Zeitung für Schland

Wie die ZEIT den Vorwurf des „Rufmordes“ gegen Claude Lanzmann „klarstellt“

Posted in DIE ZEIT by Mr. Moe on Januar 14, 2010

Wie an dieser Stelle berichtet wurde, wurde Claude Lanzmann in der ZEIT von Christian Welzbacher beschuldigt, bewusst Geschichtsfälschung zu betreiben. In der F.A.Z. schrieb Jürg Altwegg in einem lesenswerten Kommentar folgerichtig von einer „Kampagne gegen den ‚Shoah‘-Autor“ und einem versuchten „Rufmord an Claude Lanzmann“. Diesen Vorwurf will man bei der ZEIT offensichtlich nicht auf sich sitzen lassen, weshalb Florian Illies in der neusten Ausgabe eine „Klarstellung“ bezüglich der „Debatte um Memoiren“ verfasst hat, die bemerkenswerterweise etwa zur Hälfte aus einer Erneuerung und Bekräftigung der Vorwürfe gegen Lanzmann besteht. Auch der Rest der „Klarstellung“ gleicht einem klassischen Eigentor.

Gleich im ersten Absatz wendet Illies die übliche Taktik jeder Kritik an – er betont, dass die ZEIT dem Objekt der Kritik – in diesem Fall Claude Lanzmann – doch grundsätzlich positiv und ausgewogen gegenüberstünde:

Das Feuilleton der ZEIT hat in der Nr. 17/2009 auf zwei Seiten aus den Memoiren des großen Shoah- Regisseurs Claude Lanzmann, die in Frankreich unter dem Titel Ein patagonischer Hase erschienen sind, Passagen auf Deutsch vorabgedruckt, die Lanzmanns Zeit in Berlin nach 1945 betreffen. Die Memoiren wurden dabei als »Monument des 20. Jahrhunderts« bezeichnet. Als Lanzmann im Herbst vergangenen Jahres von Demonstranten gehindert wurde, seinen Warum Israel- Film in Hamburg zu zeigen, trat die ZEIT als erste überregionale Zeitung dieser Verhinderung mit einem entschiedenen Protest entgegen (Nr. 49/09).

Illies selbst hat den im eigenen Blatt erschienenen Artikel offenbar nicht gelesen, denn sonst würde er nicht fälschlicherweise behaupten, dass Lanzmann selbst daran gehindert worden sei, seinen Film zu zeigen. Lanzmann selbst war in Hamburg schließlich gar nicht vor Ort und äußerte sich erst gut zwei Wochen später zu dem Vorfall. Darüber hinaus berichtete die Jungle World knapp zwei Wochen nach dem Vorfall und somit drei Wochen vor (!) der ZEIT als erste überregionale Zeitung von den antisemitischen Ausfällen in Hamburg. An Frechheit kaum zu überbieten ist es demnach, wenn gerade Illies nur einen Satz später jene „journalistische Sorgfaltspflicht“ ins Feld führt, mit der er es selbst offenbar nicht allzu genau nimmt:

Unabhängig von der großen Wertschätzung für Person und Lebenswerk Claude Lanzmanns sah es unsere Redaktion dennoch als journalistische Sorgfaltspflicht an, eine Entgegnung auf Lanzmanns Erinnerungen an seine Berliner Nachkriegsjahre zu veröffentlichen, da die vorabgedruckten Passagen über den Mitgründer der Freien Universität Berlin, Edwin Redslob, und die Situation an der FU offenbar nicht der historischen Wahrheit entsprechen.

Es wäre ferner zu fragen, warum sich die Redaktion ZEIT nicht genötigt sieht, im Sinne der „journalistischen Sorgfaltspflicht“ die Lügen ihrer Autoren Michael Thumann und Ulrich Ladurner über Israel richtig zu stellen. Hier wird erkennbarer Weise mit zweierlei Maß gemessen: während Nahostkorrespondenten in der ZEIT nach Gutdünken Unwahrheiten über Israel verbreiten und so antisemitische Ressentiments bedienen dürfen, werden vergleichsweise unbedeutende Aussagen jüdischer Intellektueller offenbar aufs Genauste überprüft. Zudem entlarvt Illies sich erneut selbst, wenn er Welzbachers Artikel wie folgt beschreibt:

Es war unser Ziel, darauf hinzuwirken, dass die umstrittenen Passagen in Lanzmanns Buch diskutiert werden, bevor die deutsche Übersetzung in diesem Herbst im Rowohlt Verlag erscheint.

In dem entsprechenden Artikel von Welzbacher wurde jedoch beileibe keine sachliche Diskussion angestoßen, sondern in eindeutiger und bisweilen zumindest antisemitisch konnotierter Art und Weise gegen Lanzmann vorgegangen. Vor diesem Hintergrund ist es fast schon anerkennenswert, wie entspannt Illies dem in der F.A.Z. geäußerten Rufmord-Vorwurf begegnet, den Jürg Altwegg wie folgt formulierte:

Da seine Trouvaille doch eher dürftig ist, setzt Welzbacher Lanzmanns Memoiren einem Generalverdacht aus: „Dabei lässt schon der flüchtige Blick in das französische Manuskript erahnen, dass die Redslob-Episode nicht die einzige sein dürfte, in der Lanzmanns ,Interpretation‘ die Wahrheit überlagert.“ Es kommt noch üppiger: „Lanzmann, das Mensch gewordene Monument der historischen Verantwortung, verändert die Geschichte – nach seinem Interesse.“ Mit dem Irrtum der Entlassung stellt der Warner Lanzmanns Lebens- und Meisterwerk „Shoah“ in Frage – und scheut sich nicht, „Shoah“ mit Tarantinos „Inglourious Basterds“ zu vergleichen. „Dürfen Kunstwerke mit historischen Fakten ,spielen‘?“ Spielt „Shoah“ mit den Fakten? Immerhin hat Welzbacher die Gänsefüßchen nicht bei den Fakten gesetzt. Lanzmann aber ist bei ihm sehr wohl als Fälscher „überführt“. Zu allem Übel hat Rowohlt Christian Welzbacher auch noch beschieden, dass die Memoiren „unverändert erscheinen“ sollen. Wehret den Anfängen.

Hierauf erwidert Illies:

Wir bedauern, dass in den Schlusssätzen des Artikels der Eindruck erweckt wird, dass eventuell weitere Passagen der Memoiren nicht den Fakten entsprechen, ohne dass diese Vermutung belegt wurde. Dass indes aus diesem Umstand die Schlussfolgerung gezogen wird, die ZEIT begehe einen »Rufmord an Claude Lanzmann«, wie es die FAZ am 12. Januar 2010 behauptet, ist verwegen. Und der zugleich erhobene Vorwurf einer Analogie zwischen den antisemitischen Protesten gegen Lanzmanns Film und dem Artikel in der ZEIT ist noch verwegener.

Sämtliche Vorwürfe seien also „verwegen“ und „noch verwegener“ – dies ist tatsächlich Illies grundlegendes und einziges „Argument“. Belege für diese Behauptung? Fehlanzeige. Ein Eingehen auf Altweggs vollkommen zu recht monierten Aussagen Welzbachers? Fehlanzeige. Wahrlich beeindruckend, diese „Klarstellung“ und Illies Plädoyer für die „journalistische Sorgfaltspflicht“.

Update I: Sebastian Voigt schreibt in der taz ebenfalls von einem „Rufmord an Claude Lanzmann“; es sieht folglich so aus, als wäre das Ziel der „Klarstellung“ der ZEIT, die Debatte schnellstmöglichst zu den Akten zu legen, verfehlt worden.

Update II: Auch in der SZ ist mittlerweile zu lesen, dass die in der ZEIT gegen Lanzmann erhobenen Vorwürfe unhaltbar sind und es sich folglich um Rufmord handle.

15 Antworten

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  1. Piet said, on Januar 14, 2010 at 12:58 pm

    S. dazu auch den heute auf Ha’Galil erschienenen Artikel: http://www.hagalil.com/archiv/2010/01/14/lanzmann-3/

    (Aber mit der Diskussion um linken Antisemitismus und die Geschehnisse in Hamburg (B5) hat der Versuch der Destruktion Lanzmanns sicher nichts zu tun.)

  2. ivo bozic said, on Januar 14, 2010 at 1:58 pm

    Genau genommen hatte die „Jungle World“ sogar bereits DREI MAL über den Eklat berichtet (am 29.10., 5.11. und 19.11.), bevor am 27.11. der Artikel in der „Zeit“ dazu erschien.

    http://jungle-world.com/suche/?s=lanzmann

  3. Mr. Moe said, on Januar 14, 2010 at 7:44 pm

    @Piet:
    Danke für den Hinweis!

    Aber mit der Diskussion um linken Antisemitismus und die Geschehnisse in Hamburg (B5) hat der Versuch der Destruktion Lanzmanns sicher nichts zu tun

    Hier stimme ich Ihnen insofern zu, als dass es keinen direkten Zusammenhang gibt. Ich muss aber auch gestehen, dass ich nicht wirklich verstehe, wie Illies überhaupt auf diesen Punkt kommt. Bei Altwegg kann ich jedenfalls nichts entsprechendes herauslesen.

  4. Mr. Moe said, on Januar 14, 2010 at 7:45 pm

    @ivo bozic:
    Auch hier besten Dank für den Hinweis, wobei es m.E. irrelevant ist, wie oft die Jungle World über den Eklat berichtet hat. Worauf es in diesem Fall ankommt ist ja lediglich, dass sie es vor der ZEIT getan hat😉

  5. Chewey said, on Januar 15, 2010 at 8:30 am

    @ Mr. Moe

    Wobei die „Zeit“ bei der Einschätzung des Bekanntheitsgrads der „Jungle World“ bei ihrer Leserschaft sich aber vermutlich als „gefühlter“ Erster sieht😉
    Oder möglicherweise sogar als tatsächlicher. Ich bin mir nicht sicher, ob die sie überhaupt auf dem Radar haben.

  6. Mr. Moe said, on Januar 15, 2010 at 10:32 am

    @Chewey:
    Ich könnte mir auf gut vorstellen, dass einige ZEIT-Autoren die Jungle World nicht verfolgen. Dies wäre ja auch vollkommen in Ordnung, nur sollte man dann eben nicht großspurig behaupten, die erste überregionale Zeitung gewesen zu sein, die über den Eklat im Hamburg berichtet hat, da diese Aussage nachweislich falsch ist.

  7. Mr. Moe said, on Januar 15, 2010 at 12:55 pm

    Habe es oben in einem „Update“ verlinkt, aber es sei auch hier noch einmal auf den Beitrag von Sebastian Voigt in der taz verwiesen: „Rufmord an Claude Lanzmann“.

  8. ivo bozic said, on Januar 15, 2010 at 2:45 pm

    ich mein ja nur…

  9. […] Die ZEIT hat mittlerweile eine „Klarstellung“ veröffentlicht, die allerdings Fehler enthält und über die eigentlichen Vorwürfe hinweggeht. Zudem wurden […]

  10. Mr. Moe said, on Januar 15, 2010 at 8:44 pm

    @ivo bozic:
    Ich habe mich ja für den Hinweis bedankt. Außerdem kann man es natürlich auch so sehen, dass die dreimalige Berichterstattung der Jungle World Illies journalistisches Versagen noch vergrößert😉

  11. Mr. Moe said, on Januar 16, 2010 at 8:40 pm

    Es sei darauf hingewiesen, dass arte am kommenden Mittwoch den ersten und am darauffolgenden Mittwoch den zweiten Teil von „Shoah“ zeigt.

  12. […] DIE ZEIT (Redaktion sowie Florian Illies) – die Verleumdung von Claude Lanzmann versucht Illies zu korriegieren; das geht ziemlich schief und entlarvt Blatt und Autor als solche, die weder wissen, was eine Woche vorher in ihrer Publikation stand, noch zur Selbstkritik fähig sind. […]

  13. Piet said, on Januar 16, 2010 at 9:43 pm

    Noch ein Artikel zum Thema: „Warum die Erinnerung des „Shoah“-Regisseurs ungenau ist.“ -> http://www.tagesspiegel.de/art772,3004080

    Claude Lanzmann ist übrigens Montag in Hamburg, wer Interesse und Zeit hat: 19h im Uebel&Gefährlich zu „Pourquoi Israël“ -> http://www.uebelundgefaehrlich.com/veranstaltung-1070.html

  14. Gerrit said, on Januar 19, 2010 at 9:44 am

    „Immerhin hat Welzbacher die Gänsefüßchen nicht bei den Fakten gesetzt. “

    Das war nämlich im Gesamtzusammenhang seiner Ausführungen schon gar nicht mehr erforderlich, zumal die Gänsefüßchen sich da „wie von selbst“ ergänzen…

    Und in diesem ganzen selbstmitleidigen Jammer vom Illies kein Wort der Einsicht, des Bedauerns oder gar der Reue, gerichtet an Claude Lanzmann? Das einzige, worum es denen bei der Zeit leid tut, ist dann wohl, dass sie mit ihrem Revisionismusversuch, der sich aus trüben Quellen speist, noch nicht durchkommen konnten.

    Wer sich zu diesem Thema gerne noch etwas umgucken möchte, kann auch hier noch mal schauen: http://www.hagalil.com/archiv/2010/01/14/lanzmann-3/

  15. Gerrit said, on Januar 19, 2010 at 10:45 am

    Welzbacher nannte als Aufgabe seiner Schmähschrift „die Rettung des Lebenswerks vor seinem Urheber“.
    Da ist er wieder, der große Umarmungs(an)griff der „kritischen Freunde“, die einen zu Tode lieben wollen.
    Und dass der „Tagesspitzel“ Redslob zur Seite springt, bedarf nicht des Erstaunens, schließlich war Redslob seinerzeit dort mal der Chef vons Janze.
    Beides, Zeit und Tagesspiegel, gehört den Holtzbrincks – Dieter, Stefan, Georg. Stramme Burschen vom selben Schlag…
    Lustig nur, dass auch der Rowohlt Verlag zur Familie gehört – deutet sich mit dem Anpischerungsversuch der Zeit jetzt die „große Flurbereinigung“ auch in Reinbek bei Hamburg an?


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