama in Kairo hoffentlich nicht sagen wird

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Juni 2, 2009

Vor nicht allzu langer Zeit hat SPIEGEL-Journalist Erich Follath seiner Phantasie freien Lauf gelassen und dem israelischen Außenminister Avigdor Lieberman in einer fiktiven Rede an Stelle Frank-Walter Steinmeiers einmal richtig die Meinung gegeigt, oder wie Follath selbst es formulierte: „Tacheles geredet“. Dem SPIEGEL eine Widerwärtigkeit zurückzuliegen konnte man bei der ZEIT offenbar nicht ertragen und hat folgerichtig eine eigene fiktive Rede veröffentlicht. Diese reicht zwar nicht an Follaths Erguss heran, „verdient“ aber dennoch Beachtung, da auch sie r ein gesellschaftliches Phänomen steht.

Die von Michael Thumann, dem leitenden ZEIT-Redakteur für den Mittleren Osten, verfasste Rede mit dem vielsagenden Titel „Ich bedaure“ ist indes nicht an den israelischen Außenminister respektive Israel gerichtet, sondern an „die gesamte muslimische Welt“. Anlass für Thumanns „Entwurf einer Rede an die Muslime“ ist die bevorstehende Rede von US-Präsidenten Barack Obama am kommenden Donnerstag in Kairo. Den Auftakt der Rede, die Obama Thumanns Ansicht nach halten soll, bildet eine handfeste Lüge:

Schauen Sie auf die großen gemeinsamen Leistungen der Weltkulturen. Die Länder im Nahen Osten, Ägypten mit seiner großartigen Hauptstadt Kairo sind die Bühnen dieser produktiven Vielfalt.

Bekanntermaßen gibt es im Nahen Osten in der Tat haufenweise Demokratien, keinerlei Diskriminierung oder Verfolgung von Minderheiten, sowie Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen – „produktive Vielfalt“, im wahrsten Sinne des Wortes also. Aber Spaß bei Seite: Dass sich ein jeder Redner vor seinem Publikum in der Regel zunächst beliebt machen muss, ist ebenso trivial wie grundsätzlich akzeptabel. Das Problem an Thumanns Rede ist jedoch, dass der kritiklose Ton eben nicht allein in einem besonders freundlichen Einstieg vorherrscht, also lediglich einen rhetorischen Kniff darstellte, sondern sich durch die gesamte Rede zieht und folglich Sinn und Zweck selbiger ausmacht. Dies zeigt sich gleich in den anschließenden Sätzen:

Doch unser Zusammenleben wird bedroht. Es gibt bewaffnete Kräfte, die den Frieden zerrütten, unsere Zivilisationen verwüsten wollen. Diese Drohung trifft Muslime, Christen und Juden gleichermaßen.

Ross und Reiter zu nennen ist eines der obersten und nobelsten Ziele des Journalismus. Mögen Muslime, Christen und Juden auch gleichermaßen von „bewaffneten Kräften“ bedroht sein, so muss doch konstatiert werden, dass die Bedrohung eben nicht gleichermaßen von Muslimen, Christen und Juden ausgeht. Weder Thumann, noch Obama oder die „muslimische Welt“ kommen an der Tatsache vorbei, dass die von Thumann nebulös als „bewaffnete Kräfte“ umschriebenen Subjekte des Kampfes gegen die Zivilisation nun einmal vornehmlich Muslime sind. Und während Thumann an dieser Stelle peinlichst genau jegliche Zuweisung von Verantwortung vermeidet, ist er einige Zeilen später mehr als eindeutig:

Mein Land [die Vereinigten Staaten, Mr. Moe] hat in den vergangenen Jahren große Fehler gemacht und gegen eigene Grundsätze verstoßen. Ich bedaure das. Wir wollen Rechtsbrecher nicht mit Rechtsbrüchen verfolgen. Wir führen keinen „Krieg“, sondern verteidigen Freiheit, Frieden und das Recht.

Dass die Verteidigung von „Freiheit, Frieden und Recht“ dieser Tage erfordert, einen Kampf zu führen, der nicht anders denn als „Krieg“ bezeichnet werden kann, sollte eigentlich jedem klar sein, der über die Gabe des Denkens verfügt. Ebenso klar sollte sein, dass nicht die USA oder der Westen diesen Krieg erklärt und auf weite Teile der Welt ausgeweitet haben, sondern radikalislamische Kräfte. Bei allem Gutmenschentum und Akzeptanz-Toleranz-Geschwafel, das so viele Menschen so sehr lieben: An dieser simplen Begebenheit ist Anfang des 21. Jahrhunderts nicht vorbeizukommen, auch wenn die Thumanns und Obamas dieser Welt eben dies nahezu täglich versuchen.

Neben dieser fundamentalen Fehlauffassung fällt Thumanns Rede vor allem durch widerwärtige Relativismus auf. So zählt Thumann „Rechtsbrüche im Nahen Osten“ auf:

Wir wünschen uns die Achtung der Menschenrechte in den arabischen und muslimischen Staaten. Wir wünschen uns die Wahrung der Menschenrechte im israelischen Umgang mit den Palästinensern.

Saudi-Arabien, Iran, Israel – irgendwie ist doch jedes Land im Nahen Osten gleich (schlimm). Alle verstoßen halt ein bisschen gegen die Menschenrechte, und das ist schade. Es folgt die nächste faustdicke Lüge:

Rechtsstaat, unabhängige Richter, Meinungsfreiheit, Freizügigkeit sind keine Lehrstunden des Westens, keine Exportartikel. Sie sind Werte von Muslimen, Christen, Juden zugleich.

Bei allem Respekt vor Thumann: Jemand der schreibt, dass Meinungsfreiheit und Freizügigkeit Werte von Muslimen seien, kann nicht recht bei Trost sein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Selbstverständlich gibt es Muslime, die diese Werte teilen. Aber hier geht es eben nicht um einzelne Muslime, Christen oder Juden, sondern um die Religion als solche. Und bei allem Verständnis dafür, dass Obama in seiner Rede nun wahrlich nicht jeden Missstand im Nahen Osten oder der muslimischen Welt aufzählen kann,denn seine Zeit wird ja begrenzt sein: Es besteht doch noch ein bedeutsamer Unterschied zwischen respektvollen Austausch und unterwürfigem Anbiedern.

Doch eine Rede an die muslimische Welt wäre natürlich nicht vollendet ohne Forderungen gegenüber Israel zu stellen:

Wir treten ein für das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat, in lebensfähiger Gestalt und in naher Zukunft. Von Israel erwarten wir einen sofortigen Stopp des Siedlungsbaus und den Abriss aller illegalen Siedlungen. Zugleich stehen wir ein für die Sicherheit Israels und sein Recht auf eine Existenz frei von Angst und Bedrohungen.

Wie ein palästinensischer Staat „in naher Zukunft“ mit Israels „Recht auf eine Existenz frei von Angst und Bedrohungen“ in Einklang zu bringen sein soll, wissen wohl nur Thumann und Obama. Jedoch muss wenigstens Thumanns Aufrichtigkeit gelobt werden, stellt er doch nicht die üblichen halbherzigen Forderungen an die Palästinenser, sondern macht von vornherein deutlich, dass er allein von Israel erwartet, Frieden herbeizuführen. Wie Thumann sich darüber hinaus eine sorgenfreie israelische Existenz vorstellt, sagt er anschließend selbst:

Ich befürworte die arabischen Friedensbemühungen für eine Lösung der arabisch-israelischen Gegensätze.

Welche Bemühungen? Etwa die Initiative der arabischen Liga, die den Rückzug Israels auf nicht zu verteidigende Grenzen sowie die Rückkehr der „Flüchtlinge“ vorsieht? Welche „Friedensbemühungen“ Thumann auch immer meinen mag, eine Herzensangelegenheit scheint ihm „die baldige Regelung der Streitigkeiten zwischen Israel und Syrien“ zu sein. Denn:

Wir wollen Staaten nicht ausgrenzen, sondern in eine umfassende Regelung im Nahen Osten einbinden.

Auch hier ist Thumanns Offenheit anzuerkennen, sagt er doch frei heraus, dass er jedes noch so widerwärtige Regime akzeptiert und einbinden will. Apropos: Die islamische Republik Iran wird in Thumanns Rede auch erwähnt:

Niemand soll an friedlicher Nutzung der Kernenergie gehindert werden, aber er hat die Pflicht, sich ohne Zögern den Regeln der internationalen Atomaufsichtsbehörde zu unterwerfen. Das gilt auch für Iran.

Damit wäre dieses Thema also auch abgehandelt und das Problem so gut wie gelöst. Zumal die USA Thumann zufolge ja auch Israel entwaffnen sollten:

Wir sehen nicht an der Tatsache vorbei, dass Israel und Pakistan über Atomwaffen verfügen. Doch folgt für mich daraus nicht, dsas jeder solche Waffen braucht. Die USA wollen mit allen Staaten der Region über einen umfassenden Sicherheitspakt ohne Kernwaffen reden.

So viel noch einmal abschließend zur „Sicherheit Israels“.

So ekelerregend Thumanns Rede auch sein mag: Das Problem besteht nicht allein darin, dass Thumann seine Forderung der Selbstaufgabe sowie der Kapitulation vor der Barbarei und den Feinden der Zivilisation hunderttausenden Lesern präsentieren darf. Das Problem besteht vielmehr darin, dass diese Position längst mehrheitsfähig ist, und dass sie überdies vom Führer der freien Welt geteilt wird, mit allen verheerenden politischen Folgen. Sollte Obamas Rede in Kairo Ähnlichkeit mit Thumanns Buckelei haben, es wäre ebenso folgerichtig wie ein neuerlicher Tiefpunkt.

Quelle: Michael Thumann: „Ich bedaure“, in: DIE ZEIT vom 28. Mai 2009, S. 16.

6 Antworten

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  1. Ahmaq o Biaql said, on Juni 2, 2009 at 10:58 pm

    God bless the USA!

  2. […] die Michael Thumann in der ZEIT abschreckend beispielhaft vertritt, wofür ihn Mr. Moe kürzlich verdientermaßen abgewatscht hat und die da lautet: Amerika hat unter George W. dem Schrecklichen gesündigt, und ein geläutertes […]

  3. Ahmaq o Biaql said, on Juni 4, 2009 at 10:58 am

    God bless President Obama!

  4. Mr. Moe said, on Juni 4, 2009 at 11:02 am

    @Ahmaq o Biaql:
    Mir ist schon klar, worauf Sie hinauswollen. Ich würde Sie aber bitten, in zusammenhängenden Sätzen zu kommentieren. Prinzipiell hätte ich wohl schon den ersten Kommentar von Ihnen löschen müssen. Der Transparenz willen lasse ich beide Beiträge bestehen, verweise aber darauf, dass ähnlich sinnfreie Einsatz-Kommentare künftig gelöscht werden.

  5. Ahmaq o Biaql said, on Juni 4, 2009 at 8:43 pm

    Sinnfrei? Nennen Sie die Unterstützung der freiheitlichen Weltmacht USA sinnfrei?

    Support our troops in Iraq! Das ist keine Selbstverständlichkeit hierzulande!

  6. […] Wer könnte nun besser geeignet sein, diese Frage ausgewogen zu untersuchen, als jene beiden Journalisten, die sich in der Vergangenheit wahlweise als „Israelkritiker“, Terrorismusversteher und Apologeten des iranischen Regimes betätigt haben sowie – im Falle Thumanns – der Meinung sind, dass sich US-Präsident Barack Obama stellvertretend für die von seinem Land begangenen Verbrechen an der muslimischen Welt bei den Diktaturen und Autokratien des Nahen und Mittleren Ostens zu entschuldigen habe? […]


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