Zeitung für Schland

Wider den Wahn

Posted in Deutsche Zustände by Mr. Moe on Januar 24, 2010

Kein Jude in diesem Land musste jemals solche seelischen Qualen erleiden wie ich.

So beschrieb Sedika Weingärtner ihre Behandlung im Büro in einem Brief an ihren ehemaligen Arbeitsgeber Siemens. Was war der Grund für Weingärtners Vorwurf?

„Weil eine andere Frau meinen Job übernehmen sollte, wurde ich von zwei meiner Vorgesetzten systematisch fertig gemacht“, sagt Weingärtner, die mit dem Nürnberger Kunsthistoriker Helge Weingärtner verheiratet ist. Man habe sie von Besprechungen ausgeschlossen, mit einem alten PC abgespeist, in ein kleines Büro gesetzt und mit übermäßig viel Arbeit eingedeckt. Für Weingärtner Formen von „subtiler Gewalt“. Nach einer Baby-Pause sei alles noch schlimmer geworden. Beschimpft habe man sie, Worte wie „Dreck“ und „Schlamperei“ seien häufiger gefallen.

Ohne Zweifel keine schönen Zustände und Anlass zu berechtigter Klage. Handelt es sich bei Weingärtners „Auschwitz-war-nur-ein-schlechtes-Büro“-Aussage darüber hinaus um den abenteuerlichsten Vergleich, der je in einer deutschen Zeitung publiziert wurde? Keine Frage.

Wichtiger als die überaus berechtigte Kritik an Weingärtner (und ggf. Siemens) ist jedoch, die Aussage der „Siemens-Überlebenden“ im Kontext des derzeitigen öffentlichen (Vergleichs-)Diskurs zu betrachten: Führende Antisemitismusforscher Deutschlands entblöden sich nicht, Antisemitismus und „Islamophobie“ öffentlich gleichzusetzen. Kommentatoren führender deutscher Tageszeitungen machen in „Islamkritikern“ und Vertretern aufklärerischer Werte „Fundamentalisten“ und „heilige Krieger“ aus. Manch ein Journalist hält gar dänische Karikaturisten für „mindestens genauso verblendet“ wie axtschwingende Islamisten.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass im Fall Weingärtner in der SZ bereits von einer „angeblichen Verharmlosung des Holocaust“ zu lesen ist – man ist geneigt zu fragen, was man in Deutschland im Jahr 2010 denn sagen müsste, um den Holocaust tatsächlich zu verharmlosen?

Auch wenn sich in der leider offenbar zwingend notwendigen Debatte Stimmen der Vernunft wie Necla Kelek, Hamed Abdel-Samad, Thierry Chervel, Reinhard Mohr und den üblichen Verdächtigen zu Wort melden: es darf sich darauf eingestellt werden, dass Weingärtners unsäglicher Vergleich nur der vorläufige Höhepunkt eines nicht enden wollenden relativistischen Wahns darstellt. Warum dagegen anzukämpfen ist, erklärt Stephan Grigat:

Es geht heute darum, die bürgerlichen Freiheiten von Leuten wie Ayaan Hirsi Ali zu verteidigen, die den Propheten einen perversen Tyrannen nennt, von Hip-Hopern, die Jesus als Bastard titulieren, und von israelischen Poplinken, die verkünden, dass der Messias nicht kommen wird. Die Frage, warum die beiden Letztgenannten ähnlich wie Manfred Deix mit Kritik, Empörung und schlimmstenfalls mit aberwitzigen strafrechtlichen Konsequenzen leben müssen, Ayaan Hirsi Ali aber mit Morddrohungen und Kurt Westergaard mit Mordversuchen konfrontiert sind, lässt sich nur erklären, wenn in Zukunft versucht wird, die entscheidenden Unterschiede zwischen den Religionen und ihrer jeweiligen Funktion in den heutigen Gesellschaften zu thematisieren, anstatt in einen abstrakten Wald- und Wiesenatheismus zu verfallen, dem alles eins ist.

Update: Schade, dass das Jahr noch so jung ist, denn so wird die Phrase „bester Text des Jahres“ der jüngsten Breitseite Broders gegen das deutsche Feuilleton bei weitem nicht gerecht. Unbedingte Leseempfehlung!

11 Antworten

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  1. Zahal said, on Januar 24, 2010 at 2:40 pm

    na, wenn sogar das Dhimmimedium „Die Süddeutsche“ sich zurückhält, dann zeugt es eigentlich doch davon, daß diese Frau an ihrer Situation doch nicht ganz so unschuldig ist, wie sie vorgibt, und den „Migrantenbonus“, sie wären die neuen Juden ist mehr als widerlich. Diese Fälle scheinen sich zu häufen, seit Benz und Konsorten den Antisemtismus mit Islamophobie gleichstellen wollen, zumal der Antisemitismus gerade bei dieser Gruppe einen bleibenden, wenn nicht sogar herausragenden Stellenwert hat.

    Wie sagt der Koran so schön?

    »Es ist kein Irrtum, dass der Koran uns vor dem Hass der Juden warnt und sie ganz oben auf die Liste der Feinde des Islams setzt. Heute rekrutieren die Juden die ganze Welt gegen die Muslime und benutzen alle Arten von Waffen.«
    Sheikh Hian Al-Adrisi, Auszug aus einer Ansprache in der Al-Aksa-Moschee, 29. September 2000 – Al Ahram ist die auflagenstärkste Zeitung Ägyptens. Nur als Beispiel, man könnte unzählige ähnliche Aussagen zitieren.

    Stephan Grigat hat Recht, es geht um bürgerliche Freiheit, um Meinungsfreiheit, es geht um Kritik an einer totalitären Religion, es geht um den Schutz von Menschen wie Necla Kelek, Hamed Abdel Samad und Ähnlichen, aber es geht auch noch um viel mehr, es geht darum, den neuen Judenhass, den ja diese Leute nach Europa tragen, zu begegnen und nicht zu verharmlosen, wie es Benz und Konsorten, unterstützt von den oben genannten Medien, ständig versuchen.

    Kein Jude in diesem Land musste jemals solche seelischen Qualen erleiden wie ich.

    Das soll sie nicht nur gesagt, sondern auch geschrieben haben. Dem Foto nach zu urteilen sieht sie genau so aus.

    http://heplev.wordpress.com/2009/09/25/nachtrag-zum-freiluft-kz/

    Gut, daß es die Blogger gibt, schade daß die „Qualitäts – Medien“ zwar immer noch großen Einfluss auf die Meinungsbildung haben, aber für diejenigen, die hinterfragen, es auch Antworten gibt, ehrlichere und logischere Antworten.

  2. Yael said, on Januar 24, 2010 at 6:12 pm

    Auschwitz war nur ein schlechtes Büro!

    Es kann bekanntlich alles mit allem verglichen werden, Christen mit Kakerlaken (beide leben auf dem Planeten Erde), Muslime mit Hunden (beide essen) und Juden mit Schweine (beide trinken). Jedesmal kann der Vorwurf der Geschmacklosigkeit des Vergleichs mit der originellen Antwort gekontert werden, ein Vergleich sei ja keine Gleichstellung, sondern nur eine Verdeutlichung, eine kleine Übertreibung, um auf etwas ganz besonderes aufmerksam zu machen.

    http://tapferimnirgendwo.blogspot.com/2010/01/auschwitz-war-nur-ein-schlechtes-buro.html

  3. Mr. Moe said, on Januar 24, 2010 at 6:53 pm

    @Yael:
    Danke für den Hinweis; auf den Text habe ich im Beitrag oben aber schon verlinkt😉

  4. Yael said, on Januar 24, 2010 at 7:07 pm

    Oh ja, habs gerade gesehen. Ich hatte mir nicht alle Links angeschaut.😉

  5. Mr. Moe said, on Januar 24, 2010 at 9:52 pm

    @Yael:
    Meine, durch WordPress-Statistiken einigermaßen fundierte, These lautet, dass sich die allermeisten Leser nicht einmal einen einzigen Link anschauen😉 Das ist natürlich vollkommen in Ordnung, macht einen aber manchmal nachdenklich.

  6. Bert said, on Januar 24, 2010 at 10:35 pm

    „aber es geht auch noch um viel mehr, es geht darum, den neuen Judenhass, den ja diese Leute nach Europa tragen“

    und die Geschichte umschreiben wollen, zu ihren Gunsten, als ob wir alle deppert wären.

    Eine Perversion auch in schwarz auf weis in den Zeitungen und wieder will es keiner gelesen haben.

    Dieser brauen Dreck wird langsam grün.

  7. Mr. Moe said, on Januar 24, 2010 at 10:38 pm

    @Zahal und Bert:

    es geht darum, den neuen Judenhass, den ja diese Leute nach Europa tragen, zu begegnen und nicht zu verharmlosen

    Auch wenn es richtig ist, dass Antisemitismus unter (muslimischen) Migranten nicht verharmlost werden darf: den Judenhass brauchen sie gewiss nicht nach Europa zu tragen, denn er ist bereits hier, und zwar bekanntermaßen nicht erst seit gestern.

  8. Bert said, on Januar 24, 2010 at 10:44 pm

    Ganz k l a r !
    Kein Thema ! (für mich)
    Es kann jedoch nicht ok sein, daß unsere (von allen) Geschichte auf so eine plumpe und eigentlich ekelhafte Weise umgeschrieben werden soll.

  9. Zahal said, on Januar 25, 2010 at 12:15 am

    @r. Moe,

    ich schrieb ja auch den Neuen Judenhass, eine gefährliche Mischung übrigens, den rechten, linken in Verbindung mit dem moslimischen. Eine neue israelische Studie dazu:

    http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/135677

    Eine heute veröffentlichte israelische Studie hat ergeben, dass seit der Militäroperation in Gaza 2008 der Judenhass in Europa so stark ist wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr.

    Der Bericht stellt fest:

    Die Dämonisierung und Delegitimierung Israels in der Propaganda der extremen Linken und Menschenrechtsorganisationen verstärkt die feindselige Stimmung gegen Israel und seine Unterstützer, indem sie die radikalen Standpunkte örtlicher Moslems begünstigt.

    Ich lese übrigens fast ALLE Links.🙂

    Gute Nacht

  10. Mr. Moe said, on Januar 25, 2010 at 8:11 am

    @Zahal:

    ich schrieb ja auch den Neuen Judenhass, eine gefährliche Mischung übrigens, den rechten, linken in Verbindung mit dem moslimischen

    Mein Fehler – da hatte ich ungenau gelesen.
    Wobei die Begrifflichkeiten ein bisschen schwierig sind, da neuer Antisemitismus ja auch auf den in Deutschland gepflegten Antisemitismus nach Auschwitz bezieht.

    Ich lese übrigens fast ALLE Links

    Das freut mich🙂 Aber Ausnahmen bestätigen zumindest in diesem Fall nur die Regel.

  11. […] im Jahr 2010 denn sagen müsste, um den Holocaust tatsächlich zu verharmlosen. Mr. Moe, Zeitung für Schland, 24.10.10 zu der Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung über eine „Siemens-Überlebende“; […]


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