Zeitung für Schland

Wie die ZEIT Alfred Grosser ehrt

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Oktober 23, 2009

Wenn ein renommierter „Israel-Kritiker“ vom Schlage eines Alfred Grossers ein Buch mit dem Titel „Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel“ veröffentlicht, ist eine wohlwollende Besprechung jenes Traktats in der ZEIT ebenso gewiss wie der deutsche Imperativ nach Auschwitz: „Kritik unter Freunden, jetzt erst recht!“

Was Willi Jaspers, Professor für deutsch-jüdische Literaturgeschichte an der Universität Potsdam, über Grossers neues Machwerk zu sagen hat, gleicht freilich eher einer ebenso ehrfürchtigen wie folgerichtig zur Hälfte erschwindelten Laudatio auf den Verfasser als einer Buchbesprechung. Nur zu Beginn bemüht sich Jaspers, einen wenigstens einigermaßen distanzierten Blick vorzutäuschen:

Wer angesichts des plakativen Titels hofft oder befürchtet, dass Alfred Grosser mit seinem neuen Buch auf eine noch härtere Gangart der Kritik an Israel aus sei, wird enttäuscht.

Der Versuch scheitert grandios, offenbaren die obigen Zeilen doch zweierlei: Erstens räumt Jasper unfreiwillig ein, dass es Grosser und Konsorten eben gerade nicht um Kritik an der konkreten Politik des Staates Israel geht, sondern um den Staat Israel an und für sich. Zweitens verträgt sich die durch die Nennung sowohl von Befürwortern als auch Kritikern Grossers  suggerierte Ausgewogenheit Jaspers nicht mit dem Verweis auf den „plakativen Titel“ und die „noch härtere Gangart der Kritik an Israel“. Für eine Verbindung von „Auschwitz und Jerusalem“ im Zusammenhang mit einer „Kritik an Israel“ gibt es nur einen treffenden Begriff: Antisemitismus.

Nachdem die Nebelbombe zwar geworfen, das Ziel aber verfehlt wurde, legt Jaspers  langatmig seine Bewunderung für Grosser dar, dem er zu Gute hält, seine Meinung „immer mit erfrischender Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht“ zu haben – ganz so, als sei dies per se bereits eine bewundernswerte Eigenschaft. Jedoch habe – oh, grausame Welt! – dieser triviale, für Jasper indes nahezu heroische Akt Grosser „im Fall seiner Kritik an der Politik Israels viele Freundschaften gekostet“. Ja, so werde Grosser „von islamischen und zionistischen Fundamentalisten […] gleichermaßen angefeindet […], weil er weder Araber noch Juden als historische „Ureinwohner“ Palästinas betrachtet“.

Bizarr mutet es an, wenn Jaspers sich der gewöhnlichsten aller Methoden bedient und versucht, die Legitimität der Grosserschen Position durch den Verweis auf weitere – natürlich: jüdische – Gesinnungsgenossen zu bekräftigen:

So kann er [Grosser, Mr. Moe] Haaretz-Artikel zitieren, in denen bezweifelt wird, dass es militärische Lösungen für den Nahostkonflikt geben könnte.

Wahrlich eine Sternstunde journalistischer Recherche, wird diese (richtige) Auffassung doch nicht nur in der Haaretz, sondern auch in nahezu allen anderen Zeitungen in Israel und andernorts vertreten. Freilich ist die Tatsache, dass Antisemitismus nicht (allein) durch Militärgewalt überwunden werden kann, vollkommen unabhängig davon, dass sich der im Rakten-Terror manifestierende Antisemitismus nicht nur grundsätzlich militärisch bekämpfen lässt, sondern gar zu einem solchen Vorgehen verpflichtet.  Fernab einer solchen Einsicht zieht Jasper es hingegen vor, klangvolle Verbündete Grossers wie Avi Primor oder Daniel Barenboim aufzuzählen. Bewundernd stellt Jaspers zudem fest, dass der Visionär Grosser schon 1986 erklärt habe,

„dass der Antisemitismus heute weder in Deutschland noch in Frankreich „die schlimmste Form der ethnischen Diskriminierung“ sei.

Was Jasper als Kompliment für die scheinbare Weitsicht Grossers anzubringen versucht, zeigt lediglich, dass Grosser einen vollkommen falschen Begriff vom Antisemitismus hat, wenn er ihn als Unterkategorie „ethnischer Diskriminierung“ begreift. Aus dieser falschen Bestimmung folgt, dass Jasper sich auf Grosser berufend in Folge„verwahrloste Straßen deutscher und französischer Städte, in denen ’nur Türken oder Nordafrikaner wohnen’“ mit dem „Ghettoelend der alten Judengasse“ gleichsetzt. Seine Professur an einer deutschen Universität hätte Jasper nicht verdient, wäre er  von derlei begrifflichem Firlefanz nicht begeistert:

Seine [Grossers, Mr. Moe] Moral ist nicht ohne Logik, wenn er darauf aufmerksam macht, dass man nicht von der „Unvergleichlichkeit des Holocaust“ sprechen könne und im gleichen Atemzug den „Islamofaschismus“ als neuen Nationalsozialismus brandmarke.

Gemäß dieser Logik könnte man freilich auch Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, da Murmeltiere ja schließlich keine Pflanzen seien.

Zum Abschluss der Laudatio verlässt Jaspers die Ebene der Lobhudelei und begibt sich vollends auf eine Ebene, die er ebenso gut zu beherrschen pflegt – die Ebene des Humors:

Obwohl Grosser als Realpolitiker denkt und handelt, folgt sein Gerechtigkeitssinn einer humanistischen Grundidee.

Es folgt das übliche Bekenntnis zum genuin deutschen Verständnis von „Freundschaft“: „je größer die Nähe, umso wichtiger [sei] gegenseitige Kritik“, was wiederum insbesondere für das „Verhältnis von Deutschen und Israelis“ zu gelten habe. Wäre mit einer ernstzunehmenden Antwort von den Grossers und Jaspers dieser Welt zu rechnen, man wäre geneigt zu fragen, warum die freundschaftliche Kritik zwischen den guten Freunden in Deutschland und Israel bis dato gleichermaßen asymmetrisch ausfällt wie der Krieg, den Israel ebenso gezwungen ist zu führen, wie es seine „Freunde“ ertragen muss.

Quelle: Willi Jaspers: „Gerecht denken“, in: DIE ZEIT vom 22. Oktober 2009, S. 52.

Tagged with:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: