Zeitung für Schland

Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Posted in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe on September 26, 2008

Mit der Veröffentlichung einer Antwort von Evelyn Hecht-Galinski auf Arno Lustigers „Kurze[n] Lehrgang über den Selbsthass“ sowie gleich drei Leserbriefen straft die F.A.Z. Tanja Krienens Vorwurf der Mißachtung der Gegener Broders eindrucksvoll Lügen. Da Claudio Casula sich bereits mit Hecht-Galinskis Text auseinander gesetzt hat, seien hier zunächst nur die Leserbriefe von Alfred Grosser, Abraham Melzer und Gebhard Braun (fehlt eigentlich nur noch Hajo Meyer) dokumentiert.

Zur Abwechslung halber und aufgrund ihrer nicht auf konkrete Sachverhalte Bezug nehmenden Natur seien Grossers und Melzers Briefe kommentarlos wiedergegeben:

Alfred Grosser schreibt:

Zu „Kurzer Lehrgang über den Selbsthass“ (F.A.Z. vom 18. September): Ich danke für die Sorge um meine Identität. Aber mir hat diese nie eine Sorge bereitet. Am Ende von Goethes „Wilhelm Meister“ heißt es, der Held sehe nun aus wie ein Mensch. In der „Zauberflöte“ spricht Sarastro zweimal von der Notwendigkeit, ein Mensch zu sein. Ich habe seit vielen Jahrzehnten das ständige Glück, glücklich zu sein. In der Familie und im vielseitigen Beruf. Aber gerade weil ich fast immer in Glück und Freude gelebt habe, habe ich mir seit jungen Jahren die Pflicht auferlegt, mich, so gut es ging, um Unglückliche zu kümmern. Was nun deren Identität auch sein mochte. Selbsthass? „Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst“ – oft habe ich den Eindruck, ich liebte mich zu sehr.

Ihre Zeitung fragte mich einmal, was mein Motto sei. Ich antwortete: „Immer zufrieden sein, sich nie zufriedengeben.“ Also, lieber Arno Lustiger, bitte Argumente und keine Vermutungen zu meinem geistigen Zustand!

Abraham Melzer:

In Arno Lustigers Pamphlet „Kurzer Lehrgang über den Selbsthass“ (F.A.Z. vom 18. September) werde ich als „der einschlägig bekannte jüdische Antizionist“ eingeführt. Nur wenige Zeilen weiter bin ich schon ein Antisemit und Feind Israels. Das ist schon fast zu viel der Ehre. Früher war ein Antisemit jemand, der Juden nicht mochte. Heute ist ein Antisemit jemand, den bestimmte Juden, die unter anderen Lustiger repräsentiert, nicht mögen.

In diesem Sinne kann ich mit Lustigers Auszeichnung gut leben, da ich weiß, warum Lustiger mich nicht mag. Während der „Zionist auf Lebenszeit“ zu allem, was die israelische Politik macht, Ja und Amen sagen muss, erlaube ich mir den Luxus, zu eindeutigen Menschenrechtsverletzungen auch Nein zu sagen. Das allein reicht heute offensichtlich schon, um Antisemit zu sein.

Und zu guter Letzt der Brief von F.A.Z.-Leser Gebhard Braun:

Der Feuilleton-Beitrag „Kurzer Lehrgang über den Selbsthass“ von Arno Lustiger (F.A.Z. vom 18. September) soll wohl die Angriffe von Henryk M. Broder auf Evelyn Hecht-Galinski und Alfred Grosser rechtfertigen und die kritische Haltung dieser Autoren als antisemitischen Selbsthass qualifizieren. Doch wo bleiben die Nachweise, dass es sich bei den Leserbriefen und weiteren Äußerungen von Frau Hecht-Galinski um solchen „Selbsthass“ und „chronische Identitätsprobleme“ handelt?

Es ist ja gut verständlich, dass es Zionisten schmerzt, wenn die vielfachen Verstöße des Staates Israel gegen Völker- und Menschenrechte angeprangert werden. Doch spricht es Bände, wenn versucht wird, mittels umfangreicher Hinweise auf antisemitische Veröffentlichungen Dritter, die einen Selbsthass beweisen sollen, und deren Nachprüfung schwierig ist, Frau Hecht-Galinski und Herrn Grosser ebenfalls in diese Schublade zu stecken. Die billige Apostrophierung beides als „chronische Tocher“ und „chronischer Sohn“ zeigt zu deutlich diese Absicht.

Eine Kritik an dem völkerrechtswidrigen Handeln des Staates Israel (dem „einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten“) kann weder Hochverrat noch Antisemitismus sein. Denn ebenso wie Saddam Hussein die Missachtung der Resolutionen der Vereinten Nationen vorgehalten wurde, muss dies auch gegenüber dem Staat Israel erlaubt sein, dessen Berichte über die Vielzahl solcher Verstöße gegen Völker- wie Menschenrechte (Mauerbau und eine Siedlungspolitik, die an ethnische Säuberung denken lässt), und der die Ermordung politischer Gegner aus Gründen der Staatsräson rechtfertigt. Äußerungen von Zionisten wie Arno Lustinger machen weder Hoffnung auf einen ausgewogenen Friedensvertrag in Palästina noch auf Sicherheit für den Staat Israel.

Das hier angeführte „Argument“, Kritik am Handeln Israels könne qua Definition kein Antisemitsmus sein, zeigt, dass Herr Braun – stellvertretend für viele andere – nicht verstanden hat, um welchen Kern es bei der Debatte zwischen Broder und Hecht-Galinski respektive Grosser und Konsorten eigentlich geht: Natürlich gibt es Kritik am Handeln des Staates Israel, die nicht antisemitisch ist – ebenso wie es Kritik am Handeln Israels gibt, die durch und durch antisemitisch ist. Allerdings geht es Antizionisten wie Melzer oder Hecht-Galinski eben gerade nicht um konkrete Handlungen Israels, sondern um dessen bloße Existenz. Wie Claudio Casula im oben verlinkten Beitrag treffend schreibt:

Was heißt denn Antizionismus? Ein Antizionist ist per definitionem jemand, der gegen einen Staat der Juden in ihrer historischen Heimat ist, also die Daseinsberechtigung Israels negiert. Was soll das mit Kritik an politischen Entscheidungen hier und dort zu tun haben? Der Antizionist lässt grundsätzlich nichts gelten, für ihn ist das Vorhandensein Israels illegal, ganz gleich, was der eine Ministerpräsident macht oder der andere unterlässt.

Quelle: F.A.Z. vom 26. September 2008, S. 11.

Eine Antwort

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  1. […] Veröffentlicht in Briefe an die Herausgeber by Mr. Moe am Oktober 18th, 2008 Was an von der Zeitung für Schland bereits vermutet wurde, hat sich nun bewahrheitet: Hajo Meyer hat sich in der auf der Leserbriefseite der F.A.Z. […]


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